Myogelosen - Tendogeleosen - Gelotripsie - beim fortgeleiteten Schmerz
Alle Wahrnehmungen des Menschen gehen vom Kopf aus. Der Kopf beherbergt nicht nur alle Sinnesorgane, in ihm befindet sich auch das Gehirn, in dem alle Reize “von außen” verarbeitet werden. Treten Störungen bei dieser “Verarbeitung” der Nerveninformationen auf, kann es zu Veränderungen der Wahrnehmungen kommen, die als unangenehm, auch störend oder gar schmerhaft empfunden werden. Patienten mit dieser Art Beschwerden finden häufig keine oder nur unbefriedigend Hilfe durch den Arzt oder durch Medikamente.
Wenn die Region der Schmerzempfindung nicht identisch ist mit der, in der der Schmerz entsteht, so spricht man von einem fortgeleiteten Schmerz. Beim fortgeleiteten Schmerz handelt es sich um ein bekanntes Phänomen. Es ist typisch für Myogelosen, von denen der Schmerz ausgehen kann. Myogelosen sind Knotenbildungen in der Muskulatur, die schmerzhaft zu tasten sind und in ihrem Zentrum totes Gewebe (Nekrosen) aufweisen (s. Faßbender und Wegner: Morphologie und Pathogenese des Weichteilrheumatismus, Z. Rheumaforschung 32, 355-374(1973)). Vor rund 90 Jahren und mehr haben Max und Fritz Lange und andere diese Knotenbildungen “Muskelhärten” genannt und durch Drücken und Quetschen mit einem kolbenartigen, harten Gegenstand aufgelöst und damit Schmerzen in fern abgelegenen Körperzonen beseitigt (s. Lange und Eversbusch: “Die Bedeutung der Muskelhärten für die allgemeine Praxis”, MMW, Jahrg.68, 418-420(1921)). Diese Behandlungsmethode bezeichnet man als Gelotripsie.
Einen vergleichbaren Effekt kennen wir von Tendogelosen. Tendogelosen sind Knotenbildungen im Ansatz einer Sehne. Von Faßbender und Wegner (s.o.) wissen wir durch deren elektronenmikroskopische Untersuchungen, dass Tendogelosen durch eine Gewebsvermehrung im Zentrum des Knotens entstehen. Auch diese knotenförmigen Auftreibungen im Sehnenansatz sind hoch schmerzhaft zu tasten und in gleicher Weise wie Myogelosen für Schmerzen und Wahrnehmungsstörungen in anderen Körperregionen verantwortlich. Folgende Beobachtungen sind kennzeichnend:
- Die Beschwerdezonen sind nicht deckungsgleich mit den Versorgungsgebieten der Nerven (offizielle Definition für den atypischen Gesichtsschmerz)
- Beschwerden reichen von Schwellungsgefühl, Mißempfindungen in der Haut, aber auch Ohrgeräuschen und Sehstörungen, Hautrötungen, Druck und Spannungsgefühl, Funktionseinschränkungen bis hin zu Brennen und Nervenschmerzen einschließlich Kopfschmerzen und Migräne
- Funktionsstörungen und Beschwerden treten immer nur einseitig auf.
- Es können alle Körperregionen, aber nicht zeitgleich, befallen sein
- Die Beschwerden bestehen anhaltend kontinuierlich, aber auch anfallsweise wie z. B. bei Migräne!
Für den Kopf- und Gesichtsbereich befinden sich die Schmerz und Beschwerden auslösenden Tendogelosen in den Sehnenansätzen der Rücken- und Halsmuskulatur am Hinterkopf. Es ist schwer vorherzusagen, ob die gefundenen Knotenbildungen und Auftreibungen in den Sehnenansätzen für die beklagten Beschwerden verantwortlich sind. Man könnte daher folgende Grundregeln formulieren, wenn eine Gelotripsie Aussicht auf Erfolg haben soll:
- Es müssen hoch schmerzhafte Tendogelosen am Hinterkopf tastbar sein.
- Tendogelosen und Beschwerden müssen auf der selben Seite liegen.
- Bei Durchführung der Gelotripsie muss der Schmerz in die Beschwerderegion ausstrahlen.
- Ein Erfolg der Gelotripsie-Behandlung zeigt sich bereits nach wenigen Minuten bis Stunden.
- Die Gelotripsie ist extrem schmerzhaft, aber unschädlich für den Patienten.
Nach der Behandlung kann es in den ersten drei Tagen bei ausgeprägten Formen zu schmerzhaftem Anschwellen der behandelten Knoten kommen, was eher als Bestätigung für die Indikation der gewählten Therapieform, denn als Kontraindikation (Gegenanzeige) interpretiert werden darf.
Ganz offensichtlich ist die Lage der Tendogelosen am Hinterkopf von ganz spezieller Bedeutung. Neueste Forschungsergebnisse vermuten in dieser Höhe des Rückenmarkes einen Filtermechanismus. Sobald dieser in seiner Funktion gestört ist, man könnte vereinfacht auch sagen, “wenn dieser Löcher hat”, registriert das Gehirn Schmerz- und Beschwerdeempfindungen unterschiedlicher Art und Intensität, je nach Art des Defektes. Es ist zu vermuten, dass Tendogelosen Störstellen darstellen, die von diesem Ort aus die Funktionsfähigkeit diverser Gesichtsnerven und Sinnesorgane stören. Werden diese Störstellen (Tendogelosen) durch eine digitale Compression (Fingerdruck) beseitigt, kommt es zu einer Regeneration (Wiederherstellung) der Nervenfunktionen.
In den Fällen, bei denen aus der Untersuchung und der Auswertung des Patientenfragebogens für chronische Mund-, Kiefer- und Gesichtsschmerzen keine Indikation für eine Monoblocktherapie abgeleitet werden kann, sollte an die Möglichkeit einer Gelotripsie gedacht werden und wenn es nur zum Test ist (s. Artikel im jameda Experten-Ratgeber “Ist das Kiefergelenk die Schmerzursache?“).
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