Mutismus

Frau Köhle

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© Alexey Klementiev - Fotolia.com© Alexey Klementiev - Fotolia.comFrau F. berichtet in der Mutismus-Selbsthilfegruppe: Mein Sohn spricht innerhalb unserer Familie frei und ungehemmt, sobald er jedoch in der Schule ist, nimmt er keinen Kontakt auf zu anderen Kindern. Er bleibt für sich, spricht mit niemandem, wirkt verkrampft und vermeidet jeglichen Blickkontakt. Wo kann ich mir Hilfe für meinen Sohn holen?

Was bedeutet selektiver Mutismus oder auch elektiver Mutismus?

Diese beiden Fachbegriffe bezeichnen das gleiche Störungsbild. Gemeint ist damit eine angstbedingte Kommunikationsstörung, die durch Schweigen gekennzeichnet ist. Von Mutismus Betroffene schweigen gegenüber Personengruppen außerhalb ihres privaten Umfeldes z. B. im Kindergarten, in der Schule, bei der Arbeit etc. Innerhalb ihrer eigenen Familie sprechen sie häufig sehr viel und verhalten sich sprachlich unauffällig. Sobald von Mutismus Betroffene sich außerhalb ihrer Kernfamilie bewegen oder Fremde hinzukommen, verfallen sie in Schweigen und wirken körpersprachlich wie erstarrt. Es ist kein Blickkontakt mehr möglich und die Mimik gefriert ein.

Dieses Störungsbild beginnt häufig im Kindergartenalter, kann jedoch auch in späteren Jahren auftreten oder als Begleiterscheinung anderer Erkrankungen wie z. B. neurologischer Krankheiten oder an der Stimme Erkrankte. Häufig wird dann aus Scham das Sprechen vermieden.
Die schwerste Form ist der totale Mutismus. Beim totalen Mutismus wird in jedem Umfeld geschwiegen. Die Ursachen sind vielfältig. Dies können Schockerlebnisse sein, psychiatrische oder neurologische Grunderkrankungen oder eine dramatische Verlaufsvariante des selektiven Mutismus.

Welche Ursachen liegen dem selektiven Mutismus zugrunde?

Jahrzehntelang und auch teilweise heute noch herrschte die Meinung vor, dass selektiver Mutismus das Resultat frühkindlicher Traumata und elternbedingter Erziehungsfehler sei. Dies ist jedoch überwiegend nicht der Fall! Im Rahmen der Mutismus-Forschung treten vererbbare Faktoren, familiäre Disposition zu Ängsten, biochemische Störungen im serotonergenen Neurotransmittersystem sowie ein erhöhtes Aktivitätspotential in der für Ängste verantwortlichen Amygdala in den Vordergrund.

Ist eine Behandlung des elektiven Mutismus überhaupt möglich?

Je früher mit einer Behandlung begonnen wird, desto günstiger ist die Prognose. Ohne therapeutische Hilfe geraten die Betroffenen langfristig häufig in eine Lebenssackgasse und isolieren sich selber sowohl sozial als auch beruflich. Beruflich haben sie dann kaum noch Chancen und es bleibt vielen nur noch die Arbeitslosigkeit oder einfache Tätigkeiten.

Inzwischen gibt es viele Therapiemaßnahmen, die teilweise auch interdisziplinär stattfinden und einzelfallorientiert kombiniert werden können:

Logopädie / Sprachtherapie:
Logopädie sollte so früh wie möglich beginnen! Im therapeutischen Setting erfolgt über die didaktische Reihenfolge Laut- Silben-, Wort-, Satz-, Text- und Spontansprachebene eine Reduktion der Angst vor der verbalen Kommunikation. Sobald bei den Klienten die Dialogfähigkeit angebahnt ist, wird durch In-vivo-Maßnahmen der Einsatz des Sprechens in reale Alltagssituationen übertragen. Gemeinsam mit den Betroffenen und Angehörigen werden Zukunftsperspektiven entwickelt.

Weiche Medicotherapie:
Parallel zur Logopädie kann eine HeilpraktikerIn angstlösende homöopathische Konstitutionsmittel oder Bachblüten individuell ermitteln. Diese Medikation ist auch für kleinere Kinder geeignet.

Schulmedizinische Medicotherapie:
Bei dieser werden sogenannte Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) eingesetzt. Sie führen im Hirnstoffwechsel zu einer Anhebung des zu niedrigen Serotoninspiegels und tragen somit zur Reduktion von Angstzuständen bei. Diese Behandlung ist allerdings nur bei Jugendlichen und Erwachsenen zu diskutieren und kann nie eine der anderen Therapieformen ersetzen!

Gesprächstherapie/Psychoanalyse:
Durch diese beiden Therapieformen, die erst nach einer Sprachtherapie und hiermit einhergehender kommunikativen Öffnung möglich ist, werden die vorhandenen psychischen Ursachen eines mutistischen Verhaltens, wie z. B. schulische Konflikte etc. herausgearbeitet und gemeinsam reduziert bzw. aufgelöst.

Verhaltenstherapie:
Der von Mutismus Betroffene wird sukzessive sozialen Situationen ausgesetzt, die vorher sozialphobisch gemieden wurden, und damit seine Angst desensibilisiert. Das Selbstbewusstsein des Betroffenen wird gestärkt.

