Von Begeisterung zur Verzweiflung: Krankheitsverlauf und Prognose des Burnout-Syndroms

Dipl.-Psych. Neuwald

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© igor - FotoliaViele Betroffene unterschätzen das Anfangsstadium des Burnouts (© igor - Fotolia)Der Krankheitsverlauf des Burnouts ist individuell sehr unterschiedlich. Es gibt keine eindeutigen Merkmale, an denen man den Beginn des Burnouts festmachen kann. Die Symptome betreffen meist Körper und Seele.

Das gefährliche an Burnout ist, dass sich die Symptome meist über einen längeren Zeitraum entwickeln. Oft merken die Betroffenen lange Zeit nicht, was mit ihnen vor sich geht und versuchen sogar, dass beginnende Ausbrennen durch eine Steigerung ihrer Anstrengungen auszugleichen.

Da die dahinterstehenden Mechanismen dafür sorgen, immer weiter zu machen und es den Betroffenen meist schwerfällt, sich einzugestehen, dass sie nicht mehr können und Hilfe bräuchten, holen sie sich meist zu spät Unterstützung.

Dabei ist es entscheidend, sich möglichst schnell Hilfe zu suchen und den Kreislauf zu unterbrechen, um eine Chronifizierung der Symptome zu vermeiden. Eine möglichst frühe Diagnose erhöht und erleichtert die Heilungschancen enorm.

Eine Phasentheorie zum Verlauf des Burnout

Aus der Forschung gibt es verschiedene Phasenmodelle, die das Burnout-Syndrom in mehrere, meist aufeinanderfolgende Stadien unterteilen.

Die verschiedenen Modelle haben unterschiedliche Anzahlen von Phasen und Bezeichnungen. Das hier beschriebene Modell stützt sich auf den Burnout-Forscher Prof. Matthias Burisch (Universität Hamburg) und gliedert sich in sieben Stufen:

Phase 1: Überhöhter Energieeinsatz

Viele Theorien gehen davon aus, dass dem Burnout-Syndrom immer eine Phase idealistischen Überengagements, das sogenannte „Brennen“ vorausgeht. Mittlerweile nimmt man an, dass Idealismus und starker Ehrgeiz keine notwendigen Voraussetzungen für Burnout sind, da auch andere Faktoren dazu führen können. Allerdings zeigt sich in allen Fällen ein überhöhter Energieeinsatz.

Dieser kann seinen Ursprung im Idealismus haben, aber auch aus Angst um den Arbeitsplatz oder durch Mobbing entstehen. Ein häufiges Warnsignal ist, das die Betroffenen nach der Arbeit nicht mehr abschalten können und sich nicht mehr richtig erholen.

In dieser Phase wird der drohende Burnout leider nur selten erkannt. Betroffene versuchen, die Erschöpfungs- und Belastungssymptome erst einmal durch Einsatzsteigerung zu kompensieren. Erst wenn die erhoffte Belohnung wie Anerkennung oder Beförderung nicht eintritt, beginnen die Patienten auszubrennen.

Auf die (Selbst)-Überbeanspruchung folgen meist Erschöpfung, Irritation und Frustration. Außerdem hinterlässt die enorme seelische Belastung meist körperliche Spuren. So treten oft psychosomatische Beschwerden wie Kopfschmerzen, Verdauungsbeschwerden, Tinnitus oder Schlafstörungen auf, die Hinweise auf eine starke Überlastung geben.

Phase 2: Reduziertes Engagement

Typisch für Burnout sind Enttäuschung und große Frustration. Die Betroffenen sind über den Sinn ihrer Tätigkeit zutiefst desillusioniert oder müssen hinnehmen, dass sie keine Anerkennung für ihre Mühen erhalten und die gesteckten Ziele nicht erreichen. Ihr Idealismus schwindet.

© Fleafer - iStockIm weiteren Krankheitsverlauf reduzieren die Betroffenen ihr Engagement im Job (© Fleafer - iStock)Die meisten reagieren darauf, indem sie ihr Engagement zurückschrauben. Sie stumpfen emotional ab und sehen oft keinen Sinn mehr in ihrer Tätigkeit. Sie haben über lange Zeit zu viel investiert und fühlen sich nun ausgebeutet und nicht genug wertgeschätzt.

Oft gehen die Patienten dann in die sogenannte innere Kündigung, sie erledigen nur noch das Allernotwendigste. Die Abneigung gegen die Arbeit wächst, sie sind häufiger krank oder reduzieren ihre Arbeitszeit zum Beispiel durch ausgedehnte Pausen. Manche Betroffene blühen in der Freizeit auf, andere sind auch hier antriebslos und eher gleichgültig.

