Inhaltssuche

Suche im Experten-Ratgeber, Lexika und Medikamenten
Autoimmunerkrankungen

Autoimmunerkrankungen

Herr Breitenberger

von
verfasst am 13.08.2010

Die Anzahl der Menschen, die an Autoimmunerkrankungen leiden, nimmt deutlich zu. 60 verschiedene Erkrankungen werden derzeit zu diesem Formenkreis gezählt. Damit stellen sie zahlenmäßig die häufigsten chronischen Erkrankungen in der westlichen Welt. Zum großen Teil handelt es sich dabei um Krankheiten, die der Medizin schon lange bekannt sind. Neu ist jedoch bei vielen die Erkenntnis, dass autoimmune Prozesse die Krankheit verursachen und aufrechterhalten.

Autoimmunerkrankungen sind so bedrohlich, weil sie oft schon bei jungen Menschen ausbrechen, die Sterblichkeit bei einigen noch immer sehr hoch ist und sie nicht selten ein schweres Leiden mit Arbeitsausfällen, Behinderung und dem Zusammenbruch des gewohnten sozialen Umfelds bedeuten. Dazu gelten sie in der Schulmedizin als unheilbar und haben oft einen lebenslangen, unvorhersehbaren Verlauf. Man beobachtet Varianten von phasenweisen Teil- bzw. Vollremissionen (d.h. wenig oder keine Symptome), bis hin zu schnell fortschreitenden, unaufhaltsam destruktiven Prozessen. Meist wird die Diagnose einer Autoimmunerkrankungen als Zufallsbefund erst nach jahrelanger Erkrankung gestellt, da die Symptomatologie oft vielschichtig und unspezifisch ist.
 
Betroffene Organe (Auswahl)
Autoimmunreaktionen können jedes Organ betreffen, von der Haarwurzelzelle (Alopezia areata) bis zum Herz (autoimmune Kardiamyopathie). 

    • Multiple Sklerose (Zentrales Nervensystem)
    • Morbus Hashimoto (Schilddrüse)
    • Morbus Basedow (Schilddrüse)
    • Sprue/Zöliakie (Verdauungstrakt)
    • Morbus Crohn (Verdauungstrakt)
    • Colitis ulcerosa (Verdauungstrakt)
    • Vitligo (Haut)
    • Psoriasis (Haut)
    • Urticaria (Haut)
    • Mucocutane Candidiasis (Haut)
    • Lupus erythematodes (Haut)
    • Bullöses Pemphigoid (Haut)
    • Rheumatoide Arthritis (Gelenke)
    • Morbus Bechterew (Gelenke)
    • Perniziöse Anämie (Blut)
    • Chronisch autoimmune Gastritis (Magen)
    • Juveniler Diabetes mellitus (Bauchspeicheldrüse)
    • Chronisches Erschöpfungssyndrom  (vermutlich Hormonsystem)

Auch wenn in allen Teilbereichen der Medizin Autoimmureaktionen auftreten können, sind es doch ähnliche, teilweise identische, molekulare und pathophysiologische Grundlagen, die als krankheitsverursachend gelten.

Begleiterkrankungen
Als Begleiterkrankungen treten folgende Beschwerden gehäuft auf:

    • Fibromyalgie: Nicht-entzündliche Erkrankung mit diffusen Muskelschmerzen
      Beginn meist ab dem 35. Lebensjahr
    • Lichen ruber planus: Knötchenflechte lokale oder generalisierte entzündliche juckende Haut-Schleimhaut-Erkrankung
    • Raynaud-Syndrom: Gefäßerkrankung durch Gefäßkrämpfe anfallsartig an Fingern und Zehen


Naturwissenschaftliche Ursachenforschung
Die naturwissenschaftliche Forschung erfolgt vorwiegend auf Zellebene an Mäusen. Daraus ergeben sich viele neue spekulative Therapievorschläge. Ein hochkomplexes, evolutionär stark unter Druck stehendes menschliches Immunsystem weist jedoch erhebliche Unterschiede zu Mäusen auf.

Es sind für Autoimmunkrankheiten keine eindeutigen Ursachen bekannt. Seit Mitte der 1980er Jahre hat sich die medizinische Forschung fast ausschließlich auf genetische Defekte als monokausales Ursachenmodell konzentriert. Heute setzt sich zunehmend die Erkenntnis durch, dass ein genetisches Merkmal allein nur sehr selten eine Krankheit ausbrechen lässt. Meist sind bestimmte Auslöser in einer labilen Lebenssituation der Krankheit vorausgegangen.

