Verschiedene Ursachen der Stuhlinkontinenz: Diagnostik & Therapie

Welche Ursachen können für eine Stuhlinkontinenz verantwortlich sein? (© absolutimages - fotolia)

Von einer Stuhlinkontinenz spricht man, wenn es Betroffenen nicht mehr möglich ist, den Stuhl zurückzuhalten. Auch wenn sie häufiger ältere Menschen betrifft, kommt sie bei Menschen aller Altersgruppen vor. Dementsprechend hoch sind die damit verbundenen psychischen Belastungen.

Etwa 3% der deutschen Bevölkerung ist von einer Stuhlinkontinenz betroffen, darüber wird aber nicht gesprochen! Wobei aus verschieden Gründen die Anzahl der betroffenen Frauen überwiegt.

Ursachen einer Stuhlinkontinenz

Die Ursachen der Stuhlinkontinenz sind sehr variabel und deswegen können die Diagnostik und Therapie nur ursachenbezogen und individuell erfolgen.

Eine oder mehrere der folgenden Ursachen können allein oder im Zusammenhang mit den anderen Erkrankungen zu einer Stuhlinkontinenz führen:


Neurologische Störungen

  • Erkrankungen des zentralen Nervensystems, die zu einer zentralen Störung der neuronalen Impulsverarbeitung führen.

    Hierzu gehören:
    • Apoplex (Schlaganfall)
    • Alzheimer-Krankheit
    • Multiple-Sklerose
    • Gehirntumor
  • Erkrankungen des Nervensystems, die zu einer Unterbrechung der peripheren neuronalen Impulsverarbeitung führen.

    Hierzu gehören:
    • Tetraplegie (Querschnittslähmung)
    • Spina bifida aperta
    • Multiple Sklerose


Sensorische Störungen

  • Erkrankungen, die zu einer Störung der sensorischen Wahrnehmung im Rektum (Enddarm) und im Analkanal führen.

Zu dieser Gruppe gehören:

  • Hämorrhoidalprolaps III bis IV, allein oder in Kombination mit dem Vorfall des Analkanales
  • Mastdarmwandvorfall und Mastdarmschleimhautvorfall
  • Beeinträchtigung der Stuhlkonsistenz durch verschiedene Ursachen wie
    • CED (chronisch-entzündliche Darmerkrankungen wie M. Crohn und Colitis Ulcerosa)
    • sonstige Kolitisarten
    • hormonell bedingte Durchfälle
    • operationsbedingte Durchfälle wie Kurzdarmsyndrom, Rektumresektion, Kolektomie und seltener sog. chologene Diarrhoe bei Entfernung der Gallenblase

Muskuläre Störungen

  • Erkrankungen, die zu einer Störung der muskulären Leistung des anorektalen Schließmuskelsystems führen.

Zu dieser Gruppe gehören:

  • Operationen verschiedenster Art, die zu einem Teilverlust der Schließmuskeln, Muskelverletzungen oder Muskelschrumpfung (Atrophie) führen können, wie z. B.
  • Erkrankungen, die durch Überdehnung der Beckenboden-Muskelplatte (Pelvine Muskelplatte) und der dazugehörigen motorischen Nerven zu einem Abbau und zu einem Teilverlust der Muskelmasse und Kraft im anorektalen Schließmuskelsystem führen können, wie z. B. die Beckenbodensenkung.
  • Erkrankungen, die durch Beeinträchtigung des nervalen Leitvermögens der zuständigen Nerven im Beckenbodenbereich zu einer motorischen Funktionsminderung in analen Schließmuskelsystem führen können, wie z. B. langwierige Diabetes mellitus


Sonstige Ursachen der Stuhlinkontinenz

Zu dieser Gruppe kann man folgende Stuhlinkontinenzarten zählen:

  • Überlaufinkontinenz bei Überlaufen des Mastdarmes durch die Stuhlmasse bei Stuhlentleerungsstörung z. B. bei einer Obstipation, die selbst verschiedene Ursachen haben kann
  • medikamentöse Ursachen
  • Psychosen als Ursache der Inkontinenz


Verschiedene Schweregrade der Stuhlinkontinenz

Je nachdem, wie stark die Stuhlinkontinenz klinisch ausgeprägt ist, wird diese in drei Gruppen unterteil. Wichtig ist aber in diesem Zusammenhang zu betonen, dass diese Unterteilung nichts über den Leidensdruck der betroffenen Menschen sagt. Deswegen ist und bleibt die Behandlung der Stuhlinkontinenz immer eine individuellen Therapie, die auf den betroffenen Menschen zugeschnitten und angepasst ist.

