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Ärzte und Patienten sind Partner. Plädoyer für eine neue Verantwortungsgemeinschaft

von Prof. Dr. Grönemeyer

geschrieben am 18. Dezember 2008

Wir könnten zufrieden sein - Ärzte und Patienten. Der medizinische Fortschritt hat ungeahnte Möglichkeiten eröffnet. Krankheiten, die früher und sogar noch vor wenigen Jahren zu schwerem Leiden geführt hätten, wenn sie nicht gleich tödlich verlaufen wären, haben wir heute im Griff. Leber, Niere, selbst das Herz können wir transplantieren. Fehlsichtigkeiten werden mit Laser korrigiert, Brillen müssen nicht mehr unbedingt getragen werden. Ein Bandscheibenvorfall lässt sich minimalinvasiv, ohne großflächigen chirurgischen Eingriff beheben. Selbst Kinderlähmung, Tuberkulose und Lepra wurden heilbar. Die Liste der Beispiele für diese segensreiche Entwicklung der Medizin könnte man seitenlang fortsetzen.

Und dennoch, trotz dieser großartigen Aussichten, herrscht eine eigentümlich getrübte Stimmung. Niemand von uns hat den Eindruck, in der besten aller möglichen Welten zu leben: weder der Arzt, der helfen kann wie nie zuvor, noch der Patient, dem mit modernster Technik oder neuesten Medikamenten geholfen wird. Unzufriedenheit herrscht überall. Wo dank der Ergebnisse wissenschaftlichen Bemühens alles zum Besten bestellt sein könnte, will es vielen vorkommen, als sei die Medizin selbst ein kranker Mensch. Krisenstimmung macht sich breit . Patienten fühlen sich nicht richtig verstanden und mehr und mehr zum „ökonomischen Faktor“ reduziert, Ärzte fühlen sich überfordert und als „Funktionsmediziner am Fließband“ mißverstanden. Das Gesundheitswesen ist zum Problem geworden – und mit Recht geben wir der Politik daran ein gerüttelt Maß an Schuld.

Doch das kann es nicht allein sein, das ist nicht die ganze Wahrheit. Die Betroffenen müssen sich auch selbst an die Nase fassen. Zu konstatieren ist, dass Ärzte und Patienten einander aus den Augen verloren haben, dass sie nicht so zusammen wirken, wie es erfolgreich praktizierte Heilkunst verlangt. Verführt von den ungeahnten Möglichkeiten expandierender Apparatemedizin, sind wir der Illusion erlegen, dass sich alles schon irgendwie technisch beheben ließe. Manchmal will es fast scheinen, dass wir uns geradezu an diesen Glauben klammern, weil wir uns das andere, das ganzheitliche Verständnis des Menschen und seiner Leiden, nicht mehr zutrauen – nicht auf Seiten der Ärzte und nicht auf Seiten der Patienten. Der Mensch ist aber keine seelenlose Maschine, kein Motor, den man, wenn er „stottert“, durch den bloßen Austausch der „Komponenten“ wieder instandsetzen könnte. Wer sich mit dieser Erwartung in die Behandlung begibt, überfordert die Medizin von vornherein, zumal die globalisierte Industriegesellschaft auch eine Quelle immer neuer Krankheiten ist: unverhoffter Allergien, neuer Infektionskrankheiten wie BSE oder Vogelgrippe, MP3-Player-Hörschäden bzw. Burn-Out-Syndrome, die den Arzt häufig vor neue Rätsel stellen.

Um sie zu lösen, braucht er die Mithilfe des Patienten. Beide müssen bereit und im Stande sein, sich wirklich auf Augenhöhe zu begegnen. Der „Doktor“ ist kein Halbgott in weiß. Weder darf er sich so gerieren, noch sollte er so betrachtet werden. Natürlich stimmt es, dass die Zeit der Ärzte knapp bemessen ist, zu knapp. Hier sind politische Versäumnisse und falsche Gewichtungen anzuklagen, aber auch abnehmende Empathie für die Mitmenschen – ein gesamtgesellschaftliches Problem. Sieben Minuten, die durchschnittlich zugemessene Behandlungszeit, reichen ganz einfach nicht aus, um jemandem die Gefahren und Ursachen des Bluthochdrucks – immerhin eine der am meisten verbreiteten Volkskrankheiten – zu erklären.

