9 typische Folgen psychischer Misshandlung

Falsche Methoden in der Erziehung können dafür sorgen, dass sich kein eigenes Selbst im Erwachsenenalter ausbilden kann (© MaleWitchi_Stock)

„Irgendetwas scheint mit mir nicht zu stimmen.“ Viele Menschen kennen diesen Gedanken und die damit einhergehenden Gefühle von Unzufriedenheit und mangelndem Selbstvertrauen. Die Ursache dafür liegt oft in der Kindheit. In der westlichen Erziehung ist es immer noch üblich, Kinder nicht zu respektieren. Mit einseitigem Lob und Bestrafungen werden Kinder in eine bestimmte Richtung gedrängt, meistens im Sinne von Funktionieren und Liebsein.

Oft genug kommt ein psychischer Missbrauch hinzu. Eltern machen ihre Kinder zum Partnerersatz, lassen sich von ihnen emotional versorgen, binden sie mit einer umklammernden Liebe oder machen sie zu etwas ganz Besonderem, um ihrem Leben Glanz zu verleihen. So werden Kinder um ihr eigenes Leben betrogen und zum Opfer gemacht.

Welche Folgen kann psychischer Missbrauch haben?

Die psychischen Folgen sind verheerend. Das Kind gerät in einen neurotischen Konflikt mit massiven Auswirkungen auf das spätere Leben.

Um zu überleben, braucht das Kind die Nähe der Eltern. Also passt es sich an und unterwirft sich ihren Forderungen. Schmerzvoll verrät es sein Selbst. Dieses Ureigene ist aber nicht aus der Welt zu schaffen, sondern meldet sich immer wieder mit Wünschen, Bedürfnissen und Aggressionen, die jedes Mal aufs Neue abgewehrt werden müssen.

Hier ist die Ursache für die tiefe Verzweiflung, die viele Menschen fühlen. Manche beschreiben dieses Gefühl auch als inneren Terror oder abgrundtiefen Schmerz.

Von den negativen Gefühlen abgesehen, spielt der Konflikt im Unbewussten. An der Oberfläche zeigt er sich an Verhaltensweisen, die Arbeit und Beziehungen belasten und teilweise unmöglich machen. Die erlernte Opferhaltung hat in der Kindheit erfolgreich das Überleben gesichert und wird deshalb unbewusst beibehalten.

Vielen Betroffenen fällt es schwer, auf andere Menschen zu zugehen und ihnen zu vertrauen (© stokkete - fotolia)
9 typische Verhaltensweisen von Betroffenen

Bei Menschen, die derart zum Opfer gemacht werden, lässt sich oft Folgendes beobachten:

  1. Sie leiden und klagen oft. Dahinter steckt der unausgesprochene Vorwurf aus der Kindheit: „Seht, was ihr mir angetan habt!“. Außerdem erzeugt das Leiden einen gewissen Lebensinhalt.
  2. Um auf Distanz zu bleiben, sind sie kritisch gegen alles und jedermann, was bis zu Vorwürfen und Schuldzuweisungen führen kann.
  3. Weil sie vielfach nicht zwischen respektvoller und missbräuchlicher Nähe unterscheiden können, bleiben sie lieber auf Abstand. Sie lassen sich ungerne ein und bleiben unverbindlich.
  4. Als Kinder mussten sie sich oft dankbar zeigen, auch wenn sie keine Dankbarkeit fühlten. Deshalb nehmen sie lieber nichts an.
  5. Weil sie kein oder wenig Mitgefühl erfahren haben, können sie kaum Mitgefühl für andere Menschen empfinden. Stattdessen neigen sie zu Selbstmitleid.
  6. Wie jeder Mensch übertragen sie ihre Erfahrungen unbewusst auf andere Lebenssituationen. So fühlen sie sich schnell abgelehnt und missachtet.
  7. Ein Teil ihrer Unzufriedenheit rührt daher, dass sie es nicht gelernt haben, in Gefühle und gute Aggressionen zu investieren. So bleibt ihr Leben oft unnötig blass.
  8. Es verwundert nicht, dass sie eher autoaggressiv bzw. masochistisch sind, manchmal sogar selbstmordgefährdet. Allerdings findet man auch einen unempathischen Sadismus.
  9. Süchte und alle möglichen Ablenkungen helfen ihnen, die unerträglichen Spannungen in ihrem Innern zu kompensieren. Oft genug zeigen sich diese Spannungen auch in psychosomatischen Beschwerden.

