Das jameda-Interview: 10 Fragen an Frau Dr. med. Vanessa Graßnickel

My Way Betty Ford Klinik

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© GraßnickelFrau Dr. Graßnickel praktiziert als Fachärztin für Psychatrie und Psychotherapie in der My Way Betty Ford Klinik in Bad Brückenau. (© Graßnickel)Ärzte haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellt jameda Frau Dr. Graßnickel interessante Fragen zu ihren Erfahrungen als Fachärztin für Psychatrie und Psychotherapie.

jameda: Frau Dr. Graßnickel, was hat Sie motiviert, Fachärztin für Psychatrie und Psychotherapie zu werden?

Frau Dr. Graßnickel: Als Fachärztin für Psychatrie und Psychotherapie bewegt man sich nah an der Basis, am Existenziellen. Das beinhaltet ein hohes Maß an Verantwortung, aber eben auch die Nachhaltigkeit dieses besonderen Berufs.

jameda: Was macht Ihnen im Klinikalltag am meisten Freude? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?

Frau Dr. Graßnickel: Psychiaterin zu sein, bedeutet teilzuhaben an den großen, teilweise wunderbaren Veränderungen im Inneren der Menschen. Das ist sehr motivierend.

jameda: Welchen Vorurteilen begegnen Sie häufig in Ihrer Klinik?

Frau Dr. Graßnickel: Häufig vermitteln unsere Patienten den Wunsch, dass Abhängigkeitserkrankungen heilbar sind. Aber das sind sie nicht. Wichtig ist daher, die Güte der Behandlung dieser chronischen Erkrankung zu betonen und das Beste zu geben.

jameda: Manche Krankheiten und Therapien sind unangenehm und verlangen viel Durchhaltevermögen vom Patienten. Was raten Sie Patienten in solchen Situationen? 

Frau Dr. Graßnickel: Viele Erkrankungen bieten trotz des hohen Leidfaktors ein großes Maß an Gestaltungsmöglichkeit durch die Betroffenen selber. Autonomie und Souveränität bekommen dadurch eine besondere Bedeutung, die sich therapeutisch wunderbar nutzen lässt.

jameda: Wie reagieren Sie, wenn Sie merken, dass ein Patient Ihren Therapieplan nicht befolgt?

Frau Dr. Graßnickel: Die Bedürfnisse und Ressourcen der einzelnen Patienten sind sehr unterschiedlich. Vielleicht ging der Plan an dem aktuellen Bedürfnis vorbei. Ziele können im Zweifelsfalle täglich modifiziert und korrigiert werden. Das Wichtigste ist die offene, transparente und auf Empathie basierende Kommunikation mit dem Patienten, weil es ausschließlich um ihn geht. Er steht im Fokus der Therapie.

jameda: Wenn Sie das Gesundheitssystem ändern könnten, was würden Sie als Erstes tun?

Frau Dr. Graßnickel: Ich würde sofort die Primärprophylaxe und die Prävention im Suchthilfesystem maximal ausbauen.

jameda: Kein Mensch ist perfekt. In welchen Bereichen haben Ärzte Ihrer Meinung nach Verbesserungspotential?

Frau Dr. Graßnickel: Auch Ärzte bewerten häufig, vielleicht auch zu häufig danach, ob eine Krankheit „selbstverursacht“ ist. Man sollte vielmehr die Initiative des betroffenen Patienten fördern und seine eigenen Handlungsmöglichkeiten aufzuzeigen.

© GraßnickelDie My Way Betty Ford Klinik hat sich auf die Behandlung von Suchterkrankungen spezialisiert. (© Graßnickel)jameda: Die Welt der Medizin verändert sich ständig. Gibt es neue Therapieverfahren oder Gerätschaften, die Sie in Ihrer Praxis anwenden?

Frau Dr. Graßnickel: Wir geben neben dem therapeutischen Prinzip auch unterstützenden Optionen eine Chance, den Synergismus zu erhöhen. Der NES-Weg hat seine Berechtigung und Akupunktur ist schon seit längerer Zeit Bestandteil des therapeutischen Angebots. Abstinenzerhaltende Medikamente werden konsequent da angeboten, wo das hohe Ziel der Abstinenz auch nur einen Hauch wahrscheinlicher wird.

jameda: Gibt es einen Patienten oder ein Erlebnis in Ihrer Praxis, das Sie nie vergessen werden?

Frau Dr. Graßnickel: Ja, ich erinnere mich an eine sehr kluge, erfolgreiche Frau Anfang 60, die über 30 Jahre konsequent abstinent war und dann einen schweren Rückfall erlitten hat. Sehr eindrücklich, dass das Suchtgedächtnis kein „Schreckgespenst“ von Ärzten und Therapeuten ist.

jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?

Frau Dr. Graßnickel: Das Prinzp „weniger ist mehr“. Gesund leben ist sinnvoll, wenn man sich realistische Grenzen setzt.

Zur Person

  • DVG (Deutsche Vereinigung für Getsalttherapie) 
  • Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapie und Suchtmedizin
  • verhaltenstherapeutisch ausgebildet an der Universitätsklinik Bochum

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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