Sex - Ausnahmezustand im Körper

Dipl.-Psych. Wery von Limont

von
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© Syda Productions - fotoliaWas passiert, wenn das anfängliche Hoch der Beziehung mit der Zeit abnimmt? (© Syda Productions - fotolia)Die meisten Erwachsenen praktizieren Sex, aber was ist Sex eigentlich? 

Gibt es einen Unterschied zwischen dem Sex junger und alter Menschen, zwischen Paaren und zwischen Kunden und Sexarbeiterinnen?

Spätestens bei dem letzten Vergleichsbeispiel glaubt jeder, den Unterschied zu kennen im Vergleich zu den anderen – ja, die Liebe macht den Unterschied. Es geht beim Sex also um Liebe? Ich denke nicht – und doch spielt sie eine große Rolle. Auf das Glatteis der Definition von Liebe begebe ich mich an dieser Stelle nicht, da jeder eine andere Sicht darauf hat. Was aber Sex und Liebe gemeinsam haben, ist ein Botenstoff, das Oxytocin.

Googelt man Oxytocin, erlebt man Beschreibungen wie "Liebeshormon" oder auch "Treuehormon". Und ja, vereinzelt werden Paare mit einer Gabe von Oxytocin behandelt, wenn die Sexualität gestört ist. Noch wird dies wissenschaftlich untersucht.

Noch ist es auch im Bereich der Wissenschaft, dass Forschungen testen, wie die gezielte Gabe von MDMA sich positiv auf die Sexualität auswirkt, besonders bei Angstpatienten.

Unser Belohnungssystem im Gehirn ist glücklich, wenn Oxytocin ausgeschüttet wird, was z. B. bei der Anbahnung einer neuen Partnerschaft entsteht, bei der anfänglichen körperlichen Annäherung, bei ersten gemeinsamen Planungen und Umsetzungen und erst recht beim Orgasmus.

Und so haben wir das Gefühl, dass wir uns lustvoll erleben, den anderen ständig berühren möchten und kaum voneinander getrennt sein können. Unsere Aufmerksamkeit, Bedeutsamkeit für die Umgebung, der Job, andere Freunde, verengt sich auf unser Objekt der Begierde. Alles andere "verschwindet" fast dahinter.

Besonders dramatisch kann das bei Paaren sein, die sich neu finden, wenn Kinder dadurch die Aufmerksamkeit von Mutter oder Vater verlieren. Aber das ist ein anderes wichtiges Thema.

Wir fühlen uns dank Oxytocin mit dem oder der "Zukünftigen" verbunden. Wir lieben und sichern diese Verbundenheit mit Körperlichkeit. In seiner ausgeprägtesten Form, im Vergleich zu Händchenhalten, in den Arm nehmen und Küssen – durch Sex.

Aber was ist nun Sex und wie funktioniert er eigentlich - jenseits der sportlichen Aktivität?

Sex ist Kommunikation! Es ist der mutige Akt, sich seelisch und körperlich nackt dem anderen hinzugeben. Es ist der nonverbale Austausch inneren Erlebens, der Wünsche und Bedürfnisse. Es ist Nähe, Beobachtung, Kennenlernen und Verschmelzung.

Wenn wir verliebt sind und unser Körper voller Oxytocin ist und wir uns in der zunehmenden Bindungsphase zur Gemeinsamkeit befinden, ist alles lustvoll. Sind wir an dem Punkt der Gemeinsamkeit angekommen; sind wir ein Paar geworden und uns des anderen „sicher“, sinkt der Oxytocinspiegel. Und mit ihm sinkt gegebenenfalls auch die Lust auf Sex. Das passiert nicht nach ein paar Monaten, aber nach ein paar Jahren empfinden Paare gegebenenfalls eine sexuelle Ödnis in ihrer Beziehung. 

Der beziehungsbelastende Fehler, der dann oft entsteht, ist die Bewertung der ganzen Beziehung. Der klassische Satz "Am Anfang warst Du ganz anders!" wird vorwürflich dem anderen entgegengeschmettert. Natürlich war er das und sie auch; beide waren "getränkt" mit Oxytocin und das machte sie zu "einem anderen Menschen", nämlich einen "unter Drogen".

