Das jameda-Interview: 8 Fragen an Kerstin Wollenschlägerinfo_plain_20gr

Frau Kerstin Wollenschläger praktiziert als Heilpraktikerin für Psychotherapie in Dresden. (© Wollenschläger)

Ärzte und Heilpraktiker haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellt jameda Frau Kerstin Wollenschläger interessante Fragen zu ihren Erfahrungen als Heilpraktikerin für Psychotherapie.

jameda: Frau Kerstin Wollenschläger, was hat Sie motiviert, Heilpraktikerin für Psychotherapie zu werden, und warum haben Sie sich für Ihre Spezialgebiete entschieden?

Frau Kerstin Wollenschläger: Ich bin mit einem psychisch kranken Familienmitglied aufgewachsen. Bereits im Kleinkindalter habe ich deshalb unter körperlicher und seelischer Gewalt gelitten.

Die Behandlung des Familienmitgliedes lief damals leider nicht so optimal ab. Dies hat mich schließlich dazu bewogen, Heilpraktikerin für Psychotherapie zu werden, um das Leid psychisch kranker Menschen und ihrer Angehörigen zu lindern.

jameda: Worin liegt Ihr Tätigkeitsschwerpunkt und was macht diesen so besonders?

Frau Kerstin Wollenschläger: Einer meiner Schwerpunkte ist die Psychotherapie von Männern.

Mir war aufgefallen, dass meine therapeutische Hilfe viel häufiger von Frauen in Anspruch genommen wurde. Ich habe mich unter Kollegen umgehört und diese haben mir das gleiche berichtet. Die offizielle Statistik bestätigt dies ebenfalls.

Das finde ich äußerst schade. Männer neigen eher dazu, ihre psychischen Probleme zu verdrängen oder mit ungeeigneten Mitteln zu bekämpfen. Das bringt zwar vordergründig erst einmal Entlastung, aber langfristig entstehen dadurch immer neue Probleme.


jameda:
Gibt es im medizinischen Bereich ein Vorbild, das Ihre Laufbahn besonders geprägt hat?

Frau Kerstin Wollenschläger: Eine meiner Spielkameradinnen aus der Kindheit ist die Tochter eines sehr angesehenen und kompetenten Psychiaters und Psychotherapeuten, Herr Dr. Hans-Peter Wunderlich. Ich habe seine Laufbahn stets mit großem Interesse verfolgt. Er hat große Dienste zur Verbesserung und Weiterentwicklung in der Psychiatrie des Sächsischen Krankenhaus Arnsdorf geleistet und betreibt eine sehr erfolgreiche Privatpraxis in Dresden.

Mein zweites große Vorbild ist Dr. Kurt Höck aus Berlin. Als Kind ist mir durch Zufall ein Buch von ihm in die Hände gelangt. Es ist ein kleines, dünnes, gelbes Büchlein aus dem Jahr 1981 mit dem Titel "Gruppenpsychotherapie". Dr. Kurt Höck war Leiter der Psychotherapieabteilung am Haus der Gesundheit in Berlin und später Gesamtleiter dieser Einrichtung. Er gründete die Neurosen-Klinik Berlin-Hirschgarten und war Begründer der Intendierten Dynamischen Gruppenpsychotherapie.

Und mein drittes großes Vorbild ist mein Mentor und Supervisor Dr. Matthias Israel. Am Dresdner Uniklinikum leitete er die Betreuungsstelle für Suizidgefährdete, war als Oberarzt und stellvertr. Klinikdirektor am Aufbau der Klinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Uniklinikum beteiligt. Außerdem leitete als qualifizierter Gruppenanalytiker die Gruppentherapiestation. Er war Chefarzt der Psychosomatischen Abteilung der Meridian Klinik Bad Gottleuba-Berggießhübel und betreibt seit 2018 eine sehr erfolgreiche Privatpraxis für Psychosomatik und Psychotherapie in Dresden. Hier ist er auch als Ausbilder und Dozent, und in der Schweiz als Gutachter tätig.

jameda: Gibt es aktuell Hilfen oder Neuerungen, die Ihnen Ihren Praxisalltag erleichtern können?

