Artikel 13/04/2020

Coronavirus und Blutdrucksenker: Was Sie jetzt wissen müssen

Prof. Dr. med. Rainer Wessely Internist, Kardiologe, Angiologe
Prof. Dr. med. Rainer Wessely
Internist, Kardiologe, Angiologe
coronavirus-und-blutdrucksenker-was-sie-jetzt-wissen-muessen

Millionen unserer Patienten sind an Bluthochdruck erkrankt. Die meisten werden wird mit ACE-Hemmern wie Ramipril oder Lisinopril oder aber Sartanen, sogenannten AT1-Rezeptor-Blockern, wie Valsartan oder Candesartan, behandelt.

Diese beiden Medikamentenklassen werden als sogenannte RAAS-Blocker (Renin-Angiotensin-Aldosteron-System-Blocker) bezeichnet.

Der Hintergrund

Jüngste Beiträge in der Laienpresse aber auch in medizinischen Publikationen haben für Unsicherheit gesorgt. Sie verunsichern bei der Frage, ob Patienten, die diese Medikamente nehmen, häufiger oder schwerer an einer Coronavirusinfektion erkranken. Daher ist es sinnvoll, diesen Aspekt aufzugreifen und zu klären.

In der derzeit größten Fallstudie aus China hinsichtlich der Covid-19- oder SARS-CoV-2-Pandemie war der arterielle Blutdruck die häufigste Begleiterkrankung der Patienten mit einer registrierten Häufigkeit von ca. 15 %.

Es wird angenommen, dass Patienten, welche Begleiterkrankungen wie eine arterielle Hypertonie haben, eine höhere Wahrscheinlichkeit für einen erschwerten Krankheitsverlauf bezüglich dieser Viruserkrankung haben.

Allerdings nimmt man an, dass in China nur etwa 40 % der Patienten mit Bluthochdruck tatsächlich medikamentös behandelt werden, wovon ca. 25 bis 30 % mit RAAS-Blockern therapiert sind.

Was sind die Effekte von RAAS-Blockern am Menschen?

RAAS-Blocker führen u. a. zu einer Hochregulation von ACE2, einem Enzym, das über bestimmte Effekte hilft, den Blutdruck zu senken. Hierzu gehören Effekte, die gegen eine Vasokonstriktion, also das Engerstellen arterieller Gefäße, gegen die Natriumretention im Körper sowie gegen Fibrose, also vermehrter Bildung und Ansammlung von Bindegewebe in verschiedenen Organen, gerichtet sind.

ACE2 kommt in vielen Geweben vor, unter anderem dem Herz und der Niere, aber auch in den Zielzellen für Covid-19 und in Epithelzellen der Lunge.

Der genaue Zusammenhang zwischen RAAS-Blockern und der ACE2-Regulation ist derzeit in vielen Facetten noch nicht genau bekannt.

Covid-19 und RAAS-Blocker-Therapie: Es geht insbesondere um ACE2

Covid-19 scheint nicht nur durch ACE2 in Zellen zu gelangen, sondern führt auch zu dessen Herunterregulation, so dass ACE2 nicht mehr seine organschützenden Effekte entfalten kann. Im Mausmodell konnte mit dem eng verwandten SARS-CoV-1-Virus gezeigt werden, dass eine RAAS-Blockade den akuten lungenschädigenden Effekten des Virus entgegenwirken kann.

ACE2 hat ebenso eine etablierte Rolle beim Schutz des Herzens nach einer Herzschädigung bzw. bei einer entzündlichen Herzerkrankung. Bei 35 % der Patienten, die an SARS gestorben waren, konnte der Virus aus dem Herzmuskel isoliert werden. Zudem waren die ACE2-Konzentrationen im Herzgewebe vermindert.

Daher wurde am Menschen kürzlich eine Phase-2-Studie über die Wirksamkeit von ACE2 bei einer SARS-Infektion gestartet. Es liegen aber noch keine verlässlichen Ergebnisse vor. Wie bereits beschrieben, führen auch RAAS-Blocker für die Blutdrucksenkung zur Hochregulation des organprotektiven ACE2.

