Das jameda-Interview: 10 Fragen an Herrn Dr. med. Martin Boos

Dr. Boos - Privatpraxis

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© BoosHerr Dr. Boos praktiziert als Gynäkologe in München. (© Boos)Ärzte haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellt jameda Herrn Dr. Boos interessante Fragen zu seinen Erfahrungen als Gynäkologe.

jameda: Herr Dr. Boos, was hat Sie motiviert, Frauenarzt zu werden?

Herr Dr. Boos: Schon vor dem Studium, war für mich eigentlich klar, dass ich Frauenarzt werden möchte. Es gab von Anfang an eine Begeisterung für dieses Fach in mir, die im Studium mit mehr Erfahrung in der Gynäkologie immer weiter untermauert wurde.

Die Frauenheilkunde ist dabei aber auch wahnsinnig breit aufgestellt: Zu einer jahrelangen chirurgischen Ausbildung kommt die Geburtshilfe und die Schwangerschaftsbegleitung. Mich haben von Anfang an auch Stoffwechselvorgänge und Hormone fasziniert und eigentlich gehören wir ja zu den „Spezialisten“, die immer noch den ganzen Menschen im Blick haben (sollten).

Am Anfang war es aber eine Bauchentscheidung – und was für eine. Ich bin jetzt seit über 30 Jahren in meinem Beruf tätig und gehe immer noch mit ganz viel Freude in die Arbeit. Das ist unbezahlbar!

jameda: Was macht Ihnen im Praxisalltag am meisten Freude? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Herr Dr. Boos: Die Begegnung mit meinen Patientinnen und die gemeinsame Freude, wenn ich helfen kann. Und das echte Glück, wenn Frauen zur Schwangerschaftsvorsorge zu mir in die Praxis kommen, die ich selber vor 25 oder 30 Jahren im Bauch ihrer Mütter gesehen habe. Das ist Freude pur.

Die größte Herausforderung in meinen Augen ist die Gratwanderung zwischen Ehrlichkeit und Zumutbarkeit beim Überbringen schlechter Nachrichten. Und das geht eigentlich nur mit Blick für die Gesamtsituation, Wertschätzung und Zuneigung für den Menschen, der mir gegenübersteht.

jameda: Welchen Vorurteilen begegnen Sie häufig in Ihrer Praxis?

Herr Dr. Boos: Echten Vorurteilen wirklich sehr selten. Am ehesten noch sind manche Patientinnen durch schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit belastet und sehen den Besuch beim Frauenarzt als äußerst unangenehm an. Ist er aber nicht. Und das versuchen ich und mein Team auch zu zeigen.

jameda: Manche Krankheiten und Therapien sind unangenehm und verlangen viel Durchhaltevermögen vom Patienten. Was raten Sie Patienten in solchen Situationen? 

Herr Dr. Boos: Vertrauen steht an oberster Stelle. Neben der fachlichen Qualifikation sollte es eine wirklich gute emotionale Beziehung zwischen Patientin und Arzt geben. Ganz wichtig von meiner Seite ist, erst einmal zuzuhören, was meine Patientin überhaupt wünscht. Erst dann kann man auch gut beraten. Natürlich gibt es Leit- und Richtlinien, und meistens aus gutem Grund. Aber genauso wichtig ist die Individualität meiner Patientin.

Wenn es zwischen Arzt und Patientin eine Brücke des Vertrauens gibt, kann man sich auf ihr treffen oder sogar von einer Seite zur anderen gehen. Und dann lassen sich auch schwere Krankheiten und schlechte Zeiten gemeinsam durchstehen.

jameda: Wie reagieren Sie, wenn Sie merken, dass ein Patientin Ihren Therapieplan nicht befolgt?

Herr Dr. Boos: Mit Geduld und Nachfragen und je nach Grund auch manchmal mit Humor. Natürlich haben unsere Patientinnen das Recht, sich unter einer Therapie neu und gegebenenfalls auch anders zu entscheiden. Da muss einem als behandelndem Arzt kein Zacken aus der Krone fallen. Es macht mir Freude, mit meinen Patientinnen zu sprechen, die sich Gedanken über ihre Therapie machen. 

