Schmerzen ganzheitlich behandeln: Inhalte der Multimodalen Schmerztherapie (MMST)

Die multimodale Schmerztherapie behandelt den Schmerz auf verschiedenen Ebenen. (© pathdoc - fotolia)

Die moderne Schmerzmedizin hat verstanden, dass bei chronischen Schmerzen neben der körperlichen Ursache immer auch seelische und soziale Faktoren eine Rolle spielen. Man spricht von einem bio-psycho-sozialen Gesamtkonzept.

So bleiben viele Menschen aus Angst vor einer Schmerzverstärkung zu Hause, verzichten auf Unternehmungen und ziehen sich hilflos oder frustriert zurück. Das Problem: All diese Faktoren verstärken die Schmerzen und fördern ihre Chronifizierung. Dieser komplexen Situation werden Schmerztherapeuten und spezialisierte Kliniken mit einer multimodalen Schmerztherapie (MMST) gerecht. 

Was ist die multimodale Schmerztherapie?

Nach Aussage der Deutschen Schmerzgesellschaft ist sie eine der wichtigsten Errungenschaften der Schmerztherapie in den letzten 25 Jahren. Sie kommt für Patienten in Frage, die ein hohes Risiko haben, dass ihre Schmerzen chronisch werden. Oder für solche, denen die bisherige Behandlung keinen ausreichenden Erfolg gebracht hat.

Die Therapie basiert auf der Zusammenarbeit spezialisierter Ärzte, Psychotherapeuten, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Pflegekräften und Sozialpädagogen unter ärztlicher Leitung. Einen Leitfaden hat die „Ad-hoc-Kommission Interdisziplinäre Multimodale Schmerztherapie“ der Deutschen Schmerzgesellschaft erarbeitet. Sie hat das Ziel, nicht nur die Schmerzen zu lindern, sondern den Patienten sowohl körperlich als auch psychisch zu aktivieren.

Dabei ist wichtig, dass alle Therapeuten zusammenarbeiten und sich eng miteinander abstimmen. Die Therapiemaßnahmen werden regelmäßig überprüft und die einzelnen Bausteine immer wieder individuell angepasst. Mit gutem Ergebnis: Studien zeigen, dass die einzelnen Bestandteile der multimodalen Schmerztherapie weniger wirksam sind als die Gesamtbehandlung. Dabei kommen folgende Bausteine zum Einsatz:


So wirken Medikamente

Zwar können Medikamente alleine chronische Schmerzen nicht anhaltend lindern, doch sie sind ein wichtiges Standbein der Therapie. Es kommen nicht nur die bekannten frei verkäuflichen Schmerzmittel zum Einsatz, denn Schmerztherapeuten arbeiten oft auch mit rezeptpflichtigen Mitteln. Dabei kombinieren sie verschiedene Wirkstoffe, wodurch schmerzverursachende Stoffwechsel-Prozesse an unterschiedlichen Stellen beeinflusst werden können.

Zu den eingesetzten Medikamenten zählen - sehr niedrig dosiert - Wirkstoffe gegen Depressionen oder Epilepsie, weil sie ebenfalls Schmerzen lindern können. Der Patient sollte die Arzneimittel regelmäßig nehmen, um einen gleichmäßigen Wirkstoffspiegel im Blut zu erzielen.


Den Schmerz verstehen

Ein entscheidender Punkt bei der MMST ist die sogenannte Schmerz-Edukation: Die Spezialisten informieren den Schmerzpatienten über seine Krankheit und wie er damit umgehen kann. Er erfährt, was bei der Entstehung von Schmerzen im Körper passiert und wie es dazu kommt, dass sie chronisch werden.

Beispielsweise ist es hilfreich, die Rolle des vegetativen Nervensystems zu verstehen. Es steuert viele Vorgänge im Körper ohne aktives Zutun. So schüttet es bei Stress Botenstoffe aus, die Verspannungen fördern und Schmerzen verschlimmern können. Andererseits kann es auch schmerzlindernde Substanzen produzieren. Es lässt sich etwa durch Entspannungsverfahren gezielt beeinflussen.

