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Elektronische Gesundheitskarte: Zum Glück ...

Elektronische Gesundheitskarte: Zum Glück verschoben!

Dr. Frauke Höllering

von
verfasst am 12.02.2010

Zum Glück ist der Kelch noch einmal an uns vorübergegangen: Die elektronische Gesundheitskarte wird erst einmal nicht flächendeckend eingeführt, auf weitere Verzögerungen hoffe ich inständig. Viele wichtige Vorbehalte von Patienten, Datenschützern und Ärzten wurden bisher von den Planern hinweg gewischt, ohne sich um Lösungen zu bemühen.

Wem ist nicht mulmig, wenn seine privaten medizinischen Daten von 2 Millionen Menschen in Deutschland gelesen werden können? So viele nämlich sind im Gesundheitswesen tätig, und noch viel mehr in Europa. Im Ausland sollen die Daten sogar ohne Eingeben der PIN-Nummer lesbar sein, um Behandlungen nicht zu verzögern. Wenn sich Computerspezialisten sogar in Pentagon-Rechner hacken können, werden die Schutzsysteme der zentralen Krankenkassenrechner kein Hindernis für sie darstellen. Ich warte schon auf den Moment, in dem in der Zeitung steht, dass unsere Kanzlerin Antidepressiva nimmt und ein Hinterbänkler unter Hämorrhoiden leidet. Aber ich halte ich es auch für wenig erstrebenswert, dass die Krankenkassen unsere Daten horten.

Als Hausärztin fürchte ich ganz andere Nebenwirkungen der E-Card.  Das Ausstellen eines Rezeptes wird 20 Sekunden dauern, zuvor brauchte ich nur zwei für den Ausdruck. Woher sollen wir diese Zeit nehmen? Das Eingeben der PIN hat in den Testgebieten nicht nur alte Menschen zur Verzweiflung gebracht. Vielen ist es unmöglich, die sechsstellige Zahlenkombination in der vorgegebenen Zeit einzutippen, und so wurden im Testgebiet Flensburg 75 % der ausgegebenen Karten wegen falscher Eingaben gesperrt. Nun wird von erwogen, dem Arzt die Eingabe zu gestatten. Keine perfekte Lösung, da im Schleswig Holsteiner Feldversuch 30 % der Ärzte und Apotheker ihre eigenen Heilberufsausweise mit fehlerhafter PIN-Eingabe sperrten; 10 % so irreversibel, das neue Ausweise nötig wurden.

Die Elektrokarte wurde entwickelt, damit Kosten durch Doppeluntersuchungen eingespart werden. Ärzte und Patientenvertreter gehen von vielleicht 60 Millionen Euro aus, die Kosten der neuen Karte summieren sich auf 7 bis 10 Milliarden. Das aber interessiert die Krankenkassen nicht, weil wir Ärztinnen und Ärzte diese Kosten durch Anschaffung teurer Terminals schultern müssen. Wie bezahlen wir Lesegeräte und Einstellung neuer Arbeitskräfte für noch mehr Bürokratie?

Den Patienten wird weis gemacht, dass das Speichern ihrer Notfalldaten ihnen Sicherheit verspräche. Welcher Retter hat denn im Notfall ein Lesegerät dabei? Welcher Schwerverletzte oder Schlaganfall-Patient kann seine PIN-Nummer eingeben? Warum brauche ich für die Angaben von Allergien und Medikation einen elektronischen Ausweis, den im Notfall keiner lesen kann? Leichter zieht sich der alte blaue Allergiepass aus der Hosentasche. Die Medikation meiner Patientinnen und Patienten ändert sich oft: Sie nehmen mal Antibiotika, mal wird die Dosis eines Dauermedikamentes geändert oder eines ersetzt, gestrichen oder hinzugefügt. Wer soll das alles einpflegen? Meine jetzt schon überlasteten Mitarbeiterinnen vielleicht? Oder ich im Hausbesuch, den ich für 20 Euro erbringen muss?

Jetzt schon drängen die Krankenkassen ihre Mitglieder dazu, ihre gesamte Patientenakte elektronisch zu speichern. Ich kann davor nur warnen, denn die geht nur wenige etwas an. Zur Vermeidung von Doppeluntersuchungen empfiehlt sich immer noch ein vertrauter Hausarzt, der als Lotse durch die Facharztwelt führt. Ich werde mich gegen die E-Card wehren, so lange ich kann.

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Kommentare zum Artikel (5)


23.08.2010 - 15:09 Uhr

natürlich ist uns das nicht egal! Zumindest wir...

von Dr. Frauke Höllering

... Hausärzte kennen unsere Patienten, höchstens in Großstädten wird es mal unübersichtlich. Aber 10 Leute? Geht ja schon von Alter und Geschlecht her nicht. Um Missbrauch zu verhindern, reicht ein Foto, da hat kein Arzt was dagegen. Lg, Dr. Höllering

20.08.2010 - 15:30 Uhr

Es dürfte den meisten bekannt zu sein, das...

von Berny

... erhebliche Kosten im Gesundheitssystem dadurch entstehen, weil bei manchen Bevölkerungsteilen "eine" Karte für 10 Verwandte herhalten muss. Den Arzt interessiert das weniger, er würde beim Aufdecken des Betruges ja den Kunden und das Geld verlieren. Die Krankenkassen halten auch still, weils ja nicht ihr Geld ist. Der geschröpfte ist wie immer der Beitragszahler.

08.03.2010 - 04:39 Uhr

Kurze Anmerkung: Die Idee für die...

von Die Elektrokarte wurde entwickelt, damit

... Gesuundheitsüberwachungskarte kommt aus der EDV-Industrie., Die hatte nämlich einige Entwicklungsarbeit für die bank-card geleistet, Grundzüge der Hardware standen bereits, und dann wurde das Projekt von den banken wg. nicht ausreichender Kundenfreundlichkeit gestoppt. Über die bertelsmann-Stiftung wurde dann der Kontakt zu den Krankenkassen und zum BMG gesucht. Das hat ein emeritierter Professor und Mitarbeiter der Frauenhof-Stiftung mal so öffentlich auf einer Veranstaltung der ÄK Nordrhein zum Thema gesagt, ich glaube das war 2006 oder 2007. ich habe das mitgeschrieben, leider z.Zt. nicht auffindbar. Also so herum gein es, und die Protagonisten sind heute dieselben, die damals der Ulla hinterher gelaufen sind. Gruß Dr.Mabuse

19.02.2010 - 09:37 Uhr

Hallo Sarah, ich freue mich, dass ich Ihren...

von Dr. Frauke Höllering

... Blickwinkel ein wenig erweitern konnte. Leider gibt es in den Medien zu wenig klare Blicke auf die medizinische Wirklichkeit! Wenn Sie Lust haben, schauen Sie mal in mein "Ärzteversteherbuch": Da stehen (meist heiter) noch andere Geschichten und Infos aus der Praxis drin. Herzliche Grüße, F. Höllering

18.02.2010 - 10:55 Uhr

Hallo, bin gerade über Ihren Artikel...

von Sarah

... gestolpert. Und muss mich bedanken, da ich die ecard bisher als nicht so schlecht ansah. Aber nun habe ich einen anderen Blickwinkel erhalten, vorallem durch die ergebnisse der Studie in SH. Danke! Gruß Sarah


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