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Harninkontinenz bei der Frau: ein ...

Harninkontinenz bei der Frau: ein vielschichtiges Problem

von
verfasst am 27.02.2012

Jede dritte Frau in Europa leidet unter ungewolltem Urinverlust (= Harninkontinenz). Hauptursache für dieses quälende Problem ist ein Erschlaffen der Beckenbodenmuskulatur und der Haltebänder durch Geburten, Alter oder Operationen. Mit dem Beginn der Wechseljahre schwächt eine nachlassende Hormonproduktion zusätzlich den Halteapparat des Beckenbodens.
Unkontrollierter Urinabgang kann aber auch durch Erkrankungen wie Diabetes, Krebs, Schlaganfall, Parkinson oder Multiple Sklerose begründet sein. Daher sollte das Problem umgehend nach Auftreten mit dem Hausarzt, Internisten oder Gynäkologen besprochen werden.

Viele Frauen scheuen sich, zum Arzt zu gehen. Es ist ihnen peinlich, darüber zu reden oder sie halten die Blasenprobleme für einen unabwendbaren Teil des Älterwerdens. Wieder andere haben in ihrem Bekanntenkreis erlebt, dass sich deren Probleme nach einer Operation eher noch verschlechtert haben.
Seit der ersten Inkontinenz-Operation im Jahre 1852 (Sims JM (1852) On the Treatment of Vesico-Vaginal Fistula Am J Med Sci 23; 59-82) sind mehr als 150 Operations-Variationen beschrieben worden. Die meisten dieser Operationen sind wieder verlassen worden, da sie nicht den gewünschten Erfolg gebracht haben.

Dass die bisherigen Behandlungsergebnisse oft nicht überzeugen konnten, hat im Wesentlichen zwei Gründe:

1. Den Ärzten fehlte bisher das Verständnis dafür, wie der Beckenboden funktioniert.

2. Die operativen Korrekturversuche waren unphysiologisch und konnten daher die Funktion nicht gezielt wiederherstellen.

Diese Situation hat sich verändert. Es gibt heute neue Erkenntnisse, die erklären, wie der Beckenboden arbeitet. Daraus haben sich sehr erfolgreiche und wenig belastende Behandlungsmethoden ergeben, die auch im hohen Alter durchgeführt werden können.

Wie funktioniert der Beckenboden?

Der Beckenboden arbeitet wie ein Trampolin, das aus einer Membran (Beckenbodenmuskeln) und Federn (Bändern) besteht. Die Federn sind vorne, in der Mitte und hinten am Beckenknochen befestigt. Auf der Trampolinmembran ruht die Harnblase, die einem elastischen Gummiballon gleicht. Füllt sich die Harnblase mit Flüssigkeit, dann werden die Trampolinmembran und Federn zunehmend nach unten gedrückt.
Der Bereich der Blase, der von der Trampolinmembran getragen wird (Blasenboden), enthält Nervenendigungen, die durch Dehnung bei zunehmender Blasenfüllung gereizt werden. Die Signale werden dem Gehirn übermittelt, das auf diese Weise über die Füllung der Blase informiert wird. Ab einem bestimmten Füllungszustand gibt das Gehirn den Befehl zum Blaseentleeren. Ist es für die Patientin in dem Moment nicht möglich, die Blase zu entleeren, zieht die Beckenbodenmuskulatur das Trampolin stramm. Der Blasenboden wird angehoben. Die Dehnung und damit die Reizung der Nervenendigungen nehmen ab und die Patientin hat nicht mehr den Drang, Wasserlassen zu müssen.

Dieser intelligente Mechanismus funktioniert nur dann, wenn alle Strukturen des Trampolins heil sind. Sind die Bänder oder die Membran zum Beispiel durch Geburten überdehnt, kann das Trampolin von den Beckenbodenmuskeln nicht mehr gespannt und damit der Blasenboden nicht mehr ausreichend angehoben werden. Die Membran oder Bänder hängen durch. Die Patientin verspürt schon bei geringer Blasenfüllung Harndrang, gegen den sie nicht angehen kann. Urinverlust ist die Folge.
Abhängig davon, an welcher Stelle und wie ausgeprägt Schäden im Trampolin vorhanden sind, können weitere Beeinträchtigungen der Blasen- und Beckenbodenfunktion auftreten:
Wenn das Gewebe vorne lose ist, kann die Harnröhre beim Husten, Niesen, Pressen, Laufen und beim Sport nicht mehr ausreichend verschlossen werden. Unkontrollierter Urinabgang (Einnässen) ist die Folge (= Belastungsinkontinenz).