Mit diesen Verhaltensweisen bleiben die Betroffenen Gefangene im System der Unterwerfung und des Opferseins. Mit ihrer unadäquaten Auflehnung kämpfen sie gegen die ehemaligen Täter und bleiben so an sie gefesselt. Gleichzeitig erzeugen sie bei ihren Mitmenschen oft Ablehnung und reproduzieren so das alte Gefühl des Nicht-Verstanden-Werdens und des Ungewolltseins.


Hinterfragen Sie für sich selbst Ihre Handlungen (© Tom-Hanisch - fotolia)
Was kann ich selbst tun?

Nun ist die Frage, wie man aus dem alten System austreten kann, das einst das Überleben sicherte. Der erste Schritt ist, die Zusammenhänge von ursprünglichem Opferwerden und dem Verharren im Opfersein zu verstehen. Dann kann man es wagen, Neues ins Leben zu lassen. Dazu gehört natürlich, ein Gespür für das Eigene zu entwickeln:

„Was mag ich und was mag ich nicht? Was sind meine Wünsche und Bedürfnisse und wie bringe ich sie in die Welt?“ Diese Fragen können helfen, innerlich autonom zu werden.

Genau zu überprüfen, was im Kontakt mit anderen Menschen passiert, gehört ebenso dazu: „Warum treffe ich mich mit wem in welcher Situation?“ Diese Frage kann aufdecken helfen, was man von anderen erwartet. Für eingespielte Beziehungen kann es hilfreich sein, die gewohnte Routine zu durchbrechen und sich bewusst mit dem Partner zu verabreden. Dabei lernt man immer besser zwischen nährenden und nicht so guten Beziehungen zu unterscheiden.

Sinnvoll ist auch zu überprüfen, wie andere Menschen reagieren. Oft sind sie keineswegs ablehnend, sondern empathisch und wohlwollend. Das muss man sich bewusst machen, um alte negative Erwartungsmuster aufzulösen.

Vor allem braucht es Geduld mit sich selbst, denn oft folgt auf zwei Schritten vorwärts ein Schritt zurück. Das ist richtig und gut, denn man muss sich rückversichern. Die Richtung stimmt ja.

Nicht zu ersparen bleibt, abgespaltene Gefühle von Schmerz, Trauer, Wut und Liebe zu durchleben. Es ist die Unterscheidung von Sein und Nicht-Sein. So bedrohlich sich dieser Prozess anfühlt, er holt unser wahres Selbst zurück ins Leben. Er befreit uns von falschem Selbstmitleid und öffnet uns für echte Menschlichkeit.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare (6)

Sabine T., 12.04.2021 - 19:11 Uhr

Ich erkenne mich wieder, in fast jedem Artikel etwas. Bisher ist es so, das ich nie jemandem erzählt habe, wie schlimm meine Kindheit war. Ich denke immer, wer es nicht selbst erlebt hat, versteht es nicht. Klar ich bin jetzt erwachsen und könnte vergessen, aber vieles ist so tief verankert, das man es auch nicht ablegen kann- die Angst wenn Besuch kommt, die Angst wenn das Telefon klingelt, die Angst vor Menschen usw. Dazu kommen nach Jahren körperliche Beschwerden, wie ständige Übelkeit. Die Therapie hat wenig gebracht.Was kann man denn noch tun?

Nicole, 07.01.2021 - 03:39 Uhr

Wohne seit 2 Jahren bei meinem Vater im Haus. ..Mit meinen Kindern. Er ist ständig betrunken. Er kommt andauern in meine Wohnung. Wie er will...Wann er will. Am Wochenende auch mal morgens um 5 völlig betrunken um mich zu wecken. Er hat mir den Wohnungsschlüssel weg genommen, damit ich nicht abschließen kann. Ich darf Musik hören. Aber nur wenn er will und was er will. Wenn ich Freunde finde schmeißt er sie raus. Lerne ich einen Mann kennen und habe Sex, kommt er genau dann rein. Ich kann nicht mehr.

