„Habe ich eine Laktoseintoleranz?“ – So testet der Arzt

Dr. Nudelman

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©Ana Blazic Pavlovic - fotoliaBauchschmerzen können Folge einer Laktoseintoleranz sein. Der H2-Atemtest gibt Aufschluss (©Ana Blazic Pavlovic - fotolia)Milch und Milchprodukte nicht zu vertragen, ist eigentlich ganz normal: Rund 70 % der Weltbevölkerung haben einen Laktasemangel und können entpsrechende Produkte schlecht verdauen. In Deutschland sind es mit 15 % zwar deutlich weniger, aber hierzulande ist ein Leben ohne Milchprodukte mit großen Einschränkungen verbunden. Deshalb sollte man genau testen, ob die unspezifischen Magenprobleme nicht vielleicht andere Ursachen haben. jameda wollte von Frau Dr. Nudelman, die in ihrer akademischen Lehrpraxis Nahrungsmittelunverträglichkeitstests durchführt, wissen, was die Patienten bei diesen Untersuchungen erwartet und wie verlässlich sie sind.

jameda: Die Symptome einer Laktoseintoleranz sind eher unspezifisch: Bauchweh, Durchfall, Magenkrämpfe, Blähungen, Völlegefühl etc. können viele Ursachen haben. Wie oft steckt tatsächlich eine Milchzuckerunverträglichkeit dahinter?

Dr. Nudelman: Andere Erkrankungen wie u.a. Fruktose-, Histamin- sowie Glutenunverträglichkeit können ebenfalls hinter diesen Beschwerden stecken.

jameda: Lebensmittelunverträglichkeiten scheinen seit einigen Jahren immer häufiger aufzutreten.  Leiden tatsächlich immer mehr Menschen an Laktoseintoleranz oder ist nur das Bewusstsein für diese Problematik gestiegen? Könnte es auch sein, dass viele Patienten fälschlicherweise daran glauben, bestimmte Lebensmittel wie Kuhmilch nicht zu vertragen? 

Dr. Nudelman: Das öffentliche Interesse an der Laktoseintoleranz nimmt in der letzten Zeit tatsächlich zu. Während mehrfacher Indienaufenthalte stellte ich fest, dass die Beschwerden oft fälschlicherweise als Laktoseintoleranz interpretiert werden, obwohl es sich um die Unverträglichkeit „homogenisierter Mich“ handelt. Es reicht sehr oft, auf Rohmilch umzusteigen, um die Beschwerden loszuwerden.

jameda: Patienten, die eine Laktoseintoleranz bei sich vermuten, führen oft ein Ernährungstagebuch. Dort notieren sie, wann sie welche Lebensmittel zu sich nehmen und wann ihre Symptome auftreten, um die Ursachen herauszufinden. Wie verlässlich sind solche Tagebücher?

Dr. Nudelman: Bei der Führung des Tagebuches sollten Patienten daran denken, dass die Laktose nicht nur in Milchprodukten und Käse, sondern auch als Zusatz in alternativmedizinischen Mitteln (z. B. in Schüssler-Salzen), in Medikamenten, Süßigkeiten, Frühstücksflocken, Salatdressing, Mayonnaise, Pesto und in Brot enthalten ist. Erst wenn alles berücksichtigt wird, ist ein Ernährungstagebuch verlässlich.

jameda: Sollte der Patient auf jeden Fall zum Arzt, um die Diagnose abzuklären, egal, welche Ergebnisse das Ernährungstagebuch liefert?

Dr. Nudelman: Ja, auf jeden Fall. Insbesondere wenn die Beschwerden auf lange Sicht nicht verschwinden oder sogar zunehmen.

jameda: Welcher Arzt testet auf Laktoseintoleranz, der Haus- oder der Facharzt?

Dr. Nudelman: Der Hausarzt ist der erste Ansprechpartner. Rund 10 % der Patienten, die in die Hausarztpraxis kommen, haben Magenbeschwerden. Weil man ähnliche Symptome ebenfalls bei Reizdarmsyndrom, Dyspepsie, chronisch entzündlichen Darmerkrankungen, Glutenunverträglichkeit und sogar bösartigen Erkrankungen findet, bleiben viele Patienten lange undiagnostiziert oder die Beschwerden werden als “psychomatisch“ abgestempelt.
Bei über 50 % der Fälle wird beim ersten Termin keine Diagnose gestellt, sondern erst im weiteren Verlauf entscheidet der Hausarzt nach Stufendiagnostik und Beobachtung, ob der Patienten zum Gastroenterologen überwiesen werden sollte. 

jameda: Es gibt mehrere Möglichkeiten, auf Milchzuckerunverträglichkeit zu testen. Beim Wasserstoffatemtest nimmt der Patient ein Wasserglas mit Laktose zu sich. Kann sie der Körper nicht richtig verarbeiten, entsteht viel Wasserstoff, den der Arzt schließlich über die Atemluft des Patienten misst. Wie verlässlich ist dieser Test?

