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Angst - die ungeliebte Beschützerin (Teil 2)

Angst - die ungeliebte Beschützerin (Teil 2)

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verfasst am 16.09.2012

© lassedesignen - Fotolia.com
Wenn Sie in 30 Metern Höhe auf einem Sims von 30 Zentimetern Breite ohne Geländer stehen, werden Sie Ihre Höhenangst vermutlich lieben, da sie Sie davor bewahrt, nach 30 Metern freiem Fall unter Erdbeschleunigung ungebremst mit dem Asphalt Kontakt aufzunehmen. In dieser Situation erleben Sie Ihre Angst also als Verbündete und Beschützerin. Ob Sie sich von Ihrer Altophobie jedoch ebenso behütet fühlen, wenn Sie auf einem Küchenstuhl oder Trethocker von 30 Zentimetern Höhe stehen, kann ich nicht beurteilen. Auch wenn sich im Haushalt statistisch die meisten Unfälle ereignen, habe ich an einer in dieser Situation wohlwollenden Wahrnehmung Ihrer Höhenangst dennoch meine Zweifel. Mit hoher Wahrscheinlichkeit werden Sie Ihre Angst diesmal als sinnlos, einschränkend oder hinderlich, möglicherweise sogar als Feind wahrnehmen.

Unser limbisches System unterscheidet nicht nach sinnvoller oder sinnloser Angst. Es reagiert einfach, flutet unseren Organismus mit den entsprechenden Neurotransmittern und löst damit einen enormen Stresspegel aus. Herzrasen, Schmerzen, Schwindel, Beklemmung, Atemnot, Erstickungsgefühle, Kribbeln der Haut, Zittern, Schweißausbrüche, ja sogar Todesangst können die Begleiter einer solchen Phobie oder Panikattacke sein. Häufig entwickeln Betroffene dadurch eine Angst vor der Angst.

Auch wenn diese starken körperlichen Reaktionen nicht bei allen Angststörungen so massiv auftreten, weil die Ausschüttung der Botenstoffe moderater erfolgt, so ist auch die sogenannte generalisierte Angststörung ein ernsthafter Grund zur Besorgnis, da die Spannungszustände über Monate anhalten und eine entsprechende körperliche und seelische Belastung (Dauerstress) mit sich bringen. Die generalisierte Angststörung sollte daher nicht mit dem Persönlichkeitsmerkmal "Ängstlichkeit" verwechselt werden.

Die Ursachen

Bei den meisten seelischen Störungen sprechen wir von einer sogenannten multifaktoriellen Genese. Das bedeutet, dass nicht von einer einzelnen verursachenden oder auslösenden Komponente ausgegangen wird, sondern dass eine Vielzahl von Faktoren eine Rolle bei Entstehung und Ausbruch spielen können. Dies gilt auch für die Angststörungen.

Neben organischen Ursachen können Persönlichkeitsmerkmale, Kindheitserlebnisse, Traumatisierungen, erlernte Verhaltensmuster, unbewältigte Konflikte und weitere Faktoren eine entsprechende Disposition begründen.
Um eine Diagnose in Richtung Angststörungen zu ermöglichen, müssen ebenso, wie bei anderen psychischen Störungen, im Vorfeld organische Ursachen durch umfassende medizinische Untersuchungen ausgeschlossen werden. Bezüglich möglicher organischer Auslöser lohnt sich auf jeden Fall ein Blick auf die Funktion der Schilddrüse, denn sie ist ein Organ, das bei einer Fehlfunktion faszinierende Symptome verursachen kann. Ebenso wie eine Unterfunktion (z. B. Hashimoto-Thyreoiditis) kann auch eine Überfunktion (z. B. Basedowsche Erkrankung) Angst und Panikattacken verursachen.

Die Behandlung

Die häufigste bei Angststörungen zum Einsatz kommende psychotherapeutische Behandlungsmethode ist - neben der medikamentösen - die sogenannte Reizkonfrontation in Form der systematischen Desensibilisierung. Hierbei werden die Betroffenen mit den stufenweise gesteigerten, angstauslösenden Faktoren konfrontiert, bis eine maximale Reizkonfrontation erreicht wird. Die Betroffenen erleben so die Angstauslöser als immer weniger bedrohlich.

Bei der sogenannten Reizüberflutung werden Betroffene einer maximalen Reizkonfrontation ausgesetzt, bis der "Adrenalintank" leer ist. Die damit verbundenen massiven Stesspegel müssen ausgehalten werden, bis eine Gewöhnung eintritt. Es ist einleuchtend, dass diese Methode bei den Betroffenen aufgrund der extremen körperlichen und seelischen Belastung wenig Begeisterung verursacht. Diese Methode wird daher aus ethischen Erwägungen kaum noch praktiziert.