Hoschkat, 19.02.2020 - 10:03 Uhr

Danke erstmal für diese sehr gut und Recht kurz ;) gehaltene Übersicht. 3 teilstationäre Tagesklinik-Therapieaufenthalte und jahrelange (mit Unterbrechungen) ambulante Psychotherapie haben mir in den vergangenen 15 Jahren einige Aufschlüsse über Kindheits-und Erwachsenen-Erlebnisse gegeben. Ich wurde Jahre nahezu täglich geschlagen oder getreten. Regelmäßig zB auf Hinterkopf und Nacken. Kräftig und voller Häme. Dieser "Mensch" war der Lebenspartner meiner Mutter und Vater der jüngsten von uns 3 Kindern. Ich bin die Mittlere, die ältere ist 4 Jahre älter als ich, die Jüngere knapp 10 Jahre jünger als ich. Seine Kleine hat "er" vergöttert. Mich hat er gehauen. Die älteste hat er weniger drangsaliert. Seine Launen hat er - im nüchternen Zustand bewusst und gezielt; im angetrunkenen Zustand hämisch und voller Wucht; im betrunkenen Zustand hemmungslos - an mir ausgelassen. Meine Erinnerung an meine erste (und vielleicht auch einzige) Hilfesuche bei unserer Mutter: meine geschockte "Beichte" was "vorhin passiert ist" wurde von ihr... wahrscheinlich wegen ihrer eigenen situativen Überforderung, als "kann doch gar nicht sein, das glaube ich nicht" abgewertet und abgewiesen. Es gab dafür und für alles Spätere Ähnliche danach keine Erklärung für mich als knapp 9jähriges Kind. Keine Hilfe, kein Verständnis, keine Heilung meines Körpers und meiner geschundenen Seele. Es gab keine "Bestrafung" für Fehler oder Ungehorsam, sondern Schläge. Heute... die seelischen Wunden schmerzen obwohl sie recht gut vernarbt sind. Doch die Narben platzen immer wieder auf. Weil es im Alltag und in der öffentlichen Gesellschaft überall sogenannte "Trigger" gibt. Diese tauchten auch im Arbeitsleben immer wieder auf. Knallgeräusche, Schreie, Drohgebärden, Häme, - durch meine chronischen Mittelohr - Entzündungen mit Immer wieder in verschiedenen Phasen monatelang mit herauslaufendem Eiter. Beide Ohren seitdem chronisch entzündet. Immer Feuchtigkeit im Innenohr. Darf nix ins Ohr tun da sonst die Feuchtigkeit nicht raus kann. Deswegen kein Hörgeräte oder "Tinnitus-Gerät". Mehrere Entzündungen auch an Kopf-Ohr Knochen zB Felsenbein. Beide Ohren Trommelfelldefekte. Jedes Ohr 3mal operiert. Zuletzt 2011. Jedesmal nach einigen Wochen wieder die Trommelfelle auf - OP's also nutzlos. Seitdem keine Ohren-OP mehr weil Ohren kaputt, vernarbt, Hörnerv angegriffen. Choleriker, Machtmissbraucher, Mobber - ohne Therapeutische und juristische Hilfe wäre ich oft völlig untergegangen. Das "kleine Kind" in mir mag und kann nicht verstehen warum Menschen Freude daran haben, anderen weh tun tun.

