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Neues Wirkprinzip in der Migräne-Behandlung: So funktionieren Spritzen mit Antikörpern

Dr. Empl

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© JanakaMaharageDharmasena - iStockNeu entwickelte Präparate konnten gute Ergebnisse bei Migräne-Patienten erzielen. (© JanakaMaharageDharmasena - iStock)Gute Nachrichten für Migränepatienten: Seit 1. November 2018 ist auch in Deutschland ein Präparat mit neuem Wirkprinzip zur Migräne-Vorbeugung zugelassen: ein CGRP-Rezeptor-Antikörper.

Ab 1. April 2019 kommt ein weiteres ähnliches Präparat hinzu. Die neuen vorbeugenden Migränemedikamente haben ein völlig neues Wirkprinzip: das Protein CGRP. Es wird während der Migräneattacke ausgeschüttet und mittels eines Antikörpers abgefangen bzw. der entsprechende Rezeptor durch den Antikörper blockiert.

Das neue Präparat ist zugelassen ab vier Migränetagen pro Monat und wird subkutan alle 28 Tage gespritzt. Umgangssprachlich wird es auch als Migräne-Impfung oder Migräne-Spritze bezeichnet.

Gute Verträglichkeit der Injektionen

Einen Nachteil gibt es: Antikörper-Präparate können nicht geschluckt werden, sondern müssen als Spritze, meist subkutan, gegeben werden.

Jedoch haben sich die Präparate in den Studien als gut verträglich gezeigt. Das liegt daran, dass die Rate an Nebenwirkungen in den Placebo- und Medikamentengruppen ungefähr gleich war. Häufigste Nebenwirkungen waren Schmerzen und Reaktionen an der Injektionsstelle sowie teils Atemwegs-Infektionen oder Magen-Darm-Symptome (Verstopfung). Ob es langfristig weitere Nebenwirkungen gibt, wird die Anwendung an vielen Patienten zeigen. Auch für Patienten mit Clusterkopfschmerz wurden die Substanzen getestet.

In trockenen Zahlen ausgedrückt nicht spektakulär, jedoch besonders interessant für Super-Responder

In absoluten Zahlen ausgedrückt erscheint die Wirkung nicht ganz so spektakulär. In Studien konnten Patienten mit episodischer Migräne mit dem Präparat im Vergleich zum Placebo die Zahl der Kopfschmerztage um 2-4 Tage im Monat senken. Eine Reduktion um vier Kopfschmerztage pro Monat ist für einen schmerzgeplagten Migränepatienten natürlich eine wesentliche Besserung. Vor allem wenn die Nebenwirkungen gering sind.

Besonders interessant sind die neuen Substanzen jedoch vor allem für sogenannte Super-Responder, also Patienten, die besonders gut auf eine Behandlung ansprechen. Es gibt eine kleinere Gruppe von Patienten, die unter der Behandlung mit Botulinumtoxin fast kopfschmerzfrei werden. Die kennt man schon von der Behandlung der chronischen Migräne mit Botulinumtoxin-Injektionen. Leider weiß man nicht im Vorhinein, wer besonders gut auf ein bestimmtes Präparat ansprechen wird.

 

© 9nong - fotoliaWelche herkömmlichen Behandlungsmethoden bieten sich bei Migräne noch an? (© 9nong - fotolia)Teure Behandlung

Antikörperbasierte Medikamente sind in der Herstellung sehr teuer. Um wirtschaftlich zu verordnen wird daher zunächst eine Vorbeugung mit den klassischen Substanzen wie Betablocker, Antidepressivum, Antiepileptikum oder Kalziumkanalblocker, bei einer chronischen Migräne auch Botulinumtoxin, angestrebt. Auch der Hersteller strebt eine eingeschränkte Zulassung an. Ab Herbst 2019 könnte auch in der Zulassung eine Einschränkung stehen.

Somit wird sich für Migränepatienten nicht alles ändern. Sie müssen zunächst ausprobieren, welche Präparate gut wirken und ob sie sie gut vertragen. Und da nicht alle zu den Super-Respondern gehören werden und nicht alle Migräne-Patienten so schlimm betroffen sind, dass die Migräne-Spritze bei ihnen in Frage kommt, wird weiterhin (in Kurzform) gelten:

  1. Attackenbehandlung optimieren mit frühzeitig und ausreichend dosierter Behandlung, jedoch nicht zu häufig (Triptane möglichst nur sechs Mal im Monat, insgesamt Schmerzmitteleinnahme möglichst nur an zehn Tagen im Monat, um einem Kopfschmerz wegen Medikamenten-Übergebrauch vorzubeugen).
  2. Weiterhin nicht medikamentöse vorbeugende Maßnahmen ergreifen mit Meiden von Auslösern, regelmäßige Entspannungsübungen (z. B. progressive Muskelrelaxation nach Jacobson, Yoga oder Introvision), regelmäßiger Ausdauersport, Kopfschmerzkalender führen, und Ähnliches.
  3. Akupunktur ist bei manchen Patienten gut wirksam.
  4. Magnesium, auch in Kombination mit Riboflavin und Coenzym Q, wirkt mild vorbeugend.
  5. Wie bisher ab drei nicht gut zu behandelnden Migräneattacken pro Monat eine vorbeugende medikamentöse Behandlung mit Medikamenten wie beispielsweise Betablockern, Antidepressiva, Antiepileptika, Kalziumkanalblocker probieren. Sprechen Sie hierfür Ihre Ärztin oder Ihren Arzt an. Ab vier Migränetagen pro Monat kommen ein CGRP-(R)-Antikörper-Präparat oder bei chronischer Migräne evtl. Botulinumtoxin-Injektionen in Frage.
  6. Als weitere alternative Methoden können die nicht invasive Vagusnervstimulation oder Trigeminus-Nervstimulation probiert werden.

Und: Die Zuversicht nicht verlieren. Auch wenn nicht jedes Medikament bei allen wirkt, ein individuell wirksames Präparat findet man fast immer. Außerdem wird die Migräne mit dem Alter meist besser und an neuen Methoden und Präparaten wird geforscht.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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