Man darf die Eigenverantwortung und ein selbstaufklärerisches Mitwirken des Patienten durchaus einfordern. Die Möglichkeiten dazu sind heute größer denn je. Das Internet zum Beispiel macht hier die vielfältigsten Angebote, in Zukunft auch an dieser Stelle. Man muss sie nur richtig und kritisch zu nutzen wissen. Deshalb plädiere ich seit langem u.a. dafür, das Unterrichtsfach „Gesundheit“ an deutschen Schulen einzuführen. Hier sollten wir Ärzte uns intensiv beteiligen. Wer nicht als Objekt behandelt werden möchte – und wer will das schon –, darf sich selbst nicht als ein Objekt behandeln, das er anderen zur Reparatur überlässt. Wer die vorhandenen Möglichkeiten zur Aufklärung nicht nutzt, handelt unvernünftig. Wer als Arzt gegenüber seinem Patienten sprachlos bleibt, sei es aus Zeitgründen oder, weil er annimmt, dass der ihn ohnehin nicht verstehen kann, hat die Bedeutung des hippokratischen Eides vielleicht doch noch nicht begriffen.

Nein. Die Medizin ist keine Geheimlehre, über die nur Eingeweihte verfügen dürften, sondern ein Kulturgut, das uns allen gehört, eines der ältesten überhaupt. Schon Paracelsus, der große Arzt der Renaissance, sagte dem Kranken: „Du bist der Arzt. Wir Ärzte sind nur deine Gehilfen.“ Daran sollten wir uns beiderseits erinnern, mit Respekt vor einander.

Die Kunst der Lebensführung muß hierbei primär vom Patienten selbst geleistet werden, die Motivation hierzu und die Kunst des Behandelns obliegt dem Arzt. Diese Einsicht würde am Ende sehr viel mehr helfen als die modisch gewordene Mediziner-Schelte, würde freilich auch wieder einiges mehr von den Ärzten verlangen. Nur es führt aus meiner Sicht kein Weg daran vorbei. Die Heilkunst braucht das gegenseitige Vertrauen, eine belastbare Verantwortungsgemeinschaft. Anders wird es uns nicht gelingen, die faszinierenden Fortschritte der medizinischen Wissenschaft – auch hinsichtlich der Integration von traditionellen Heilweisen – für alle nutzbar zu machen. Die Technik und die Apparate allein werden es nicht richten, schon gar nicht in einem bezahlbaren Rahmen. Die sprechende und zuhörende Medizin gilt es zu rekultivieren. Verständliche Informationen gehören zur Vorsorge und Therapie. Das sind wir uns gegenseitig schuldig, demnächst wieder auch an dieser Stelle.

Lesen Sie am 19.01.09 den nächsten Artikel von Hr. Prof. Grönemeyer zum Thema Was macht einen guten Hausarzt aus?

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5 Reaktionen zu “Ärzte und Patienten sind Partner. Plädoyer für eine neue Verantwortungsgemeinschaft”

  1. Johanna L.

    Ich glaube auch, dass zu viele Menschen der Meinung sind, dass bei einer Erkrankung der Gang zum Arzt reicht. Der soll sich dann gefälligst darum kümmern, dass man wieder gesund wird und zur Not ein wirksames Medikament verschreiben. Vorsorge wird dann auch nur betrieben, wenn es die Kasse erstattet. Eigenverantwortung? Fehlanzeige!

    Gott sei Dank kann ich seit Jahren zu ein und dem selben Hausarzt gehen, der mich kompetent und freundlich berät, mir aber auch sehr deutlich sagt, was ich selbst tun kann und muß, um gesund zu werden und zu bleiben.

  2. Annabelle

    Ein Artikel der einen sehr zum Nachdenken bringt. Wir sollten anfangen uns nicht immer auf die Ärzte oder auf andere zu verlassen. Der eigene Körper und das Selbstbewusstsein für diesen ist dann nicht mehr vorhanden. Wenn ich krank bin gehe ich zum Onkel Doktor, der wird mich schon “reparieren”. (Bis zum nächsten mal wenn was nicht in Ordnung ist!)
    Ich habe auch gelernt mich viel mehr zu “beobachten” und wenn ich das Gefühl habe das mir etwas hilft dann mache ich das auch. Wichtig ist dass man mit seinem Arzt des Vertrauens darüber spricht, meine Haus- und Hofarzt ermutigt mich und zeigt mir dass ich mit meinem Engagement den richtigen Weg gefunden habe.

