Das jameda-Interview: 9 Fragen an Herrn Klaus Werner Heuschen

Herr Heuschen

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© HeuschenHerr Heuschen praktiziert als Kinder- & Jugendpsychiater in München. (© Heuschen)Ärzte haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellt jameda Herrn Klaus Werner Heuschen interessante Fragen zu seinen Erfahrungen als Kinder- & Jugendpsychiater.

jameda: Herr Heuschen, was hat Sie motiviert, Kinder- & Jugendpsychiater zu werden und warum haben Sie sich für Ihre Spezialgebiete entschieden? 

Herr Heuschen: Schon als Jugendlicher war ich im Freundeskreis und in der Schule Ansprechpartner für Probleme der Freunde und habe mich für Schwächere in der Klassengemeinschaft eingesetzt. Während des Medizinstudiums festigte sich die Einsicht, dass ich gut analysieren und beraten kann, so dass ich zunächst die Weiterbildung zum Facharzt für psychosomatische Medizin in der Klinik Roseneck begann. Nach gut einem Jahr in der Erwachsenenpsychiatrie (Akutaufnahmestation) im Bezirkskrankenhaus Wasserburg beschloss ich einen "Neustart" in der Kinder- und Jugendpsychiatrie zu unternehmen.

Ausschlaggebend hierfür war die Überzeugung, einem Menschen so früh wie möglich helfen zu können, um spätere Verwerfungen und Probleme in der Lebensbewältigung abzumildern oder zu vermeiden.

Hierfür bieten sich in dem Fachbereich Kinder- und Jugendpsychiatrie vielfältige Möglichkeiten. Es ist ein unglaublich spannendes Gebiet und die Arbeit mit den Familiensystemen stellt mich täglich vor neue Herausforderungen.

jameda: Worin liegt Ihr Tätigkeitsschwerpunkt und was macht diesen so besonders?

Herr Heuschen: Ich verstehe mich als Mittler zwischen den verschiedenen Bedürfnissen beteiligter Systemanteile. Im Vordergrund steht natürlich immer das seelische und körperliche Wohl des Kindes, Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Dieser bewegt sich aber in einem dynamischen System (Eltern, Freunde, Schule, Sport und andere Hobbies, eigene Partnerschaft, später Beruf), das Anforderungen stellt, die bewältigt werden sollen.

Das Durchlaufen verschiedener Entwicklungsphasen hin zum Erwachsenen, der sein Leben mit allen Höhen und Tiefen bewerkstelligen und dabei glücklich leben kann, ist nicht immer ungestört möglich. Mein Job ist es, an diesen "Baustellen" zu arbeiten und das passende Werkzeug zur Verfügung zu stellen. Manchmal hat der Patient bereits alle notwendigen Fähigkeiten und kann sie nur nicht nutzen (utilisieren).

Bei anderen bedarf es erst des Aufbaus dieser Strategien. Immer wieder müssen aber auch "Brocken aus dem Weg geräumt werden", die die Sicht auf das Ziel versperren. Hier kann ich helfen.

jameda: Gibt es ein medizinisches Vorbild, das Ihre Laufbahn besonders geprägt hat?

Herr Heuschen: Bereits in der Kindheit durfte ich die Vorteile des Mentoring erleben. Neben meinen Eltern, die zweifelsfrei dazu beitrugen, sich engagieren und einmischen zu wollen, gab es eine weitere wichtige Bezugsperson. Sie vermittelte mir den Respekt vor anderen, ihren Werten und Ideen, und zeigte mir auf, wie man Kraft durch Besinnung auf die Natur und körperliche Arbeit sammelt, um dann wieder belastbar zu sein. Und sie begeisterte mich darüber hinaus für das Lesen und die sich damit eröffnenden inneren Welten und die Fähigkeit zu visualisieren. All das sind sehr wichtige Fähigkeiten und Werte für meine tägliche Arbeit.

Im medizinischen Bereich wiederum traf ich auf einen Oberarzt in der Heckscher Klinik, der mich sowohl fachlich wie auch menschlich sehr begeisterte. In den vielen "Nebenbei-Gesprächen" erlebte ich in ihm einen bezogenen, menschlich greifbaren und gleichzeitig fachlich extrem gebildeten Arzt, der den Patienten und ihren Eltern mit Respekt, aber auch Klarheit begegnete.

jameda: Gibt es in der Gegenwart Hilfen oder Neuerungen, die Ihnen Ihren Praxisalltag erleichtern können?

Herr Heuschen: Im Zuge der politischen Prozesse zur Verbesserung der Patientenversorgung wurden einige Neuerungen eingeführt. Sie stellen einerseits Praxen vor organisatorische Herausforderungen, andererseits fuhren sie eindeutig auch zu einer besseren Versorgungsstruktur. Nachdem ich inzwischen die Praxisstrukturen anpassen konnte, sind hier vor allem zu nennen:

  1. Angebot einer offenen Sprechstunde von mindestens fünf Stunden pro Woche, zu der Patienten (auch Neupatienten) ohne Termin erscheinen können. Hierdurch wird die Wartezeit auf einen Termin bei mir auf maximal 1 Woche verkürzt.
  2. Angebot einer psychotherapeutischen Behandlung: Innerhalb von maximal 4 Wochen können Patienten zu einem kurzen therapeutischen Gespräch in die Praxis kommen. Dort wird die Symptomatik bewertet und die Notwendigkeit einer Therapie sowie das ggf. geeignete Psychotherapieverfahren abgeklärt.
  3. Seit 2019 ist es auch für Kinderpsychiater möglich, Patienten mittels Videosprechstunde zu betreuen. Dieses neue telemedizinische Verfahren eröffnet viele Möglichkeiten, speziell für Patienten, deren Wohnort weiter entfernt liegt. Definitiv ein Gewinn für die Versorgungssicherheit meiner Patienten und eine Entlastung meiner Praxisstrukturen.