Die meisten Patienten ziehen sich zurück und distanzieren sich von ihren Mitmenschen. Positive Gefühle für Geschäftspartner, Kunden, Patienten, Klienten und sogar Angehörige nehmen ab. Interesse an anderen und Mitgefühl schwinden. Im Umgang mit Mitmenschen zeigen sich immer mehr emotionale Kälte, Sarkasmus und Zynismus.


Phase 3: Emotionale Reaktionen - Depressionen, Aggressionen, Schuldzuweisungen

Desillusionierung und Frustration führen oft dazu, einen Schuldigen zu suchen. Die Schuld sehen die Betroffenen bei sich selbst oder bei anderen.

Sieht der Betroffene die Ursachen seiner Probleme in erster Linie bei sich selbst, kann das zu depressiven Verstimmungen bis hin zur Depression führen.

Er fühlt sich unfähig, hilflos und betrachtet sich selbst als Versager. Das Selbstwertgefühl sinkt. Es kommt zu typischen Zeichen einer Depression, wie einem Gefühl innerer Leere, Pessimismus, Nervosität, Panik, Angst, Hilflosigkeit und Niedergeschlagenheit bis hin zu Suizidgedanken.

Andere suchen die Schuld beim Umfeld, bei Kollegen, Vorgesetzten oder "dem System". Sie reagieren aggressiv, abwehrend, launisch und ungeduldig. Sie wollen ihren eigenen Anteil an den Problemen häufig nicht sehen.

Sie sind oft intolerant, chronisch gereizt, fühlen sich schnell angegriffen und geraten so häufig in Konflikte mit anderen. Ihr Ärger richtet sich gegen Vorgesetzte und Kollegen, Familienmitglieder und Freunde, den Staat, Gott und die Welt.

Phase 4: Abbau und schwindende Leistungsfähigkeit

Die psychische und körperliche Erschöpfung und die dauernde Anspannung und Stressbelastung bleiben nicht ohne Folgen. Ausgebrannte Menschen machen häufiger Flüchtigkeitsfehler und sind vergesslicher. Die Kreativität lässt nach, komplexe Aufgaben können nicht mehr bewältigt werden, Entscheidungen fallen und alle kognitiven Leistungen fallen schwer.

© LuckyBusiness_iStockDie Leistungsfähigkeit von Burnout-Patienten nimmt immer mehr ab (© LuckyBusiness_iStock)Motivation, Produktivität und Initiative nehmen immer mehr ab. Im Berufsleben verrichten Menschen mit Burnout häufig nur noch "Dienst nach Vorschrift" und arbeiten weit unter ihrem Potential.

Auch das Denken verändert sich. Burnout-Betroffene denken häufig sehr negativ und in Schwarz-Weiß-Kategorien. Sie lehnen Veränderungen jeder Art strikt ab, da der Bruch mit der Routine Energie erfordern würde und mit Anstrengungen verbunden wäre.

Spätestens ab dieser Phase wird es immer schwieriger, einen Weg aus dem Burnout zu finden, da dazu innere und äußere Veränderung nötig wäre. Dazu fehlt aber meist die Kraft.

 

Phase 5: Verflachung, Desinteresse, Rückzug

Mit der schwindenden Leistungsfähigkeit kommt es auch immer mehr zu einem emotionalen Rückzug und Interessenverlust.

Betroffene reagieren zunehmend gleichgültiger und sind abgestumpft. Sie fühlen sich oft gelangweilt, haben an nichts mehr Freude, vernachlässigen Hobbys, Sport und Freizeitaktivitäten. Sie ziehen sich immer mehr von Freunden und Familie zurück, werden immer einsamer.

Phase 6: Psychosomatische Reaktionen
Das Burnout-Syndrom wird meist von Anfang an von psychosomatischen Symptomen begleitet. Dazu gehören unter anderem Muskelverspannungen, Rücken- und Kopfschmerzen, erhöhter Blutdruck, Herzklopfen und Engegefühle in der Brust, Übelkeit und Verdauungsbeschwerden, Hörsturz oder Tinnitus, erhöhte Infektneigung, sexuelle Probleme, Gewichtszu- oder abnahme, Schlafstörungen und Albträume.

Phase 7: Verzweiflung

Das letzte Burnout-Stadium lässt sich als ein Gefühl totaler Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit beschreiben. Die Betroffenen fühlen sich allein und empfinden sich als totale Versager. Ihr Leben erscheint ihnen sinnlos. Suizidgedanken treten häufiger auf und werden zum Teil auch umgesetzt.