© Dr. NudelmanDr. Nudelman im jameda-Interview (© Dr. Nudelman)Dr. Nudelman: Der H2-Atemtest gilt heute als Goldstandard zur Bestimmung der Laktoseintoleranz. Die Verlässlichkeit ist nicht nur von exakter Durchführung und Begleiterkrankungen abhängig, sondern auch davon, ob sich der Patient richtig auf den Test vorbereitete.

jameda: Worauf muss der Patient vor der Durchführung des Tests achten?  

Dr. Nudelman: Die Empfehlungen sind sehr genau und werden den Patienten während des Aufklärungsgespräches schriftlich ausgehändigt. Die Patienten müssen viel Zeit einplanen, da die Untersuchung etwa zwei Stunden dauert. Sie sollten acht Stunden vor der Untersuchung nicht rauchen und zwölf Stunden vorher nichts essen, wobei speziell am Vorabend der Untersuchung ein Verzehr von kohlehydratreichen und blähenden Speisen (z. B. Hülsenfrüchte, Kohlarten, Vollkornbrot, Müsli, Nüsse etc.) tabu ist. Drei Tage vor der Untersuchung sollten die Patienten Medikamente, welche die Darmmotorik beeinflussen, pausieren. Auch intensive Abführmaßnahmen sind unmittelbar vor der Untersuchung nicht sinnvoll. Die Untersuchung  ist innerhalb von drei Tagen nach der Darmspiegelung, Darmröntgenuntersuchung oder Magen-Darm-Infekten nicht möglich. Am Untersuchungsmorgen dürfen Patienten außerdem keine Haftmittel für Zahnprothesen benutzen und keine Kaugummis kauen. Manche Ärzte verlangen am Untersuchungstag sogar eine zweiminutige Mundspülung mit Wasser oder einem Munddesinfektionsmittel.

jameda: Es gibt viele weitere Diagnoseverfahren, um Lebensmittelunverträglichkeiten festzustellen. Was ist von IgG-Antikörpertests und Dünndarmbiopsien zu halten?

Dr. Nudelman: Bei der Dünndarmbiopsie wird Gewebe aus dem Dünndarm entnommen, um die Aktivität der Laktase-Enzyme zu prüfen. Die Biopsie wird im Rahmen einer Spiegelung von Magen und Zwölffingerdarm durchgeführt. Da sie im Vergleich zu den anderen Tests sehr aufwendig ist, kommt sie derzeit meist nur bei Forschungszwecken zum Einsatz.
Die Bedeutung nahrungsmittelspezifischer IgG-/IgG4-Antikörper wird dagegen immer noch kontrovers diskutiert. Solche Test führen wir als orientierende Untersuchung durch, wenn der Patient Beschwerden hat und alle anderen diagnostischen Möglichkeiten ausgeschöpft sind, da diese Untersuchung von gesetzlichen Krankenkassen nicht bezahlt wird.

jameda: Wie läuft der IgG-Antikörpertest ab?

Dr. Nudelman: Bei diesem Test werden 80 – 320 Lebensmittel untersucht, die trotz negativer klassischer IgE-Nahrungsmittelallergie-Tests auf eine Unverträglichkeitsreaktion schließen lassen. Differentialdiagnostische Überlegungen sollten auch den Ausschluss einer Kohlenhydratintoleranz (Laktose, Fruktose und Sorbit) und einer pseudoallergischen Reaktion gegenüber Nahrungsmittelzusatzstoffen und die sehr häufige Histaminintoleranz umfassen.

jameda: Viele Asiaten vertragen keine Milch, auch unsere Vorfahren mussten sich erst daran gewöhnen. Sollten auch Menschen ohne Laktoseintoleranz vorsichtig mit Milch und Milchprodukten sein?

Dr. Nudelman: Vor einigen Jahren wurde eine Laktoseintoleranz-Studie mit 213 Patienten durchgeführt, die mindestens seit einem Jahr unter unklaren Magenbeschwerden litten. Alle Patienten waren verpflichtet, eine laktosefreie oder -reduzierte Diät einzuhalten. Bei allen wurde ein Gentest auf Laktoseintoleranz durchgeführt. Interessanterweise stellten die Forscher fest, dass der Gentest bei 62 Personen positiv (29%) und  bei 151 Personen (71%) negativ ausfiel, obwohl alle Beteiligten von einer laktosefreien Diät profitieren. 29 % der Laktoseintoleranzen sind bisher nicht erkannt worden. Noch interessanter ist der Fakt, dass dieser Befund unabhängig von einer genetisch determinierten Veranlagung ist. Das Fazit: Eine laktosefreie oder -reduzierte Diät ist bei unklaren Bauchbeschwerden hilfreich, wobei bei einer Langzeittherapie das Osteoporoserisiko steigt.

jameda: Vielen Dank für Ihre Tipps!

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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