In der Pathogenese (Krankheitsentstehung) werden vier (I-IV) verschiedene innere und äußere Auslöser diskutiert, die immer mehr oder weniger an der Entstehung beteiligt sind.
 
I. Störung der Immuntoleranz / Selbsttoleranz
Um das Jahr 1900 erkannte der Mikrobiologe Paul Ehrlich den Unterschied zwischen ‘selbst’ und ‘nicht selbst’. Im Organismus höher entwickelter Lebewesen muss es eine Barriere geben, damit das Abwehrsystem keine körpereigenen Gewebe angreift. Hauptakteure in diesem Geschehen sind B–Zellen (reifen im Knochenmark und sorgen für die humorale Abwehr) und T–Zellen (reifen im Thymus und sorgen für die zelluläre Abwehr). Der Mechanismen der Toleranzvermittlung ist nicht vollständig geklärt. Drei Hypothesen sind von besonderer Bedeutung:

    1. T–Zellen differenzieren sich in T–Killerzellen, T–Regulatorzellen und T–Helferzellen.
      Letztere teilen sich in Th1 (entzündungsfördernde) und Th2 (entzündungshemmende) Botenstoffe.
      T–Regulatorzellen kümmern sich um deren Balance. Wenn diese Balance gestört ist, kommt es zu autoimmunen Reaktionen.
    2. In der Thymusdrüse lernen die T–Zellen sogenannte Selbsterkennungsproteine zu identifizieren. Diese MHC–Proteine sind verantwortlich für die Oberflächenstruktur körpereigener Zellen, d.h. deren Ausweis. Nur 3% der T–Zellen schaffen diesen Test. Der Rest wird aussortiert. Können sich T–Zellen durch diese Prüfung ‘mogeln’, erkennen sie später körpereigenes Gewebe nicht und lösen autoimmune Entzündungsprozesse aus.
    3. Auch bei manchen gesunden Menschen gibt es noch autoreaktive B–Zellen (Lymphozyten). Damit liegt der Schluss nahe, dass diese im Lauf der embryonalen Entwicklung nicht zerstört, sondern nur aktiv gehemmt werden. Durch irgendwelche Ursachen (Stress, Umweltbelastung, Infekte, genetischer Defekt...) werden diese autoreaktiven Zellen übermäßig aktiviert. 

II. Fehlprogrammierung durch molekulare Mimikry
Verschiedene bakterielle und virale Infekte können offensichtlich eine Autoimmunkrankheit auslösen. Der Erreger hat in diesem Fall große Ähnlichkeit mit der Struktur körpereigenen Gewebes. Dies dient dem Erreger als Tarnung, um ungehindert in den menschlichen Organismus eindringen und sich vermehren zu können. Bekannt sind die Fälle von rheumatischem Fieber nach Streptokokkeninfekt oder das gehäufte Auftreten von juvenilem Diabetes mellitus nach einer Virusinfektion wie Masern. Auch werden häufig Autoimmunkrankheiten nach Mononukleose beobachtet. Immer deutlicher wird auch, dass Impfungen einzelne Autoimmunprozesse begünstigen bzw. aktivieren können. Besonders auffällig ist hierbei der Zusammenhang zwischen dem Auftreten von Multipler Sklerose und einer Impfung gegen neurotrope Erreger (Polio, Masern, Tetanus, FSME).