  3. Joachim Unger, ganzheitliche Zahnheilkunde

    Der Kollege spricht mir aus der Seele. Ich kann das nur aus meinem Fachbereich bestätigen und unterstützen. Leider ist es mit der Eigenverantwortlichkeit so eine Sache. Geist und Fleisch.Wir sehen es an uns selbst oder an unseren Kindern: wie oft müssen einforden mit allen pädagischen Tricks, Zuckerbrot und Peitsche. Was machen wir uns selber? wir brauchen Gesetze, Verordnungen, Strafen für Selbstverständlichkeiten (z.B.Sicherheitsgurt). Was machen wir mit unseren erwachsenen Patienten? Taschengeld kürzen? TV-Verbot? Nach einer der letzten Umfragen machen sich nur 5% einer repräsentativen Menge Gedanken um die Gesundheit, mag sein, daß es unter anderen wirtschaftlichen Bedingungen 10% werden, aber es ist die nach meinen Erfahrungen von mir gefühlte maximale Menge. Zu wenig. Es ist nicht Ulla Schmidt allein, es sind die kranken Patientenmengen mit ihrem unbewußten über Jahrzehnte entwickelten Verhalten und Anspruch, die das System sprengen. Wir wünschen uns zum Neujahr Gesundheit , aber leben nicht danach. Und die Politik macht es uns leicht. Seit über 50 Jahren wird es nicht belohnt, gesund zu leben. Ich kann essen was ich will, Rauchen, trinken, kann Sport machen oder auch nicht, oder Vorsorge, Tabletten schlucken oder auch horten oder wegwerfen. Alle zahlen den gleichen Beitrag. Was hat der Verdienst mit Krankheit zu tun? Das Solidarprinzip in allen Ehren, aber das kommt aus der Bismarck-Zeit. So lange wie wir die flat-rate-KVKarte haben wird sich mit steigender Lebenserwartung und angesprochenen medizintechnischen Fortschritten (übrigens eine Boom-Branche, die wie die Krankenkassen von allen Straf-Budget-Sanktionen ausgenommen wurde) nichts ändern. Wenn der Patient krank ist und Besserung verspricht, ist es schon zu spät. Die Autoversicherer schaffen es ja auch jedes Jahr die Tarife neu zu berechnen, die Krankenkassen haben doch alle Daten, nur zur Überwachung? Damit ich nicht mißverstanden werde: die Kollegen werden es bestätigen, es gibt Krankheiten und Unfälle, die gibt es nun mal. Aber es gibt auch die andere Abteilung. Und es ist nicht die kleine Minderheit der Risikosportarten, die Leute bewegen sich wenigstens.Ich befürchte, die Politik schreckt vor dem Gedanken zurück, den Patienten für seine Nichtverantwortlichkeit finanziell abzustrafen, um sich nicht restlos unbeliebt zu machen. Zumwinkel wird vorgeführt und die sorglosen Patienten sind Gutmenschen. So bleibt es erstmal dabei- ein zaghafter Versuch, daß die Krankenkassen mit einem Doc-and-more Punktsammelsystem ihre Versicherten bei bestimmten Maßnahmen mit Toastern und kleinen Zuwendungen erfreut, erreicht damit aber eben auch nur die 5-10% Selbstverantwortlichen. Und wir Ärzte stehen an der Front und versuchen in der karg zugemessenen Zeit mit dem Patienten die Defizite von Elternhaus, Schule und fehlender Selbstdiszlipin zu kompensieren, mit guten Worten und meist notwendigen Selbstzahlerleistungen. Und müssen erkären, was ausreichende, notwendige , zweckmäßige und wirtschaftliche Versorgung nach dem Soz
    GesBuch beinhaltet. Begriffe, die die Gesundheitspolitik und die Krankenkassen dem Patienten nie erklärt haben und was er bei seinem
    Beitritt in die Krankenkasse nie unterschrieben hat. Eine für mich menschlich und juristisch angreifbare und fragwürdige einseitige Vertragsgestaltung. Besser wir - ich schließe mich mit guten Vorsätzen für das neue Jahr ein, machen einen Gesundheitsvertrag mit uns selber.

