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Angst in den Genen: Wie das Genogramm vererbte Ängste sichtbar macht

Dipl.-Psych. Wery von Limont

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© evgenyatamanenko - fotoliaPrägende Erfahrungen können auch Menschen belasten, die diese gar nicht selbst erlebt haben. (© evgenyatamanenko - fotolia)Wir haben von unseren Eltern nicht nur Talente, die Nase oder die Augenfarbe vererbt bekommen. Sondern über die Genetik auch die Auswirkungen ihrer Lebenserfahrungen – und nicht nur ihre. Unser Genom enthält auch die Erbinformationen unserer Großeltern.

Wie wirken sich schwere Traumata auf folgende Generationen aus?

Besonders deutlich sichtbar ist dieses Phänomen bei den Kriegsenkeln. Sie erlebten den Zweiten Weltkrieg zwar nicht selbst, leiden jedoch unter massiver Traumatisierung, Hunger und Angst der Großeltern und Eltern. Da das Wissen um die Epigenetik noch zu wenig verbreitet ist, gibt es häufig wenig Verständnis zu diesem Thema.

Schwere Belastungen verändern den genetischen Code. Unsere Seele und unser Körper merken sich bedrohliche Situationen besonders präzise, damit wir vorbereitet sind auf lebensbedrohliche Ereignisse. 

Unsere Seele ist unser Überlebenswächter. Sie bewacht uns mit aller Akribie. Haben unsere Großeltern Traumatisierungen erlebt, vererben sie diese Informationen, damit sich Nachfolge-Generation(en) entsprechend schützen können. Besonders ausgeprägt ist das auf der Emotionsebene mit dem Gefühl von Angst.

Ein Beispiel aus der Angstforschung am Beispiel von Mäusen

Gucken wir uns das Gefühl Angst mit einem Beispiel aus der Wissenschaft genauer an: 

Die Wissenschaftler, Dias und Ressler von der Emory University School of Medicine in Atlanta (USA), testeten die Epigenetik an Mäusen. Ihre Forschung zeigte, wie sich traumatische Erlebnisse einer Generation auf das Verhalten der Nachfahren auswirken können.

Mäuse wurden Kirschblütenduft ausgesetzt. Dann wurden sie, jedes Mal wenn der Duft verströmt wurde, mit Stromstößen traktiert. Im Verlauf zeigten sich bei ihnen massive Angstreaktionen, wenn der Duft versprüht wurde.

Irgendwann bekamen diese Mäuse Junge. In einem Folgeversuch wurden diese jungen Mäuse ebenfalls dem Kirschblütenduft ausgesetzt, allerdings ohne Stromschläge. Allein der Kirschblütenduft löste jedoch massive Angstreaktionen bei ihnen aus.

Die Genetik der Mäuse-Eltern hatte sich verändert. Diese Veränderungen gaben sie über genetische Kodierung an die Jungen weiter.

Auch der Körper kann von vererbter Angst betroffen sein

Auch die Genetik bezüglich Körperabläufen hat diesen Weitergabemechanismus:

Betrachten wir die Folgen des Winters 1944/45. Die Niederlande, von den Deutschen besetzt, litt unter furchtbarem Hunger. Die Kinder, die in dieser Zeit geboren wurden, waren zwar kleiner als "üblich", gesundheitlich jedoch ziemlich belastbar. Doch diese Kinder litten als Erwachsene vermehrt unter:

Ihr Körper war genetisch darauf programmiert, wenig Nahrung maximal zu verwerten. Die nahrungsreiche Zeit in den 1950ern führte jedoch zu einem Überfluss an Nährstoffen, die der Körper, trainiert auf Hunger, nicht angemessen verarbeiten konnte, so dass sich umfangreiche Erkrankungen einstellten.

© Photographee.eu - fotoliaIn Ausführlichen Gesprächen werden wichtige Meilensteine im Leben der Familie der Patienten berücksichtigt. (© Photographee.eu - fotolia)Wie können vererbte Ängste diagnostiziert werden?

Die Forschung beschäftigt sich intensiv mit der Frage, wie genau die Genprägung für die Nachfolgegeneration abläuft.

Trotz aller Forschungslücken: Die Behandlung des gesamten Körper-Seele-Systems im Rahmen der Psychosomatik ist wichtig.

 

Die Arbeit mit dem Genogramm

Gerade die Behandlung von Patienten im Bereich von Herzkreislauferkrankungen (Psychokardiologie) offenbart die massiven Traumatisierungen der Großeltern oder Eltern. Diese Art der Exploration durch ein Genogramm ist besonders wichtig. Denn dank ihr können Therapeuten generationsübergreifende biographische Belastungen von Patienten berücksichtigen.

Die Integration aller Aspekte in die somatische und psychotherapeutische Behandlung betrachtet Patienten ganzheitlich und als einen Teil eines Systems – der Familie.

Wir können davon ausgehen, dass die Menschen, die seit Jahren zu uns flüchten, ebenfalls umfangreiche Traumatisierungen erlebt haben. Vermutlich geben sie diese Informationen über die Gene auch an ihre Kinder weiter.

Da die Zahl der Betroffenen zunimmt, brauchen wir auch mehr Therapieplätze. Die Möglichkeiten zur Behandlung somatischer und psychischer Belastungen muss zwingend ausgebaut werden, um die Gesundheit der Betroffenen zu fördern und wiederherzustellen.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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