Wie findet man den passenden Psychotherapeuten?

Dr. med. Willi gibt Tipps zur Psychotherapeuten-Wahl (© Dr. med. Willi)

Die Suche nach dem passenden Therapeuten* gestaltet sich oft schwierig. Zum einen gibt es unterschiedliche Berufsgruppen, die psychotherapeutische Behandlungen anbieten. Zum anderen gibt es unterschiedliche psychotherapeutische Verfahren. Dabei kann die Wahl des passenden psychotherapeutischen Verfahrens eine erhebliche Rolle für den Behandlungserfolg spielen. Die meisten Psychotherapeuten bieten jedoch nur ein Verfahren an.

Die wichtigsten psychotherapeutischen Verfahren sind die kognitive Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie, die psychoanalytische Psychotherapie und die systemische Therapie. Zu guter Letzt spielt auch die Person des Therapeuten eine wichtige und für den Behandlungserfolg oft entscheidende Rolle. Dabei geht es nicht nur darum, ob der Therapeut fachlich „gut oder schlecht“ ist. Es geht auch darum, ob Therapeut und Patient zusammenpassen. Bei dieser „Passung“ spielen wiederum zahlreiche Faktoren eine Rolle.

 Unterschiedliche Berufsgruppen

Beginnen wir einmal bei den unterschiedlichen Berufsgruppen. Hier haben die unterschiedlichen Berufsgruppen einen sehr unterschiedlichen Ausbildungshintergrund und unterscheiden sich sowohl in der Breite, als auch in der Tiefe der psychotherapeutischen Ausbildung. Zum einen gibt es hier Psychiater und Psychologen.

Psychiater haben Medizin studiert und im Rahmen der daran anschließenden Facharztausbildung auch eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert. Die meisten Psychiater bieten aber keine Regelpsychotherapie nach dem Psychotherapeutengesetz (PsychThG) an. Psychiater sind in unserem Gesundheitswesen die Spezialisten für die medikamentöse Behandlung von psychischen Erkrankungen.

Daneben gibt es die Psychologen, die heutzutage die größte Gruppe von Psychotherapeuten bildet. Psychologen haben Psychologie studiert. Anschließend haben sie eine psychotherapeutische Ausbildung absolviert. Psychologische Psychotherapeuten haben oft eine sehr gute und tiefgründige psychotherapeutische Ausbildung in einem bestimmten psychotherapeutischen Verfahren. Psychologen haben aber keinen ärztlichen Hintergrund und können deshalb mögliche körperliche Ursachen nur eingeschränkt beurteilen.

Psychologen sind deshalb u. a. bei schweren psychischen Erkrankungen, bei einer begleitenden medikamentösen Behandlung oder unklaren körperlichen und psychischen Symptomen auf eine Zusammenarbeit mit Ärzten angewiesen. Teilweise wird diese Zusammenarbeit – zumindest zu Beginn der Behandlung – von den Krankenkassen auch verpflichtend vorgeschrieben, damit keine körperliche Erkrankung übersehen wird.

Daneben gibt es noch die Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Sie haben sowohl eine umfangreiche ärztliche als auch eine tiefgründige psychotherapeutische Ausbildung. Sie bilden in unserem Gesundheitswesen ein „Hybrid“ zwischen Psychiatern und Psychologen.

Fachärzte für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie arbeiten vorwiegend psychotherapeutisch, können aber im Bedarfsfall auch eine körperliche Abklärung durchführen, Laborwerte kontrollieren oder Medikamente verschreiben.

Daneben gibt es in Deutschland noch die Heilpraktiker für Psychotherapie. Diese Berufsgruppe hat aber keine anerkannte Ausbildung nach dem Psychotherapeutengesetz. Die Kosten für eine Psychotherapie bei einem Heilpraktiker für Psychotherapie werden deshalb von gesetzlichen und privaten Krankenkassen auch meist nicht übernommen.