Sehr gute Ergebnisse lassen sich mit einer Kombination aus verhaltenstherapeutischen Werkzeugen und Hypnosepsychotherapie erzielen. Hierbei wird die mit der Angst verbundene schlechte Befindlichkeit verbessert und den auslösenden und verursachenden Faktoren Raum für eine Verarbeitung gegeben.

Im Falle von seelischen Problemen sollten Sie zunächst einen Arzt Ihres Vertrauens aufsuchen, um mögliche organische Ursachen ausschließen zu lassen und sich anschließend von einem guten Therapeuten bei der Lösung Ihrer persönlichen Herausforderungen unterstützen lassen.

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Kommentare zum Artikel (3)


10.10.2012 - 11:54 Uhr

Hallo, seit ich vor 3 Jahren die Diagnose...

von Thea

... Aneurisma/Kopf erhalten hab, hat sich meine Gefühlswelt extrems verändert. Obwohl mein Arzt sagt, dass das Aneurisma wahrscheinlich nicht platzt, überdeckt das Wissen darum alles andere. Jeder Gedanke endet mit dem Bewußtsein, dass das Aneurisma eben doch platzen könnte und Freude, Zukunftsplanung und im Grunde alles ist mir unmöglich geworden. Mir scheint mein Leben wie hinter einer Wand zu verlaufen. Kann man lernen mit so einer Sache zu leben und nicht pausenlos damit beschäftigt zu sein?

Antwort vom Autor am 17.10.2012
Jürgen Quednau

Sehr geehrte Thea, man kann mit schlimmen Diagnosen leben. Ich halte dies auch in Ihrem Falle für möglich, denn bis zum Zeitpunkt der Diagnose haben Sie wahrscheinlich ein normales Leben geführt. Meine Empfehlung an Sie ist, sich einen guten Therapeuten oder eine gute Therapeutin zu suchen der/die Sie dabei unterstützt, Ihrem Leben einen anderen Fokus zu geben. Damit haben Sie die Chance, wieder in einem akzeptablen Rahmen am Leben teilzuhaben. Erlauben Sie es sich, Ihr Leben wichtig zu nehmen und ihm Inhalt zu geben. Mit freundlichen Grüßen Jürgen Quednau

02.10.2012 - 13:56 Uhr

Sehr geehrter Herr Quednau, mit Interesse habe ich...

von Regina

... Ihren Artikel gelesen. Für mich stellen sich verschiedene Fragen. Wo hört die "Ängstlichkeit" auf und wo beginnt die "Angststörung". Kann man das genau abgrenzen oder ist dies eher "fließend"? Wenn es so ist, daß das Gehirn zwischen sinnvoller und sinnloser Angst nicht unterscheiden kann und sich dies im Laufe der Zeit auch nicht geändert hat, hätte der Urmensch nicht nur vorm Säbelzahntiger Angst gehabt, sondern auch vor der Spinne in seiner Höhle.. -was natürlich nicht überliefert ist :-)) -- Noch eine persönliche Frage: Ich gehe äußerst gerne in die Berge. Bisher eigentlich fast nur in der Gruppe mit Bergführer. Dieses Angebot existiert jetzt nicht mehr, so daß ich alleine gehe. Etwas Höhenangst bzw. die Angst auszurutschen und abzustürzen, habe ich bisher schon gekannt, jedoch nicht in dem Ausmaß (es war ja die Sicherheit des Führers gegeben). Aber jetzt.. -- allein zu gehen, heißt für mich Streß. --> Bin ich jetzt einfach ein "Angsthase". Kann ich mich daran gewöhnen, bis es mir nichts mehr ausmacht. Oder, ist das schon mehr?