Wie lauten die aktuellen Empfehlungen?

Was leiten wir anhand der aktuellen Erkenntnisse für die klinische Behandlung von Patienten mit RAAS-Blockern ab?

  • RAAS Blocker (Ace-Hemmer, Sartane) sollten nicht aus Furcht vor einer Coronavirusinfektion abgesetzt werden.
  • Bei stabilen Patienten, die sich am Coronavirus infiziert haben, sollte die Medikation erst einmal nicht verändert werden.
  • Wie immer muss die Medikation bei schweren Krankheitsverläufen im Einzelfall nach ärztlicher Vorgabe angepasst werden.

Dieses Vorgehen wird von allen wesentlichen Fachorganisationen empfohlen.

Das Fazit

Es gibt derzeit also keinen Grund bei nicht infizierten oder stabilen infizierten Patienten RAAS-Blocker abzusetzen. Im Gegenteil, abruptes Absetzen ohne medizinische Indikation könnte zu einer Verschlechterung der Gesundheit von Patienten führen.

Weitere Informationen – insbesondere für Mediziner und medizinisches Fachpersonal

Allen Interessierten empfehle ich den Artikel von Vaduganathan, M. und Kollegen, der im New England Journal of Medicine, der weltweit führenden medizinischen Fachzeitschrift, veröffentlicht wurde.

Ausblick

Die Covid-19-Pandemie und insbesondere die Diskussion um therapeutische Optionen verdeutlicht einmal mehr die besondere Wichtigkeit der seriösen medizinischen Forschung sowie der evidenzbasierten Medizin. Ohne sie könnten wir so wichtige Fragen nicht nachhaltig beantworten.

Die Veröffentlichung dieser Inhalte durch jameda GmbH erfolgt mit ausdrücklicher Genehmigung der Autoren. Die Vervielfältigung, Bearbeitung, Verbreitung und jede Art der Verwertung außerhalb der Grenzen des Urheberrechtes bedürfen der schriftlichen Zustimmung der jeweiligen Autoren.

Die Inhalte der Experten Ratgeber ersetzen nicht die Konsultation von medizinischen Spezialisten. Wir empfehlen Ihnen dringend, bei Fragen zu Ihrer Gesundheit oder medizinischen Behandlung stets eine qualifizierte medizinische Fachperson zu konsultieren. Der Inhalt dieser Seite sowie die Texte, Grafiken, Bilder und sonstigen Materialien dienen ausschließlich Informationszwecken und ersetzen keine gesundheitlichen Diagnosen oder Behandlungen. Es wird ausdrücklich darauf hingewiesen, dass Meinungen, Schlussfolgerungen oder sonstige Informationen in den von Dritten verfassten Inhalten ausschließlich die Meinung des jeweiligen Autors darstellen und nicht notwendigerweise von jameda GmbH gebilligt werden. Wenn die jameda GmbH feststellt oder von anderen darauf hingewiesen wird, dass ein konkreter Inhalt eine zivil- oder strafrechtliche Verantwortlichkeit auslöst, wird sie die Inhalte prüfen und behält sich das Recht vor, diese zu entfernen. Eigene Inhalte auf unserer Website werden regelmäßig sorgfältig geprüft. Wir bemühen uns stets, unser Informationsangebot vollständig, inhaltlich richtig und aktuell anzubieten. Das Auftreten von Fehlern ist dennoch möglich, daher kann eine Garantie für die Vollständigkeit, Richtigkeit und Aktualität nicht übernommen werden. Korrekturen oder Hinweise senden Sie bitte an experten-ratgeber@jameda.de.


www.jameda.de © 2023 - Wunscharzt finden und Termin online buchen.

Diese Webseite verwendet Cookies.
Surfen Sie weiter, wenn Sie unserer Cookie-Richtlinie zustimmen.