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Ist das Kiefergelenk die Schmerzursache?

von Dr. Dr. med. Jan Jürgens

geschrieben am 26. Dezember 2009

Natürlich ist es verständlich, den Schmerz bekämpfen zu wollen, auch wenn seine Ursache noch nicht bekannt ist! Natürlich ist es naheliegend, zur Schmerztablette zu greifen, wenn damit Linderung zu erreichen ist! Aber ist dieses Verhalten auch wirklich gut? Könnten vielleicht sogar Gefahren damit verbunden sein?

Für den Arzt ist es besonders schwierig, Schmerzen zu behandeln, die durch die Einnahme von Schmermitteln erfolgreich reduziert wurden und die er dann im Nachhinein behandeln soll. Nicht selten wird in derartigen Fällen – so zusagen versuchsweise – ein entzündungshemmendes Mittel (Antibiotikum) verabreicht, weil dies in der Praxis eine der häufigsten Schmerzursache ist. (Zu den damit verbundenen möglichen Folgen s. a. jameda Blog-Artikel “Entzündungsbehandlung mit Antibiotikum-Pille oder mit dem Skalpell?“). War die Medikamenteneinnahme in so weit erfolgreich, als die Schmerzen abklingen und (vorerst) nicht wieder auftreten, so mag der Patient zufrieden sein, der betreuende Arzt kann dies aber nicht sein, fehlt ihm doch die (bestätigte) Diagnose!

Eine erfolgreiche, gezielte Therapie ist ohne Diagnose nicht denkbar. Zu einer fundierten Diagnose gehört eine sorgfältige Krankengeschichte (Anamnese). Diese sollte nicht nur Angaben zur Beschwerdedauer enthalten, sie sollte auch möglichst genau Hinweise zur Schmerzentstehung und dem Charakter der Schmerzen geben können. Nach der üblichen Untersuchung und Dokumentation der Befunde verwenden wir routinemäßig einen selbst entwickelten Fragebogen, der vom Patienten persönlich in wenigen Minuten ausgefüllt wird (s. „Verbessern Patientenfragebögen die Diagnostik der kraniomandibulären Dysfunktion (CMD) mit chronischen Gesichtsschmerzen?“, Dtsch Z Mund Kiefer Gesichtschir 7, 108-111, 2003). Dieser Bogen wird nur ausgeteilt, wenn ein begründeter Verdacht auf eine Funktionsstörung im Kiefer- und Gesichtsbereich besteht (s. jameda Blog-Artikel “Hilft besser die Knirscherschiene oder der Monoblock?“).

Für die Einschätzung, ob eine Kiefergelenkerkrankung die zentrale Ursache des Geschehens ist oder nicht, sind 2x drei Bewertungen durch den Patienten selbst wesentlich. Folgende sechs Fragen mit jeweils elf Bewertungsmöglichkeiten auf einer Skala mit den Werten 0 – 10 (gar nicht/ niemals – sehr stark/immer) werden ausgewertet:

  1. Zahnschmerzen z. B. auf heiß u./o. kalt oder besonders morgens
  2. Pressen/Verbeißen der Zähne
  3. Lockerungsgefühl der Zähne
  4. Kiefergelenkschmerzen
  5. Kiefergelenkknacken
  6. Behinderung der Mundöffnung

Ist die Summe der Anstreichungen für die Fragen 4, 5 und 6 höher als die Fragen 1, 2 und 3, so kann bei entsprechender Anamnese und Untersuchung der Verdacht auf ein erkranktes Kiefergelenk (Kiefergelenkarthropathie) geäußert werden. Ist die Summe der drei Kiefergelenkfragen (Fragen 4, 5, 6) geringer als die Fragen 1, 2 und 3 („Zahn-Trias“), so kann von einer muskulären Problematik ausgegangen werden. Werden zwei gleich große Summen ermittelt, liegt ein Mischbefund vor. Zumeist klärt sich nach Behandlungsbeginn sehr bald, welches Beschwerdebild als ursprünglich (primär) und welches als eine Folgeerscheinung (sekundär) einzuschätzen ist.

Werden alle sechs Fragen mit „0“ angegeben, muss davon ausgegangen werden, das weder das Kiefergelenk erkrankt, noch die Gesichtsmuskulatur der Ursprung für die beklagten Beschwerden ist. Bei derartigen Fällen empfiehlt es sich, die Krankengeschichte vollständig neu zu überdenken und nach anderen therapeutischen Wegen zu suchen. Verdichten sich hingegen die Hinweise, dass eine Kiefergelenkarthropathie (KGA) vorliegen könnte, gelingt es in aller Regel, diese durch Ruhigstellung und Entlastung des Gelenkes zur Ausheilung zu bringen. Dieses Ziel kann schwerlich durch eine Steigerung der Unterkieferbeweglichkeit (Unterkieferlateralbewegungen) erreicht werden, indem eine Knirscherschiene für den Unter- oder Oberkiefer eingesetzt wird. Entstehen die beklagten Beschwerden im wesentlichen durch eine schmerzhaft verspannte Gesichtsmuskulatur, eröffnen sich mehrere therapeutische Wege, die zu dem Ziel der Beschwerdelinderung führen können. Zu diesen zählen die bereits im jameda Blog-Artikel vom 16.11.2009, Abs.2 erwähnten diversen Aufbißhilfen. Dazu kann aber auch beispielsweise zählen, Störfaktoren im Zusammenbiss der Zähne vom Ober- und Unterkiefer (nicht passende Zahnfüllungen, Brücken oder Prothesen) oder psychisch belastende Stressmomente auszuschalten.

Um die Wahrnehmungsfähigkeit des Patienten zu verfeinern und zu verbessern, hat sich der Monoblock zum Einstieg in die Therapie bestens bewährt. Da er sowohl die Kiefergelenke ruhig stellt, als auch sämtliche Kräfte, die auf das Zahn- und Kiefersystem einwirken, und mögliche Störkontakte zwischen den Zähnen ausgleicht, kann der Monoblock als „Allrounder“ bezeichnet werden. Mit zunehmender Beruhigung der Beschwerdesymptomatiken, in regelmäßigen Abständen wiederholend dokumentiert durch alle 14 Fragen des Patientenfragebogens, wird der Behandler in die Lage versetzt, die ursprünglich die Beschwerden auslösenden Befunde mit der Zeit herauszufiltern und gezielt therapeutisch anzugehen.

Von den insgesamt 140 möglichen Punkten auf dem Fragebogen entsprechen Punktwerte zwischen 20 und 50 dem üblichen Kontingent der Patienten. Werte um 70 bis 80 kommen immer wieder vor, Werte über 100 werden aber extrem selten gefunden. Patienten, die vor der Behandlung bereits eine Aufbißschiene getragen haben, damit aber keine Besserung erfahren konnten, erreichen in der Regel eine Gesamtsumme um 30-40 Punkten. Wird dagegen vor dem Behandlungsbeginn die Gesamtsumme von 20 Punkten nicht erreicht, muss die Verdachtsdiagnose angezweifelt werden.

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