 

 Unterschiedliche Verfahren und Therapien

Kommen wir nun zur Verfahrensfrage. Sie ist oft entscheidend für den Behandlungserfolg, wird aber durch unser Gesundheitswesen oft vernachlässigt oder „dem Zufall überlassen“. So gibt es Studien, die zeigen, dass sich mit einem bestimmten Verfahren selbst nach 1.000 Stunden die Symptomatik kaum bessert, sich dabei aber auf der Ebene der Erkenntnis und der Persönlichkeitsentwicklung erhebliche Fortschritte zeigen.

Dabei ist bei den heutigen Erkenntnissen anzunehmen, dass bestimmte Patienten der Studie mit Hilfe eines anderen Verfahrens nach ca. 20 Stunden symptomfrei oder symptomatisch deutlich gebessert gewesen wären. Die meisten Patienten wählen aber ihren Therapeuten nicht nach dem von ihm angewandten Verfahren, sondern nach Website, Empfehlung, Bewertung, Branchenbuch und Sympathie.

Die meisten Psychotherapeuten arbeiten jedoch in nur einem Verfahren. Die Verfahrenswahl entsteht somit meist indirekt, durch die Wahl des Psychotherapeuten. Oft stellt dies auch kein Problem dar, was sich daran zeigt, dass das Behandlungsziel mehr oder weniger erreicht wird. Diese Vorgehensweise kann aber auch zu mangelnden Behandlungserfolgen, einer frustrierenden Behandlung oder gar zu einer massiven Verschlechterung des psychischen Zustands führen.

So finden Überweisungen zwischen Behandlern mit unterschiedlichen Verfahren oft nur auf Druck des Patienten, mit erheblicher Verzögerung oder auch gar nicht statt. Das ist ein wenig so, als ob Sie zum Apple Store gehen und dort nach einem Computer fragen. Sie werden dort mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Apple-Produkt angeboten bekommen, auch wenn dieses Produkt für ihre persönliche Anwendung möglicherweise gar nicht passend ist.

Im Extremfall erhalten Sie bei identischer Symptomatik beim Psychiater ein Medikament, beim Verhaltenstherapeuten eine Verhaltenstherapie und beim Psychoanalytiker eine Psychoanalyse. Das kann so eigentlich nicht zu den bestmöglichen Behandlungserfolgen führen. Vor der eigentlichen psychotherapeutischen Behandlung sollte deshalb das, in Ihrem Einzelfall, passende Verfahren geklärt werden. Unter den dann passenden Behandlern kann dann in der Regel problemlos nach Sympathie und persönlichen Vorlieben entschieden werden.

 

 Die Wahl des Verfahren

Dabei ist aber gerade die Wahl des passenden psychotherapeutischen Verfahrens für den Betroffenen oft eine Überforderung. Denn er weiß ja gar nicht, was für ihn passt. Selbst für den Behandler mit einem Überblick über die unterschiedlichen Verfahren stellt die Verfahrenswahl, die sogenannte Differentialindikation, oft eine Herausforderung dar.

So unterscheiden sich die Verfahren schon in der Zielsetzung massiv voneinander. Denn die kognitive Verhaltenstherapie zielt meist stark auf eine rasche Besserung der Symptome, während die psychoanalytische Psychotherapie versucht, das Unbewusste bewusst zu machen.

Dabei kann es auch zu einer Verschlechterung der Symptomatik kommen, was unter psychoanalytischer Betrachtung aber nicht unbedingt als schlechtes Zeichen oder als Problem gewertet wird. Dabei ist es auch nicht ohne weiteres möglich, die unterschiedlichen Verfahren miteinander zu kombinieren da es hier oft zu erheblichen inhaltlichen Widersprüchen und Qualitätseinbußen kommt.

Man kann eben nicht gleichzeitig einen optimalen Sportwagen und einen optimalen Geländewagen anbieten, da sich hier eben die Erfordernisse widersprechen. Natürlich kann man dies versuchen, es geht aber eben in der Regel auf Kosten der spezifischen Möglichkeiten.