Erschlafftes Gewebe in Beckenmitte geht oft mit häufigem Wasserlassen, ständigem Harndrang und Urinverlust vor Erreichen der Toilette einher (= Dranginkontinenz).
Defektes Gewebe im hinteren Bereich ist eher mit Blasenentleerungsstörungen, Restharn und nächtlichem Harndrang vergesellschaftet. Nur über eine genaue, auf die einzelne Patientin zugeschnittene Diagnostik wird man den verursachenden Defekt finden und gezielt behandeln können.

Drei praktische Beispiele


Ich möchte ihnen an drei Beispielen zeigen, dass das Problem Harninkontinenz völlig unterschiedliche Ursachen haben kann und daher ganz unterschiedlich behandelt werden muss.
Diese drei Frauen konnten seit einiger Zeit ihre Blase nicht mehr kontrollieren. Bei körperlicher Belastung ging Urin ab, ohne dass es aufgehalten werden könnte. Sie waren ständig nass und trauten sich kaum noch an die Öffentlichkeit. Alle drei hatten Kinder geboren und waren zwischen 55 und 85 Jahre alt.

Bei der Untersuchung der ersten Patientin fiel auf, dass bei ihr vor allem ein Problem im vorderen Scheidenbereich vorhanden war. Die Ultraschall-Untersuchung zeigte, dass das vordere, für den Blasenverschluss notwendige Band überdehnt war. Beim Husten öffnete sich die Blase und es floss unkontrolliert Urin ab.
Die Behandlung bestand in einer operativen Erneuerung des geschädigten vorderen Bandes und einer Straffung des erschlaffen Gewebes unter der Harnröhre. Die Patientin konnte drei Stunden nach der Operation normal Wasser lassen, war kontinent und hatte kaum Schmerzen.

Bei der Untersuchung der zweiten Patientin fand sich eine starke Senkung des hinteren Scheidenbereiches. Die Blase war gefüllt, obwohl die Patientin versucht hatte, ihre Blase zu entleeren. Beim Husten floss tropfenweise Urin ab.
Bei dieser Patientin hatten die hinteren Bänder und das hintere Scheidengewebe nachgegeben, wodurch eine Blasenentleerungsstörung entstanden und die Blase ständig gefüllt war. Bei Belastung kam es wie bei einem überlaufenden Fass zum ständigen unkontrollierten Flüssigkeitsabgang.
Die Therapie bestand in einer operativen Erneuerung des hinteren Bandes und einer elastischen Straffung der erschlafften hinteren Scheidenwand. Die Patientin konnte am selben Tag Wasser lassen und ihre Blase nahezu vollständig entleeren.

Bei der dritten Patientin waren nach einer Gebärmutterentfernung drei weitere Operationen am Blasenhals wegen unkontrolliertem Urinabgang durchgeführt worden. Jetzt konnte sie ihre Blase gar nicht mehr kontrollieren, wobei vor allem beim Aufstehen vom Stuhl und aus dem Bett reichlich Urin abfloss.
Bei der Untersuchung fiel im mittleren Scheidenbereich eine derbe Narbenplatte unter der Blase auf. Die Harnröhre war starr wie ein Plastikrohr. Dadurch verhielt sich die Blase wie eine Gießkanne. Beim Aufstehen floss der Blaseninhalt ohne Kontrolle ab (siehe Abbildung: Prinzip des massiven Urinverlusts bei Narben (schwarz) am Blasenhals. Oben links: Im Liegen füllt sich die Blase. Oben rechts: Beim Aufrichten beginnt Urin aus der Blase zu fließen, da der Blasenhals starr wie bei einer Gießkanne ist (schwarz). Unten links: Beim Aufstehen entleert sich schlagartig reichlich Urin. Unten rechts: Beim Erreichen der Toilette ist nur noch wenig Urin in der Blase).
Die Therapie bei dieser Patientin bestand in einer operativen Entfernung des Narbengewebes. Die Wunde wurde dann mit einem elastischen Haut-Fett-Muskellappen aus der großen Schamlippe gedeckt. Dieses gesunde Gewebe verhindert eine erneute Narbenbildung. Die Patientin war sofort nach der Operation kontinent, hatte kaum Schmerzen und konnte normal Wasser lassen.

Kommentar

Obwohl alle drei Frauen das scheinbar gleiche Problem hatten, waren völlig unterschiedliche Ursachen für ihren unkontrollierten Urinabgang verantwortlich. Es gibt noch eine Reihe weiterer Störungen, die zur Harninkontinenz führen. Um den Leser nicht zu verwirren, habe ich mich auf drei gut verständliche Beispiele beschränkt. Aus diesen geht eindeutig hervor, wie wichtig eine genaue Untersuchung vor jeder Behandlung ist.
Die daraus abgeleiteten operativen Vorgehensweisen haben den drei Frauen die Kontrolle über ihre Blase und damit ihre Lebensqualität zurückgegeben. Jede betroffene Frau sollte daher darauf achten, dass sie zu einem Arzt geht, der sich intensiv mit den komplizierten Abläufen im Beckenbodenbereich beschäftigt hat. Nur wer die Abläufe versteht, kann Schäden erkennen und korrigieren.

