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Bandscheibenvorfall ist nicht gleich Bandscheibenvorfall - Diagnose, Ängste und Therapien

Dr. Hinsen

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©fotolia-99615169-photo 5000Rückenschmerzen, die in andere Körperregionen ausstrahlen, können auf einen vorliegenden Bandscheibenvorfall hindeuten. (©fotolia-99615169-photo 5000)Beim Bandscheibenvorfall ist nicht die radiologische Diagnose das Entscheidende, sondern die Ermittlung der Auswirkungen und der Folgen für den jeweiligen Patienten.

Diagnose Bandscheibenvorfall – die Symptome

In der Regel führen Schmerzen, ausstrahlend in ein Bein, verbunden mit Taubheitsgefühl den Patienten zum Arzt. Wenn dem Patienten dann die Diagnose “Bandscheibenvorfall“ eröffnet wird, löst dies beim Patienten meist eine Kette an Sorgen und Befürchtungen aus. Der Patient entwickelt oft eine erhebliche Angst vor dauerhaften Schmerzen und Einschränkungen im beruflichen, privaten und sportlichen Alltag.

Die Bandscheibe verschleißt im Laufe des Lebens, sodass ab dem 50. Lebensjahr fast jeder Zweite einen Bandscheibenvorfall hat, aber nicht jeder zweiter über Rückenschmerzen klagt. Was ist also der Unterschied?

Die Diagnose „Bandscheibenvorfall“ sagt zunächst erstmal sehr wenig darüber aus, ob der Patient Beschwerden hat, ob die Beschwerden von dem Bandscheibenvorfall herrühren, bzw. darüber, ob er behandlungsbedürftig ist und wie er zu therapieren ist.

Wieso ist dies so, wo doch die Erfahrung mit anderen Diagnosen (Bluthochdruck, Gicht, Frakturen, Appendizitis etc.) zeigt, dass schnell eine Therapie gefunden werden kann und auch notwendig ist? Oftmals erfolgen klare, fast immer gleiche Therapieziele (Blutdrucksenkung, Ruhigstellung, operative Entfernung etc.). Worin liegt also der Unterschied? Wieso bestehen Unterschiede bei der gleichen Diagnose „Bandscheibenvorfall“ bei ihnen und z.B. bei Ihrem Arbeitskollegen oder Ehepartner?

Die Untersuchung

Die Frage, die der Facharzt für Orthopädie und Sie - der Patient - nur gemeinsam beantworten können, ist die Frage nach den Auswirkungen, die dieser Bandscheibenvorfall für jeden einzelnen Patienten in der individuellen Lebenssituation und unter Berücksichtigung aller Mitfaktoren hat.

Hierzu erfolgt eine genaue Anamnese mit Erfragung der Beschwerden und Einordnung derselben in Symptomkategorien.

Dann erfolgt eine genaue körperliche Untersuchung. Wenn notwendig, werden CT-Befunde und Röntgenbefunde erhoben. Dann erst kann entschieden werden, ob der bestehende Bandscheibenvorfall überhaupt Ursache für die beklagten Beschwerden ist. Anschließend schlägt der Facharzt für Orthopädie, Ihnen verschiedene geeignete Therapien vor und Sie entscheiden, für welche der vorgeschlagenen Therapieformen Sie sich entscheiden möchten. Es gibt als nicht die eine Lösung für alle „Bandscheibenvorfälle“.

Wann ist eine Operation sinnvoll?

Eine Operation ist in den seltensten Fällen notwendig. Schmerzmedikamente, die gleichzeitig abschwellend wirken, sind häufig die erste Wahl. Verschiedene Injektionsverfahren sowie Akupunktur, Krankengymnastik und Manuelle Therapie reichen in der Regel aus. Dies heißt aber nicht, dass die Auswahl beliebig ist - sie muss zielgerichtet erfolgen!

Noch einmal: eine Operation ist in der Regel nicht notwendig und nur wenigen Notfallsituationen vorbehalten. Wieso können dann jedoch mehrere Therapien geeignet sein, wo doch die Diagnose eines Bandscheibenvorfalls auf einen Verschleiß, also einen nicht reparablen Defekt der Bandscheibe hinweist? Wieso sind viele Patienten mit Bandscheibenvorfall völlig beschwerdefrei und körperlich topfit und andere können sich vor Schmerzen kaum bewegen? Da sind wir wieder bei den Auswirkungen.

Wie kommt es zu den Beschwerden bei einem Bandscheibenvorfall?

Der Druck der gerissenen Bandscheibe auf die Nerven verursacht eine Schwellung dieser Nerven und dies verursacht die Beschwerden - im Wesentlichen geschieht dies durch die dadurch zusätzlich verursachte Bedrängung der Nerven.

Diese Schwellung gilt es, zurückzudrängen, da wir hier sonst schnell in einen Teufelskreis aus Anschwellungen, Druck, Schmerzen und weiteren Anschwellungen geraten. Dieses Ausmaß der Schwellung der Nerven und die dadurch bedingten Folgen sind sehr individuell und bedürfen daher auch jeweils eine der aktuellen Situation angemessenen, individuell angepassten Therapie.

