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Impfen: Infektionskrankheiten dürfen keine Schule machen

Dr. med. Thomas Fischbach

von
verfasst am 07.10.2010

Interview mit Dr. Thomas Fischbach zur Bedeutung von Impfungen und gefährlichen Impflücken bei älteren Schülern

Aufgrund rückläufiger Impfraten und wachsender Impflücken bei älteren Schülern hat die Landesregierung NRW bereits im Sommer 2007 beschlossen, eine landesweite Impfkampagne durchzuführen. In 54 Kommunen in NRW wurden in diesem Zusammenhang die Impfdaten von mehr als 260.000 Schülern ausgewertet - die Ergebnisse wurden jetzt veröffentlicht. Zu Ziel, Zweck und Bedeutung der Impfkampagne sprachen wir mit Dr. Thomas Fischbach. Er ist Landesvorsitzender des Berufsverbands der Kinder- und Jugendärzte Nordrhein sowie niedergelassener Kinder- und Jugendarzt in Solingen. Gemeinsam mit zahlreichen Kollegen hat er die Kampagne betreut.

Herr Dr. Fischbach, was war der Grund, für diese landesweite Impfkampagne?

Auslöser waren die seit Jahren rückläufigen Impfraten bei Schülern in NRW und die damit korrespondierenden großen Masernausbrüche in den Jahren 2006 und 2007 mit über zweitausend Erkrankten. In beiden Fällen waren es zu 95 Prozent ungeimpfte Kinder, die sich mit Masern infizierten. Die Krankheit wird auch heute noch zu Unrecht als Kinderkrankheit verharmlost: Bei bis zu 30 Prozent der Erkrankten kommt es zu Komplikationen wie Mittelohr- oder Lungenentzündungen. Im schlimmsten Fall können Masern sogar tödlich enden. Nicht ohne Grund hat Deutschland sich deshalb dem WHO-Ziel verpflichtet, die Masern auszurotten - bisher leider ohne Erfolg. Das Wissen um die Gefährlichkeit von – durch Schutzimpfungen vermeidbaren – Masern und die besorgniserregende Entwicklung in NRW hat die Landesregierung dazu veranlasst, die landesweite Impfkampagne zu initiieren. 

Wer sollte mit dieser Impfkampagne erreichet werden?

Vorrangig die Schüler selbst. Denn überall dort, wo viele Kinder und Jugendliche miteinander in Kontakt kommen, können sich Krankheitserreger und damit ansteckende Infektionskrankheiten schnell verbreiten. In Deutschland sind vor allem Schüler im Alter von 9 bis 18 Jahren von Erkrankungen betroffen, denen man mit Impfungen hätte vorbeugen können. Das Ziel der Landesimpfkampagne war daher, die Impfraten insbesondere für Masern, Mumps und Röteln, aber auch für Hepatitis B und Keuchhusten bei älteren Schülern zu erhöhen.

Dem Robert-Koch-Institut zufolge sind die Impfraten von Kindern im Einschulungsalter seit 1998 stetig gestiegen – reichen die Werte dennoch nicht aus?

Richtig ist, dass über 96 Prozent der Kinder bei ihrer Einschulung gegen Diphtherie, knapp 97 Prozent gegen Tetanus und ca. 96 Prozent gegen Kinderlähmung geimpft sind. Anders sieht es dagegen bei den älteren Mitschülern aus. So verfügen zwar mehr als 88 Prozent der 10-Jährigen über einen vollständigen Impfschutz gegen Masern, bei den 21-Jährigen sind es dagegen nur noch rund 56 Prozent. Bei anderen Schutzimpfungen sehen die Zahlen ähnlich aus. Die Werte in dieser Altersgruppe sind mehr als alarmierend, das Risiko des Ausbruchs von Infektionskrankheiten steigt dadurch immens. Dass sich dieses Risiko leider immer öfter realisiert, zeigen die angesprochenen Masernfälle an Schulen in NRW: Auch in diesem Jahr wurden bis heute bundesweit dutzende Erkrankungen an Schulen und Kindergärten gemeldet. Die aktuelle Empfehlung der STIKO, auch ungeimpfte bzw. unzureichend geimpfte jüngere Erwachsene nachträglich gegen Masern zu immunisieren, lässt hoffen, dass wir das WHO-Ziel der Masernausrottung in Deutschland bald erreichen können.

Wie ist zu erklären, dass immer wieder Infektionskrankheiten wie Masern an Schulen auftreten?

Die Impfkampagne hat gezeigt, dass dies hauptsächlich daran liegt, dass ältere Schüler im Kindesalter nicht vollständig geimpft worden sind und Impfungen später schlichtweg nicht nachgeholt wurden. Das betrifft insbesondere die Schutzimpfungen gegen Masern, Mumps oder Röteln. Ein weiterer Grund ist, dass der Impfschutz der Jugendlichen gegen Infektionskrankheiten wie Keuchhusten oder Hepatitis B nicht rechtzeitig aufgefrischt wurde. Infektionen können sich so gerade in den Schulen sehr schnell verbreiten – und außerhalb der Schule, denn die infizierten Schüler tragen die Krankheit in ihre Familien und verbreiten sie dort weiter.

Wie bewerten Sie die Ergebnisse der Impfkampagne?

Ich werte die Kampagne definitiv als Erfolg - wenngleich es bei der Umsetzung regional große qualitative Unterschiede gab, die einen noch größeren Erfolg verhindert haben. Die Zusammenarbeit zwischen dem Öffentlichen Gesundheitsdienst, niedergelassenen Vertragsärzten und Schulen hätte mancherorts besser sein können. Dadurch hing der Erfolg hauptsächlich vom persönlichen Engagement der Akteure ab. Doch letztlich zählt das Ergebnis: Die Impfkampagne hat bestätigt, dass gerade bei älteren Schülern große Impflücken vorhanden sind, die wir so schnell wie möglich schließen müssen. Gerade Schüler sollten alle empfohlenen Schutzimpfungen erhalten und nötige Auffrischungen vornehmen.

Was ist Ihrer Meinung nach zu tun?

Um die Impflücken auch bei älteren Schülern zu schließen und gefährliche Krankheiten wie die Masern langfristig zu beseitigen, ist viel Aufklärungsarbeit erforderlich. Wir müssen den Menschen bewusst machen, wie wichtig Schutzimpfungen nicht nur für den Einzelnen, sondern für die Gesellschaft insgesamt sind. Geimpfte Personen sind nicht nur selbst gegen die entsprechende Krankheit geschützt – sie können den Erreger auch nicht auf andere Menschen übertragen. Sich impfen zu lassen bedeutet also auch, Verantwortung für seine Mitmenschen zu übernehmen. Leider ist für viele Eltern das Impfen ihrer Kinder keine Selbstverständlichkeit, sie vergessen oder ignorieren Impftermine. Andere lehnen Schutzimpfungen aus ideologischen Gründen ab. Vielen ist dabei gar nicht bewusst, wie viele folgenschwere und tödliche Krankheiten durch konsequente Impfprogramme vermieden werden konnten und können. Für die Zukunft muss es daher darum gehen, ein Bewusstsein für die Notwendigkeit von Impfungen zu schaffen und weitere Programme zum Schließen von Impflücken einzuführen und zu etablieren.

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