 

 Die Wahl des Psychotherapeuten

Zu guter Letzt spielt noch der gewählte Psychotherapeut eine wichtige und eigentlich entscheidende Rolle. Hier muss es einfach passen, wobei es mit der Beurteilung dieser „Passung“ eben auch nicht so einfach ist.

Beispielsweise könnte eine Patientin mit einer strengen Mutter vor einer streng wirkenden Therapeutin erst einmal zurückschrecken und zu einer sehr „weich“ wirkenden Therapeutin gehen. Möglicherweise profitiert sie dann bei der „weich“ wirkenden Therapeutin aber viel weniger von der Psychotherapie, da die wahrgenommene Strenge so in der Therapie gar nicht zum Thema wird und hierdurch therapeutisch auch kaum bearbeitet werden kann.

Dies gilt insbesondere für den Fall einer psychoanalytischen Psychotherapie. Manche Patienten wählen auch genau den Therapeuten, der ihnen ihr eigenes Selbstverständnis und ihr eigenes Krankheitsmodell bestätigt oder sich nicht traut, zu widersprechen. Hier ist dann der therapeutische Prozess von vornherein schon eingeschränkt, da der Veränderungs- und Heilungsprozess oft genau durch diese gegenseitige Annäherung verursacht wird.

Die emotionale Nähe und die gegenseitige Sympathie spielen dabei tatsächlich eine entscheidende Rolle für den Heilungsprozess. Emotionale Nähe und fachliche Distanz stellen dabei aber keinen Widerspruch dar, sondern machen oft genau den Kern des Heilungsprozesses aus.

 

 Fazit

Zusammenfassend stellt die Wahl des passenden Psychotherapeuten oft ein großes Problem dar. In der Realität wird dieses Problem oft durch die Wahl des Therapeuten gelöst. Diese Vorgehensweise ist nicht grundsätzlich falsch, enthält aber erhebliche Risiken für den Behandlungserfolg.

Als erster Schritt zur Lösung ist es meist sinnvoll, dass sich der Betroffene selbst mit seinen Symptomen und den verschiedenen Psychotherapieverfahren auseinandersetzt und bereits informiert in die ersten Gespräche kommt.

Im zweiten Schritt wäre es optimal, sich an einen Behandler zu wenden, der einen Überblick über die unterschiedlichen Verfahren hat und Ihnen bei Ihrem Anliegen eine individuelle Empfehlung geben kann. Derartige Behandler sind aber oft schwer zu finden.

 

 Mehrere Behandler und Verfahren ausprobieren 

Eine Alternative wäre es, sich bei Behandlern mit unterschiedlichen Verfahren einmal oder mehrfach vorzustellen, die jeweiligen Behandler nach ihrem Behandlungskonzept zu fragen, viele Fragen zu stellen und so aktiv und von vornherein für eine gute Passung zu sorgen. Dabei können Sie sich als Patient mit gesetzlicher Krankenversicherung bei bis zu fünf unterschiedlichen Psychotherapeuten vorstellen und pro Therapeuten auch mehrere Gespräche führen.

Dabei entstehen für Sie in der Regel keine Kosten. Bei privaten Krankenkassen hängt die diesbezügliche Kostenübernahme von den individuellen Vertragsbedingungen ab und kann im Vorfeld bei der Krankenkasse erfragt werden. In der Regel ist aber auch bei privat versicherten Patienten eine Kostenübernahme für die Vorgespräche bei unterschiedlichen Behandlern gegeben. Dabei ist es aus fachlicher Sicht empfehlenswert, bei der Therapeutenwahl Zeit und Mühe zu investieren. Im Extremfall beeinflusst die Therapeutenwahl Ihr gesamtes weiteres Leben.


*Die Geschlechtsangaben in diesem Artikel sind aufgrund der Lesbarkeit grundsätzlich männlich gehalten. Es sollen damit aber beide Geschlechter und auch Personen mit diverser geschlechtlicher Identität (LSBTIQ) angesprochen werden.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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