Das jameda-Interview: 7 Fragen an Herrn Dr. Markus Reicherzer

CIP Klinik Dr. Schlemmer

von
verfasst am

©Markus ReicherzerDr. med. Markus Reicherzer ist Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie. (©Markus Reicherzer)Ärzte haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellt jameda Herrn Dr. Markus Reicherzer interessante Fragen zu seinen Erfahrungen als Facharzt für Psychiatrie & Psychotherapie.

jameda: Dr. Markus Reicherzer, Sie sind Chefarzt und Ärztlicher Direktor in der CIP Klinik Dr. Schlemmer. Was lieben Sie an Ihrer Arbeit und was sind die größten Herausforderungen im Klinikalltag?
Dr. Markus Reicherzer: Es ist die intensive zwischenmenschliche Begegnung - sowohl mit unseren Patienten als auch mit den Mitarbeitern. Sie können in diesem Bereich der Medizin nur dann erfolgreich wirken, wenn Sie dem Menschen ein ehrliches, respektvolles Interesse für seine Belange entgegenbringen. Wenn Sie sich für den Menschen interessieren, kann es keine schönere Arbeit geben. Im Gebiet der psychosomatischen Medizin werden wir Therapeuten mit emotionalen, traumatischen, leidvollen Erfahrungen in ganz unterschiedlichen Lebensbereichen und -abschnitten konfrontiert. Mancher Lebensgeschichte möchte man am liebsten keinen Glauben schenken. In einigen wenigen Fällen scheinen jedoch unsere therapeutischen Bemühungen nicht auszureichen, um der Person zu helfen - das ist eine große emotionale und inhaltliche Herausforderung.

jameda: Was motiviert Ihr Team bei der täglichen Arbeit?
Dr. Markus Reicherzer: Wir arbeiten mit Menschen und mit ihren Geschichten. Das berührt! Wer sich davon berühren lässt, ist motiviert.

jameda:  Gibt es einen Patienten oder ein Erlebnis in Ihrer Klinik, das Sie nie vergessen werden.
Dr. Markus Reicherzer: Wir Psychotherapeuten sind wie Geburtshelfer - wir helfen, neue Lebensgestalten zu entwickeln. Ich habe den allergrößten Respekt vor den Leistungen unserer Patienten, angesichts der zum Teil unglaublichen Herausforderungen. Es ist ein kontinuierliches Staunen über das Potential, welches die Menschen in sich tragen und zu welchen Entwicklungen der Mensch in der Lage ist. 

jameda: Manche Krankheiten und Therapien sind unangenehm und verlangen viel Durchhaltevermögen vom Patienten. Wie geht die CIP Klinik Dr. Schlemmer mit Patienten in solchen Situationen um? 
Dr. Markus Reicherzer: Wir versuchen, eine dialektische Haltung einzunehmen. Auf der einen Seite sind manche schrecklichen oder traurigen Dinge unabänderlich und benötigen ein validierendes, schützendes und Halt gebendes Umfeld. Auf der anderen Seite, geht das Leben weiter und wir sollten versuchen, den Menschen auf einen weiterführenden und gangbaren Weg zu begleiten.

jameda: Wenn Sie das Gesundheitssystem ändern könnten, was würden Sie als Erstes tun?
Dr. Markus Reicherzer: Wir haben meiner Auffassung nach ein Dilemma im bestehenden System. Psychotherapie wird von den Krankenkassen finanziert. Krankenkassen übernehmen die Kosten für die Behandlung von Krankheiten. Wenn wir also Menschen, die in beispielsweise in einer Lebenskrise stecken, helfen wollen, müssen wir sie als krank oder „gestört“ kategorisieren. Das ist nicht gut - viele Phänomene, die uns in der Psychotherapie beschäftigen, gehören schlichtweg zum Leben. Die moderne Psychotherapie erfüllt vielfältige Funktionen, die nicht nur auf die Behandlung einer Störung abzielen. Ich würde folglich psychotherapeutische Leistungen nicht zwingend mit der Therapie einer Krankheit assoziieren. Natürlich sehe ich auch die konsekutiven Schwierigkeiten der finanziellen Zuständigkeit. 

©Dr. SchlemmerEin Einblick in die CIP Klinik Dr. Schlemmer. (©Dr. Schlemmer)jameda: Kein Mensch ist perfekt. In welchen Bereichen haben Ärzte Ihrer Meinung nach Verbesserungspotential?
Dr. Markus Reicherzer: Die größte Schwierigkeit und gleichzeitig größte Herausforderung im Gebiet der psychosomatischen Medizin ist, dass es nicht die Erkenntnis um die menschliche Psyche gibt. Es gibt eine Vielzahl an überzeugenden Modellen, aber nicht eine Gewissheit darüber, dass die Modelle die Realität abbilden. Wir wünschen uns natürlich gerade als Mediziner einen sicheren Boden, von dem aus wir handeln können. Manch moderne biologische Perspektive auf unser Gehirn kann dazu verführen eine scheinbar solide Meinung über uns zu generieren. Wir sollten unseren Verstand offen und neugierig ausrichten, denn ein rein konstruktivistischer Blick auf uns wird dem Menschen nicht gerecht. 

jameda: Was war die letzte große Veränderung in Ihrer Klinik?
Dr. Markus Reicherzer: Nach Jahren des Wachstums und einer Erweiterung unserer störungsspezifischen Behandlungsangebote, erleben wir aktuell eine Phase der Konsolidierung.

Mit Ihrem Feedback helfen Sie uns, die Qualität von jameda laufend zu verbessern – vielen Dank!

Wie hilfreich fanden Sie diesen Artikel?
2
Interessante Artikel zum Thema „Psyche & Nerven”

Inhaltssuche

Durchsuchen Sie sämtliche Artikel auf jameda. Wenn Sie auf der Suche nach Ärzten oder Heilberuflern sind, geht es hier zur Arztsuche

Passende Behandlungsgebiete und Lexikon-Inhalte

Ärzte für spezielle Behandlungsgebiete

jameda Behandlungsgebiete

Über Krankheiten und Symptome informieren

Das jameda Lexikon