Psychoneuroimmunologie (PNI): Wie die Psyche die Entstehung chronischer Erkrankungen wie Krebs beeinflusst

Frau Lottes

von
verfasst am

© contrastwerkstatt - fotoliaDie Psychoneuroimmunologie kann auch in der Krebsbehandlung neue Methoden eröffnen (© contrastwerkstatt - fotolia)Die Psychoneuroimmunologie (PNI) als Teilgebiet der Psychosomatik ist noch ein junges, interdisziplinäres Forschungsgebiet in USA und Europa. In den letzten 35 Jahren hat man den Einfluss der Gedanken, der Gefühle und des Verhaltens auf das körperliche Wohlbefinden genauer wissenschaftlich untersucht. So besteht nicht nur der unmittelbare Einfluss der Psyche auf das Immunsystem. Das Immunsystem reagiert auch sensibel auf Signale des Nervensystems und des Hormonsystems und umgekehrt. Die „biochemische Kommunikation“ findet mittels Botenstoffen systemisch in komplexen Regelkreisen statt. 

Die Schlüsselerkenntnisse der Psychoneuroimmunologie

  • Unser Organismus unterscheidet in seinen Abwehrmechanismen kaum zwischen stofflichen „Feinden“ wie Bakterien, Viren, sonstigen Mikroorganismen, Feinstaub, Giften einerseits und nicht-stofflichen, seelischen Stressoren andererseits
  • Persönlichkeitseigenschaften wie
    • ein optimistisches Lebensgefühl,
    • Gefühle der Dankbarkeit und Stolz
    • Zugang zu und Ausdruck einer Vielfalt von Emotionen
    • ein positiver Selbstwert und das Gefühl der Selbstwirksamkeit
    • gepaart mit einer guten sozialen Einbindung in Familie und Freundeskreis 

sind Booster des Immunsystems. Selbst bei einer genetischen Vorbelastung spielt die Psyche eine wesentliche Rolle, inwiefern eine Genexpression „angeschaltet“ wird oder nicht.
[nach Christian Schubert, Prof. Dr. Dr. M. Sc. Uniklinik Innsbruck]


Stressantwort als Ganzkörpererleben

Wenn der Mensch „von Fremdkörpern bedroht“ wird oder sich von einer Situation aktuell überfordert fühlt, setzt die Stressantwort als Ganzkörpererleben ein: Im Gehirn wird der Sympathikus (vegetatives Nervensystem) aktiviert. Die Hypophyse im Gehirn befiehlt der Nebenniere die Hormone Adrenalin und Noradrenalin sowie Cortisol zu produzieren. Durch Adrenalin beschleunigt sich der Herzschlag und der Blutdruck steigt, die Atmung wird schneller und flacher. Cortisol bewirkt, dass Energieträger mobilisiert werden.

Das sind zunächst die Zucker-Depots. Dann werden auch Strukturproteine in Knochen, Muskulatur und der Haut und schließlich Fette zu Zucker umgebaut. Es erhöht sich der Blutzuckerspiegel, um dem Gehirn und den Muskeln rasch Energie zuzuführen. Alles wird ganz archaisch auf Kampf oder Flucht ausgerichtet.

Immunologisch reagiert die „erste Kampflinie“, das angeborene, unspezifische Immunsystem rasch auf die fremden Eindringlinge. Fress-, Killerzellen und Granulozyten gelangen über die Blutbahn zum Ort des Geschehens. Zudem wird dort eine lokale Entzündungsreaktion oder generalisiert Fieber über sogenannte Zytokine ausgelöst. Reicht die Aktivität des unspezifischen Immunsystems nicht aus, tritt das spezifische, erworbene Immunsystem auf den Plan. T-und B-Zellen haben sich auf bestimmte feindliche Mikroorganismen spezialisiert. Von B-Zellen gebildete Antikörper, sogenannte Immunglobuline, markieren virusinfizierte Körperzellen, aber auch Krebszellen. T-Zellen attackieren und zerstören diese dann. Am Ende müssen die Zellreste und Antigen-Antikörperkomplexe wieder sauber beseitigt werden.

Schließlich kommt das Signal „Kampfhandlungen beenden“. Veränderungen im Stoffwechsel mit dem Ziel der Anhebung des Zuckerspiegels im Blut, das Entzündungsgeschehen und der Attacke-Modus im Immunsystem müssen zurückgefahren werden. Der Parasympatikus als Ruhepol (Gegenspieler des Sympathikus, Nervensystem) reduziert die Herz- und Atemfrequenz, regt die gesamte Verdauungsfunktion an – von Nahrungsmitteln und im übertragenen Sinn auch von emotional-aufgeladenen Ereignissen. Das Hormon Cortisol dämpft nun die Entzündungs- und Immunreaktion.

© sean - iStockChronischer Stress hat einen hohen Einfluss auf den Körper und kann zu vielen Erkrankungen führen (© sean - iStock)Bei chronischem Stress fehlt der Schritt der Gegenregulation

1. Die kontinuierliche Sympatikus-Dominanz schwächt das Verdauungsfeuer, denn nur im Zeichen des Gegenspielers Parasympathikus wird gut verdaut.

