Coronainfektion, Long Covid und das Mikrobiom

Long Covid Symptome weisen einen Zusammenhang mit einem veränderten Mikrobiom auf. (© Harryarts - freepik)

Schon seit längerer Zeit ist die Welt in unserem Darm, die durch das Vorhandensein bestimmter Keime geprägt ist (das sogenannte „Mikrobiom“), Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen und Inhalt von Büchern und Vorträgen in der Presse.

Durch die hohe Anzahl von Coronainfektionen und eine Welle von Patienten mit dem sogenannten Long- Covid-Syndrom im Rahmen der Corona-Pandemie ist die Frage nach einem Zusammenhang zwischen dem Mikrobiom und den anhaltenden Symptomen nach einer Corona-Infektion zum Fokus wissenschaftlicher Untersuchungen geworden.


Welche Beschwerden sind typisch für das Long-Covid-Syndrom?

Die Coronainfektion an sich kann sich durch Fieber, Husten, Muskelschmerzen, Lungenentzündungen und akutes Atemversagen äußern. Auch neurologische Beschwerden, wie Geruchsverlust, epileptische Anfälle und Schlaganfälle sowie Magen-Darm-Symptome (Übelkeit, Erbrechen, Durchfall und Bauchschmerzen) sind mögliche Beschwerden und Folgeerkrankungen.

Ein Großteil der Patienten berichten nach einer Corona-Infektion (egal welchen Schweregrades), dass auch 6 Monate nach der Infektion noch mindestens ein Symptom weiterhin besteht. Die Symptome können einerseits die Lunge selber betreffen und sich in Husten und Atemnot oder aber einer Erschöpfung (Fatigue), Muskelschwäche, Gedächtnis- oder Aufmerksamkeitsprobleme oder Schlafstörungen äußern. Die Gründe für das lange Bestehen der Beschwerden und warum es ausgerechnet bei Covid-19 zu einer derart hohen Anzahl an persistierenden Beschwerden kommt, sind noch weitestgehend unklar.


Warum sollte es ausgerechnet einen Zusammenhang mit dem Darm geben?

Der Darm ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Immunsystems. Es befinden sich hier 1014 Mikroorganismen mit ca. 1.000-1.500 verschiedenen Bakterienarten. Die Aufgaben des Darmes und seines Mikrobioms sind unter anderem die Abwehr von fremden Keimen und die Erhaltung der Integrität des Darmes und seiner Barrierefunktion.

Hier befinden sich ca. 70-80 % aller Immunzellen des Körpers. Eine sogenannte „Dysbiose“, also Veränderungen im Mikrobiom mit einem Ungleichgewicht der Darmkeime spielt eine Rolle bei vielen Infektionskrankheiten.

Man hat herausgefunden, dass bei einer Covid-19-Infektion signifikante Veränderungen und Störungen im Mikrobiom stattfinden. Die Zahl der opportunistischen Keime im Darm steigt. Sie können sich durch eine Schwächung des Immunsystems ausbreiten und Infektionen verursachen. Die Zahl vorteilhafter Keime wie z. B. Faecalibacterium prausnitzii, Eubacterium rectale und Bifidobakterien verringert sich, sodass sie unterrepräsentiert sind.

Somit kann die resultierende verminderte Immunantwort durch die Covid-Infektion zu einer verzögerten Genesung nach der Infektion beitragen. Eine aktuelle Studie aus China konnte zeigen, dass bei Patienten mit Long-Covid-Syndrom eine bestimmte Zusammensetzung des Darmmikrobioms vorliegt und zu länger bestehenden Symptome prädisponiert. Bestimmte Muster der Zusammensetzung korrelieren mit spezifischen Langzeit-Symptomen.


Welche Schlussfolgerungen können wir daraus ziehen?

Leider fehlen uns aktuell Daten, aus denen wir sehr konkrete und evidenzbasierte Handlungsanweisungen und Therapiemöglichkeiten ableiten können. Interessant ist dennoch: Der Darm scheint auch bei der Covid-Infektion und der Zeit danach eine große Rolle zu spielen. In vielen Fällen kann eine Mikrobiomanalyse durchaus sinnvoll sein, um bestimmte Muster oder Dysbiosen (Ungleichgewichte in der Darmflora) festzustellen.

Auch scheinen bestimmte Muster von Darmkeimen vorherzusagen, wer eher für ein Long-Covid-Syndrom prädisponiert ist. Anhand dessen können Ernährungsempfehlungen oder die Verordnungen von bestimmten Präbiotika erfolgen, um die Immunfunktion des Darmes zu verbessern und ggf. auch das Mikrobiom positiv zu beeinflussen.

Falls Sie unter Symptomen eines Long-Covid-Syndroms leiden, sollten sie auf jeden Fall einen entsprechenden Facharzt (Pulmologe, Neurologe, Kardiologe, je nach Symptomen) oder Neuropsychologen (bei Gedächtnisproblemen) aufsuchen.


Quellen:
Covid 19 and Gut Microbiota: A potential Connection. Rajput et al. Int J Clin Biochem 2021 36(3):266-277
Gut microbiota dynamics in a prospective cohort of patients with post-acute COVID19 syndrom. Liu Q et al. Gut microbiota2022; 0:1-9

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare (3)

M. S., 03.04.2022 - 17:12 Uhr

Danke für ihre Antwort

M. S., 29.03.2022 - 17:19 Uhr

Würden Sie dann eine regelmäßige Mikrobiomanalyse empfehlen?

Antwort von Dr. med. Sabine Uez, verfasst am 02.04.2022

Regelmäßig auf jeden Fall nicht. Aber falls die Beschwerden länger nach der Covid Erkrankung persistieren kann eine (einmalige) Mikrobiom Analyse durchaus hilfreich und spannend sein. Auch mit dem Einsatz von Präbiotika bei Long Covid haben wir gute Erfahrungen gemacht, größere Studien gibt es allerdings hierzu noch nicht.

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