Zur Schmerz-Edukation gehören auch Informationen darüber, wie die Schmerzmittel wirken und wie sie genutzt werden sollten oder warum Bewegung hilfreich ist.

Dass alleine schon ein erklärendes Gespräch die Beschwerden lindern kann, zeigen Studien der Deutschen Schmerzgesellschaft. So verbesserte bereits ein zweieinhalbstündiges Gespräch bei Menschen mit Rückenschmerzen die Chance, wieder arbeiten zu können.


Die Psyche stärken

Viele Patienten zeigen Verhaltensweisen, die die Schmerzen verschlimmern. Dazu zählt etwa „Katastrophisieren“, also Schwarzmalen, oder sich ständig auf die Beschwerden zu konzentrieren. Solche Faktoren können Beziehungen beeinträchtigen und in die Isolation führen. Mit psychotherapeutischen Methoden versuchen die Fachleute zusammen mit dem Betroffenen, diese Verhaltensmuster aufzudecken und zu verändern. Sie geben ihm Hilfen an die Hand, die er im Alltag nutzen kann, um Schmerzattacken zu verhindern oder Beschwerden zu lindern.


Regelmäßige Bewegung beugt Schmerzen langfristig vor. (© Jacek Chabraszewski - fotolia)
Gezielte Bewegung beugt Schmerzen vor

Ein weiteres Ziel der MMST ist, dass der Patient sich bewegt. So werden mit Hilfe von Krankengymnastik die Rumpf- und die Kopfhaltemuskulatur aufgebaut und die Kondition verbessert. Regelmäßiger Ausdauersport hat bei Kopfschmerzen einen vorbeugenden Effekt. Die Betroffenen lernen außerdem, Belastungsgrenzen zu erkennen und rechtzeitig aufzuhören - denn Sport soll auf keinen Fall in Stress ausarten.

Bewegung hat positive „Nebeneffekte“. Sie trägt dazu bei, Stress abzubauen und die Stimmung zu heben. Im Rahmen der Physiotherapie kommen auch je nach Beschwerdebild Naturheilverfahren, Akupunktur, Neuraltherapie und manuelle Therapien wie Osteopathie oder Maßnahmen des Fasziendistorsionsmodells (FDM) in Frage. Das FDM geht davon aus, dass die Verformung der Faszien zu den Schmerzen beiträgt. 


So hilft Muskelentspannung

Oft rufen Verspannungen Schmerzen hervor. Passive Maßnahmen wie ein Bad oder Massagen können zwar helfen. Langfristig ist es jedoch erfolgreicher, wenn der Patient lernt, die Anspannung über aktive Entspannungsverfahren selbst zu beeinflussen. Diese Methoden können zudem nachweislich Schmerzen lindern und helfen, Stress und Schmerzen zu verarbeiten.

Die Bandbreite ist groß: Sie umfasst etwa Yoga, Tai Chi und autogenes Training. In Studien hat sich die progressive Muskelrelaxation nach Jacobson bewährt. Sie konnte etwa bei Kopfschmerz-Patienten die Intensität der Schmerzen und die Häufigkeit der Attacken senken. Dadurch benötigten die Patienten weniger Medikamente. Sie eignet sich auch deswegen gut, weil man sie schnell lernt und problemlos im Alltag anwenden kann.

 

Ein motivierter Patient ist die Grundvoraussetzung

Die interdisziplinäre multimodale Schmerztherapie wird meist bei einem stationären Aufenthalt in einer Klinik angewandt. Dann dauert sie zwei bis drei Wochen. Sie kann aber auch in einer Tagesklinik durchgeführt werden. Die Krankenkassen tragen die Kosten. Überwiesen werden die Patienten vom Haus- oder Facharzt.

Der Betroffene erlebt, dass er selbst erfolgreich gegen seine Schmerzen vorgehen kann. Damit setzt die multimodale Therapie eine grundsätzliche Motivation zu Veränderungen voraus. Das schafft die Basis für eine erfolgreiche Therapie. Sie hilft dem Schmerzkranken, mit seinem Leiden gut zurechtzukommen, arbeitsfähig zu bleiben und wieder einen unbeschwerten Alltag zu haben.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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