Frau Kerstin Wollenschläger: Seit Kurzem nutze ich das Online-Terminbuchungssystem von jameda. Dies ist für Patienten eine sehr einfache, zeitsparende und bequeme Möglichkeit, einen Termin in meiner Praxis zu vereinbaren. Der Patient kann online genau sehen, welche Termine in den nächsten Tagen zur Verfügung stehen. Er kann den für ihn passenden Termin auswählen und mit ein paar Klicks ist alles erledigt.

So kann der Patient auch sehr kurzfristige Termine bekommen, die von anderen Patienten aus dringenden Gründen kurzfristig abgesagt werden mussten. Diese Online-Terminvergabe entlastet mich im Praxisalltag, da einige Telefonate und Emails wegfallen und ich deshalb mehr Zeit für meine Patienten habe.

jameda: Wo sehen Sie in Ihrem Fachgebiet die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Frau Kerstin Wollenschläger: Corona hat leider auch viele chronisch kranke Patienten verursacht. Sie leiden noch viele Monate nach Erkrankung an Long-Covid, einem Chronischen Erschöpfungssyndrom mit vielen unterschiedlichen Symptomen wie:

  • Muskelschwäche,
  • kreislaufbedingter Schwindel,
  • orthostatische Dysfunktion
  • langes Stehen, Laufen, Sitzen verursacht zunehmenden Schwindel und Benommenheit bis hin zu Ohnmachtsanfällen, weil das Gehirn nicht mehr ausreichend mit Sauerstoff versorgt wird,
  • plötzlich auftauchenden und anhaltenden Sehproblemen, obwohl die Augen vor Corona top waren,
  • plötzlich auftauchende und anhaltende Ängste bis hin zu Panikattacken, obwohl der Patient vorher gar kein ängstlicher Mensch war,
  • Konzentrationsprobleme,
  • Merkstörungen,
  • Wortfindungsstörungen,
  • Ohrgeräusche,
  • unerklärliche Körperschmerzen ähnlich Fibromyalgie,
  • ständige Müdigkeit, trotz gesunder Ernährung und ausreichend Schlaf.

Der Patient geht von Arzt zu Arzt. Vielfach bekommt er dann zu hören "Wir finden nichts, das muss psychisch sein." Diese Patienten fühlen sich aber keinesfalls psychisch krank und lehnen diese Ursache strikt ab. Aber gerade dadurch verhindern sie unbewusst eine ursächliche, psycho-somatische Therapie.

Die Patienten habe lange Zeit psychische Belastungen aushalten müssen, ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie haben diese lange Zeit nicht beachtet, unterdrückt, verdrängt. Aber irgendwann ist das "Fass" randvoll. Dann genügt nur noch ein "Tropfen" (Infekt, Grippe, Corona, Schicksalsschlag) und das Fass läuft über bzw. das Chronische Erschöpfungssyndrom bricht aus.

Es ist schwer, diese Patienten zu erreichen, sie von der psychosomatischen Ursache zu überzeugen und zu einer Psychotherapie zu bewegen. Sie fühlen sich durch eine psychische Diagnose stigmatisiert. Sie wollen lieber eine körperliche Ursache haben, weil sie damit leichter umgehen können.

jameda: Was wird an Ihrem individuellen Umgang mit Ihren Patienten besonders geschätzt?

Frau Kerstin Wollenschläger: In meiner Psychotherapie benutze ich für jeden Patienten ein kleines Schulheft. Er soll es zu jeder weiteren Stunde wieder mitbringen, darin schreiben wir die wichtigsten Besprechungsthemen und Erkenntnisse aus der Stunde hinein, manchmal sind auch kleine "Hausaufgaben" dabei, die der Patient bis zur nächsten Stunde erledigen kann. In dieses Heft soll der Patient auch Gedanken und Erkenntnisse hineinschreiben, die ihm in der Zwischenzeit bis zur nächsten Stunde einfallen.