2. Die kontinuierlich verflachte Atmung führt zu einer Sauerstoffunterversorgung in den Geweben.

3. Ein chronisch hoher Cortisolspiegel (Hypercortisolismus)

Die kontinuierliche Sympatikus-Dominanz schwächt das „Verdauungsfeuer“, was zunächst als Verdauungsstörungen wahrgenommen werden kann. Zusammen mit falschen Ernährungsgewohnheiten, einer verflachten Atmung mit Sauerstoffunterversorgung, entsteht ein saures Milieu mit toxischen Rückständen in den Geweben. Im körperlichen Selbsthilfeprogramm zur Pufferung des sauren Milieus erfolgt u.a. der Abbau von Calcium in den Knochen. Die Folge ist eine reduzierte Knochendichte und Osteoporose, verbunden mit erhöhtem Entzündungsgeschehen. Kontinuierliches Entzündungsgeschehen („silent inflammation“) ist die Basis des Alterungsprozesses.

Ein chronisch hoher Cortisolspiegel (Hypercortisolismus) bewirkt einen konstanten Umbauprozess von Proteinen und Fetten zu Zucker - ohne Sauerstoffbeteiligung (anaerob). Dies kann schließlich zu Diabetes führen. Achtung: Krebszellen lieben Zucker und beherrschen die anaerobe Zellatmung. 

Hypercortisolismus bewirkt auch, dass im Immunsystem das Gleichgewicht von der zellulären in Richtung der humoralen Abwehr (Proteine in Blutplasma und Lymphe) verschoben wird. Die zelluläre Abwehr ist aber zuständig für Viren und eliminiert fehlerhafte Zellreproduktionen, d.h.  Krebszellen. Gleichzeitig wird die Produktion von Antikörpern hochgefahren. Das macht uns anfälliger für Allergien, Hauterkrankungen wie Neurodermitis und Autoimmunerkrankungen.

Große Metastudien in der Psychiatrie konnten zeigen, dass bei psychischen Erkrankungen wie  Depressionen, manisch-depressiven Episoden und Borderline-Störungen der Cortisolspiegel langfristig deutlich über Normalniveau liegt, was die Neuroplastizität des Gehirns im präfrontalen Cortex beeinflusst. Die sich daraus ergebenden Einschränkungen im assoziativen Denken und damit die Fähigkeit, flexibel auf unsere Umwelt reagieren zu können, machen wiederum die Wechselwirkungen deutlich.

© Igor Mojzes - fotoliaEin gesunder Lebensstil ist eine wichtige Grundlage, um Stress im Alltag zu entgehen (© Igor Mojzes - fotolia)Chronischer Stress und moderner Lebensstil

Die Arbeitsverdichtung und stetige Erreichbarkeit im Beruf sowie Schichtarbeit führen zum Verlust des Lebensrhythmus als Wechsel zwischen Aktivität und Muße. Der zirkadiane Rhythmus, die Fähigkeit, physiologische Vorgänge im Körper auf einen Zeitraum von etwa 24 Stunden zu synchronisieren, gerät aus dem Tritt. Sofort ist es spürbar beim Jetlag nach Langstreckenflügen.

Eine längerfristige Störung der inneren Uhr äußert sich in chronischen Schlafstörungen. In der Anamnese stelle ich dann häufig fest, dass zusammen mit den Schlafstörungen ein deutlicher Anstieg des Blutdrucks mit starken Schwankungen einhergehen und Hitzeattacken beschrieben werden. Allesamt physiologische Vorgänge, die diesem 24-Stunden-Rhythmus unterliegen.

Ernährung: Schnelles „Verschlingen to go“ von

  • Fertiggerichten mit kanzerogenen Additiven, 
  • stark gespritztem und gedüngtem Obst und Gemüse, 
  • Tierprodukten mit einem Antibiotika-Stresshormon-Cocktail 

stehen in Widerspruch zum Wortsinn von Lebensmittel, die uns nähren sollen. Teure Nahrungsergänzungsmittel können diese Defizite nicht ausgleichen. Erhöhter Alkoholkonsum als Beruhigungs- und Schlafmittel belastet die Leber mit toxischem Ethanol als Abbauprodukt und behindert den gesamten Stoffwechsel, auch die Produktion von immunologischen Eiweißen. Unzureichende Bewegung erlaubt keinen adäquaten Abbau der Flucht- und Kampfhormone Adrenalin und Noradrenalin. Manchmal kommt noch Rauchen oder die Einnahme von aufputschenden Drogen hinzu.

An dieser Stelle taucht die Frage auf: Warum verändert jemand nicht sein gesundheitsschädliches Verhalten, obwohl alle Informationen vorhanden sind?