III. Umweltfaktoren

    1. Hygiene-Hypothese
      Autoimmunkrankheiten sind – ebenso wie Allergien und Krebserkrankungen – in den westlichen Ländern stetig auf dem Vormarsch, während die Zahl der Neuerkrankungen in Ländern der sogenannten dritten Welt konstant niedrig bleibt. Durch den Rückgang natürlicher Infektionsquellen in Industrienationen kommt es  vermutlich zu einer Unterförderung und Überforderung des Immunsystems. Im Tierversuch konnte bestätigt werden, dass Mäuse weniger Autoantikörper produzieren, wenn sie vorher Kontakt zu Bakterien-Bestandteilen hatten.
    2. Schadstoffe
      Im Folgenden eine kurze Auswahl von Fakten zu diesem Thema:
      - bereits 300 verschiedene synthetische Stoffe können in der Muttermilch nachgewiesen werden
      - Kinder haben lt. WWF mehr Chemikalien im Blut als ihre Mütter (durch Kontakt mit Gebrauchsgütern)  - lt. EU-Chemikalien-Richtlinie sind von über 100.000 genutzten Substanzen die wenigsten auf ihr Gefährlichkeitspotential getestet worden
      - sieben Impfstoffe im dritten Lebensmonat; weitere fünf ab dem zwölften Lebensmonat
      - die meisten Medikamente im Kindesalter werden im ersten Lebensjahr verschrieben
      - Transfettsäuren entstehen durch industrielle Härtung von Fetten (Chips, Fastfood) und werden in Zusammenhang mit der Entstehung von Multipler Sklerose und Morbus Crohn gebracht
      - Feinstaub aus Verbrennungmotoren
      - Antibiotika in der Tiermast

IV. Vererbung bzw. Veranlagung 
Autoimmunkrankheiten werden nicht direkt vererbt, so dass man von einer Veranlagung ausgeht, die durch einen exogenen oder endogenen Reiz aktiviert werden kann. Zahlreiche Laborparameter sind bekannt, um die mögliche Veranlagung zu verifizieren oder auszuschließen. Immer ist ein äußerer oder innerer Auslöser beteiligt, da die in den Genen vorgegebene Bauanleitung für ein bestimmtes Eiweiß noch lange nicht garantiert, dass dieses auch entsteht. Es hängt immer davon ab, auch bei genetischen Krankheiten, in welcher Verfassung der Mensch ist; d.h. welche Vorbedingung er bietet, damit eine bestimmte Erkrankung ausbrechen kann oder nicht. Diese Vorbedingungen lassen sich gerade durch homöopathische Behandlung gut beeinflussen.
 
Ursachenforschung geisteswissenschaftlich erweitert
Welche Faktoren, die nicht in Zentimetern, Gramm und Sekunden, den Parametern der Naturwissenschaft, gemessen werden können, sind noch an diesem autoimmunen Krankheitsgeschehen beteiligt?
Das Abwehrsystem des Menschen, auch Immunsystem genannt, schützt ihn vor äußeren Einflüssen, wie Viren, Bakterien und anderen Fremdstoffen. Es ist ein komplexes System zur Erhaltung der Individualstruktur durch Abwehr körperfremder Substanzen und kontinuierlicher Elimination anormaler Körperzellen. Diese Schutzfunktion ist für den menschlichen Organismus außerordentlich wichtig. Im Fall von Autoimmunkrankheiten kann das Abwehrsystem körpereigenes Gewebe nicht mehr erkennen, es erscheint ihm fremd, ja sogar feindlich. Eine falsche Zielvorgabe oder Programmierung führt zu einer folgenschweren Verwechslung: anstelle der Bekämpfung von Krankheitserregern werden Teile des eigenen Körpers als ‘fremd’ angesehen und bekämpft. Was hier auf körperlicher Ebene nicht erkannt wird, steht manchmal für einen unterdrückten, entfremdeten Teil des eigenen Wesens, der dem Bewusstsein nicht mehr zugänglich ist. Eine ausführliche Anamnese (griech.: Wieder-Erinnern) zu Beginn der Behandlung, die den ganzen Menschen und nicht nur ein erkranktes Organ untersucht, kann daher schon der erste wichtige heilsame Schritt sein. Wenn man Betroffenen in der Praxis aufmerksam zuhört, kann man in vielen Fällen Sätze wie diese hören: "ich bin mir in den letzten Jahren irgendwie selbst fremd geworden" / "ich habe mich selbst dabei verloren" / "ich kenne mich gar nicht mehr wieder" etc.. Diese Aussagen können wichtige Hinweise geben, was als Auslöser am Anfang einer Irritation des Immunsystems stand, die irgendwann zur Krankheit wurde. Gehäuft lassen sich physische oder psychische Traumata oder lang anhaltende, emotional schwierige Lebenssituationen, in der Vorgeschichte der betroffenen Patienten feststellen. Solche Beobachtungen lassen das Bild einer charakteristischen prämorbiden Persönlichkeitsstruktur deutlicher werden. 

