Die positive Kraft hinter dem negativen Denken: So kann eine Psychotherapie helfen

Wie kann eine professionelle Psychotherapie Sie in Ihrem Alltag unterstützen? (© mkrberlin - fotolia)

Viele Ratgeber, Therapeuten und Influencer in den sozialen Medien propagieren die Kraft des positiven Denkens als eine Bewältigungsstrategie, mit der Psyche und damit mit dem Leben besser zurechtzukommen.

Wie unterscheidet sich positives und negatives Denken?

Häufig wird die Metapher eines Glases, welches zur Hälfte gefüllt ist, zur Veranschaulichung herangezogen. Ein positiv eingestellter Mensch nimmt hierbei die Perspektive ein, dass das Glas halb voll sei. Ein negativ eingestellter Mensch, dass das Glas halb leer ist.

Beides ist zweifelsfrei richtig und es entsteht der Eindruck, dass nur diese zwei Möglichkeiten Sinn ergeben.

Die kognitive Verhaltenstherapie, die sich ausführlich mit „negativem Denken“ beschäftigt und auch sogenannte „Denkfallen“ unterscheidet, nennt so eine Pseudoentscheidung „Alles-oder-Nichts-Denken“ oder „Schwarz-Weiß-Denken“.

Dabei sind, vor allem in dieser Metapher beide Positionen vollkommen abhängig von den äußeren Umständen:

  • Was befindet sich im Glas?
  • Kann ich das Glas nachfüllen?
  • Im Falle einer Diät, wie viel Kalorien hat der Inhalt des Glases?
  • Wenn es etwas Giftiges wäre, ist es gut, nur ein halbes Glas entsorgen zu müssen. Wenn es allerdings ein wichtiges Heilmittel wäre, ist es gut, mehr davon zu haben, wobei auch hier die Dosis entscheidend ist.
  • Was soll ich überhaupt mit dem Inhalt des Glases machen?
  • Wenn ich es austrinken soll, wäre es wichtig zu wissen, ob jemand anders schon daraus getrunken hat...

Sowohl positives als auch negatives Denken können zu einer Verzerrung der Wirklichkeit führen.

Diese Rolle spielt Stress in Ihrem Alltag

Wenn Sie schlechte Ereignisse, die Sie stressen, permanent und krampfhaft versuchen, positiv zu bewerten, unterdrücken Sie auf Dauer Ihre Bedürfnisse.

Diese permanente emotionale Verdrängung kann sich auf Dauer auf Ihr Immunsystem und viele andere Körpersysteme auswirken.

Die Psychoneuroimmunologie beschäftigt sich mit der Fragestellung, wie diese Auswirkungen ihren Körper und Ihre Psyche belasten.

Jeder Mensch besitzt einen Körper und ein Gehirn, aber wie diese beiden Komponenten miteinander interagieren, ist bei jedem unterschiedlich.

Was wir individuell als sogenannten Stressor interpretieren, hängt sehr stark von unseren jetzigen Lebensumständen ab, aber auch davon, wie wir gelernt haben, mit Stress umzugehen.

Unsere Stressbewältigung ist sozusagen angelegt in unserer persönlichen Biografie.

Wenn wir allerdings Stress empfinden, können wir ihn als eine Bedrohung für unseren Körper oder unsere Psyche definieren. Wir spüren Gefahr um etwas, was wir für lebensnotwendig halten: beispielsweise unsere Arbeitsstelle, unsere Beziehung, unser Leib und Leben oder einen anderen Menschen.

Wie kann sich Stress auf den Körper auswirken?

Stress wirkt sich vor allem auf drei unserer körpereigenen Systeme aus: Unser Hormonsystem, unser Immunsystem und unsere Verdauung.
Wenn wir Stress empfinden, findet ein komplizierter Vorgang in unserem Nerven- und Hormonsystem statt, mit dem Medizinstudenten im Fach Biochemie gequält werden.