Kommentare zum Artikel (4)


27.12.2013 - 06:56 Uhr

Sehr geehrte Damen und Herren, bei mir wurde im...

von Elfriede

... Mai 2010 nach einem Rektumprolaks eine Darmverkürzung durchgeführt,.Seither habe ich Probleme mit meiner Blase. Im Klinikum Ludwigsburg wurde bei mir eine Miktionsstprung festgestellt. Ich kann nur im Stehen meine Blase vollständig entleeren, da ich eine ausgeprägte Zystozele habe. Von einer Operation wurde mir aber eher abgeraten, da die Gefahr einer Blaseninkontinenz bestehen würde. Bemerken möchte ich noch, dass ich 68 Jahre alt bin und vor ca. 10 Jahren eine Totaloperation hatte. Der Oberarzt der Urologie hat mir mitgeteilt, dass ich durch eine Blasenanhebung evtl. inkontinent werden kann. Im Jahr 2012 bekam ich einen Beckenbodenschritt- macher, da mein Schließmuskel nach der Darmoperation nicht richtig funktionierte. Im Moment habe ich weder eine Stuhl- bzw. Blaseninkontinenz. Ich wäre Ihnen sehr verbiunden, wenn Sie mir evtl. Unterlagen zukommen lassen könnten, welche Vor- bzw. Nachteile eine Blasenoperation bringen könnte. Für Ihre Bemühungen möchte ich mich bereits im voraus bedanken und verbleibe mit freundlichen Grüßen Elfriede

Antwort vom Autor am 28.12.2013
Prof. Dr. med. Klaus Goeschen

Wenn Sie derzeit keine Blasen- und/oder Darmprobleme haben, sollte Sie nichts machen. Falls wieder Beschwerden auftreten, schicken Sie bitte eine mail an goeschen@carpe-vitam.info. MfG Prof.Goeschen

25.09.2013 - 21:58 Uhr

Vielen Dank für diese wertvollen Infos. Mein...

von Ingrid

... Befinden ist mit der dritten Patientin vergleichbar. Ich bräuchte dringend ein sehr guten Spezialisten. Wären Sie so freundlich mich zu kontaktieren? Mit freundlichen Grüßen Ingrid

Antwort vom Autor am 26.09.2013
Prof. Dr. med. Klaus Goeschen

Herzlichen Dank für Ihre Anfrage. Bitte nehmen Sie Kontakt mit meinem Sekretariat auf Tel. 0511 235 8668 oder schreiben eine mail an goeschen@carpe-vitam.info. MfG Prof. Goeschen

03.02.2013 - 19:52 Uhr

Wie finde ich einen Urologen, der sich mit der...

von Maria

... Beschaffenheit der Beckenbodenmuskulatur auskennt? Habe schon einige konsultiert, aber außer persönlichen Übungen( die ich schon lange durchführe) oder der Empfehlung zur Einnahme von Hormonen ist nichts geschehen

Antwort vom Autor am 04.02.2013
Prof. Dr. med. Klaus Goeschen

Sehr geehrte Maria, Sie können sich auf meiner Internetseite informieren und mich dann anmailen, wenn Sie Fragen haben. www. carpe-vitam.info MfG Prof. Goeschen

17.06.2012 - 21:12 Uhr

Sehr verehrter Herr Professor, Ihre...

von B. Herrling

... Veröffentlichung bei jameda.de/Gesundheit/nieren-harnwege...vom 27.02.2012 war für mich hochinteressant, da ich schon seit fast 10 Jahren bei verschiedenen Ärzten ohne Erfolg therapiert wurde ( w., 75 J.). Offensichtlich liegt bei mir Fall 3 Ihrer praktischen Beispiele vor. Da Sie an anderer Stelle schreiben, daß Sie schon zahlreiche Weiterbildungen für diese spezielle Op-Technik durchgeführt haben, wäre ich Ihnen sehr dankbar, wenn Sie mir entsprechende Ärzte aus meinem PLZ-Bereich (76829) bzw. Umgebung nennen könnten. Ich wäre überglücklich, wenn mir geholfen werden könnte. Ich beglückwünsche Sie zu Ihren Ergebnissen. Mit herzlichen Grüßen B. Herrling

Antwort vom Autor am 18.06.2012
Prof. Dr. med. Klaus Goeschen

Sehr geehrte Frau Herrling, herzlichen Dank für Ihre Anfrage. Diese spezielle Operation wird in Deutschland bisher nur von mir durchgeführt. Falls Sie es wünschen, müssten Sie Kontakt mit meinem Sekretariat aufnehmen Tel. 0511 235 8668. MfG Prof. Goeschen


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