Erkennen, Einsicht gewinnen, den Kreislauf stoppen

Um diese aufgezeigte Abwärtsspirale zu vermeiden oder zu unterbrechen, gilt dasselbe wie bei vielen anderen Krankheiten: Je früher man das Problem erkannt und angeht, desto besser lässt es sich beheben. © @Goodluz  - iStockJe früher man den Burnout erkennt und Grenzen, desto besser ist die Prognose (© @Goodluz - iStock)

  • Die Voraussetzung ist, die Warnzeichen zu erkennen und einzusehen, dass man ein Problem hat. Dazu sollten man aufmerksam und ehrlich zu sich und sich selbst einmal fragen:
  • Habe ich Symptome, die auf eine starke Stressüberbelastung hinweisen?
  • Wo überschreite ich meine Grenzen?
  • Habe ich genügend Ausgleich zu meinen Belastungen?
  • Inwiefern trage ich selbst zu einem Burnout bei?
  • Welche Umweltfaktoren sind beteiligt?
  • Welche lassen sich verändern, welche nicht?
  • Welche inneren Faktoren und Einstellungen sind beteiligt und welche kann ich ändern?
  • Wo kann ich mir Hilfe holen?

Es ist wichtig, sich die inneren und äußeren Anteile der Überbelastung anzusehen, um einen Weg heraus zu finden. Dabei können Fachliteratur, Selbsthilfegruppen und die Erfahrungsberichte anderer Burnout-Patienten helfen, die eigene Einsicht zu fördern.

Möglichst schnelle Krisenintervention & Prognose 

In einem frühen Stadium hilft es unter Umständen, ein paar Stunden ambulante Psychotherapie oder Coaching zu nehmen, eine Kur zu machen, sich eine längere Auszeit zu gönnen, den Arbeitsplatz zu wechseln oder sich ganz neu zu orientieren, um den Burnout zu stoppen. Manchmal genügt auch eine Krisenintervention.

Wichtig ist, sich in irgendeiner Form Unterstützung durch eine neutrale Person zu holen, die einen objektiven Blick auf die Situation hat und die nötigen Veränderungsschritte anstoßen und unterstützen kann.

Gemeinsam mit einem Therapeuten können die Betroffenen geeignete Strategien für die bessere Verarbeitung der Belastungen und zum Umgang mit sich selbst entwickeln.

Ein intaktes soziales Umfeld, eine sichere finanzielle Situation, Sport und positive Freizeitaktivitäten wirken sich positiv auf die Prognose aus.

Ist der Burnout schon in eine Depression übergegangen, ist eine längere Therapie notwendig. Sie kann im Rahmen einer ambulanten Psychotherapie oder eines Klinikaufenthalts erfolgen. Meist sind dabei auch Medikamente notwendig.

Drohende Verluste in allen Lebensbereichen und Invalidität

Wird ein schweres Burnout-Syndrom über einen längeren Zeitraum nicht erkannt und behandelt, hinterlässt es dauerhafte Spuren. Kognitive Fähigkeiten und Belastbarkeit sind dann meist permanent beeinträchtigt.

© Kzenon - fotoliaDepressionen und Stress können einen Herzinfarkt begünstigen (© Kzenon - fotolia)Auch körperlich die Dauerbelastung eines Burnouts zu bleibenden Schäden führen. Dauerstress und Depressionen sind eine der häufigsten Ursachen für Herzkreislauferkrankungen und Herzinfarkt. Auch die Funktionseinschränkung von Immunsystem und Zellneubildung haben negative Auswirkungen auf die Gesundheit.

Ebenso leiden Familie, soziale Kontakte und Arbeit unter dem Rückzug und den anderen Symptomen. Sie gehen dadurch nicht selten auf Dauer verloren.

Besonders die Belastbarkeit ist meist dauerhaft stark reduziert, so dass schon der normale berufliche und soziale Stress für viele Betroffene noch Monate und Jahre nach der Therapie eine Überforderung darstellt.

Teilinvalidität oder auch vollständige Invalidität infolge eines Burnouts sind nicht selten. Ein drohendes Burnout-Syndrom sollte also ernst genommen und so schnell wie möglich behandelt werden.
Daher ist es entscheidend, schon erste Symptome von Stressüberbelastung ernst zu nehmen und zu handeln.

Denn dann kann man meist mit nur geringen Aufwand und kleinen Änderungen wieder eine Balance zwischen Belastung und Ressourcen herstellen und somit schlimmere Folgen vermeiden.

Im Anfangsstadium kann man sich auch noch gut selbst helfen, indem man sich seine Grenzen bewusstmacht und wieder mehr darauf achtet, sich genügend Zeit zum Erholen zu nehmen und mit Stressbewältigungsstrategien wie zum Beispiel Entspannungsmethoden behilft.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (1)


31.01.2017 - 17:19 Uhr

Sehr treffender Artikel, klar und verständlich.

von Frank

Dipl.-Psych. Neuwald

Antwort vom Autor am 06.02.2017
Dipl.-Psych. Stephanie Neuwald

Lieber Frank, vielen Dank für Ihre Rückmeldung! Der Artikel war ein Versuch, die Sachlage möglichst klar und verständlich darzustellen. Freut mich, wenn mir das gelungen ist! Herzliche Grüße, Stephanei Neuwald


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