Das Lipödem ist keine Adipositas

Das Lipödem wird häufig von Ärzten und Patienten falsch eingeschätzt. (© Dr. Michel)

Das Lipödem wird häufig von Ärzten und Patienten falsch eingeschätzt. "Nimm doch mal ab", "iss weniger" und "mache mehr Sport" sind Sätze, die Betroffene oft hören und die sie nicht selten verzweifeln lassen. Sport und wiederholte Diäten führen bei den Patientinnen an den Armen und Beinen nicht zu einer Volumenabnahme. Die Folgen sind Frustration, ein vermindertes Selbstwertgefühl bis hin zu Depressionen und Essstörungen.

 

Die Symptome

Der Körperstamm bleibt meist schlank, so dass eine Disproportion entsteht. Typische Symptome sind neben der Umfangsvermehrung von Armen und Beinen eine Hämatomneigung auch ohne adäquates Trauma, ein Schweregefühl, ein unruhiges Hautbild sowie eine Schwellneigung.

Es sind ausschließlich Frauen betroffen und Phasen hormoneller Umstellungen wie Pubertät, Schwangerschaften oder Wechseljahre lösen die Erkrankung aus oder triggern einen Schub. Schätzungen gehen davon aus, dass zehn Prozent der weiblichen Bevölkerung an einem Lipödem leiden. Häufig bestehen Begleiterkrankungen wie Schilddrüsenfunktionsstörungen und das PCO-Syndrom. Die Genetik spielt eine große Rolle, so dass meistens auch weitere weibliche Familienangehörige betroffen sind.

 

Die Diagnosestellung 

Da die Krankheit meist erst recht spät diagnostiziert und adäquat behandelt wird, führen gescheiterte Diätversuche und intensiver Sport zu Frustration und Verzweiflung. Das soziale Umfeld ist dabei oft wenig hilfreich, da es die Ursache der Beschwerden verkennt und stattdessen Abnehmtipps gibt. Die Folge sind psychische Beeinträchtigungen wie z. B. Essstörungen, die in manchen Fällen von professionellen Therapeuten behandelt werden müssen.

Trotz starker Anstrengungen der internationalen Forschung, die Ursachen des Lipödems zu ergründen, konnte bisher keine eindeutige Ursache benannt werden. Eine frühe Diagnosestellung und Einleitung einer zielgenauen Therapie sind deshalb eine Herausforderung. Konservative Therapiemaßnahmen wie manuelle Lymphdrainage, Kompressionsversorgung, Wassersport und psychosoziale Unterstützung sollten laut Leitlinien einer chirurgischen Therapie vorangestellt werden. Bei ausbleibendem Erfolg dieser Maßnahmen können Schmerzen und somit der Leidensdruck durch eine fachgerecht durchgeführte Liposuktion verbessert werden. Der Chirurg entfernt dabei minimalinvasiv große Volumina der krankhaft veränderten Fettzellen auf eine lymphbahn- und gewebeschonende Weise.

Da eine frühzeitige Diagnosestellung den Behandlungserfolg erhöht, sollte die Sensibilität für das Krankheitsbild Lipödem in der Gesellschaft und bei Ärzten erhöht werden.

Unsere klinischen Beobachtungen zeigen, dass neben den Armen und Beinen auch andere Körperareale von lipödemtypischen Beschwerden betroffen sein können. Um ein Umdenken der Fachwelt zu bewirken, veröffentlichen wir hierzu regelmäßig Fachartikel. Wir konnten eindeutig zeigen, dass nach einer Liposuktion an Armen und Beinen in vielen Fällen eine symptomatische Volumenzunahme am Kinn, dem Gesicht, am Bauch, dem Rücken und/ oder den Brüsten auftritt. Wir gehen davon aus, dass auch hier krankhaft veränderte Zellen vorliegen, die eine Lipödem-Symptomatik bewirken. Die Ursachenforschung ist ein wichtiger Baustein, der zu einer besseren und frühzeitigeren Diagnosestellung beitragen kann. Eine optimierte Therapie führt zu einer deutlich gesteigerten Lebensqualität, da der Leidensweg kürzer und die Ergebnisse funktionell und ästhetisch besser werden.

 

Die Behandlung 

Die Liposuktion sollte immer dann diskutiert werden, wenn konservative Therapien keinen dauerhaften und nachhaltigen Erfolg gebracht haben oder bereits ein fortgeschrittenes Stadium vorliegt. Im Gegensatz zu Schönheits-OPs wird bei der Lipödem-Behandlung ein großes Volumen in allen Schichten abgesaugt. Zwei Methoden zur Behandlung des Lipödems haben sich durchgesetzt: WAL steht für „Water Assisted Liposuction“ und PAL bedeutet „Power Assisted Liposuction“. Beide Verfahren verringern die Anzahl der krankhaften Fettzellen und führen zu einer Beschwerdelinderung. Ein wesentlicher Vorteil des PAL-Verfahrens ist die effektive und flüssigkeitssparende Absaugung. Mit dem PAL-Verfahren können deutlich größere Absaugvolumina erzielt werden als bei der WAL-Methode.

Im Mittel beträgt das Absaugvolumen an Fett mit der PAL-Technik circa acht Liter pro OP. Mit dem Wasserstrahlverfahren erreicht man jedoch nur ungefähr vier Liter. Die Anzahl der notwendigen OPs lässt sich dadurch verringern, was mögliche Komplikationen, Kosten und Ausfallzeiten der Patientinnen verringert. Auch ästhetisch ist PAL überlegen, da der Operateur das Gewebe jederzeit genau einschätzen kann. Denn es wird nicht durch einen durchgehenden Wasserstrahl aufgepumpt.

Die Nachbehandlung ist für ein gutes OP-Ergebnis besonders wichtig. Manuelle Lymphdrainage und das Tragen von Kompressionskleidung sind wesentlich für den Therapieerfolg. Bereits während des stationären Aufenthaltes wird mit der manuellen Lymphdrainage durch speziell ausgebildete Lymphtherapeuten begonnen. Die Patientinnen erhalten noch während der Operation passende Kompressionsmieder angezogen. Lymphdrainage und Kompression müssen für mindestens sechs Wochen fortgeführt werden.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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