Parodontitis? Behalten Sie doch einfach Ihre Zähne!

Dr. Friedrich

von
verfasst am 06.05.2010

Die Erkrankung: unbehandelt führt sie zu Zahnverlust
Die Parodontitis, umgangssprachlich als Parodontose bekannt, ist eine Entzündung des Zahnhalteapparates. Unter "Zahnhalteapparat" versteht man das Zahnfleisch, welches den Zahn umgibt, die Haltefasern in dem natürlichen Spalt zwischen Zahn und Knochen und den Knochen, der das Zahnfach für den Zahn enthält.
In einem schubweise verlaufenden Prozess zerstört sie Gewebe und Knochen, die für den Halt des Zahnes verantwortlich sind. Das kann Jahre oder Jahrzehnte dauern, bei aggressivem Verlauf auch nur Wochen oder Monate. Am Ende stehen ohne Behandlung die Lockerung und der Verlust der Zähne, auch solchen, die frei von Karies oder Füllungen waren.

Die Ursachen: Bakterien und Zahnbelag
Ausgelöst wird Parodontitis durch Beläge (Plaque) auf den Zahnoberflächen und besonders in den Zahnzwischenräumen. Die Plaque besteht aus Bakterien, deren Stoffwechselprodukte die Entzündung auslösen, die letztlich zum Verlust der zahntragenden Gewebe führt. Grundsätzlich gilt: ohne Plaque keine Parodontitis. Die Beläge sind zunächst weich. Für den Patienten sind diese Beläge sogar spürbar: die Zahnoberfläche fühlt sich rau an. Wird nichts unternommen, gelangen die Bakterien in den Bereich der Haltefasern zwischen Zahn und Knochen. Dort verhärten sie auf der Zahnwurzeloberfläche und bilden die so genannten "Konkremente".

Eine Vielzahl der Bakterien lebt als so genante "swimming-plaque" in den Zahnfleischtaschen. Dort sondern sie Stoffe ab, die Entzündungsreaktionen des Körpers auslösen. Das hat zur Folge, dass sich das Zahnfleisch vom Zahn ablöst, der Haltefasern zerstört werden und sich Zahnfleischtaschen bilden. Im weiteren Verlauf wird durch die Entzündungsreaktion auch der Zahn tragende Knochen zerstört: der Zahn wird locker und/ oder "wandert".

Die Symptome: Zahnfleischbluten und Mundgeruch
Die Konkremente bilden eine sehr raue Oberfläche auf der Wurzel; ein Teufelskreis beginnt, denn auf rauen Oberflächen können sich weitere Bakterien gut einnisten und vermehren. Ab diesem Punkt kommt es auch schon zur Bildung von Stoffwechsel-Gasen der Bakterien: Mundgeruch! Der Mundgeruch und ggf. leichte Blutungen beim Zähne putzen sind das, was der Patient zuerst wahrnehmen kann, denn die Parodontitis verläuft in den meisten Fällen schmerzfrei!

Die Zielgruppe: Menschen ab dem 35. Lebensjahr
Für viele Patienten bleibt die Erkrankung wegen der Schmerzfreiheit lange Zeit unentdeckt. Es sind ca. 75% aller Deutschen über dem 35. Lebensjahr von dieser Erkrankung betroffen, ohne es zu wissen!
Unbehandelt kommt es nicht nur zum Verlust der Zähne, sondern auch zu einer Ausschwemmung der Bakterien in die Blutbahn. Dadurch erhöht sich die Gefahr eines Herzinfarktes und eines Schlaganfalls drastisch. Bei Schwangeren löst eine Parodontitis vermehrt Frühgeburten aus.

Die Diagnostik: beim Befund PSI-Code
Das Erkennen einer Parodontitis ist für einen Zahnarzt ein leichtes. Beim Befund sondiert er mit einer Spezial-Sonde mit kleinen Markierungen darauf, den Übergang von Zahn zum Zahnfleisch. Kann hierbei eine Blutung ausgelöst werden, liegt zumindest eine Zahnfleischentzündung (Gingivitis) vor (PSI-Code 1 oder 2, je nach Schweregrad). Gelangt der Zahnarzt mit der Sonde zwischen Zahn und Zahnfleisch mehr als 3,5 mm in die Tiefe, liegt eine Parodontitis vor (Code 3 oder 4, je nach Schweregrad).

Jeder Patient kann seinen Behandler um die Aufnahme des PSI-Codes bitten und sich das Ergebnis mitteilen lassen. Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen alle 2 Jahre die Kosten dafür. Ein Zahnarzt, der auf Parodontologie spezialisiert ist, wird bei seinen Patienten den PSI-Code bei jedem Kontroll-Besuch überprüfen, auch wenn er kein Geld dafür bekommt.