    Weil: es ist immer besser gesund zu bleiben, als gesund zu werden.

  4. Yasmin

    Das sind wahre Worte, Herr Prof. Dr. Grönemeyer. Ich leide an einer umweltbedingten Erkrankung, an Multipler Chemikalien Sensitivität. D. h. ich bin sehr eingeschränkt, u. a. dadurch, dass ich keine Duftstoffe vertrage. Auch ernähre ich mich ausschließlich von biologischer Kost.

    Bei einem Gespräch mit meinem Hausarzt kamen wir auf das Thema Rücksichtnahme, weil ich auf Grund der Tatsache, dass ich keine Duftstoffe vertrage, stark auf die Rücksicht meiner Mitmenschen angewiesen bin. Mein Hausarzt meinte dazu, dass er selbst in der Praxis erlebt, dass die Leute immer weniger Rücksicht nehmen und auch immer weniger für die Erhaltung ihrer eigenen Gesundheit tun möchten. Er würde übergewichtigen Patienten z. B. sehr oft dringend notwendige Ernährungstipps mit auf den Weg geben, aber die Leute seien sehr unmotiviert, teilweise reagieren sie sogar aggressiv gegenüber meinem Arzt. Eine Pille einzuwerfen ist eben einfacher, als sich selbst ein kalorienarmes Essen zu zubereiten oder sich zu bewegen. Die Patienten verlassen sich heutzutage viel zu sehr auf das Können des Mediziners, auf die sog. Apparatemedizin, anstatt selbst einen möglichen Beitrag für ihr Wohlergehen zu leisten.

    Als Verantwortung würde ich aber auch ansehen, dass Ärzte den Bereich Umweltmedizin mit in ihre Diagnosestellung mit einbeziehen. Ich selbst habe eine jahrzehntelange Ärzte-Odyssee durchlebt, nur weil man sich mit diesem Fachgebiet seitens meiner behandelnden Ärzte leider nicht auskannte. Zu guter letzt landete ich irgendwann einmal bei einem praktizierenden Umweltarzt, der dann meine tatsächliche Erkrankung diagnostizierte und in meinem Wohn- und Arbeitsumfeld die wahren Übeltäter für meine intensiven Gesundheitsbeschwerden entlarvte. Die jahrelange Fehldiagnostik kostete Unmengen von Geldern. Zu allem Überfluss ist meine Erkrankung zwischenzeitlich so weit fortgeschritten, dass sie zur völligen Erwerbsunfähigkeit geführt hat.

    Damit möchte ich sagen, dass man Alltagsprodukte mit kritischem Auge betrachten sollte. Nicht alles ist so gesundheitsverträglich, wie uns es die Werbung suggeriert. Möbel, Kosmetikprodukte etc. sind oft hochgradig mit Chemikalien belastet und gelangen dann durch Aufnahme über die Raumluft oder die Haut, in unseren Körper, wo sie großes Unheil anrichten können. Die Apparatemedizin versagt bei derartigen Krankheitsbildern leider, wie ich aus eigener Erfahrung feststellen musste. Hier ist ein ausführliches Arzt/Patientengespräch unerlässlich. Ich wünsche mir inständig, dass die Verantwortlichen diesen Gesundheitsbereich zukünftig intensiver beachten, damit die Zahl der MCS-Neuerkrankungen nicht ins Unendliche ansteigt, denn leider ist die Tendenz bei Umwelterkrankungen leider stark ansteigend.

  5. M.Lichtegg-Winterhalder

    Es ist eine der brillantesten Ideen- Professor Dietrich GRÖNEMEYER Deutschlands berühmtester Arzt , Rückenspezialist , Autor zahlreicher Bücher (letztes erschienen : neues Hausbuch der Gesundheit ) GRÖNEMEYER ist ausserdem Inhaber des bekannten Institut Mikro Therapie- in Bochum und hat die kleinsten feinsten Instrumente erfunden, die er heute schmerzfrei und ambulant anwendet .Sonntag 7. Juni 10.00 - 12.00 h 2009 hat er sich bereit erklärt die Einladung in Europas schönster Kleinkunst Theaterbühne Tabourettli -Basel anzunehmen . Sein Gespräch , sein Wissen wird live Radio DRS 1 übertragen


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