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Bedürfnisse erkennen und anerkennen

Bedürfnisse erkennen und anerkennen

Michaela Merten

von
verfasst am 31.07.2009

Wir Menschen haben sehr viele Bedürfnisse! Unter Umständen wechseln diese Bedürfnisse jährlich, monatlich, täglich oder sogar stündlich. Es sind mitunter so viele, dass wir gar nicht mehr wissen, was wir wirklich wollen. All diesen Neigungen, Begierden oder Anliegen liegen laut Abraham Maslow (amerik. Psychologe 1908-1970) 5 Stufen zugrunde. Maslow gilt als einer der Gründerväter der humanistischen Psychologie, welche die Gesundheit der Seele anstrebte und die menschliche Selbstverwirklichung erforschte. Seine Theorie ist bekannt als die Maslowsche Bedürfnispyramide.

Die Basis der Pyramide bildet u.a. ein Urbedürfnis oder die Urangst der Menschheit schlechthin: Die Angst vor dem Verhungern oder verdursten. Diese Urangst steckt so tief in uns drin, dass wir Nahrungsmittel horten, viel mehr pro Tag essen als wir sollten und auch mehr Gewicht in Kauf nehmen, um auf keinen Fall unser Leben aufs Spiel zu setzen, sollte eine Dürreperiode übers Land ziehen. Zu dieser Stufe gehört auch das Bedürfnis nach Fortpflanzung und alle anderen körperlichen Bedürfnisse - wie Schlaf, Ruhe und Schmerzfreiheit.

Das zweite Bedürfnis der Menschheit ist die Absicherung von Heim und Familie:
Unser Überleben soll nicht nur genetisch gesichert sein, sondern auch durch genügend Nahrung, eine Wohnstätte und Arbeit gefestigt werden. Das Sicherheitsbedürfnis umspannt auch die Sehnsucht nach Ordnung und Gesundheit.

Das dritte Bedürfnis der Menschheit sind soziale Kontakte:
Nun haben wir uns hoch gerappelt und alles abgesichert, nun können wir gerne die Tür weit aufmachen und Gäste einlassen. Man kommuniziert, bildet einen großen Freundeskreis und lebt in einer Partnerschaft. Praktiziert Nächstenliebe und kümmert sich fürsorglich um andere.

Das vierte Bedürfnis ist jenes nach Anerkennung:
Jetzt sind wir soweit, dass wir gerne zeigen was wir haben und was wir tun. Sie kennen doch sicher auch diesen Typ Mensch, der sie beim ersten Besuch gleich eine Haus-Führung macht und alles zeigt, vom Weinkeller bis zum ausgebauten Dachboden und wehe man sagt nicht genügend "Ahhh`s" und "Ohhh`s".  Oder man wird überhaupt nur eingeladen, um das neue Schiff zu bewundern oder das neue Auto. Dieses Verhalten folgt dem Wunsch nach Lob, Ansehen und Bewunderung. Es wird der Status wichtig, die Rangfolge und die Karriere, um Wohlstand und Macht zu erhalten.

Das fünfte Bedürfnis dreht sich um Selbstverwirklichung:
Wir wollen wissen und erfahren wer wir sind und zu was wir fähig sind. Wir streben nach Individualität, Altruismus und Talententfaltung. Wir beschäftigen uns mit Kunst und Psychologie und wenden uns der Sinnfindung und dem Wissenserwerb zu.

Maslow geht davon aus, dass die höheren Stufen erst erreicht werden können, wenn die unteren Stufen ausgeführt worden sind. Die unteren Stufen müssen befriedigt werden, sonst sind die oberen Stufen in ihrer Verwirklichung gehemmt.

Nahezu alle Handlungen der Menschen werden von diesen fünf Grundbedürfnissen beeinflusst. Kommt eines dieser fünf Bedürfnisse zu kurz, dann gerät alles aus dem Gleichgewicht und die Pyramide stürzt in sich zusammen. Wir werden unlustig, krank oder verweigern uns komplett. Die Motivation irgendetwas zu tun, ist uns abhanden gekommen. Der Kollaps ist unvermeidlich.

