Das jameda-Interview: 7 Fragen an Frau Dr. Ewa Jonkisz, Geschäftsführerin & Leitende Psychotherapeutin der Linden Tagesklinikinfo_plain_20gr

Die psychosomatische und psychotherapeutische Linden Tagesklinik befindet sich in Frankfurt. (© Linden Tagesklinik GmbH Psychosomatische Tagesklinik)

Ärzte und Psychotherapeuten haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellt jameda Frau Dr. Ewa Jonkisz, Geschäftsführerin und Leitende Psychotherapeutin der Linden Tagesklinik, interessante Fragen zu Grundsätzen der Klinik und Behandlungsmethoden. 

jameda: Frau Dr. Jonkisz, Sie sind Gründerin und Geschäftsführerin der Psychosomatischen Linden Tagesklinik. Was sind Ihre Tätigkeitsschwerpunkte und was macht diese so besonders?

Frau Dr. Jonkisz: Von Beginn an bin ich die Ideengeberin und psychotherapeutische Leiterin der Tagesklinik. Gemeinsam mit dem Chefarzt Herrn Dr. Grabowski legen wir die inhaltliche Ausrichtung der Tagesklinik fest.

Mit unseren fachspezifischen Fortbildungen sorgen wir dafür, dass die ganzheitlichen Behandlungen in unserem Haus immer dem aktuellen, universitären Forschungsstand und den medizinischen Leitlinien entsprechen. Beispielsweise ist auch mäßige körperliche Bewegung nachgewiesener Wirkfaktor bei der Behandlung von zahlreichen psychischen Erkrankungen. Bewegung, Achtsamkeits- und Entspannungsübungen gehören daher zu unserem täglichen Programm.

Ich stehe im Austausch mit Forschungs- und Weiterbildungseinrichtungen und kümmere mich um die hohe Qualität unserer Therapien, indem ich beispielsweise für Supervisionen sorge.

jameda: Auf welche Spezialisierungen, Fortbildungen oder besondere Interessen haben Sie dabei Ihren Klinikalltag ausgelegt?

Frau Dr. Jonkisz: Bereits vor der Pandemie haben wir eine Steigerung der Anzahl von psychischen Erkrankungen aus dem Depressions- und Angstspektrum, inklusive Burnout, beobachtet. Mit diesen Diagnosen kommen die meisten unserer Patientinnen und Patienten. Da mein Kollege einen neurologischen Schwerpunkt hat, gehören psychosomatische und Schmerzstörungen selbstverständlich zu unseren Spezialgebieten.

Ich selbst behandle sehr gerne Menschen mit Zwangsstörungen und diversen Süchten, ob es sich um Essen, Kaufen oder Pornokonsum handelt. All den letztgenannten Erkrankungen ist gemeinsam, dass es sich um fehlgeleitete Versuche eines Umgangs mit negativen Gefühlen handelt.  

jameda: Wo sehen Sie in Ihrem Fachgebiet gegenwärtig die größten Herausforderungen?

Frau Dr. Jonkisz: Die mehrfachen Lockdowns führten zu einer deutlichen Zunahme der Anzahl von Menschen mit psychischen Störungen sowie der Verschlechterungen von vorhandenen Krankheitsverläufen. Dabei habe ich noch nicht die aktuell beforschten Langzeitfolgen von Corona-Erkrankungen mitberücksichtigt.

Ich gehe davon aus, dass das Ausmaß uns frühestens gegen Ende des Jahres bewusst wird. Die Versorgung von psychisch Erkrankten in Deutschland ist im europäischen Vergleich recht gut. Im ambulanten und insbesondere teilstationären Bereich sprechen wir dennoch von Wartezeiten von mehr als sechs Monaten. Es fehlt an Flexibilität von Behandlungsformen zwischen niedrig frequenten, ambulanten und teuren stationären Konzepten, um dem hohen Bedarf gerecht zu werden.

jameda: Gibt es aktuell Hilfen und Neuerungen, die Ihnen Ihren Klinikalltag erleichtern?

Frau Dr. Jonkisz: Es freut mich sehr, dass einige gesetzliche Krankenkassen sich für einen pragmatischen Weg im Sinne ihrer Patienten entschieden haben und die Kosten einer privaten tagesklinischen Behandlung erstatten. Diese Bereitschaft ist ein Novum.

Bei unseren Therapien haben wir zum größten Teil mit der "sprechenden Medizin" zu tun. Sie lässt sich kaum skalieren und outsourcen. Der wichtigste therapeutische Wirkungsfaktor ist und bleibt der Mensch. Darüber hinaus existieren eine Vielzahl an Gesundheitsapps und digitalen Anwendungen, die unsere Therapie erleichtern, aber nicht echten menschlichen Kontakt ersetzen können.

jameda: Welche Herausforderungen werden Ihrer Meinung nach Ihren Fachbereich in Zukunft am meisten beeinflussen?

Frau Dr. Jonkisz: Die bereits erwähnte Zunahme an psychischen Erkrankungen, gepaart mit einer limitierten Zahl an Therapieplätzen und der Notwendigkeit von Kostensenkungen im Gesundheitswesen, erfordern alternative Behandlungsmodelle.

Hier kann die Digitalisierung helfen. Sie erleichtert einen Zugang zu unterstützenden Selbsthilfeprogrammen und zu therapeutischen Angeboten. Das Zweite allerdings unter der Voraussetzung, dass diese Ressource überhaupt ausreichend vorhanden ist. Teure, stationäre Klinikaufenthalte könnten oft durch teilstationäre Programme verkürzt oder ersetzt werden.