jameda: Wo sehen Sie in Ihrem Fachgebiet die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Herr Heuschen: Gesamtgesellschaftliche Veränderungen der vergangenen 20 Jahre, hin zu einer Individualisierung, Fokussierung auf eigene Bedürfnisse und Verlust althergebrachter sozialer Strukturen sowie eine leistungsbezogenere gesellschaftliche Erwartungshaltung belasten Familiensysteme deutlich mehr als früher. Nicht nur Eltern spüren diese Prozesse, auch die Kinder und Jugendlichen merken ihre Auswirkungen deutlich. Das spielerische Lernen, die Unbeschwertheit und das soziale Lernen bleiben, auch im Zuge zunehmender Globalisierung und der immer und überall verfügbaren Onlinewelt, auf der Strecke.

Mein Fachgebiet setzt sich mit der Bewältigung der notwendigen Anpassungsprozesse auseinander – hierin liegen auch die größten Herausforderungen. Studien belegen, dass an sich keine Zunahme psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter zu verzeichnen sind. Trotzdem kommt es zu einer stärkeren Inanspruchnahme psychiatrischer und therapeutischer Hilfen, da unsere sozialen Strukturen weniger greifbar scheinen und wohl mehr Eigenverantwortung gefordert wird. Damit scheinen manche Familiensysteme überfordert.

jameda: Was wird an Ihrem individuellen Umgang mit Ihren Patienten besonders geschätzt?

Herr Heuschen: Hier sind sicher zwei Aspekte von einander abzugrenzen. Zum einen zeichnet meine Arbeit mit dem eigentlichen Patienten aus, dass ich eine wohlwollende, klare Grundhaltung einnehme. Ich kann mich sicher empathisch in Patienten einfühlen, spreche aber auch Probleme offen und lösungszentriert an. Speziell Jugendliche schätzen diese Herangehensweise.

In diesem Zusammenhang versuche ich oft, verschiedene Wahrnehmungen zwischen den Parteien aufzugreifen, direkt zu adressieren und Probleme aufzulösen. Kinder und Jugendliche haben in mir einen Fürsprecher für ihre Bedürfnisse.

Zum anderen schätzen mich viele Eltern aber auch für eine gelungene Perspektivübernahme ihrer Alltagssituationen und meine klare Positionierung gegenüber dem Patienten. Z. B. wenn es um Medienzeiten, Regeleinhaltung oder respektvollen Umgang miteinander geht. Auch Beratungen der Eltern ohne Kind können in vielen Fällen weiterhelfen. Solcherlei ausgesprochene „Wahrheiten“ dienen den Systemen dann als Grundlage für die Erarbeitung eigener Lösungen im häuslichen Umfeld.

jameda: Was schätzen Sie an Ihren Patienten besonders?

Herr Heuschen: Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene bringen ihre ganz eigene Weitsicht in meine Arbeit ein. Je nach Sozialisierung, Persönlichkeit und Begabungen variiert der Blick auf ihr Leben erheblich. Störungen der Entwicklungsaufgaben machen sich daher auch ganz unterschiedlich bemerkbar. Diese Herausforderung, meine Vorgehensweise an die Bedürfnisse des Einzelnen sowie seines Lebensumfeldes anzupassen, sinnvolle Lösungen anzubieten und Menschen in ihrer Entwicklung zu begleiten, schätze ich als meine Aufgabe ein. Die Lebendigkeit jedes Einzelnen und der Diskurs machen mir in der täglichen Arbeit am meisten Spaß.

jameda: Gibt es ein besonderes Patientenerlebnis, das Sie nie vergessen werden?

Herr Heuschen: Ich behandle um die 4.000 Patienten pro Jahr, so dass natürlich viele besondere Erlebnisse entstehen. Besonders beeindruckt bin ich dann, wenn es durch intensive Arbeit mit dem Patienten und seinem Umfeld nach Monaten bis Jahren zu einer glücklichen Lösung kommt. So ist mir ein Jugendlicher im Kopf, der in einer Adoleszenz-Krise steckte und als Selbstmedikation nahezu jedes verfügbare Suchtmittel konsumierte. Durch klare Worte, enge Fügung und Aufbau einer tragfähigen Beziehung über zwei Jahre sowie wertschätzende, teils aber auch grenzsetzende Arbeit mit den Eltern gelang es, den Konsum nach vielen Rückschlägen auf Null herunterzubringen. Der Jugendliche konnte seinen Schulabschluss erlangen und beruflich einen guten Weg einschlagen. Eine beeindruckende Leistung dieses Jugendlichen.

jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben? 

Herr Heuschen: Viel zu oft erlebe ich, dass Kinder oder Jugendliche den Weg zu mir sehr spät finden. Ungünstige Verhaltensmuster haben sich dann bereits verfestigt und lassen sich schwerer wieder auflösen. Je früher ein Kinderpsychiater einen eingehenden Blick auf ein Kind werfen kann, desto eher lassen sich Fehlentwicklungen vermeiden. Oft bedarf es zu solch einem Zeitpunkt nur minimaler Interventionen, um den Kurs zu korrigieren. Ich möchte daher allen Eltern Mut machen, bei Untersuchungen gerne einen Beratungstermin zu vereinbaren und im Gespräch dann abzustimmen, ob es weiterhin Behandlungsbedarf gibt.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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