Der kranke Mensch, der sich selbst fremd geworden ist, ist gefangen in seinen Identifikationen (lat. idem facere = ‘ich mache mich zu dem selben’, d.h. zum Bild von mir, oder ‘ich mache immer das selbe’). Er identifiziert sich mit in der Kindheit erworbenen Selbstbildern, mit Vorgängern im Familiensystem oder mit Tugenden, die unverdaut, fremd und damit schädlich bleiben, anstatt integriert oder ausgeschieden zu werden. Je mehr er mit seinem Selbstbild identifiziert ist, desto mehr ist er bei Verstand und weitgehend von Sinnen. Das heißt das Sinnesleben ist taub geworden und der Mensch nimmt zuwenig von dem was nährt und nützt, und zuviel von dem was schadet. Dies ist, vereinfacht gesprochen, der Hauptgrund für Kranksein. 

In der Schulmedizin ignoriert und negiert man weitgehend diese Erkenntnisse. Dies hat drei Gründe: Zum Ersten wird häufig die ‘Verantwortung für’ mit der ‘Schuld an’ der Erkrankung verwechselt. Zum Zweiten sind die meisten Ärzte vollständig damit beschäftigt, die oft sehr bedrohlichen physischen Krankheitssymptome in den Griff zu bekommen. Die Berücksichtigung möglicher psychosomatischer Zusammenhänge erfordert – meist nicht vorhandene – Behandlungszeit und entsprechende Ausbildung und Erfahrung. Zum Dritten gibt es keine Medikamente, die auf vergangene Lebenssituationen Einfluss nehmen könnten. Die medikamentöse Therapie ist aber meist das einzige was kranken Menschen von Ärzten angeboten werden kann. Zum Glück herrscht bei immer mehr Medizinern zunehmend ein Konsens darüber, dass bei Autoimmunerkrankungen ein multikausales Geschehen vorliegt, wenngleich über die Gewichtung auslösender physischer und psychischer Krankheitsfaktoren noch viel Uneinigkeit herrscht. 
 
Therapie schulmedizinisch
Die Schulmedizin setzt als Therapie gegen die gebildeten Autoantikörper, d.h. vom Organismus gegen sich selbst gerichtete Abwehrzellen, massive antientzündliche (v.a. hochdosierte Cortison-Impuls-Therapie) und immun-suppressive (unser eigenes Abwehrsystem unterdrückende) Medikamente mit teilweise gravierenden Nebenwirkungen ein. Manchmal, besonders in sehr schweren und bedrohlichen Fällen, mag dieses Vorgehen durchaus gerechtfertigt sein. Ohne Zweifel kann es ein großer Erfolg sein, wenn sich körperliche Krankheitssymptome, d.h. organische Manifestationen einer tieferliegenden Störung, nicht mehr zeigen.

    • Cortison (in wechselnder Dosierung häufig über lange Zeit bzw. lebenslang)
    • Aspirin-Abkömmlinge (Azulfidine)
    • Immunsuppressiva (Chlorquin / Methothrexat)
    • Zellgifte (Azathioprin / Cyclophosphamid) (immunsuppressiv)

Diese Medikamente haben größtenteils erhebliche Nebenwirkungen und führen im besten Fall zu einer Linderung der Symptome. Oft können sie aber nicht mal lindern. Beispielsweise bewirken bei einer Hashimoto-Thyreoiditis die verschriebenen Hormone häufig iatrogene (durch die Behandlung hervorgerufene) Beschwerden, bekannt als ‘Hyperthyreosis factitia‘ und bei 20% der Behandlungen wird überhaupt keine Wirkung auf die typischen Symptome erreicht. In der immunsuppressiven Behandlung der Multiplen Sklerose profitieren nur 30% von der medikamentösen Therapie.
 
Integrative therapeutische Möglichkeiten
Erkentnisse der heutigen Medizin werden anerkannt und vor allem in der Diagnostik genutzt. Darüber hinaus sollte jedoch gerade in der Therapie ein mechanistisches Bild des Menschen ergänzt werden. Wichtig ist eine Perspektive, die den Menschen wieder als mehr, als die Summe seiner Teile erkennt und ihn in Wechselwirkung mit seiner Umwelt versteht. Die entscheidende Frage am Anfang der Behandlung sollte sein: Wen oder was müssen wir eigentlich behandeln?

