Narzissmus in der Beziehung erkennen: So beenden Sie den Teufelskreislauf

Frau Effmert

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© Elnur - fotoliaBesonders in Beziehungen kann der Umgang mit einem Narzissten zu einer Belastungsprobe werden. (© Elnur - fotolia)Im Grunde war der Jüngling Narziss ein sympathischer Bursche. Er stieg den Frauen nicht nach, sondern wollte offenbar abwarten, bis die Richtige anklopft. Eine von ihm abgewiesene Dame reagierte darauf gleich mit einem Fluch, der Einzug in die Psychologie gefunden hat.

Die Selbstverliebtheit des Narziss hat nicht nur als - zugegeben schwieriger - menschlicher Charakterzug den Sprung aus der Legende in die reale Welt geschafft. Narzissmus ist Teil der Psychologie und wurde bereits von Isidor Sadger und Sigmund Freud beschrieben. Als narzisstische Persönlichkeitsstörung wurde er als Krankheit klassifiziert. Narzissmus kommt in vielen Formen vor - auch und gerade in in der Familie oder in Partnerschaften. 

Egozentriker im Schafspelz

"Und dann waren sie da, diese Zweifel, vor allem an mir selbst", beschreibt Nicole die Situation. Seit drei Jahren waren sie und Thomas ein Paar. Die Beziehung funktionierte von Anfang an, abgesehen von den Höhen und Tiefen, die es immer wieder im Laufe der Zeit gibt.

Thomas trug seine Nicole anfangs auf Händen. Vielleicht sogar etwas mehr als das. Eigentlich war es ein schönes Gefühl, doch rückblickend wertet die junge Frau das Verhalten von Thomas als "übertrieben". Die ständigen Lobeshymnen, die gleichen Meinungen, sogar das geteilte Freizeitvergnügen und nicht zuletzt das Übernehmen von Aufgaben, die Nicole gern selbst in die Hand genommen hätte, ließen das Bild vom Traumprinzen allmählich bröckeln.

Das Übermaß an Zuneigung ist ein mögliches Zeichen, mit einem Narzissten zusammenzuleben. Immer stärker und immer häufiger singt er beispielsweise Lobeshymnen auf den Partner - allein zur Befriedigung des eigenen, egomanischen Denkens. Der andere gerät so, ohne es zu bemerken, in eine Art Abhängigkeit - mit tiefgreifenden Folgen für die eigene Psyche und das eigene Selbstverständnis.


Keine Kritik erlaubt

Der Narzisst ernährt sich von der wachsenden Macht, die er gegenüber seinem Partner ausübt. Er wird nicht mehr als gleichwertig betrachtet und das Gefüge auf Augenhöhe verliert sich. Es gibt für Narzissten auch kein "Wir-Gefühl" in einer Beziehung. Alles dreht sich um die eine Person im Zentrum: den Narzissten selbst.

Das musste auch Nicole erfahren. Wurde sie zu Anfang ihrer Beziehung von Thomas regelrecht auf Händen getragen, ließ er sie mehr und mehr fallen. Zudem versuchte er, sie nach seinen Wünschen zu „formen“ und nahm ihr dadurch die Luft zum Atmen. Immer häufiger kam es zu Streit. Anlass waren meist Kleinigkeiten. Thomas kritisierte sie, wo er nur konnte: ihr Auftreten, ihr Aussehen oder auch ihr Wissen. Er ließ keine Meinung außer seiner eigenen gelten.

Dass das unweigerlich an die Substanz geht, ist nur verständlich. Ein Narzisst erlaubt keine Kritik. In der Folge kam es zu regelrechten Machtkämpfen zwischen Nicole und Thomas.


© yanlev - fotoliaNarzissmus findet sich nicht nur in Beziehungen, sondern kann auch den Freundes- und Familienkreis stören. (© yanlev - fotolia)Narzissmus übertragbar auf andere Konstellationen

Das Beispiel von Narzissmus in der Partnerschaft ist übertragbar auf andere Beziehungskonstellationen. Nicht selten kommt es zum narzisstischen Handeln der Mutter gegenüber ihrer Tochter. Und auch hier entsteht nach und nach ein Abhängigkeitsgefälle durch steigende Machtausübung der Mutter, das irgendwann in der psychischen Verzweiflung und einem seelischen Desaster derTochter endet.

Oft versuchen Narzissten, ihr Gegenüber aus familiären oder Freundesstrukturen herauszureißen. Sie stellen den Kreis als "schlechten Umgang" dar und wollen den anderen auf diese Weise sozial isolieren. Deshalb ist es überaus wichtig, dass Betroffene den Kontakt zu ihrem Umfeld - Familie, Freunde und Bekannte - halten. Bei einer Trennung ist es umso wichtiger, ein verlässliches Auffangnetz zu haben.


Erkennen und Handeln

Eng damit verbunden sind der Wille und das Bewusstsein, sich nicht verunsichern zu lassen. Vor allem nicht durch Lügen oder Manipulationsversuche der narzisstischen Person. Das setzt Kraft und Stabilität voraus.

Das eigene Selbstbewusstsein muss so stark sein, jeglichen Angriffen zu widerstehen und sie von sich abprallen zu lassen. Handeln Sie dabei aber wohlüberlegt und mit dem sprichwörtlichen Fingerspitzengefühl. Ein allzu hartes Kontra auf eine ohnehin heftige, manipulierende Attacke heizt die Situation weiter an. Abwertende Bemerkungen des Narzissten sollten nicht als persönliche Beleidigung, sondern als krankhaftes Verhalten bewertet werden.

Die Schuld, auf einen Narzissten hereingefallen zu sein, suchen Betroffene häufig bei sich selbst. Doch Vorwürfe sind deplatziert und unnötig. Jeder kann auf einen Narzissten hereinfallen. Wichtig ist, den Narzissmus zu erkennen und auszubrechen. Eine Trennung ist für den Narzissten selbst eine Kränkung, die ihn unglaublich verletzt. Das setzt voraus, dass der andere gut vorbereitet ist und auf seine eigenen Kräfte bauen kann.


Psyche und Selbstwert stärken

Wem das alleine nicht gelingt, sollte professionelle Hilfe in Anspruch nehmen. Gemeinsam wird die Situation analysiert und der Ist-Zustand bewertet. Aufbauend auf dem Erlebten, den eigenen Wünschen und der psychischen Selbsteinschätzung werden Strategien entwickelt, den Teufelskreis des Narzissmus zu verlassen.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (1)


06.09.2018 - 15:37 Uhr

Ich kann verstehen, dass es schwer ist, sich aus...

von Janny

... einer solchen Beziehung zu lösen. Vor einigen Jahren bin ich selbst an ein Mädel geraten und unsere Beziehung war ähnlich wie die oben beschriebene, nur eben mit vertauschten Geschlechtern. Ich höre nur sehr selten von Beziehungen, in denen die Frau die Narzisstin ist, deswegen haben mich Anfang viele nicht ernst genommen. Meine engen Freunde und meine Familie waren allerdings für mich da.


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