Die Nagelprobe der Demenz. Gedanken zum Glück des längeren Lebens

Prof. Dr. Grönemeyer

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© Yuri Arcurs - Fotolia.com© Yuri Arcurs - Fotolia.com"Unser Leben", heißt es in der Bibel, "währet siebenzig Jahre, und wenn es hoch kommt, sind es achtzig Jahre". Dass man gar noch älter werden könnte, war in früheren Zeiten kaum vorstellbar. Nur in den Mythen oder in der Dichtung, da, wo die Phantasie freien Lauf hat, wo sich die Wünsche ausdrücken konnten, wurden die Helden manchmal 100 Jahre und älter, alt wie Methusalem.  Heute dagegen erregen die Hundertjährigen immer weniger Aufsehen. Eine Lebenserwartung von achtzig und mehr Jahren will uns, wenigstens in Europa, durchaus selbstverständlich erscheinen. Wir genießen das Alter dank moderner Medizin und Ernährung sowie komfortabler Sozialsysteme. Alles zusammen bietet uns die Chance, länger jung zu bleiben. Das „gefühlte Alter“ liegt inzwischen durchschnittlich 10 bis 20 Jahre unter dem realen. „Mit 66“, verspricht uns ein Schlager, „fängt das Leben an.“ Früher, noch vor 80 Jahren, war es da für die meisten schon vorbei. Unterdessen aber haben sich ganze Industrien auf den Wandel  eingestellt, von der Kosmetik über die Textilbranche bis zum Baugewerbe. Nicht zu reden vom Tourismus und der expandierenden Wellnessindustrie. Sogar der Sex im Alter ist mittlerweile zum ökonomischen interessanten und ästhetisch reizvollen Thema geworden, bei Beate Uhse wie in der anspruchsvolleren Kultur, im Film zum Beispiel.

Schnell, mit großer Kreativität und mit Ideenreichtum haben wir gelernt, die Erfüllung des Menschheitstraums von einem langen Leben anzunehmen. Doch das ist nur die eine Seite. Mit der anderen, mit den problematischen Folgen steigender Lebenserwartung, tun wir uns wesentlich schwerer. Hier reagieren wir noch immer überwiegend mit Verdrängung, wo wir uns doch um Zuwendung bemühen sollten. Weil wir zwar immer älter werden wollen, uns aber scheuen, alt zu sein, das rüstige Alter gern mit konservierter Jugend verwechseln, neigen wir dazu, alles auszublenden, was uns daran erinnern könnte, dass das Alter nach wie vor mit Beschwerden und Verfall belastet sein kann. Nirgends wird diese Unsicherheit, das egozentrische Ausweichen vor der Realität, deutlicher als in unserem Verhältnis zur Demenz. Weil wir nicht wissen, wie wir diesem geistigen Verfallen, dieser Form des langsamen Wegtretens begegnen sollen, weil sich die Krankheit weder mit Medikamenten besiegen noch wegoperieren lässt, weil sie unseren Traum vom unbeschwerten Alter stört, weil der Verlauf der Demenz so unbegreiflich scheint, reagieren wir verunsichert und nur allzu oft mit der Ausgrenzung derer, von denen wir meinen, sie nicht weiter erreichen zu können.

Dabei geht es hier längst nicht mehr um wenige tragische Einzelfälle wie den des Schriftstellers Walter Jens, von dessen Schicksal wir wohl auch nie erfahren hätten, wenn er nicht einmal zu den wortmächtigsten Intellektuellen unseres Landes gehört hätte.  Nein, die Demenz ist längst zu einem gesellschaftlichen Problem geworden, dem wir uns als solchem stellen müssen. 1,1 Millionen Demenzkranke leben zurzeit in Deutschland, zwei Drittel davon leiden unter der Alzheimer Krankheit. 250.000 Neuerkrankungen werden jährlich registriert. Zurückzuführen ist dieser steile Anstieg der Fallzahlen überwiegend  auf die steigende Lebenserwartung, während das Erkrankungsrisiko innerhalb der Altersgruppen weitgehend konstant geblieben ist. Das heißt, der Anteil der Erkrankungen steigt überproportional mit dem Alter. Weniger als drei Prozent der Dementen sind jünger als 65 Jahre. Zwei Drittel haben dagegen das 80. Lebensjahr vollendet.

Was da im Zuge der weiteren demographischen Entwicklung auf uns zukommt, kann man sich leicht ausmalen, zumal wenig dafür spricht, dass wir in absehbarer Zeit über wirksame Heilmethoden verfügen könnten. Ist doch nicht einmal klar, worum es sich bei den verschiedenen Formen der Demenz handelt. Haben wir es mit organischen Veränderungen des Gehirns zu tun oder sind womöglich toxische Einflüsse entscheidend? Gibt es genetische Ursachen oder ist die Demenz am Ende gar eine Schutzfunktion, mit der sich unser Gehirn vor Überlastung zu retten sucht? Ist die Krankheit ein Zufluchtsort, an dem sich die überforderte Persönlichkeit, die erschöpfte Seele in der Not verschanzt?  Auch wenn man sicher nicht soweit gehen darf wie Tilmann Jens, der seinem Vater Walter Jens unterstellt, dass er dement geworden sei, um nicht länger die Verantwortung seiner geleugneten Vergangenheit als jugendlich temporärer Parteigänger des NS-Regimes tragen zu müssen, sind doch psychische Ursachen für die Erkrankung nicht von vornherein auszuschließen.