Was spricht gegen eine Operation bei einem Bandscheibenvorfall?

© monkeybusinessimages - iStockEine Operation der Bandscheibe ist nur in wenigen Fällen notwendig! Sprechen Sie mit Ihrem Arzt über alternative Therapiemethoden! (© monkeybusinessimages - iStock)Wieso dann nicht doch direkt eine Operation? Dann drückt doch nichts mehr? Das stimmt zwar theoretisch, nun passiert es aber häufig, dass nach einer Operation die einsetzende Narbenbildung in der Tiefe einen Zug auf die Umgebung und damit auch auf die Nerven ausübt. Die Narben, die die Nerven ummauern, beginnen dann erneut zu drücken.

Dem Nerv ist es egal, ob er gedrückt oder gezogen wird, er reagiert „genervt“ und schwillt an. Narben haben leider immer die Tendenz, sich zusammenzuziehen und damit wird auch immer Zug auf die Umgebung ausgeübt.

Es bildet sich das sogenannte Postnukleotomiesyndrom (auf deutsch: Syndrom der Beschwerden nach einer Bandscheiben-OP) mit den gleichen Beschwerden wie vor der Operation, nur ist dieses jetzt schwieriger zu behandeln. Auch hier gibt es natürlich verschiedene operative Vorgehensweisen, die wiederum individuelle Vor- und Nachteile haben.

Dies ist nur ein kleiner Bruchteil der Überlegungen, die der Facharzt für Orthopädie mit Ihnen vor der Entscheidung für eine Therapie abwägt. Alle Verfahren, die wir Orthopäden - jetzt und in Zukunft - anbieten und erforschen, müssen sich daran messen lassen, ob Sie es schaffen, diesen Schwellungszustand der Nerven zu beseitigen.

Welche Rolle spielen Ängste und Stress beim Beschwerdeverlauf?

Bestehende Ängste, die Vorstellung der Krankheit sowie die Heilung, aber auch beruflicher oder privater „Stress“ bzw. der individuelle Umgang mit der Krankheit und die persönliche Verfassung haben ebenso einen großen Einfluss am Verlauf der Beschwerden.

Der erfolgreiche Umgang mit ungünstigen Anspannungszuständen der Muskulatur kann gelernt werden - so wie eine Sportart erlernt werden kann. Das was den Stress auslöst (Beruf etc.) kann häufig nicht geändert werden, wohl aber die Reaktion darauf („wie nahe lasse ich etwas an mich heran?“).

Wenn man dies als Teil der Lösung für sich akzeptiert hat, muss man nun als Patient bereit sein, diese Entspannungsverfahren auch regelmäßig zu üben (lernen), erst dann können sie ihre Wirksamkeit entfalten (praktizieren). Auch hier gibt es verschiedene Verfahren. Nicht jede Methode ist geeignet für jeden. Auch hier gilt es das jeweils geeignete Übe-Prinzip auszuwählen.

Noch etwas zur Begrifflichkeit „Bandscheibenvorfall“. Dies ist eigentlich ein von uns Ärzten verwendeter irreführender Ausdruck. Die Bandscheibe, oder Teile der Bandscheibe, fallen nicht „vor“. Solch ein „vorfallen“, ist eher ein „nach-hinten-zur-Seite-fallen“.

Zum Verständnis, warum die Bandscheiben „Ärger“ machen können, ist dieser Unterschied nicht ganz unwichtig.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (3)


13.02.2019 - 17:30 Uhr

Sehr geehrter Herr Dr. Zinsen Habe mich wegen...

von Heidi H.

... starken beinschmerzen vor 6 Wochen an der bandscheibe operieren lassen. Könnte nicht mehr stehen und gehen. Dann würde an 4 Tagen 2 mal hintereinander operiert. Die schmerzen waren aber leider nicht besser. Dann hat man gesagt abwarten. Nun habe ich ein neues MRT machen lassen. Hier steht drin epidurale fibrosierung und ummauerung l4 und l5/1 wurzel.linksseitig. das narbengewebe lässt sich deutlich nach genial ausladend abgrenzen. Kann es sein dass dies auch schon wieder beinschmerzen bis ans Knie macht? Ich war eigentlich nie schmerzfrei. Ich kann so nichts mehr machen bin nur noch am sitzen und liegen. Wer kann mir hier helfen. Bin völlig verzweifelt. MfG Heidi h.

Dr. Hinsen

Antwort vom Autor am 15.02.2019
Dr. med. Heinz-Peter Hinsen

Sehr geehrte Frau H., ein niedergelassener Facharzt für Orthopädie hat bei Ihnen sicherlich die Einweisungen zu diesen Operationen an der Wirbelsäule ausgestellt und damit als sinnvoll erachtet. Der Operateur hat dies dann auch so gesehen und sich zur Operation entschlossen. Nach der Operation sollten Sie den gleichen! niedergelassenen Orthopäden wieder aufsuchen, der Sie zur OP geschickt hat, denn nur er kennt die genaue Situation vor der OP, hat mit Ihnen abgewogen, sie untersucht und kennt weitere Aspekte die für die OP Entscheidung wichtig waren. Nur er kann jetzt, mit Ihnen zusammen, die Situation nach den Operationen beurteilen. Er wird dazu sicherlich Kontakt mit dem Krankenhaus aufnehmen und eine gemeinsame Strategie entwickeln. Gute Besserung!

