Das jameda-Interview: 10 Fragen an Frau Dipl.-Psych. Kora Korbien

Dipl.-Psych. Korbien

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© Kora KorbienKora Korbien im jameda-Interview (© Kora Korbien)Ärzte und Therapeuten haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellte jameda Frau Korbien interessante Fragen zu ihren Erfahrungen als Psychotherapeutin. 

jameda: Frau Korbien, was hat Sie motiviert, Psychotherapeutin zu werden? 
Frau Korbien: Zunächst war da eine wunderbare Psychologielehrerin an meinem Gymnasium, die es verstanden hat, Fragen unbeantwortet zu lassen und damit meine Neugierde zu wecken. Allerdings vertraute ich meinem eigenen Wunsch erstmal nicht, sondern lernte einen „vernünftigen“ Beruf, wurde Tourismusbetriebswirtin und arbeitete in verschiedenen Ländern und Kulturen, was mich ebenfalls interessierte. Schließlich fasste ich mir 2004 ein Herz und entschied allen warnenden Stimmen zu trotzen und doch nochmal neu anzufangen. Seither begeistere ich mich für die Psychologie, ganz besonders für die Neuropsychotherapie von Klaus Grawe. 

jameda: Was macht Ihnen im Praxisalltag am meisten Freude? Wo sehen Sie die größten Herausforderungen?   
Frau Korbien: Noch heute fühle ich mich oft als Reisende, die neugierig ist und nicht aufhört, hinzuschauen und unbekannte innere Welten zu beleuchten. Es ist wunderbar, welche unentdeckten Ressourcen oft hinter den Ängsten meiner Patienten im Verborgenen liegen. 

jameda: Welchen Vorurteilen begegnen Sie häufig in Ihrer Praxis?
Frau Korbien: Zeitweise fragen Patienten nach meinem persönlichen Hintergrund, ob ich zum Beispiel selbst auch Kinder habe. Manchmal ist meine Antwort für den Patienten enttäuschend, wenn zum Beispiel die erhofften Ähnlichkeiten ausbleiben. Ich höre bei Vorurteilen in erster Linie einen Wunsch oder eine Besorgnis, die aus gutem Grund gehört werden möchte und frage danach.

jameda: Manche Krankheiten und Therapien sind unangenehm und verlangen viel Durchhaltevermögen vom Patienten. Was raten Sie Patienten in solchen Situationen? 
Frau Korbien: In unangenehmen, schwierigen Therapiezeiten ermutige ich meine Patienten den Prozess, der zum größten Teil unbewusst abläuft, zu beobachten, also nicht gegenzusteuern. Mit den unangenehmen Gefühlen, die dazu gehören, rate ich zu arbeiten. Dabei helfen Entspannungsverfahren, die Halt und Beruhigung ermöglichen, und Aufklärungsangebote, die Orientierung geben. Der Patient versteht, was passiert, sodass er Hoffnungslosigkeits- und Ohnmachtsgefühle bewältigen kann.

© Kora KorbienDie Praxisräume von Novus Via (© Kora Korbien)jameda: Wie reagieren Sie, wenn Sie merken, dass ein Patient Ihren Therapieplan nicht befolgt?
Frau Korbien: Wenn ein Patient den Therapieplan nicht befolgt, nehme ich das ernst und möchte verstehen, was sie oder ihn dazu bewegt. Manchmal findet die Therapie zu einer ungünstigen Zeit statt, so dass der Patient Schwierigkeiten hat, den Termin einzuhalten. Dann kann man einen anderen Termin finden. Es kann auch möglich sein, dass unbewusste Motive eine Rolle spielen, die das Einhalten des Plans erschweren. Ich gehe davon aus, dass alles, was der Patient erlebt, von Relevanz ist. Ich möchte die Hintergründe verstehen, so dass diese Dinge im besten Falle nicht mehr passieren, sondern der Patient sich entscheiden kann, wie er sein Handeln gestaltet.

jameda: Wenn Sie das Gesundheitssystem ändern könnten, was würden Sie als Erstes tun? 
Frau Korbien: Ich würde die Psychotherapeutenlandschaft öffnen, sodass Patienten sich ihren passenden Therapeuten aus allen approbierten Psychologischen Psychotherapeuten aussuchen können. Inzwischen ist wissenschaftlich belegt, dass die Passung zwischen Patient und Therapeut einen entscheidenden Faktor für eine erfolgreiche Psychotherapie darstellt. Leider stellen die gesetzlichen Krankenkassen ihren Patienten nur eine kleine Auswahl an Vertragstherapeuten zur Verfügung, die häufig überfüllt sind. Erhebliche Wartezeiten und dadurch bedingte Ausfälle durch Arbeitsunfähigkeit oder das Ausweichen in eine Klinik sind die kostenintensive Folge. Der Versorgungsauftrag, den die gesetzlichen Krankenkassen per Gesetz haben, ist momentan nicht ausreichend erfüllt.

jameda: Kein Mensch ist perfekt. In welchen Bereichen haben Ärzte Ihrer Meinung nach Verbesserungspotential?
Frau Korbien: „Beim Klempner tropft der Wasserhahn“, sagte meine Oma immer mit einem Augenzwinkern. Sie hat nicht unrecht! In meiner Berufsgruppe regen wir unermüdlich zur Selbstfürsorge an. Nicht selten vergessen Ärzte und Therapeuten sich selbst dabei. Aber ein Therapeut ist sein eigenes Arbeitsmittel. Um gute Arbeit zu leisten, muss es dem Therapeuten also selbst gut gehen. Die eigene Psychohygiene ist notwendig, um achtsam der eigenen Schwachpunkte gewahr zu sein, sodass sie die therapeutische Arbeit nicht behindern.

jameda: Die Welt der Medizin verändert sich ständig. Gibt es neue Therapieverfahren oder Gerätschaften, die Sie in Ihrer Praxis anwenden?
Frau Korbien: Das neuartige Therapiekonzept bei Novus Via nennt sich „Mental Health Care“. Wir möchten psychischen Erkrankungen vorbeugen und mentale Gesundheit erhalten. Dafür haben wir eine Art Fitnessprogramm für die Seele zusammengestellt, welches nach einem diagnostischen Gespräch an die individuellen Bedürfnisse jedes Einzelnen angepasst wird.

jameda: Gibt es einen Patienten oder ein Erlebnis in Ihrer Praxis, dass Sie nie vergessen werden?
Frau Korbien: Ich erinnere mich an die meisten Patienten sehr gut, denn der gemeinsame Weg ist intensiv und die Erfahrungen hinterlassen Spuren. Ein schönes Erlebnis, das ich nie vergessen werde, war in meiner Ausbildung. Eine unsichere, ängstlich-depressive Patientin forderte in der 45. Sitzung plötzlich ihr gutes Recht ein und verhandelte selbstbewusst und auf Augenhöhe mit mir. Ich war zunächst erschrocken, dann aber nachhaltig beeindruckt von ihrem Mut und auch ein bisschen stolz.

jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben?
Frau Korbien: Ich möchte Mut machen, neugierig zu sein und auch kleinen inneren Impulsen zu vertrauen. Die Psyche bricht sich kein Bein, sie sendet andere Signale. In unserer schnellen Zeit überhören wir diese feinen Signale oft. Achten Sie auf Ihre kleinen Impulse, denn wenn es sich nach Hilfebedarf anfühlt, dann hat das einen guten Grund und womöglich seine Berechtigung.

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