Die richtige Kommunikation ist der Schlüssel zum Erfolg für Sex in der Beziehung. Durch die gemachte Erfahrung von der Lust, die anfänglich schon vor dem Sex da war, entsteht eine Fehlbewertung der Situation. Und diese Bewertung hat häufig einen hoch zerstörerischen Charakter. "Liebst du mich noch?", als klassische Versicherungsfrage, ob die Beziehung noch in Ordnung ist oder Trennungs-Gefahr droht.

Tatsächlich ist diese Frage nur geeignet, um einen drohenden Streit abzuwenden und demnach mit ja zu antworten. Aber dann ist man gegebenenfalls schon auf dem Glatteis und ein Streit ist unvermeidlich.

Das Wissen um biochemische Prozesse in unserem Körper wird uns, wenn wir heranwachsen, leider nur rudimentär nahegebracht. Es wäre so entlastend für viele Paare, wenn sie wüssten, dass Lust nicht etwas ist, was da zu sein hat oder unbedingt herzustellen ist, koste es was es wolle.

Sondern, dass der Wunsch nach mehr körperlicher Nähe und Intimität kommen und gehen kann; selbst innerhalb des Aktes. Häufig arbeitet die Industrie über alle möglichen Kanäle an der Erwartungshaltung und wie Sex zu sein hat - eben auf jeden Fall lustvoll.

Diese Fehlbetrachtung führt zwar zu hohen Umsatzzahlen für Konzerne, aber häufig zu unüberbrückbaren Beziehungsproblemen. Beziehungsarbeit ist nicht „schneller, höher weiter“, sondern Intimität im Wissen um den anderen - emotional und körperlich.

Es wäre schön, wenn wir uns darüber austauschen, wie es uns geht. Denn das kann der andere nur erahnen und interpretieren. Um wieder zur körperlichen Kommunikation zu kommen, sollte die faktische, verbale Kommunikation praktiziert werden. Keine Vorwürfe, Ich-Botschaften statt Du-Anklagen. Dann könnte der dramatische Teil verhindert werden.
 

Der dramatische Teil von Sex

Sex kursiert in der Gesellschaft, angetrieben durch Werbung, Pornografie und Filme, als eine Leistungsanforderung an das, wie Sex zu sein hat. Das ist ein Billiarden-Geschäft.

Was Menschen im sexuellen Tun zu leisten haben, bestimmen Menschen dann nicht mehr wirklich selbst, sondern es wird einer Konsumvorgabe gefolgt, in der Hoffnung, das Gefühl zurückzugewinnen, was mal da war. Es geht dann um Performance, Leistungsdruck und Posing. Weg vom Fühlen und Einlassen. Weg von der Kommunikation hin zu "Und, war ich gut?".

Egal ob ausgesprochen oder nicht, die Bewertung des anderen über die geleistete Performance im Bett ist bedeutsamer als die Frage, wie sich jemand dabei fühlt. Sex wird zum (gegenseitigen) Bedienmodus, zur Dienstleistung. Und dann sind wir in Paarbeziehungen nicht weit weg von gegenseitiger Prostitution.

Oft wird in Außenkontakten die Erfüllung der vermeintlichen Bedürfnisse gesucht. Ein neuer Freund, ein Seitensprung, Swinger-Clubs und Vieles mehr führen in der Paarbeziehung zur Aktivität im Außen und Vereinsamung und Vereinzelung im Innen.

Es kommt vor, dass bei Paartherapien die Qualität der Sexualität gar nicht betrachtet wird. Es geht um Müll rausbringen, Komplimente machen, Anerkennung und Treue und sich mal ein romantisches Wochenende zu machen. Das mag zwar alles ganz nett sein, geht jedoch am Kern vorbei. Offenheit, zu sagen, wie man sich beim Sex fühlt, wie man sich überhaupt mit dem anderen fühlt. Das tatsächliche Kennenlernen des anderen geht wunderbar über den körperlichen Kontakt. Als absichtslose Handlung, bei der nichts im speziellen passieren muss.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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