Die Therapie: unbedingt mit System
Die systematische und langfristig erfolgreiche Behandlung der Parodontitis, sollte gemäß der Therapieempfehlung der DGP (Deutschen Gesellschaft für Parodontologie) anhand wissenschaftlicher Erkenntnisse erfolgen. Diese systematische und langfristig erfolgreiche Behandlung der Parodontitis gliedert sich in zwei Behandlungsschritte:

  • Die Parodontal-Vorbehandlung (bei allen Arten der Parodontitis notwendig)
  • Die Parodontal-Behandlung (bei schwerer Parodontitis im Anschluss an die Parodontal-Vorbehandlung notwendig)

Leider macht man als Zahnarzt häufig die Feststellung, dass Mitarbeiter/innen der gesetzlichen Krankenkassen, nicht genügend ausgebildet sind und falsche Auskünfte zum Thema Parodontal-Vorbehandlung geben. Es wird des Öfteren behauptet, die Parodontal-Vorbehandlung sei nicht notwendig. Hier ist festzuhalten, dass ein/-e Krankenkassenmitarbeiter/-in über die medizinische Notwendigkeit einer Behandlung nicht zu entscheiden hat. Dies obliegt ausschließlich einem Arzt/Zahnarzt. Weiterhin müssen gemäß § 91 Abs. 6 des Sozialgesetzbuches V vor Beantragung der weiterführenden Parodontal-Behandlung (bei schwerer Parodontitis) folgende Bedingungen erfüllt sein:

  • Die Zähne müssen frei von Zahnstein sein.
  • Der Patient muss eine Anleitung zur richtigen Mundhygiene bekommen haben.
  • Es muss überprüft werden, ob der Patient mit seiner Mundhygiene nach der Anleitung gut zurecht kommt.
  • Die Zähne und das Zahnfleisch müssen frei von Reizfaktoren (z.B. weichen Belägen) sein.

Lediglich einer dieser vier Punkte wird von der gesetzlichen Krankenkasse bezahlt. Alle weiteren Maßnahmen sind von den Patienten selbst zu zahlen und sind für die langfristig erfolgreiche Heilung der Parodontitis dringend notwendig. Eine gute Investition in die Gesundheit!

Die weiteren Maßnahmen: geschlossene und offene Therapie
Wenn, nach erfolgreich verlaufener Parodontal-Vorbehandlung, Aussicht auf weitere Verbesserung der Mundsituation besteht, wird eine Parodontal-Behandlung durchgeführt. Diese wird bei gesetzlich versicherten Patienten zuvor bei der Krankenkasse beantragt. Bei dieser Behandlung werden die Zahnfleischtaschen und die Wurzeloberflächen bis in die Tiefe von den Bakterien befreit.

In besonders schweren Fällen, kann es notwendig sein, das Zahnfleisch zu eröffnen und dann die Reinigung der Taschen und Wurzeloberflächen vorzunehmen. Diesbezüglich wird der Zahnarzt seinen Patienten gesondert beraten und ausführlich aufklären.

Die Erhaltungstherapie: langfristiger Schutz vor weiteren aktiven Krankheitsschüben
Die Parodontitis ist eine chronische Erkrankung, bei der auch immer wieder akute Schübe möglich sind. Ausgelöst werden die akuten Schübe durch eine erneute Ansammlung von Bakterien. Daher ist eine Erhaltungstherapie genau so wichtig, wie die Parodontal-Vorbehandlung und die Parodontal-Behandlung. Als Erhaltungstherapie eignet sich die professionelle Zahnreinigung. Durchgeführt wird diese in Zahnarztpraxen, die auf Prophylaxe-Maßnahmen spezialisiert sind, denn dafür ist eine Zahnmedizinische Prophylaxe-Assistentin notwendig, die es nicht in jeder Praxis gibt.

Meine Empfehlung für Patienten: ¼-jährlich zur professionellen Zahnreinigung gehen und sich dort die Zahnoberflächen und Zahnfleischtaschen reinigen lassen. So verhindern Sie Zahnverlust!

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Kommentare zum Artikel (3)


10.03.2015 - 14:46 Uhr

Guten Tag, von meinem Zahnarzt wurde eine...

von Torsten

... Parodontitis diagnostiziert. Bisher nur mündlich, er hat mir als Vorbehandlung natürlich eine Zahnreinigung empfohlen. Weiter mit einer "Keimprobe" zur Bestimmung der Keimart. Danach eine geschlossene Therapie, welche durch die GKV finanziert wird. Da ich ein schwerer Fall wäre (Taschentiefe an 5 Zähnen zwischen 6 bis 8mm) anschl. eine offene Therapie. Als Eigenanteil nannte er mir eine Summe von 8000€. Dies scheint mir sehr hoch. Kann eine derartige Summe realistisch sein? Vielen Dank!