Antwort vom Autor am 08.10.2012
Jürgen Quednau

Sehr geehrte Regina, wir könnten sagen, die Angststörung beginnt, wo die Ängstlichkeit aufhört. Der Übergang ist sicher fließend, jedoch erfolgt die Abgrenzung über die vorhandenen oder nicht vorhandenen dauerhaften Kontrollverluste oder Einschränkungen der Lebensqualität, der Lebensgestaltung oder der Teilnahme am normalen sozialen Leben. Über den Leidensdruck also. Ich sehe, Sie haben Humor. Die Spinne wurde vom Urmenschen sicher nicht als bedrohlich wahrgenommen, sondern eher als etwas, was den normalen Speisezettel hätte ergänzen können. Aber auch das ist nicht überliefert sondern ein Rückschluss aus den Ernährungsgewohnheiten der sogenannten Naturvölker, bei denen Angststörungen übrigens unbekannt sind. Von daher lassen sich Angststörungen also zu den Zivilisationserkrankungen zählen. Für das Auslösen der physischen Reaktionen reicht bereits der Eindruck der Bedrohung. Der Grund für diesen Automatismus liegt darin, dass sich dieses vegetative Reaktionsmuster in Millionen von Jahren allmählich herausgebildet hat, um uns das Überleben zu sichern. Die Angst ist also wirklich ein Geschenk der Evolution. Phobien und sonstige Angststörungen sind allerdings Fehlalarme dieser Alarmanlage. Was Ihre Berg-Problematik betrifft, so vermute ich, dass die Stressreaktion eine Folge des fehlenden Gefühls der Sicherheit ist, welche bislang durch den Bergführer vermittelt wurde. Was hat uns die Evolution gelehrt? Mangel an Sicherheit in möglicherweise lebensbedrohlichen Situationen hat was zur Folge? Angst! Diese führt in Ihrem Fall zu erhöhter Aufmerksamkeit und Wachsamkeit, um Ihr Überleben zu sichern. Abgesehen davon, dass Sie nicht allein in die Berge gehen sollten, sorgt der Stress dafür, dass Sie wieder in einem Stück zurückkehren. Ich gehe davon aus, dass Sie mit zunehmender Sicherheit auch weniger Stress empfinden werden. Mit freundlichen Grüßen Jürgen Quednau

02.10.2012 - 09:54 Uhr

Ich habe Herzrhythmusstörungen bekommen(2011)und...

von Silke Lion

... in Folge dessen eine Depression und Angststörung entwickelt. Da ich Todesangst bei "Herzklabastern"eigentlich "normal"finde,habe ich Schwierigkeiten mich auf die Therapie richtig einzulassen. Ängstlich war ich schon immer-und auch psychosomatische Reaktionen sind mir nicht fremd,wobei mein Kardiologe davon ausgeht,dass die Störung körperlich ist. Könnte mir evtl. Hypnose helfen,können Sie mir in diese Richtung etwas empfehlen? Kennen Sie sich mit Psychosomatischen Herrhythmusstörungen aus,bzw.mit den daraus reultierenden Ängsten? Können Sie in meinem Fall Tiefenpsychologie empfehlen-weil der Verdacht auf ein Trauma als Auslöser besteht? Die Erkrankung schränkt mich wirklich sehr ein,was besonders für meine 4Kinder und meinen Mann eine grosse Belastung darstellt. 2011 war ich 6 Wochen in einer psychatrischen Abteilung des Krkhs Bremen-Ost,danach 6 Wochen stationär in Bad Bramstedt. Seit November 2011 befinde ich mich in Verhaltenstherapie-ohne Medikamente. Ich befürchte auch,"abgestempelt"zu werden als Hypochonder-wobei die Herzrhythmusstörungen (Vorhofflimmern,Extrasystolen,Herzrasen)belegt sind und mit Betablockern behandelt werden. Beschwerdefrei bin ich trotz der Behandlung nicht. Können Sie mir einen Rat geben? Ich wäre Ihnen sehr dankbar. Mit frdl.Grüssen Silke Lion

Antwort vom Autor am 08.10.2012
Jürgen Quednau

Sehr geehrte Frau Lion, ob Ihr Kardiologe Recht hat, kann ich nicht beurteilen. Dass er \\\\\\\"davon ausgeht\\\\\\\", dass die Symptome körperliche Ursachen haben, klingt für mich nicht nach einer eindeutigen Diagnose. Wenn keine Herzerkrankung vorliegt (diese sollte eindeutig zu diagnostizieren sein), können die Ursachen für Herzrhytmusstörungen vielfältig sein. Herzmuskelentzündungen oder andere Schädigungen des Herzmuskels, Medikamente, Störungen des Elektrolythaushalts, auch hier die Schilddrüse, Angst (!!), Stress, angeborene Herzfehler und weiteres ist möglich. Da ich nicht weiß, welche Diagnose exakt gestellt wurde, ist es natürlich sehr schwierig einen psychotherapeutischen Rat zu geben. Wenn Sie den begründeten Verdacht haben, dass es sich tatsächlich um eine psychosomatische Störung handelt (Trauma, Ängstlichkeit und bekannte psychosomatische Reaktionen legen in Ihrem Falle den Verdacht nahe), dann kann der Versuch einer Lösung mittels Hypnose durchaus interessant sein. Unter http://www.hypnotherapeutenliste.de haben Sie die Möglichkeit, in Ihrem PLZ-Bereich nach einem geeigneten Hypnotherapeuten suchen. Mit freundlichen Grüßen Jürgen Quednau


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