Unsere Gesellschaft fordert sehr viel von uns. Wir sollen ständig voller Enthusiasmus und Einsatz 1000 Prozent abliefern, sonst drohen Konsequenzen, die mit unserer Urangst zu tun haben: Verlust von Arbeit, sozialen Kontakten, Familie und Anerkennung.  Im Job wird verlangt, dass man hoch motiviert seine Arbeit verrichtet und sich voller Hingabe in seine Aufgabe stürzt. Aus der Hingabe kann aber schnell die Aufgabe seines Selbst bedeuten. Wenn die Bedürfnisse ihrer Arbeit oberste Priorität bekommen und sie nicht merken dass ihre eigenen Bedürfnisse dabei auf der Strecke bleiben, dann ist das Burn-out-Syndrom nicht weit. Trotz bester Arbeitsbedingungen, tollen Kollegen und einer guten Bezahlung stehen sie plötzlich kurz vor dem Zusammenbruch. Wie kann das sein?

Nun, die Rechnung ist ganz einfach: Wie viele Stunden pro Tag beschäftigen sie sich mit den Bedürfnissen von anderen und wie viele Stunden pro Tag mit ihrem eigenen? Es hat nichts mit Egoismus zu tun, wenn sie darauf achten, dass sie selbst sich genug Raum geben. Raum für die eigene Entwicklung, - für ihre Bedürfnis -Pyramide.

Sie können nur fest mit beiden Beinen im Leben stehen und erfolgreich sein, wenn ihre Basis stimmt. Sie sind der Meister ihres Lebens. Vielleicht finden sie in ihrer Arbeit genug Selbstverwirklichung, aber was ist mit den anderen Bedürfnissen? Wir alle kennen doch das Gefühl der Leere, wenn im Beruf alles klappt aber in der Liebe nichts. Unser Grundbedürfnis nach liebevollen Freunden und einer wunderbaren Partnerschaft ist sehr kraftvoll. So kraftvoll, dass es die Pyramide zu kippen vermag, wenn ihm nicht genügend Beachtung geschenkt wird.

Und was passiert, wenn unser Heim und unsere Familie zu zerbrechen droht? Dann sind wir bei der Arbeit mit den Gedanken ganz woanders, können uns nicht mehr konzentrieren und versuchen verzweifelt zu retten was zu retten ist. Da hilft auch das tolle Gehalt nichts. Frustkäufe können die innere Verzweiflung nicht überdecken.

Sie merken, früher oder später werden sie sich mit ihren Bedürfnissen auseinandersetzen müssen und feststellen, dass die Pyramide an der ein oder anderen Stellen brüchig geworden ist. Diese Bestandsaufnahme sollte man lieber öfter machen, denn sonst kommt alles ins Wanken und man findet sich vor einer Ruine wieder: Körperlich, seelisch und geistig erschöpft.

Diese Basis wieder aufzubauen, kostet sie viel Zeit und Kraft. Sie werden das Gefühl haben, alles wieder von vorne beginnen müssen. Sie werden müde sein und aufgezehrt von der ganzen Aufbauarbeit, die sie schon geleistet haben und die sie jetzt wieder leisten müssen. Diese Grundbedürfnisse machen unser Menschsein aus. Sie sind unser Antrieb, unsere Motivation, wir können nicht aus unserer Haut.

Manchmal komme ich mir vor wie ein Teller-Jongleur. Ich setze die Teller auf einen Stab, drehe sie mit einer starken Anschubkraft und dann muss ich dafür sorgen, dass sie nicht herunterfallen. Oft wird es sehr knapp, aber ich schaffe es immer wieder, alles am Laufen zu halten. Wenn ich etwas übersehe, dann meldet sich das jeweilige Bedürfnis lautstark und ich wende meine Aufmerksamkeit wieder in diese Richtung. Wenden sie ihre Aufmerksamkeit ihren Bedürfnissen zu, um das Gleichgewicht zu bewahren.

Lernen sie die verschiedenen Spielarten ihrer Bedürfnisse genau kennen. Nur sie können darüber Bescheid wissen, was sie brauchen und was ihnen gut tut. Es muss auch überhaupt nicht nachvollziehbar sein für ihre Umgebung. Oft gibt es scheinbar keine logische Erklärung für Bedürfnisse. Lassen sie es nicht zu, dass sie sich von sich und ihren Bedürfnissen entfernen, denn sonst werden sie sehr schnell wieder zurückgeholt und können wieder von vorne beginnen. Erkennen sie ihre Bedürfnisse an, bewerten sie sie nicht, schenken sie ihnen liebevolle Aufmerksamkeit. Die Zeit, die sie mit sich selbst verbringen ist gut investiert. Nur wenn sie auf allen Ebenen zufrieden sind, können sie große Sprünge wagen.

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