In anderen Ländern existieren auch Programme, bei denen Patientinnen und Patienten beispielsweise an drei Nachmittagen in der Woche an drei bis vier Stunden an Gruppen- und Einzeltherapien teilnehmen können. Auf diese Weise kann eine hochqualitative Behandlung und Fortführung der Arbeitstätigkeit kombiniert werden. Bisher habe ich in Deutschland keine Möglichkeit gefunden, solch ein Konzept zu finanzieren. 

jameda: Welche technologischen Neuerungen werden Ihnen in Zukunft den Klinikalltag erleichtern?

Frau Dr. Jonkisz: Digitale Anwendungen wie beispielsweise diverse Gesundheitsapps erleichtern jetzt schon den Transfer des Gelernten bzw. Erlebten in den Alltag von Patienten. Dieser Trend wird weiterhin zunehmen.

Auf diese Weise können die Wirksamkeit und Nachhaltigkeit von Therapien gesteigert werden. Mittelfristig sehe ich auch die Anwendung der virtuellen Realität als Unterstützung für Expositionen und für Entspannungsübungen kommen. 


jameda:
 Worin liegen die größten Unterschiede und Vorteile zwischen dem Alltag in einer Tagesklinik, einer Praxis und einer Klinik?

Frau Dr. Jonkisz: Die Tagesklinik bietet eine intensive ambulante Behandlung, die mit ihrer Intensität selbst von einer hochfrequenten ambulanten Behandlung nicht erreicht werden kann.

Das Zusammenarbeiten von unterschiedlichen Berufsgruppen wie Ärzten, Psychotherapeuten sowie Kunst- und Sporttherapeuten ermöglicht vielfältigere und intensivere Zugänge. Im Vergleich zu einer stationären Behandlung ist es sehr alltagsnah. Die Tagesklinik schafft keine künstliche Wohlfühlatmosphäre. Das therapeutisch Erlernte kann sofort in der Lebensrealität ein- und umgesetzt werden.

Die Patienten verbleiben in ihrem Umfeld und lernen einen neuen, direkten Umgang mit den täglichen, belastenden Situationen. Damit ist der Transfer in das reelle Leben der Patienten und Patientinnen nachhaltiger.

jameda: Gibt es ein besonderes Patientenerlebnis oder einen besonderen Behandlungserfolg, den Sie nie vergessen werden?

Frau Dr. Jonkisz: Ja, eine Patientin habe ich sehr gut in Erinnerung. Die Ingenieurin kam zu uns mit sehr starken Burnout-Symptomen. Wegen Depression und Panikattacken war sie bereits eine Zeitlang arbeitsunfähig. Mit demselben Perfektionismus, der die Krankheit zuvor verursacht hatte, setzte sie jeden Tag, Schritt für Schritt alles um, was sie in der Therapie lernte.

Durch die Behandlungsfortschritte fasste sie einen neuen Lebensmut, traute sich, Neues auszuprobieren, und lernte, sich besser abzugrenzen. Schon nach relativ kurzer Zeit konnte sie ihr Leben neu ausrichten: Sie kehrte zu ihrem bisherigen Arbeitsplatz zurück, was sie sich vor dem Aufenthalt überhaupt nicht getraut hatte und wurde nach ein paar Monaten befördert.

Zwischendurch zog sie in eine schönere Gegend um, knüpfte mehr Kontakte in ihrer Freizeit und konnte insgesamt den beruflichen Erfolg mit einer gesünderen Lebensführung erfolgreich verknüpfen. Ich war von ihrem Willen sehr beeindruckt.

jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?

Frau Dr. Jonkisz: Die meisten Menschen kümmern sich um ihr Äußeres. Viele denken aber nicht daran, dass auch das Pflegen einer gesunden Psyche Zeit und Energie erfordert. Es gibt zahlreiche Nachweise zur protektiven und heilenden Wirkung einer gesunden Lebensführung. Für unsere Patientinnen und Patienten habe ich die BES-Formel eingeführt – gemeint sind tägliche körperliche Bewegung, gesunde Ernährung und ausreichend Schlaf.

Wenn wir uns dann noch aktiv um soziale Kontakte kümmern und uns bei Sorgen und Problemen helfen lassen, haben wir die besten Aussichten für ein langes Leben.

Zur Person

Frau Dr. Jonkisz ist Geschäftsführerin und Leiterin der Linden Tagesklinik und des Psychotherapeutischen Versorgungszentrums. Als promovierte und approbierte Psychotherapeutin mit der Fachkunde in Verhaltenstherapie und langjähriger Praxis im Umgang mit psychischen Erkrankungen bietet Frau Dr. Jonkisz sowohl Psychotherapie als auch Beratung in privaten wie beruflichen Anliegen an.

Qualifikation

  • Studium der Psychologie / Diplom, Approbation als Psychologische Psychotherapeutin
  • Zulassung als Psychologische Psychotherapeutin für Erwachsene, Kinder und Jugendliche (Einzel- und Gruppentherapie) für alle Kassen
  • Dozentin an Weiterbildungsinstituten für Psychologische Psychotherapeuten, Supervisorin, Moderatorin von Qualitätszirkeln und Fachreferentin
  • Aus- und Weiterbildungen u.a. in Schematherapie, Multimodaler Schmerztherapie und in Paartherapie

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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