  • Grad 1: Leichte Form: Unkontrollierter Abgang von Winden
  • Grad 2: Mittlere Form: Unkontrollierter Abgang von dünnflüssigem Stuhl
  • Grad 3: Schwere Form: Unkontrollierter Abgang von geformtem Stuhl


Eine unangenehme Stuhlinkontinenz wirkt sich häufig auch auf die Psyche der Betroffenen aus. (© lite - iStock)
Untersuchungen (Diagnostik) der Stuhlinkontinenz

Vor jeglicher klinischen und apparativen Untersuchung des betroffenen Menschen steht eine qualifizierte und eingehende Anamneseerhebung, die folgende Aspekte erfassen muss:

  • Art und Dauer der Beschwerden
  • Beschwerdebeginn
  • Stuhlfrequenz
  • Stuhlbeschaffenheit
  • Umstände des unfreiwilligen Stuhlabgangs
  • vorhandene Systemerkrankungen
  • frühere Therapien
  • Anzahl und Ablauf von Geburten
  • Operationen
  • vorhandene Medikationen
  • Lebensumstände (Lebensstil) des Menschen

Zu klinisch-proktologischer Untersuchung und Diagnosestellung gehören:

  • Inspektion
  • Tasten
  • digitale Untersuchung
  • Rektoskopie
  • Proktoskopie

Alle weiterführenden Untersuchungen wie

  • Peri- und trananale Sonographie,
  • Sigmoidoskopie,
  • Koloskopie,
  • moderne Röntgenuntersuchung des Enddarmes (MRT- Defäkograpie),
  • Beckenboden-MRT mit und ohne Kontrastmittel und
  • Kolontransportzeitbestimmung (Hinton-Test)

sind fakultative diagnostische Möglichkeiten, die je nach Befund und Notwendigkeit durchgeführt werden müssen.

Das Entscheidende ist einen klaren diagnostischen Algorithmus, der zielführend ist, zu verfolgen. Auch in der Proktologie gilt manchmal: Weniger ist mehr.


Therapie der Stuhlinkontinenz

Therapie der Stuhlinkontinenz kann nur eine individuelle und auf den betroffenen Menschen angepasste Therapie sein.

Auch die Therapie der Stuhlinkontinenz bedarf eines Algorithmus' und einer zielführenden Strategie, die man grob in folgender Reihenfolge ausführen kann

  • Behandlung der Grundursache (Darmentzündung? Darmvorfall? Analvorfall? Hämorrhoidalvorfall? Hormonelle Störung? etc.)
  • diätetische Beratung und ggf. Hilfestellung zu Optimierung der Nahrungsgewohnheiten, ggf. Einleitung einer ernährungsmedizinischen Beratung bei entsprechenden Ernährungsberatern.
  • Optimierung der Stuhlkonsistenz durch Quellmittel wie z. B. Flohsamenschalen, Heilerde, ggf. medikamentös
  • Kontinenzsystemaufbau durch die Beckenbodengymnastik, Neurostimulation wie Biofeedback-Training und perkutane tibiale Nervenstimulation (PTNS)
  • operative Korrektur bzw. Beheben der möglichen organischen Veränderungen wie Mastdarmvorfall, Hämorrhoidalvorfall, Analvorfall, Schließmuskeldefekt und Beckenbodensenkung.

Bei Stuhlinkontinenzen

  • aufgrund einer Beeinträchtigung der nervalen Strukturen des Beckenbodens, dessen Ursache nicht bekannt ist (sogenannte idiopathische Inkontinenz) und auch
  • in Fällen, in denen eine operative Korrektur erfolgt ist und die postoperative Kontinenzleistung für den betroffenen Menschen noch nicht zufriedenstellend ist, kann der Behandler eine sogenannte sakrale Nervenstimulation (SNS) als eine fast minimal invasive und effektive Therapiemethode durchführen.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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