Wer ist AnsprechpartnerIn?

Beratung erfolgt entweder durch die HausärztIn / KinderärztIn oder nach Rezeptierung durch eine entsprechend ausgebildete LogopädIn oder PsychologIn. Der logopädische Indikationsschlüssel lautet: ICD 10 F 94,0 / SP1 oder RE1.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (6)


24.08.2017 - 08:49 Uhr

Bei meiner Tochter wurde vor etwas über einem...

von Serenity

... Jahr selektiver Mutismus festgestellt bei einer U Untersuchung des Kinderarztes. Sie hat weder den Hör- noch den Sehtest wirklich machen können, da sie nicht mitgearbeitet hat. Sie redet bis heute mit keinem Erzieher im Kindergarten in dem sie seit dem 01.01.2016 ist, lediglich mit ein paar Kindern die sie mag. Sie hat in jedem Umfeld Probleme zu sprechen, einzig und allein zuhause redet sie ohne Punkt und Komma. Sie bekommt nun seit August 2016 Frühförderung und nun kommt die Logopädin dazu. Ich hoffe das sich das ganze bis zur Schule etwas bessert und wir davor keine Angst haben müssen. Sie ist 2017 im Juli 5 Jahre geworden.

20.06.2017 - 23:28 Uhr

Ich bin 28 Jahre alt hatte Streit mit meinen...

von Spayco

... Betreuern im Heim. Ich hab mich zuvor mit einem Betreuer richtig gut verstanden, es war dann so, dass ich es im Heim nicht mehr ausgehalten habe. Ich war vier Wochen in der Psychiatrie und am Wochenende zu Hause. Da war der Betreuer mit dem ich mich vor dem Streit gut verstanden habe nie im Dienst. Ich wurde heute entlassen und der Betreuer hat Dienst. Ich kann ihm nicht in die Augen sehen und ich kann nicht mit ihm sprechen.

15.07.2015 - 09:30 Uhr

Wenn ich mir all das so durchlese, dann habe ich...

von Jenni

... wohl selektiven Mutismus. Jetzt muss ich nur noch meine Therapeutin wechseln...

14.06.2015 - 21:39 Uhr

Ich habe erst seit 1 Jahr was gehört von Mutismus...

von ratten

... und habe festgestellt, dass ich alle oben beschriebene Symptome habe und das schon seit dem Kindergarten. Ich habe bis heute (bin 34 Jahre alt) keine Kontakte zu Menschen, lebe von Harzt IV, außer einen Freund, mit dem ich verlobt bin. Ich dachte immer, ich wäre krank. Jetzt weiß ich aber, dass es noch andere gibt die das haben.

15.09.2014 - 13:53 Uhr

Hallo, ich habe ein 19-jährige Tochter, bei der...

von Christiane H

... der selektive Mutismus erst vor 4 Jahren festgestellt wurde.Seit dem hat sie sich sehr zum Vorteil entwickelt und traut sich immer öfter Fremden gegenüber ihre Wünsche zu äußern. Allerdings wollte sie ihren Realschulabschluss machen, was leider nicht geklappt hat und somit Ihr Berufswahl stark eingeschränkt ist. Da sie kaum Hobbys oder Interessen hat, weiß ich als Mutter nicht, wie es weiter gehen soll. Sie war sehr ehrgeizig, hat aber jetzt allen Mut verloren. Wie kann ich sie unterstützen? Was ist möglich bei dieser Erkrankung als Erwachsene? Sie ist in psychologischer Behandlung, aber es hilft nur begrenzt.

Frau Köhle

Antwort vom Autor am 21.09.2014
Alexandra Köhle

Hallo Christiane, auch im Erwachsenenalter lassen sich Verhaltensweisen noch verändern, allerdings ist es etwas schwieriger und erfordert Durchhaltevermögen und genügend Eigenmotivation Ihrer Tochter. Es ist durchaus möglich eine Kombinationstherapie zu machen d.h. weiterhin psychologische Therapie, aber zusätzlich noch logopädische Therapie bei einer Logopädin, die einen Bezug zu diesem Störungsbild hat. Wenn Sie weitere Fragen an mich haben, wenden Sie sich bitte über mein Kontaktformular meiner Homepage an mich. Freundliche Grüße, Alexandra Köhle

27.08.2013 - 14:41 Uhr

Kann man Mutismus bereits in frühen Jahren...

von Thomas

... (zwischen 2-4 Jahren) erkennen und vorbeugend therapieren?

Frau Köhle

Antwort vom Autor am 28.08.2013
Alexandra Köhle

Hallo Thomas, tatsächlich lässt sich ein sozialängstliches Verhalten schon früh sogar teilweise im Krabbelalter beobachten. Diese Kinder entwickeln allerdings nicht alle ein mutistisches Störungsbild! Wenn Sie dies an Ihrem Kind beobachten sollten, haben Sie die Möglichkeit es rechtzeitig in seiner Entwicklung des Selbstvertrauens zu unterstützen. Wenn Sie sich mehr in das Störungsbild Mutismus einlesen möchten, empfehle ich Ihnen das Buch von Dr. Boris Hartmann, Gesichter des Schweigens, erhältlich im Schulz-Kirchner Verlag, ISBN 978-3-8248-0506-8 Freundliche Grüße, Alexandra Köhle


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