Das jameda-Interview: 7 Fragen an M.Sc. Marco Schneiderinfo_plain_20gr

M. Sc. Schneider hat sich auf Verhaltenstherapie & Evolutionspsychologie spezialisiert. (© M.Sc. Schneider)

Psychotherapeuten haben einen besonderen Blick auf die Welt der Medizin. Damit Patienten hinter die Kulissen des Gesundheitswesens blicken können, stellt jameda Herrn M.Sc. Marco Schneider interessante Fragen zu seinen Erfahrungen als Psychotherapeut. 

jameda: Herr Schneider, was hat Sie motiviert, Psychotherapeut zu werden, und warum haben Sie sich für Ihre Spezialgebiete entschieden?

Herr M.Sc. Schneider: Ich bin Psychologe und Psychotherapeut geworden, um Menschen zu größerer Lebenszufriedenheit zu verhelfen. In meiner täglichen Arbeit findet dieses Bedürfnis volle Erfüllung, wofür ich sehr dankbar bin und was mir immer wieder bestätigt, die richtige Berufswahl getroffen zu haben.

Mein Spezialgebiet, die Evolutionspsychologie, die versucht, das Erleben und Verhalten des Menschen mit Erkenntnissen über die Evolution zu erklären, ergab sich aus der natürlichen Einsicht, dass wir alle Produkte der Evolution sind. Folgerichtig gründet sich meine psychotherapeutische Arbeit – wo möglich – auf Erklärungsansätze der evolutionären Psychologie.

jameda: Worin liegt Ihr Tätigkeitsschwerpunkt und was macht ihn so besonders?

Herr M.Sc. Schneider: Ich arbeite mit den Methoden der kognitiven Verhaltenstherapie. Dies vor dem Hintergrund der evidenzbasierten Medizin, die sich auf das neueste medizinische Wissen stützt. Als Besonderheit lasse ich in meine Arbeit Erkenntnisse der klinischen Evolutionspsychologie einfließen.

Menschliche Erlebens- und Verhaltensweisen sind demnach als Anpassungsleistungen an im Laufe der Naturgeschichte immer wieder auftretende Probleme zu verstehen. Psychische Störungen, wie Depressionen, Angst- oder Zwangsstörungen, können Fehlfunktionen dieser evolutionsbedingten psychologischen Mechanismen beschreiben. Ein ganz neuer Ansatz in der Therapie.


jameda:
 Gibt es im medizinischen Bereich ein Vorbild, das Ihre Laufbahn besonders geprägt hat?

Herr M.Sc. Schneider: Auch nach Steven Pinkers Buch „The Blank Slate“ glauben viele Protagonist*innen unserer Zunft noch immer an den Menschen als „unbeschriebenes Blatt“ – ein Mythos, der auf den Philosophen John Locke aus dem 17. Jahrhundert zurückgeht. Diese Vorstellung, der Mensch werde wesentlich durch Umwelteinflüsse geprägt, bleibt selbst in der Psychotherapieausbildung unhinterfragt.

Empfehlen kann ich deshalb die Schriften der Psychologin Leda Cosmides und des Anthropologen John Tooby, die als erste den Einfluss der Evolution auf unsere Psyche untersuchten. Weitere Vorbilder sind die Evolutionspsychologen David M. Buss, Geoffrey Miller und Jordan Peterson.

jameda: Wo sehen Sie in Ihrem Fachgebiet die größten Herausforderungen für die Zukunft?

Herr M.Sc. Schneider: Die Überwindung vorwissenschaftlichen Denkens in der Psychotherapie, betreffend alle Richtlinienverfahren, insbesondere aber psychodynamische Ansätze (Psychoanalyse, tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie). Hier fehlt der Mut zum längst überfälligen Paradigmenwechsel, das heißt, menschliches Erleben und Verhalten aus evolutionärer Perspektive zu betrachten.

Derzeit ist eher der gegenteilige Trend zu beobachten – ein Bemühen um Integration sich eigentlich völlig widersprechender Ansätze, denen allesamt die evolutionspsychologische Fundierung fehlt. Das ist ein großes Manko und der Versuch der Vereinheitlichung vor diesem Hintergrund eine fatale Fehlentwicklung.


jameda:
 Was wird an Ihrem individuellen Umgang mit Ihren Patienten besonders geschätzt?

Herr M.Sc. Schneider: Ich würde meine Arbeitsweise als grundsätzlich lösungs- und ergebnisorientiert beschreiben, das heißt, konzentriert auf den gewünschten Zielzustand sowie die dahin führenden Schritte. Dabei lassen wir alles aus, was langfristig keine Besserungen bringt.

Entsprechend geht es in der Therapie darum, durch Informationsvermittlung zur Expert*in seiner eigenen „Störung“ zu werden, sodass die Patient*innen Werkzeuge in Form fundierten psychologischen Wissens an die Hand bekommen, um sich selbst ein qualitativ besseres Leben aufzubauen. Dieses pragmatische Vorgehen schätzen meine Patient*innen.

 

jameda: Was schätzen Sie an Ihren Patienten besonders?

Herr M.Sc. Schneider: Manche Therapiephasen sind für die Patient*innen unangenehm und verlangen viel Durchhaltewillen. Teilweise geht es nur langsam voran, doch die meisten meiner Patient*innen bleiben hoch motiviert. Davor habe ich großen Respekt!

jameda: Welchen Gesundheitstipp möchten Sie unseren Lesern mit auf den Weg geben? 

Herr M.Sc. Schneider: Treiben Sie Sport! Körperliche Aktivität vermindert Angstgefühle und wirkt positiv auf die Stimmung, wie Studien zeigen. Denn evolutionär betrachtet sind wir, das heißt die menschliche Spezies, Läufer. Bewegung und das Finden von Nahrung standen von jeher in einem engen Zusammenhang: Ohne Bewegung keine Nahrung. Angst und Depression waren allenfalls passagere Erscheinungen, da ein längerer Rückzug und starkes Vermeidungsverhalten zum Tod geführt hätten. Zwar gibt es auch im Tierreich an Angst und Depression erinnernde Zustände, zum Beispiel Trauerreaktionen. Aufgrund des Erfordernisses der Nahrungssuche halten diese jedoch nur kurz an.

 

Zur Person

Marco Schneider ist ausgebildeter Psychologe und approbierter Psychologischer Psychotherapeut. Neben seiner Arbeit in der Praxisgemeinschaft für Psychotherapie in München ist er als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Klinikum der Ludwig-Maximilians-Universität München in der klinischen Forschung tätig.

Zur Praxis

Die Praxisgemeinschaft für Psychotherapie in München liegt in der Maxvorstadt und ist modern und komfortabel ausgestattet. Das freundliche Team ist geschult im Umgang mit Menschen, die psychisch belastet sind, und geht mit absoluter Diskretion, Verständnis und Empathie auf jede Besucher*in ein.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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