Das betroffene Organ, das sekundär durch ein irritiertes Immunsystem erkrankte?
Das Immunsystem selbst – aber wie? Bisher unterdrücken wir es nur.
Den gesamten Menschen – aber wie und woran erkennen wir, dass er geheilt, oder nur wieder der "Alte" ist, d.h. der, der ursprünglich erkrankte?
Wie können wir in der Therapie bei chronisch kranken Menschen z.B. auf belastende familiäre und berufliche Gesichtspunkte heilsam einwirken?

Mitte der 1970-er Jahre hat sich die wenig beachtete Fachrichtung ‘Psychoneuroimmunologie’ etabliert (ab Mitte der 1990-er Jahre ‘Neuro-Endokrino- Immunologie’ genannt). Die Wirkungen psychischer Stressoren (Stimmung, Wahrnehmung, Lebensumstände etc.) auf das Immunsystem und das gesamte Befinden
des Menschen werden dabei untersucht. Das Nerven- und Immunsystem beeinflussen und steuern sich wechselseitig. Die Weichenstellungen für spätere Krankheiten werden gerade in der frühen Kindheit festgelegt. Die Fähigkeit ‘selbst’ von ‘fremd’ zu unterscheiden, erlernen die T–Zellen des Immunsystems lange vor der Geburt bis zur Pubertät in der Thymusdrüse. Affekte (automatisch mit Gefühlen verbundener Ausdruck) und Affektkontrolle, d.h. wie wir in der Welt sind mit Humor, Freude, Moral und Ethik, werden von der rechten Gehirn-Hemisphäre geprägt (in den ersten eineinhalb Jahren ausgebildet zu 80%). Emotional leben, lernen wir also bevor das Denken beginnt. Die linke Gehirn-Hemisphäre schafft zeitversetzt dazu Begrifflichkeit und Selbst-Bilder. Diese Selbst-Bilder sind es, die uns als Erwachsene einschränken und uns ein einfältiges statt vielfältiges und zufriedenes Leben bescheren. Selbst-Erkenntnis und Selbst-Bewusstsein entwickeln sich also in der Kindheit. Ein gestörtes psychisches Selbstbewusstsein und ein Selbstbewusstsein auf der Ebene der Körperzellen (biochemisch durch MHC-Proteine repräsentiert) bedingen sich also gegenseitig. Diese Tatsache hat weitreichende Konsequenzen in Bezug auf erfolgsversprechene Therapiekonzepte. Ein Ziel der Therapie, neben der Behandlung physischer Dysregulation, sollte damit auch sein den Menschen, dessen Immunsystem eigene Organe angreift und zerstört, zu unterstützen sich selbst wieder zu erkennen und neu kennenzulernen. Herauszufinden, wer gemeint ist, wenn der oder die Betreffende "ICH" sagt. Selbstbilder und überholte Lebensgewohnheiten müssen dabei häufig in Frage gestellt werden. Manchmal ertönt Unerhörtes wieder, das wofür die Sinne im Laufe der Sozialisierung taub geworden sind, und erinnert an die individuellen, eigenartigen Wünsche, Bedürfnisse und Aufträge, die jeder ins Leben mitbringt und die nur von ihm oder ihr selbst verwirklicht werden können.

Krankheit ist in diesem Fall nicht nur Ausdruck und Resultat vergangener Ereignisse, sondern weist auch wie ein Gestaltungs-Auftrag in die Zukunft. Krankheit erweist sich dann oft als (Um-)Weg, um dringend Notwendiges im Leben zu verwirklichen. Fragen, die in diesem Zusammenhang therapeutisch wichtig werden – und häufig von Therapeuten und Patienten nicht gestellt werden – zielen darauf ab zu verstehen, was diese Unterbrechung im gewohnten Lebenslauf zu bedeuten hat.

Was möchte noch von mir gelebt werden? / Wofür bin ich auf dieser Welt? / Welchen Sinn gebe ich meinem Leben – mit und ohne Kranksein? / Was hat sich durch die Krankheit für mich positiv verändert? ("mehr Zeit für mich...", "gesehen werden...", "aussteigen aus unbefriedigender Lebenssituation...“" und wie kann ich das verwirklichen ohne krank zu sein.