Aber natürlich freue mich auch über die, die auf mich hören. Das sage ich ihnen auch. Für Gutes zu loben, bringt meine Patientinnen (und mich) auf lange Sicht viel weiter, als für Schlechtes zu tadeln.

© BoosDer Wartebereich der Praxis Dr. Boos. (© Boos)jameda: Wenn Sie das Gesundheitssystem ändern könnten, was würden Sie als Erstes tun?

Herr Dr. Boos: Ich würde mich für mehr Wertschätzung der Pflegeberufe und der Leistung der Hebammen einsetzen. Das geht durch Meinungsbildung und Geld. Man muss es klar sagen: Gemessen an den Dienstzeiten und an der Verantwortung, die sie tragen, sind Hebammen, Krankenschwestern und Pfleger einfach zu schlecht bezahlt. Großartige Ankündigungen, 10.000 zusätzliche Stellen im Bereich der Pflege zu schaffen, sind Luftschlösser der Politik. Wer soll sie denn besetzen?

Es gibt ja bereits jetzt viel mehr als 10.000 unbesetzte Pflegestellen in diesem Land und der Hebammenmangel ist in Kliniken und Praxen seit Jahren greifbar. Gebt diesen Berufen weniger Bürokratie und mehr Geld für ihre gute Arbeit! Dann werden sich auch wieder mehr Menschen finden, die in diesen Bereichen arbeiten wollen.

jameda: Kein Mensch ist perfekt. In welchen Bereichen haben Ärzte Ihrer Meinung nach Verbesserungspotential?

Herr Dr. Boos: Vor allem eines scheint mir wichtig: Dem Patienten zuzuhören ist eine Eigenschaft, die vielen Ärzten verloren gegangen ist. Das kostet erst einmal Zeit – natürlich. Und es bedeutet auch, zu versuchen zu verstehen, was zwischen den Zeilen steht. Aber am Ende ist das gut für den Patienten und nebenbei bemerkt auch für die ärztliche Arbeit. Ich habe in diesem Zusammenhang mal einen wunderbaren Satz gehört: „Erst Auge und Ohr, dann Labor“.  Treffender kann man es nicht formulieren.

jameda: Die Welt der Medizin verändert sich ständig. Gibt es neue Therapieverfahren oder Gerätschaften, die Sie in Ihrer Praxis anwenden?

Herr Dr. Boos: Der medizinische Fortschritt entwickelt sich mit unfassbarer Geschwindigkeit. In meinem Fach hat vor allem, was die Arbeit in der Praxis angeht, der Ultraschall eine vor 30 Jahren nicht erträumte Veränderung durchmacht. Wir steigen zwar nicht gleich auf jedes neue Pferd, schauen uns aber die Entwicklung der neuen Verfahren ganz genau an. Wenn sich Veränderungen etablieren, versuchen wir allerdings auch, zeitnah zu investieren.

Und dann gibt es noch neue Testverfahren, die dank immer besserer Technik auch in der eigenen Praxis durchgeführt werden können. Wenn es möglich und sinnvoll ist, machen wir das. Ansonsten übernehmen wir in der Praxis für die neuen Verfahren die Präanalytik und geben die Resultate an unsere Kollegen im Labor oder z.B. in der Humangenetik weiter.

jameda: Gibt es einen Patienten oder ein Erlebnis in Ihrer Praxis, das Sie nie vergessen werden?

Herr Dr. Boos: Nicht einen, ganz viele! Bewegend, schön, lustig und spannend - man könnte leicht ein Buch schreiben. Wer mit Menschen arbeitet, erlebt ganz viele kostbare Dinge.

jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?

Herr Dr. Boos: Den eigenen Körper wertschätzen! Sich selber als ein großartiges Wunder und etwas Wertvolles begreifen.

Und dann mit sich selber so umgehen, wie Sie es mit geschätzten Dingen in Ihrem sonstigen Leben auch tun. Und für alle, die heranwachsende Kinder haben: Versuchen Sie doch, sich selber mit dem selben Anspruch zu behandeln, den Sie sich für Ihre Kinder wünschen.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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