Nancy, 24.12.2018 - 01:24 Uhr

Hallo... ich belese mich mit fast 26Jahren das 1. Mal zu diesem Thema. Vorallem da heute die Situation, wie sooft, eskaliert ist. Längere Zeit mit meinen Eltern unter einem Dach führt idR zu Schreien, fluchtartigem Taschenpacken und gehen, viel Wut und Aggression bei mir, bis hin zu Respektverlust und blinder bösartigkeit in den Dingen die ich dann sage. Ich respektiere meine Eltern sehr und vieles in meinem Leben tu ich damit sie sehen das alles klappt, aber ich habe das Gefühl mich lösen zu müssen. Ich hatte immer alles was ich brauche, materiell war immer alles da und theoretisch gab es auch Liebe. Ich habe 3 Geschwister, bin Nummer 2. Als meine Brüder kamen waren wir nur die. Mädchen, nicht die Stammhalter und wurden wesentlich strenger erzogen. Sicher ist das nicht immer ernst gemeint aber wenn man es sooft hört...... Heute ist es immer noch so, mal ist die eine die Dumme, dann ist der andere der Idiot, dann bin ich wieder die faule, dumme, fette, die sich anstellt als hätte sie viel zu tun, wo sie als Krankenschwester doch nur 8h arbeitet und nicht noch soviele Tiere hat etc.... So geht es von Kind zu Kind aber bei mir war es IMMER am Schwierigsten. Ich kann meine Gefühle, wenn ich mich nicht gewertschätzt fühle, wieder mal die Klappe halten soll, dummes Zeug quatsche, zu lange schlafe, nicht genug beim Besuch zuhause anpacke, einfach nicht um Zaum halten. Und ich bin natürlich auch an allem Schuld. Das es auf Arbeit nicht immer passt, das ich mir diese Arbeit ausgesucht habe über die ich nun jammere... Ich kann oft nicht mehr nett sein, entwickel mich zum absoluten Einzelgänger. Partnerschaft? Seit 6 Jahren nicht mehr. Der Gedanke an Kinder? Ganz schlimm! Charakterlich in die Gesellschaft passen? 0! Ich bin der kalte Stein der immer Selbstbewusst nach Außen hin wirkt, der nur 2sek Trauer zulässt, wenn der lieblingsOpa stirbt (aber bei Tieren heulen kann wie verrückt) und sich immer mehr zum Einzelgänger entwickelt und dabei darüber trauert allein zu sein. Mein Freundeskreis ist klein. Auf Arbeit denke ich immer ich werde prinzipiell nicht angenommen und gemocht. Ich denke meist auch ich bin der Loser, denn meine Geschwister haben diese Probleme nicht. Sind entspannter, können bei den Eltern besser weghören und leben ein gutes Leben. Ich habe auch ein gutes Leben, aber meist nehme ich es nicht an.... Ich fühle mich aktuell wie als müsste ich meine Eltern einfach mal eine lange Zeit aus meinem Leben streichen, andererseits bin ich so an sie und ihre Meinungen gebunden das ich es nicht kann..... Es macht mir seelisch zu schaffen. Gerade jetzt wo ich am 1.1. Eine neue Arbeit beginne, erkältet bin und deshalb viel Tee trinke (der Vati hat viel zu tun also sagt die Mutti wenn ich nicht pennen kann soll ich ne Pille schlucken.... ...) Ich kann mir einfach nicht mehr selber helfen.... Ob ich einfach so furchtbar bin?!

Sabine, 20.04.2018 - 04:08 Uhr

Bin nach dem Tod von meiner Mutter wieder ins Elternhaus gezogen. Mein Vater war schon immer ein Kontrollfreak. Aber seit hier wohne ist er so emphatielos und böse. Ich muss auch aufpassen was ich sage, weil er hat das nie gesagt. Bei mir sind immer die anderen schuld. Lügt so und fühlt sich noch gut dabei. Bin zur Zeit psychisch und körperliche am Ende.

Antwort von Peter Klapprot, verfasst am 25.04.2018

Liebe Sabine, in dem, was Sie schreiben, deutet sich ein sogenanntes Symbiosetrauma, vielleicht sogar ein Bindungssystem-Trauma an. Ich würde Ihnen raten, sich mit geeigneter Fachliteratur (z.B. Franz Ruppert: Symbiose und Autonomie) darüber zu informieren. Dort finden Sie auch Lösungsansätze. In jedem Fall haben Sie etwas Besseres verdient, als das, was Ihnen gerade widerfährt. Sie dürfen sich daraus lösen. Mit freundlichen Grüßen Peter Klapprot

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