Ich arbeite gern mit Erinnerungsfotos oder Musiktiteln, die der Patient mitbringen kann, die zum jeweiligen Thema der Stunde passen, z. B. Fotos aus der Kindheit von Mutter, Vater, der ersten Liebe oder ein Musiktitel. Diese schauen oder hören wir uns zu Beginn der Stunde an und der Patient ist besser emotional in der Situation und für mich als Therapeutin ist es leichter, mich in diese Situation einzufühlen.

Wenn sich ein gewisses Vertrauensverhältnis aufgebaut hat, erlaube ich dem Patienten auch, unsere Therapiegespräche per Tonaufnahme aufzunehmen. So kann er unser Gespräch zu Hause noch mehrmals anhören. Dadurch bekommt er immer neue Erkenntnisse und es fallen ihm immer wieder neue Details auf, die ansonsten schnell wieder vergessen werden, für immer verloren sind und ungenutzt bleiben.

Dadurch wird die Therapie intensiviert, die Anzahl der nötigen Therapiestunden verkürzt, der finanzielle Einsatz des Patienten verringert.

jameda: Was schätzen Sie an Ihren Patienten besonders?

Frau Kerstin Wollenschläger:

  • Das hohe Engagement, ihre psychische Gesundheit aus eigenem Antrieb zu verbessern.
  • Gute Mitarbeit in der Stunde und in der Zwischenzeit im Alltag durch Erledigung meiner "Hausaufgaben".
  • Ehrliches Feedback mir gegenüber, ganz besonders auch den Mut zum Ansprechen von Kritik an mir und meiner Therapie, damit ich mich stetig verbessern kann.

jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?

Frau Kerstin Wollenschläger: Schaffen Sie ganz bewusst einen Gegenpol zur immer weiteren Verlagerung des Berufs- und Privatlebens in die Online-Welt. Treffen Sie sich ganz bewusst wieder mehr direkt mit Ihren Kollegen im Büro oder beim Lunch. Treffen Sie in Ihrer Freizeit Freunde und Verwandte wieder mehr direkt, also zu Hause, im Café, im Park, beim Spazieren oder Radeln.

Legen Sie regelmäßig (z. B. sonntags) einen online-freien Tag ein und lassen Sie Smartphone, Computer, Radio, Fernseher komplett aus.

Schauen Sie Nachrichtensendungen nicht mehr an. Lesen Sie nur noch online die Überschriften der Nachrichtenartikel und lesen Sie nur wenige ausgewählte Artikel komplett. Tun Sie das möglichst nicht abends vor dem Schlafengehen. Leider, leider quellen die Nachrichten über von negativen Dingen (Krieg, Corona usw). Das verzerrt das Bild von der Realität. Milliardenfach wird täglich auf der Welt gesät, geerntet, gekocht, gegessen, getrunken, gemalt, musiziert, entdeckt, erforscht, erfunden, geflirtet, getanzt, gestreichelt, gedrückt, gekuschelt, geliebt, gelacht, geheilt.

Zur Person

Ich bin eine fröhliche, optimistische Frau und stecke meine Patienten gerne damit an, in meiner Therapie wird öfters gelacht. Ich gehe gerne spazieren, schwimmen, radeln, tanzen, ins Fiti oder liege auf der Couch und lese. Ich habe „fast alle“ Psychologie-Bücher aus der Bibo und der SLUB gelesen.

Zur Praxis

Meine Privatpraxis befindet sich in Dresden Pieschen in einer ruhigen Seitenstraße. Absolute Diskretion und die Einhaltung der Schweigepflicht ist oberstes Gebot. Was wir besprechen bleibt absolut geheim. Sollte Ihnen dies nicht genügen, kommen Sie gerne anonym zu meiner psychologischen Beratung.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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