Hier die vereinfachte Form:

Ein Stressor sendet Gefahr aus, der Teil des Stammhirns, den wir Hypothalamus nennen entsendet ein Neurohormon an die Hypophyse. Diese Hirndrüse entsendet ein weiteres Hormon durch das Blut in unsere Nebennieren. Die Nebennieren senden dann Cortisol aus. Der Körper schaltet in einen Kampfmodus und unser Kampf- und Fluchtsystem wird aktiviert. Der Körper bereitet sich also auf eine Bedrohung vor und lässt das Herz schneller schlagen, aktiviert unseren Harndrang und durchblutet die Muskeln besser. Dies ist absolut notwendig und überlebenswichtig, um eine akute Bedrohung auszuschalten: Sei es durch Flucht oder durch Kampf. Unser sogenanntes parasympathisches Nervensystem ist dafür da, den Körper nach abgewendeter Gefahr wieder zu beruhigen.

Wenn ein Körper allerdings bewusst oder unbewusst stetig unter chronischem Stress leidet, schadet das Cortisol unseren verschiedenen Systemen: Die Immunabwehr wird geschwächt, wir bekommen einen permanent zu hohen Blutdruck und sogar Gewebe wird zerstört. Die Verdauung kommt durcheinander und unser Hormonsystem kann entgleisen.

Zahlreiche körperliche Beschwerden können durch psychische Ursachen ausgelöst werden. (© lightwavemedia - fotolia)
Zahlreiche Studien untersuchten in den letzten Jahren den Zusammenhang zwischen Stress und Autoimmunkrankheiten wie Schilddrüsenentzündungen oder Multipler Sklerose. Ebenso werden Zusammenhänge zwischen Stress und schwersten Erkrankungen wie Krebs und ALS untersucht.

Die Welt ist komplizierter geworden als zu den Anfängen der Menschheit: Während die ersten Menschen Stress hatten, der sich mehr im Hier und Jetzt abspielte (Nahrung, Schutz, Wärme und Fortpflanzung), leiden wir mittlerweile an komplizierteren Konflikten und Sorgen (Beispielsweise Sorgen um den Arbeitsplatz, um die Zukunft unserer Kinder, dem Klimawandel, Pandemien, Geldsorgen, Schulden, etc.).

Während die Welt sich veränderte, tat dies unser menschliches Nervensystem nur bedingt: Wir haben immer noch fast die gleichen Körper, wie unsere ersten Vorfahren und folglich auch das gleiche Nerven- und Hormonsystem. Der stetige, permanente Stress ist allerdings größer geworden.

Eine gute Psychotherapie sollte den Menschen nicht nur Dankbarkeit und positives Denken beibringen, sondern auch, die Sinne und das Urteilsvermögen zu schärfen.

Ich benutze in meiner Arbeit häufig die Metapher eines Vogels, der auf einem Ast sitzt. Ein Vogel käme niemals auf die Idee, sich gänzlich und allein darauf zu verlassen, dass der Ast ihn hält, sondern ein Vogel hat ein angeborenes Wissen, dass seine Flügel stark genug sind, ihn im Falle, dass der Ast abbricht, zu tragen.

Wie verhält sich positives Denken bei einer Depression?

Die moderne westliche Diagnostik ist dazu da, Schuld abzubauen. Beispielsweise ist eine Depression in erster Linie eine Stoffwechselstörung und kein Charakterfehler!

Eine anschließende Psychotherapie kann dem Patienten dann helfen, sich auf Basis der Diagnose notwendiges Wissen anzueignen und gemeinsam mit dem Therapeuten eine Strategie zu entwickeln, die vorhandene Diagnose eben nicht als schicksalsgegeben zu empfinden, sondern aktiv etwas dagegen tun zu können.

Wenn wir beispielsweise eine Depression nehmen, wird sie nicht besser, wenn ein Patient positiv denkt. Denn er wird immer mehr einen Konflikt in sich spüren und merken, dass ihm reines Wegdenken oder Ignorieren der Probleme nicht weiterbringt.

Erst das Erlernen der Bewältigung des Ursprungskonfliktes wird ihm oder ihr die Selbstermächtigung geben, das Leben wieder in die eigene Hand nehmen zu können.

Fazit

Positives oder negatives Denken in seiner Extremform und als alleinige Bewältigungsstrategie nehmen dem Menschen die Möglichkeit, passend auf die Herausforderungen unserer Zeit zu reagieren und beschränken ihn oder sie zudem in seinen oder ihren Handlungsmöglichkeiten.

Eine gute Psychotherapie kann helfen, die Sinne zu schärfen, Risiken abzuwägen, auch schwerere Herausforderungen im Leben anzunehmen, wenn vernünftige und rationale Gründe dahinterstehen, und das Leben bewusster und präsenter zu leben.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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