Nur wenn wir den ganzen denkbaren Ursachenkomplex im Blick haben, werden wir schließlich auch zu anderen Formen des Umgangs mit dieser Krankheit finden. Keinesfalls können wir ihr weiter mit peinlich berührtem Wegsehen begegnen. Vielmehr gilt es, auch die Demenz als eine Form menschlichen Alterns zu begreifen, zu erkennen, dass die Betroffenen ein Recht haben, ihr Leben, wie immer sie es erfahren mögen, in Würde weiterzuführen, und zwar nicht ausgeschlossen, weggesperrt, sondern in der Gemeinschaft mit denen, die das Glück haben, gesund zu altern. Hierzu gehört ein liebe- und verständnisvoller Umgang mit den Kranken daheim in der Familie sowie in den Pflegeinrichtungen – ein Umgang, wie wir ihn uns selbst auch wünschen würden. Hier aber hat das Gesundheitssystem, hier haben wir bisher versagt. Oft werden Demente einfach ruhiggestellt, vielfach emotional misshandelt. Die wenigsten erfahren wohl eine so verständige Betreuung wie Walter Jens durch seine Frau Inge. Allzu oft kommt es zu dramatischen Zuständen, wenn überforderte Angehörige einen Demenzkranken in ein Krankenhaus bringen, wo dann wieder überforderte Ärzte, Pfleger, Schwestern falsch reagieren, weil sie alle zusammen nicht über die nötige Ausbildung verfügen.

Hier besteht ein Nachholbedarf, den wir nicht länger übersehen dürfen. Denn nach allem, was wir heute sagen können, wird die Demenz eine der großen Herausforderungen unserer Zukunft werden, medizinisch, gesellschaftlich und moralisch, eine Nagelprobe, bei der sich beweisen wird, inwieweit wir fähig sind, das Glück längeren Lebens zu tragen.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (5)


27.09.2009 - 21:38 Uhr

Eine sehr empfehlenswerte Doktorarbeit zu diesem...

von M. Sprenger

... Thema: http://www.freidok.uni-freiburg.de/volltexte/6091/pdf/DissertationAnnikaCurth.pdf

23.09.2009 - 08:17 Uhr

Tommy, Du bist ein Trottel, glauben alles, was...

von M.Lichtegg-Winterhalder

... geschrieben wird macht nicht selig und gescheit. Dank Gott wenn Dir nicht eine Bandscheibe herausdrückt und ein Bein ohne Gefühl wird - kriechen würdest Du zu Prof.Dr. Grönemeyer, der Dir helfen würde trotz Deines sog. Wissens? Im Bericht von Prof. Dr. Dietrich Grönemeyer ist von Tatsachen traurigen "Ist" Zuständen die Rede! Prof. Grönemeyers Wunsch überdeutlichen Aufruf gilt uns allen... auch Dir Tommy besonders! Wir sollten, müssen seine Worte beherzigen, nicht kurz überlesen und vergessen. Ich persönlich finde - je nach schwerem Schicksal - kann es auch ein Segen sein, wenn Schleier des Vergessens sich sanft über die Seele legt - nicht mehr quälend denken müssen... Hat man vor Jahren nicht Schlaf zum Vergessen herbeigesehnt? Flucht, nicht mehr denken zu müssen!

14.09.2009 - 18:30 Uhr

Sehr geehrter Herr Doktor, waren Sie schon einmal...

von R.Behnken

... in einem Pflegeheim? Wissen Sie wirklich, wie alte Menschen, deren geistiger Verfall nicht mehr aufzuhalten ist, behandelt werden? Nein, es ist nicht erstrebenswert, der Natur ins Handwerk zu pfuschen.

14.09.2009 - 18:21 Uhr

Der Spiegel weiß da mehr über Prof. "Hokuspokus"...

von Tommy

... Auszug: ...dass der Bruder des Popsängers Herbert Grönemeyer zu "Deutschlands Medizin-Papst" ("Bild"-Zeitung) gemacht werden konnte, zeigt aber auch, wie abgeschottet der Medizinbetrieb vor sich hin werkelt. Während Grönemeyer in Talkrunden, Fernsehshows und Besinnungsbüchern ein Millionenpublikum in seinen Bann schlägt, amüsieren sich ernsthafte Wissenschaftler bei Fachkongressen über den Inhalt seiner Werke.

09.09.2009 - 18:42 Uhr

Mein Name ist Rebecca und ich bin 23 Jahre alt....

von Werther Rebecca

... Ich habe im Sommer 2008 meine Ausbildung zur Kosmetikerin mit gut abgeschlossen. Seit Januar 2009 bin ich krank geworden und bin seitdem krankgeschrieben. Ich bekam oder bekomme weder Arbeitslosen noch Krankengeld. Und seit ich 23 bin muss ich meine Krankenversichung noch selber bezahlen. Wo ist da die Gerechtigkeit? Soviel zu unserem komforttablen Sozialsystem! Ich finde Prof. Grönemeyer einen ganz tollen Menschen aber da glaube ich hat er einfach keine Ahnung und sollte sich besser informieren.


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