Das jameda-Interview: 10 Fragen an Herrn Dr. med. Walther Koehler

Dr. Koehler

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© Dr. Koehler© Dr. KoehlerÄrzte haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellte jameda Herrn Dr. Koehler interessante Fragen zu seinen Erfahrungen als Neurologe.

jameda: Herr Dr. Koehler, was hat Sie motiviert, Neurologe zu werden?

Dr. Koehler: Schon in der Schulzeit galt mein besonderes Interesse den Naturwissenschaften, aber auch den philosophisch-geisteswissenschaftlichen Fragen des Lebens. So habe ich begonnen, Medizin zu studieren und parallel ein Physikgrundstudium absolviert. In der Neurologie ist angefangen von der elementaren Funktion einer Nervenzelle über die Nervenbahnen bis hin zu den hochentwickelten Funktionen unseres Großhirns wie Denken und Fühlen alles vereint. Für mich ist deshalb die Neurologie das schönste Fach der Medizin.

jameda: Was macht Ihnen im Praxisalltag am meisten Freude? Wo sehen Sie  die größten Herausforderungen?

Dr. Koehler: Die meiste Freude empfinde ich als Arzt, wenn nach korrekter Diagnosestellung die verordnete Therapie greift und der Patient gesund wird. Ja, ich freue mich auch, wenn sich der Patient dankbar zeigt. Viel öfter als viele Patienten glauben, ist aber auch die moderne Medizin in ihren Möglichkeiten begrenzt. Dann gilt es, die passenden Worte zu finden, um den Patient zu trösten und ihm dennoch Hoffnung zu geben.

jameda: Welchen Vorurteilen begegnen Sie häufig in Ihrer Praxis?  

Dr. Koehler: Ich mag das Wort „Vorurteil“ nicht, weil es den Vorwurf beinhaltet, der andere habe sich nicht ausreichend informiert. Es ist nur richtig, wenn sich ein Patient Gedanken über seine Symptome und die zugrundeliegende Erkrankung macht. Die Patienten haben sich ja meist schon aus scheinbar verschiedenen Quellen informiert. Gerade im Internet besteht aber die große Gefahr, dass sie dort genau das finden, wonach sie suchen. Damit werden sie in ihrer anfänglichen Vermutung bestärkt. Wenn dann ein Arzt eine abweichende Meinung äußert, wird das ungern gehört. Es gibt auch in der heutigen Medizin sehr viel Irrationales. Ich versuche mit Aufklärung und Ermunterung, dem entgegenzuwirken, und rege an, den eigenen gesunden Menschenverstand zu nutzen.

jameda: Manche Krankheiten und Therapien sind unangenehm und verlangen viel Durchhaltevermögen vom Patienten. Was raten Sie Patienten in solchen Situationen?   

Dr. Koehler: Da hilft nur viel Unterstützung durch Familie, Freunde und den Arzt. Hier gilt "geteiltes Leid ist halbes Leid", die Zuversicht durch Zuwendung stärken und den Blick auf die Zukunft werfen. Denn auch nach einer langen Nacht beginnt ein neuer Morgen. Gelegentlich kann aber auch ein geeignetes Medikament unterstützend wirken.

jameda: Wie reagieren Sie, wenn Sie merken, dass ein Patient Ihren Therapieplan nicht befolgt? 

Dr. Koehler: Zunächst muss ich herausfinden, warum der Patient den Therapieplan nicht eingehalten hat. Es kann wichtige Gründe haben, warum sich ein Patient anders entscheidet als der Arzt. Vielleicht fürchtet er die Nebenwirkungen, die er im Beipackzettel gelesen hat. Dann ist der Arzt gefordert, zu erklären, warum der Patient aus seiner Sicht dennoch von der Therapie profitiert. Ganz anders sieht es aus, wenn der Patient fürchtet, dass Medikamente seine Persönlichkeit beeinflussen. Aber auch viele andere, zum Teil ganz einfache Probleme können den Therapieplan durcheinanderbringen. Das lässt sich dann meist z. B durch eine veränderte Darreichungsform leicht lösen.

jameda: Wenn Sie das Gesundheitssystem ändern könnten, was würden Sie als Erstes tun? 

Dr. Koehler: Jede Gesellschaftsform schafft sich das dazu passende Gesundheitssystem. In einer neoliberalen Gesellschaft ist auch das Gesundheitssystem neoliberal. Krankenversicherungen als Solidargemeinschaft sind dem neoliberalen Denken fremd und funktionieren daher immer schlechter. Krankenhäuser, die einzig auf den Gewinn ausgerichtet werden, haben ihre Aufgabe verfehlt.

jameda: Kein Mensch ist perfekt. In welchen Bereichen haben Ärzte Ihrer Meinung nach Verbesserungspotential? 

Dr. Koehler: Wie in vielen Bereichen unserer Gesellschaft sind auch Ärzte starken Einflüssen der verschiedenen Medien und den damit transportierten kommerziellen Interessen unterworfen. Information gibt es aber nicht gratis, sondern man muss dafür entweder Geld oder Zeit investieren. Wer nur Pharmafortbildungen besucht, wird auch entsprechend seine Rezepte schreiben.

jameda: Die Welt der Medizin verändert sich ständig. Gibt es neue Therapieverfahren oder Gerätschaften, die Sie in Ihrer Praxis anwenden?  

Dr. Koehler: Die Myosonographie, die Darstellung von Muskeln und zum Teil auch von Nervengewebe mit Hilfe der Farbduplexsonographie, bietet neue Einsichten in die strukturellen und funktionellen Eigenschaften der Muskeln. Ergänzend zu den bewährten elektrophysiologischen Methoden können mit der Myosonographie die räumlichen Verhältnisse unter dynamischen  Bedingungen untersucht werden. Anders als im MR, das immer nur eine momentane Situation zeigt, kann der Muskel in Bewegung  beobachtet werden.

jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?  

Dr. Koehler: Übergewicht ist immer auch Kopfsache. Versuchen Sie nicht, gegen Ihr Hungergefühl zu arbeiten, sondern mit ihm. Finden Sie heraus, was Ihr Körper wirklich braucht. Wenn Sie sich nach einer Fertigmahlzeit nicht gesättigt fühlen, haben Sie das Falsche gegessen. Was sonst könnte Ihr Leben satter und zufriedener machen?

 

Zur Person
Dr. Koehlers Weg hat ihn über viele Orte und Menschen, von denen er viel lernen durfte, Arbeit an verschiedenen Universitäten und Auslandsaufenthalte schließlich nach Bonn-Bad Godesberg geführt, wo er seit 1999 eine eigene neurologische Praxis führt. Dr. Koehlers Praxis ist klein und persönlich.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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