Dr. Friedrich

Antwort vom Autor am 10.03.2015
Dr. med. dent. Gaby Friedrich

Lieber Torsten, 8000 Euro scheint auch mir sehr hoch gegriffen. Nichts desto trotz: fragen Sie unbedingt nach; gerade im Bereich der offenen PA-Therapie, gibt es sehr gute Medikamente und Therapien, die Ihr Behandler bei Ihnen evtl. als sinnvoll erachtet, die sehr viel Geld kosten. Es handelt sich dabei um eine Zusatzleistung, die Sie auswählen können, um die Prognose für Ihre Zähne zu verbessern. Auf jeden Fall benötigen Sie einen schriftlichen Kostenvoranschlag für solche Summen. Bezüglich der Keimprobe fragen Sie bitte nach, inwieweit das Ergebnis der Keimprobe Einfluss auf die weitere Therapie hat. Ich hoffe sehr, Ihnen geholfen zu haben und verbleibe mit freundlichen Grüßen und wünsche Ihnen alles Gute!

23.01.2015 - 20:48 Uhr

Guten Tag, ich habe lt. meiner Zahnärztin...

von Reinhard

... Parodontitis. Ich benötige einen Blutverdünner und befürchte, dass es bei einer Verletzung (Blutung) zu Schwierigkeiten kommen kann. Sollte ich unter diesen Umständen einer Behandlung zustimmen? Könnte eine Blutung nach (mir nicht bekannten) evtl. neueren Erkenntnissen gestoppt werden? Mit freundlichen Grüßen! Reinhard

Dr. Friedrich

Antwort vom Autor am 26.01.2015
Dr. med. dent. Gaby Friedrich

Sehr geehrter Reinhard, machen Sie sich nicht zu viele Sorgen bezüglich einer evtl. Blutung bei oder nach der Parodontalbehandlung: die Parodontitis ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die dringender Behandlung bedarf. Bei Therapie-Unterlassung kann die Erkrankung fortschreiten und zu völligem Zahnverlust führen. Zudem schädigen die, für die Parodontitis verantwortlichen Bakterien, Ihr Herz. Da Sie den Blutverdünner sicherlich verschrieben bekommen haben, weil Sie schon jetzt an einer Herz-Kreislauferkrankung leiden, könnten diese Keime Ihren Zustand verschlechtern. Blutungen können im Allgemeinen durch Naht, durch Druck und durch z.B. Kollagen gestoppt werden. Ihre Zahnärztin ist sicherlich damit vertraut und ich gehe primär davon aus, dass Sie sie über Ihre Medikamenteneinnahme informiert haben. Ich kenne keinen einzigen Fall, bei dem ein Patient, der Blutverdünner nimmt, durch eine Parodontalbehandlung in lebensgefährliche Situationen gekommen wäre. Ich drücke Ihnen die Daumen, dass Sie die Parodontitis bald "im Griff" haben und verbleibe mit herzlichen Grüßen!

14.08.2013 - 20:47 Uhr

Guten Tag, ich habe vor einem Monat eine...

von Doris

... professionelle Zahnreinigung in einer anderen Praxis machen lassen, soll nun aber für eine anstehende Parodontal-Behandlung in der neuen Praxis erneut eine professionelle Zahnreinigung dort für 90 Euro machen lassen, sonst weigert sich die Ärztin, die Behandlung vorzunehmen. Ist das so üblich? Vielen Dank, Doris

Dr. Friedrich

Antwort vom Autor am 16.08.2013
Dr. med. dent. Gaby Friedrich

Liebe Doris, für einen Zahnarzt ist es nicht entscheidend, WANN die letzte professionelle Zahnreinigung durchgeführt wurde, sondern welche Erkrankung Sie aktuell haben und welche Erreger in Ihrem Mund zu sehen sind. Wir vergleichen das mal mit einem Frühjahrsputz zuhause: es kann durchaus sein, dass Sie letzten Monat einen Großputz zuhause durchgeführt haben, haben danach 4 Wochen lang nur normal gereinigt (die Zähne nur mit Zahnbürste oder ungenügend mit Zahnseide und Interdentalbürsten gepflegt) und vier Wochen später schaut jemand bei Ihnen in die Ecken und findet Staub-Mäuse. Da sagen Sie ja auch nicht: \"Aber vor 4 Wochen wars hier sauber!\" Ich hoffe, Sie können mit dem Vergleich etwas anfangen. Zudem sagt der Gesetzgeber, dass VOR einer Parodontalbehandlung die Zähne frei von weichen Belägen sein sollen und der Pat. der guten Mundhygiene fähig ist bzw. Mundhygieneinstruktion bekommen haben soll. Seien Sie froh, dass Sie bei einer Ärztin sind, die so gut auf Ihre Gesundheit achtet und die Gesetze kennt. Mit 90 Euro sind Sie übrigens in einer Praxis, die sehr günstig ist. Zusammengafasst: es reicht nicht aus, nur 2x pro Jahr (oder auch jeden Monat 1x) zur professionellen Zahnreinigung zu gehen; es kommt immer darauf an, was Sie in der täglichen Mundhygiene bewerkstelligen. Da scheinen Sie noch Defizite zu haben. Und : putzen allein genügt halt nicht.


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