Änderungen in Denkmustern und Verhalten fallen deshalb so schwer, weil der Körper als Effizienzkünstler neuronale Verschaltungen im Gehirn fördert, die vielleicht einmal erfolgreich waren und deshalb häufig wiederholt werden. Jede Veränderung ist eine Strukturstörung, die Energie kostet.

So greift das Gehirn lieber auf bewährte Muster wie Verdrängung, Ablenkung und Betäubung zurück. Dies sind aber nur kurzfristige Lösungen und bald meldet sich die energieraubende Unruhe zurück. [nach Harald Hüther, Neurobiologe – Hirnforscher].

Letztendlich ist das subjektive Empfinden, entscheidend dafür verantwortlich, ob der Stressor als Herausforderung oder als bedrohliche und überfordernde Situation wahrgenommen wird.


© MaleWitchi_StockWie Traumata und das Familiensystem die Stressmuster beeinflussen (© MaleWitchi_Stock)
Was die psychische Stabilität entscheidend beeinflusst

Als potentiellen Risiken eines permanenten „Stress-Grundrauschens“ für
lassen sich identifizieren:

  1. traumatische Erfahrungen in der frühkindlichen Entwicklung, wie z.B. der Tod eines Elternteils oder einer anderer nahestehenden Bezugspersonen, ein lebensbedrohlicher Unfall, Krieg und Flucht, körperlicher oder emotionaler Missbrauch
  2. starkes Stresserleben der Mutter während der Schwangerschaft: Trennung vom Vater, Gewalt und Streit in Beziehungen, finanzielle Sorgen, ein lebensbedrohlicher Unfall, Krieg und Flucht
  3. schwere Schicksale im Familiensystem, die gehäuft auftreten und von Generation zu Generation weitergegeben In der Familienanamnese findet man hier gehäuft psychiatrische 
    Erkrankungen, Krebserkrankungen, Autoimmunerkrankungen wie Diabetes I, Multiple Sklerose, M. Bechterew, Hashimoto-Thyreoiditis, entzündliche Darmerkrankungen, rheumatoide Arthritis oder M. Parkinson.

Eine Krankheit ist zeitversetzt diagnostizierbar, wenn ein aktuell-belastendes Ereignis emotional kongruent an dem historischen Motiv des „Stress-Grundrauschens“ angedockt hat.

Die Gesprächspsychotherapie findet einen guten Zugang zur Kategorie 1, wo die Beschäftigung mit der eigenen Biographie im Vordergrund steht und die traumatische Erfahrung nach der Ausbildung von Sprache beim Kleinkind stattfand.

Bei den Kategorien 2 und 3 ist die Einbettung von hypnotherapeutischen Elementen zusammen mit systemischen Strukturaufstellungen und Ritualen unabdingbar.

Von der Symbiose zur Autonomie

Eine normale psychosoziale Entwicklung zu einem autonomen Selbst wurde gestört durch kindliche Übernahme von Schuld und Scham von einem Elternteil, Einnahme der Position eines toten Ahnen, mit der Folge einer Rollen- und Identitätsdiffusion bis ins Erwachsenenalter. Die kindliche, bedingungslose Anpassung (Verbiegen, nicht nur im sprichwörtlichen Sinn) geschieht, um die Fürsorge und Liebe der engsten Bezugspersonen nicht zu verlieren. So kommt man auf dem eigenen Lebensschiff nie an, weil man immer auf den Schiffen der anderen unterwegs ist. Im Alltag machen diese Symbiosemuster eine gesunde Abgrenzung unmöglich. Statt ganz bei sich zu sein und von da aus stabile Beziehungen aufzubauen, ist ein stetes Mitleiden und Kümmern zu beobachten, wo die eigenen Grenzen gegen Übergriffe des Umfeldes nicht oder nur erschöpfend-aggressiv verteidigt werden können und umgekehrt der Raum des Gegenübers ebenso ständig verletzt wird.

Über die Rollenklärung, der Rückholung verlorener Selbstanteile und Abgrenzungsrituale kommt man in die eigene Kraft und fühlt sich sehr lebendig.

Die gesunde Abgrenzung als autonomes Selbst spiegelt sich im Immunsystem wider. In der selben Lebensspanne - von der Geburt bis zur frühen Adoleszenz- entwickelt sich das individuelle, spezifische Immunsystem und findet der Individuationsprozess der Persönlichkeit statt.  Die Unterscheidungsfähigkeit von Eigen und Fremd auf Zellebene und dem Ich und Du auf der Beziehungsebene bedingen sich. Ein erfolgreicher Heilungsprozess setzt auf diese Verknüpfung. 

Dies haben weltweite Untersuchungen zu erfolgreichen Krebstherapien auf der Basis von Behandlungsprotokollen und Interviews mit langfristig Überlebenden eines finalen Stadiums bestätigt.

Außerdem entscheidend: Ernährung umstellen, Lebensenergie steigern und Entgiftung. Medikamente spielten eine untergeordnete Rolle. [Lothar Hirneise, Forschungsdirektor der Foundation for Alternative Medicine, Washington D.C, 2000.]

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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