15.06.2018 - 12:26 Uhr

Ich bin erst 42 und leide unter einem...

von Schulte S.

... Bandscheibenvorfall. Auf dem Bild des MRT sieht man wie gut die hälfte der Bandscheibe im unteren Bereich (4/5 S1) herrausgesprungen ist und gegen den Nerv drückt. Erkannt wurde dies auf einem MRT 2015 und konnte damals mit Medikamenten und Krankengymnastik soweit behoben werden, dass ich vollkommen schmerzfrei war und mich wieder super in alle Richtungen bewegen konnte. Im Januar 2018 habe ich mich bei einer Tätigkeit (Abbau meines Schlafzimmers wegen Handwerkerarbeiten) verrissen so dass ich wieder an der gleichen Stelle Schmerzen hatte. Ein MRT im Februar 2018 und April 2018 zeigte exakt das gleiche Bild wie schon 2015 nur liegt die herrausschauende Bandscheibe nicht mehr rechts sondern linksseitig. Seit April habe ich so an sich keine Schmerzen mehr und benötige auch keine Schmerzmittel mehr, jedoch ist es mir immernoch nicht möglich aufrecht zu stehen. Sobald ich stehe bekomme ich nach knapp 1min. ein kribbelndes Ggefühl im Linken Bein und unten am Fuß fühlt es sich beginnend an der Wade so an als fließe Eiswasser durch meine Adern was mich automatisch in eine gekrümmte Haltung versetzt wodurch das Gefühl im Bein sofort wieder nachlässt. Da ich unter Latrophobie leide ist es für mich immer sehr schwer einen Arzt aufzusuchen bzw. gar einer OP zuzustimmen. Nun war ich soweit dass ich einer OP zugestimmt hätte und der Neurogirurge meinte da ich keine direkten schmerzen mehr habe ist eine OP nicht nötig. Nun soll ich ein EMG machen lassen und es mit Akkupunktur versuchen. Aber wenn ich nur eine Nadel sehe ist es aus für mich und die Praxis schnell hinter mir verschwunden, wodurch eine Akkupunktur nicht in Frage kommt. Beim EMG habe ich nun gehört werden auch Nadeln eingesetzt. Ist das nötig oder gibt es da heute schon nadelfreie Methoden? Und was kann ich tun damit ich wieder aufrecht stehen kann ohne Probleme?

02.11.2016 - 11:03 Uhr

Hallo, ich bin bald 69 Jahre alt und leide seit...

von Stephan C.

... fast 20 Jahren an mehr oder weniger starken Rückenschmerzen im unteren Rückenwirbelbereich. Früher habe ich vereinsmäßig Fußball gespielt und bin mit Mitte 30 auf joggen umgestiegen. Nun ist es so dass ich seit ca 2 Wochen wegen zu starker Schmerzen im Lendenwirbel und im rechten unteren Rückenbereich nicht mehr laufen kann und schlecht sitzen kann - Stehen hingegen ist ok. Im Verlauf der letzten 20 Jahre habe ich alle möglichen Versuche der Schmerzbewältigung unternommen, angefangen von Krankengymnastik, Tabletten, Spritzen und Akkupunktur sowie Massagen - aber nichts hilft auf längere Zeit. Da Arztbesuche nicht nur lästig sind, sondern letztendlich auch nicht viel gebracht haben, bin ich also trotz Schmerzen immer weiter gejoggt, wobei die Schmerzen nach ca 1000 Metern nachließen bzw ganz verschwanden. Zu Hause treten sie jedoch immer wieder auf - nur ein heißes Bad verschafft kurzfristig Linderung, jedoch nicht immer! Wie Fachärzte feststellten, scheine ich keinen Bandscheibenvorfall zu haben, sondern leide unter normalem Verschleiß, was auch immer das sein mag. Was kann ich tun, um wenigstens schmerzfrei zu sein und im besten Falle bald wieder joggen zu können?

Dr. Hinsen

Antwort vom Autor am 09.11.2016
Dr. med. Heinz-Peter Hinsen

Das lässt sich leider auf diesem Weg nicht beantworten. Sie kommen nicht umhin sich bei einem Facharzt für Orthopädie vorzustellen. Dort findet dann eine gezielte Anamnese und klinische Untersuchung statt. Bringen sie am besten alle bisherigen Befunde, Röntgenbefunde zu diesem Besuch mit. Der Kollege wird sich dennoch ein eigenes Bild machen und zu einem Ratschlag oder Therapie mit ihnen gemeinsam finden. Viel Erfolg und gute Besserung !


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