In der Therapie können ungewohnte sinnliche Erfahrungen zur Reifung kommen, um wieder entscheiden zu können, wie ich meine Aggression einsetzen kann. Aggression nicht als Feindseligkeit, sondern als Fähigkeit auf das zuzugehen was mir gut tut, davon wegzugehen was mir schadet, oder dagegen anzugehen was mich bedroht. Die Aggression, eine menschliche Eigenschaft, die den Menschen mit dem Tier verbindet und von Pflanze und Mineral unterscheidet, ist also die Fähigkeit zum Ortswechsel, die dem Erkrankten abhanden gekommen ist. Wenn der eigenen Kraft keine Richtung gegeben wird, wendet sie sich gegen einen selbst. Im Fall der Auto-aggression ist der Mensch fixiert auf das `dagegen´, anstatt die Eigenverantwortung zu übernehmen, andere Menschen, Lebenssituationen, Lebensweisen und Orte aufzusuchen, die mehr seinen Bedürfnissen gerecht werden – oder zu verlassen, wenn sie ihm schaden. Die Orientierungslosigkeit, die sich in der Krankheit mikrokosmisch auf Zellebene widerspiegelt, hat ihre Entsprechung im makrokosmischen Bereich des gestörten Beziehungslebens, d.h. in der Beziehung zu sich selbst, zu den Mitmenschen, der umgebenden Natur und zu einer allumfassenden, größeren Ordnung, die wir als göttlich bezeichnen können.

So ist Krankheit immer auch ein Aufruf der Natur wieder in die Ordnung zu kommen. Hier sind Therapeuten aller Fachrichtungen aufgefordert, neben der oft notwendigen Arzneitherapie, weitere Möglichkeiten zu schaffen, den kranken Menschen in der Anamnese und der folgenden Therapie heil werden zu lassen. Heilung bedeutet in diesem Sinne immer, sich an seine Ganzheit zu erinnern, an das was der Mensch im Prinzip (lat. ad principium: von Anfang an) vor seinen Identifikationen war und wollte und jetzt dringend zu einem befriedigenden und gesünderen Leben braucht. Wir erleben in unserer heutigen (urbanen) Welt immer mehr das Phänomen, dass sich Menschen, die gegenseitig voneinander abhängig sind, gegeneinander wenden. Im Fall der Autoimmunerkrankungen stehen wir vor einer neuen Dimension dieser krankhaften Tendenz, nämlich, dass sich der einzelne aus unbewusster Hilf- und Orientierungslosigkeit gegen sich selbst wendet (in der Psychologie ist dieses Phänomen ebenfalls bekannt unter der Bezeichnung ‘Retroflektion’). Wenn wir diesen Umstand nicht berücksichtigen und in die Therapie miteinbeziehen, werden wir auf das Wesen der Autoimmunkrankheiten keinen Einfluss nehmen können und mit unseren selbstbeschränkten medizinischen Möglichkeiten an der Peripherie des Krankheitsgeschehens bleiben.

Das Gesagte soll auf keinen Fall den Anschein erwecken die sog. Schulmedizin hätte keinen berechtigten Platz in der Therapie der Autoimmunerkrankungen. Zugleich bin ich aber auch der Meinung, dass Simultanbehandlung (z.B. Allopathie + Homöopathie + Psychotherapie) und manchmal auch homöopathische Monotherapie für den Patienten mehr Nutzen bringen kann, als das in der Behandlung heute der Fall ist. Aus diesem Grund setze ich mich für eine Therapie ein, die nicht nur körperliche Parameter als Heilungskriterien berücksichtigt. 

Die klassische Homöopathie und verschiedene psychotherapeutische Verfahren haben sich in meiner Praxis bei Autoimmunerkrankungen gut bewährt, auch und gerade bei schweren Pathologien. Der Vorteil liegt nicht nur in der oft schnellen Linderung der beschwerlichen Akutsymptomatik, sondern es können in der erwähnten prämorbiden Persönlichkeitsstruktur der Patienten erstaunliche Wirkungen und Veränderungen beobachtet werden – eben bei diesen Faktoren, die die Krankheit ursprünglich ausgelöst haben, heute aufrechterhalten und immer wieder zu neuen Ausbrüchen führen können.
Vor dem Hintergrund dieser Gesichtspunkte scheint es in der heutigen Medizin noch viel zu tun zu geben, um ungewöhnlichen Krankheiten angemessen zu begegnen. Vor allem aber können wir alle noch viel lernen im achtsamen, freundlichen Umgang mit uns selbst, unseren Mitmenschen und unserer Umwelt – es lohnt sich.

Kommentar abgeben oder Rückfrage stellen:

Ihr Name(wird veröffentlicht)
Ihre E-Mail(wird nicht veröffentlicht)
Ihr Kommentar(wird veröffentlicht)
  

Kommentare zum Artikel (10)


07.04.2014 - 15:33 Uhr

Guten Tag, sehr geehrter Herr Breitenberger,...

von K

... herzlichen Dank für diesen aufklärenden Bericht.Bin durch Suche nach einem Arzt in der nähe von Bielefeld,der sich mit SLE auskennt,auf Ihre INFO gestoßen. Ich bin als Patientin auch der Meinung, dass diese Krankheit sehr von dem psychischen Zustand abhängt. Wenn ein Arzt sich Mühe gibt und sucht nach neuen Methoden, gibt Ratschläge und sagt nicht- ich weiß nicht , wie ich Ihnen weiter helfen kann, so war bei mir der Fall. Würde mich auch freuen , wenn Sie Tipps geben könnten, wo man sich psychologische Hilfe holen kann und nicht gleich als Psychisch kranke eingestuft wird. Hochachtungsvoll, Alla

25.03.2014 - 18:58 Uhr

Hallo, ich habe im Sept. 2013 die Diagnose PBC...

von Maggie

... bekommen, seitdem habe ich mich rohköstlich ernährt, (da ich keine Tabletten nehmen möchte) und auch größtenteils gut gefühlt. Leider war mir die letzten Wochen nur noch kalt, sodaß ich auf warme Mahlzeiten umgestiegen bin. Jetzt habe ich aber den Eindruck, dass sich der Gallestau wieder verschlechtert hat. Meine Psyche ist momentan auf dem absoluten Tiefststand, ich könnte nur noch heulen. Gibt es eine Klinik, die sich mit PBC, Alternativmedizin und Psyche beschäftigt? Danke Maggie

11.02.2014 - 12:02 Uhr

Guten Tag, mein Name ist Frank, ich habe ihren...

von frank

... Bericht gelesen und möchte mich bei ihnen bedanken für die sehr detailierte und deutliche Ausführung was autoimunerkrankung für nicht ärtzliche ohren, heißt. Seit rund 20 Jahren trage ich ein dehydrotisches Ekzem mit mir herum, nur mit Cortison (16mg- 7-7-5-4-3-2-1) zu einer kurzen Linderung für ca.2 Wochen, dann geht der Kampf wieder weiter. Zum Glück habe ich seit 2 Jahren eine Salbe, die mir den Abstand zur neuen Chemikeule verlängert (Dermovate- Salbe). Ich glaube, ich sollte ein Therapeuten in Erwägung ziehen, denn was Sie schreiben stimmt zum Teil,mein Problem ist, dass ich nicht verstehe, wie wir (Menschheit) mit der Welt umspringen,z.b. Umweltverschmutzung, Überbevölkerung, usw. Die Liste kann man beliebig fortsetzen, wenn man sich mit dem Thema beschäftigt. Möchte mich bedanken für Ihre Zeit und ich werde mich auf die Suche machen nach einem oder einer Psychologischen Hilfe. Hochachtungsvoll Frank

12.11.2013 - 16:42 Uhr

Nachdem ich durch eine Krisensituation in...

von Fridericke

... Behandlung bei einer shr kompetenten Psychologin bin, fange ich an mich selbst zu erkennen und eigenverantwortlich an einigen Themen zu arbeiten. Meine Therapeutin hat mir ein wundervolles Buch ans Herz gelegt welches ich hier an dieser Stelle weiteremphehlen möchte: Healing Code,Alex Loyd

01.11.2013 - 19:21 Uhr

Guten Tag, als Antwort auf Ihre Frage kann ich...

von Markus Breitenberger

... Ihnen in diesem Seminar Unterstützung für die Behandlung der psychosomatischen Faktoren von Autoimmunerkrankungen empfehlen: http://www.praxis-breitenberger.de/seminare/hashimoto-seminar/ Herzliche Grüße. Ihr Markus Breitenberger

25.10.2013 - 12:30 Uhr

Hallo Herr Breitenberger, ich selbst leide...

von Daniela

... inzwischen unter 2 Autoimmunerkrankungen (PBC u. SAPHO-Syndrom). Mein seelischer Kummer ist derzeit riesengroß. Ich habe mich in Ihrem Bericht absolut wiedergefunden, vor allem dass die Psyche bei diesen Erkrankungen bei mir die ursächliche Rolle spielt. Alles was die Schulmedizin mir angeboten hat, lässt sich nicht mit meiner inneren Überzeugung vereinbaren und wäre im besten Falle sowieso nur eine Abschwächung der Symptome. Meiner Psyche würde es dabei weiterhin schlecht gehen. Gibt es eine Klinik, die sich mit Autoimmunerkrankungen und deren Behandlung auf psychischer Ebene befasst? Was kann ich tun, um Unterstützung zu bekommen. Haben Sie einen Rat oder eine Empfehlung? Ich wohne in Berlin, würde aber für Hilfe in dem von Ihnen geschilderten Sinne auch weitere Entfernungen in Kauf nehmen! Vielen Dank für Ihren Artikel und auf Antwort hoffend, mit freundlichem Gruß

19.06.2011 - 17:27 Uhr

Seit vielen Jahren leide ich unter...

von Anja

... Schwitzattacken, angefanden im Gesichtsbereich, Haare usw. Aus diesem Grunde fragte ich meinen Internisten, ob er mal meine Schilddrüse untersuchen könnte. Siehe da, es war Hashimoto. Nehme jetzt L-Thyroxin 75 mg. Es entstand eine Unterfunktion. Das Schwitzen ist aber eher anzufinden bei einer Überfunktion. Alles total durcheinander. Seit 8 Wochen habe ich auch noch Liner planus ruber bekommen und das ist durch den Juckreiz und Blasenbildungen nicht mehr zu ertragen. Anja

01.02.2011 - 09:50 Uhr

Auf vielfachen Wunsch werde ich in diesem Jahr...

von markus breitenberger

... auch eine Gruppe für Menschen mit Hashimoto-Thyreoiditis anbieten, die nicht in München wohnen und trotzdem von dem von mir entwickelten Behandlungskonzept profitieren möchten: http://www.praxis-breitenberger.de/seminare/hashimoto-gruppe/

02.01.2011 - 23:44 Uhr

Guten Tag, leider kenne ich keinen Therapeuten in...

von markus breitenberger

... Ihrer Nähe, der ähnlich wie ich arbeitet. Das Behandlungskonzept, dass ich speziell bei Autoimmunerkrankungen anbiete, hat sich über die Jahre in eigener Forschung und praktischer Anwendung entwickelt und zeigt, dass viele sogenannten unheilbaren Autoimunkrankheiten sehr wohl geheilt werden können. Nicht in jedem Fall, aber in der Vergangenheit doch in so vielen Fällen, dass ich diese große Wort Heilung aussprechen kann. Die Säulen der Behandlung sind im Wesentlichen die klassische Homöopathie und eine lösungsorientierte Kurzzeit-Psychotherapie. Weitere Informationen erhalten Sie unter www.praxis-breitenberger.de Mit freundlichen Grüßen Markus Breitenberger

02.01.2011 - 21:09 Uhr

Hallo Herr Breitenberger, bin durch Zufall auf...

von Doris

... Ihre Beiträge gestoßen, die mich sehr beeindruckt haben. Habe selbst Hashimoto mit immer wieder schweren Schüben und ausschließlich schulmedizinischer Betreuung. Da habe ich schon einiges mitgemacht und war verzweifelt. Würde mich auch gern an einen spezialisierten Heilpraktiker in Berlin wenden. Könnten Sie mir da weiterhelfen? Vielen Dank im Voraus und freundl. Grüße.


Weitere Artikel zum Thema „Naturheilkunde” von anderen Ärzten

Alle Artikel (86) anzeigen

Anmeldung zum jameda-Newsletter

Wir informieren Sie regelmäßig zu aktuellen und wichtigen Themen rund um Ihre Gesundheit

Medikamenten- und Lexikon-Suche

Arzneimittel und Generika finden und bestellen

Das jameda Lexikon

Häufig gesuchte Medikamente zum Thema "Naturheilkunde":

    Über Krankheiten und Symptome informieren

    Das jameda Lexikon

    Häufig gesucht zum Thema "Naturheilkunde":