Wie Affären entstehen und wie sie die Ehe zerstören können

Dr. Melzer

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© Iurii Sokolov - fotoliaDie Probleme zu verschweigen, nachdem die Affäre aufgeflogen ist, kann die Ehe zerstörenAffären gehören zu den häufigsten Trennungsgründen. Erfahren Sie, wie sie entstehen, warum sie eine Ehe zerstören können und was die Partnerschaft retten könnte.  

Zahllose Mythen ranken sich um das Thema „Affäre“. Zum Beispiel, dass eine Affäre der Beweis dafür ist, dass in der Ehe etwas schief läuft. Oder dass Frauen treuer sind als Männer, dass eine Affäre immer das Ende einer Beziehung ist oder dass gelegentliche Abenteuer einer eingestaubten Partnerschaft gut tun. Manche glauben auch, dass Untreue der Beweis ist, dass der untreue Partner weniger liebt als der andere und dass die Affäre kein Einzelfall bleiben wird. All diese Mythen stimmen im Einzelfall oftmals nicht.

Woher der Wunsch nach Exklusivität kommt

Die Wünsche nach Exklusivität im Hafen der Ehe oder einer verbindlichen Beziehung mit dem Gefühl der Zugehörigkeit und emotionalen Heimat verlangt nach Berechenbarkeit, Verlässlichkeit, Schutz, Vertrauen und Verbindlichkeit. Neben der emotionalen Beständigkeit geht es auch um Themen wie Sicherung der Vaterschaft und Bindung von Ressourcen, um die Kinderbetreuung zu erleichtern.

Paare haben Visionen einer gemeinsamen Zukunft vor Augen, planen mit viel Idealismus und empfinden zu Beginn der Beziehung oftmals starke Gefühle. Gerade am Anfang ist die Definition von Treue dagegen eine der schwierigsten Angelegenheiten. Oftmals wird dem Thema nicht viel Aufmerksamkeit gewidmet.

Die romantische Trias sieht Liebe, Sex und Bindung innerhalb einer Beziehung vor: Frische Paare räumen sich gegenseitig oftmals eine vollständige Exklusivität der Beziehung ein. Wenn Kinder da sind, ist das geradezu erforderlich, damit Ressourcen  wie Geld, Zeit und Gefühle in der eigenen Beziehung landen. Die Paare grenzen sich so von der Außenwelt verlässlich ab.

Gründe für eine Affäre

Neben dem Wunsch nach Exklusivität haben alle Menschen, wenn auch unterschiedlich stark ausgeprägt, das Bedürfnis nach Autonomie, Freiheit und Offenheit. Sich wieder einzigartig, begehrenswert und vital fühlen und den Alltag hinter sich lassen – diese Emotionen treiben Partner aus der vertrauten Beziehung hinaus ins Abenteuer.

Ein guter Partner für eine Affäre bietet eine Projektionsfläche für eigene angestaute Bedürfnisse und Träume.

Im analogen Zeitalter fanden sich Affären im realen Leben durch Face-to-Face-Kontakte. Im digitalen Zeitalter sind sie dank GPS-Ortung und perfektem Match auf entsprechenden Apps und Partnerbörsen oftmals nur einen Mausklick entfernt. Im Internet ist pornografisches Material permanent abrufbar, die sexuelle Fantasie bekommt unbegrenzt Futter, die Reize sind stark und hinterlassen ihre Spuren in den Wünschen für das eigene Leben.

© drubig-photo -  Fotolia.com Ist Liebe zwangsweise monogam?Liebe und Erotik – ein Spagat? 

Der Wunsch nach Nähe und Verbindlichkeit und das Bedürfnis nach Autonomie und Freiheit sind geradezu Gegenspieler. Auch der Spagat zwischen Liebe und Erotik erscheint paradox. Kann ich den Partner, den ich liebe, auf Dauer begehren? Ist Liebe ihrem „Wesen“ nach monogam? Kann man zwei oder mehr Menschen lieben?

Entspricht das romantische Konzept („alles mit einem für immer“) der „Natur“ des Menschen? Lassen sich Liebe, Bindung und Sex in verschiedenen Bereichen ausleben? Habe ich ein Recht auf die Sexualität meines Partners? Habe ich ein Recht auf die Offenheit meines Partners? Bin ich verpflichtet, meinem Partner gegenüber offen zu sein? Ist Fremdgehen legitim, wenn ich mich verliebt habe? Habe ich auch in der Beziehung ein Recht auf Privatheit?

Liebe braucht Nähe und Erotik Distanz. Der sogenannte "Coolidge Effekt" bezeichnet den wachsenden Überdruss, wenn ein Mensch ohne Abwechslung immer wieder mit demselben Partner Geschlechtsverkehr hat. Untreue kann in der digitalen Welt mit all den Bildern und unendlichen sexuellen Möglichkeiten vorprogrammiert sein. Der Dritte läuft stärker als je zuvor in der Partnerschaft mit.

Dem Versuch, diesen Spagat zu meistern, stellen sich Paare mit zahlreichen nichtmonogamen Lebenskonzepten: offene Partnerschaft, Beziehungen mit mehreren Menschen (Polyamorie), „Freundschaften Plus“ und Swinger. Stellen sich Paare so auf, bedarf es erfahrungsgemäß einer sehr hohen Differenzierung und hervorragender Kommunikationsfähigkeiten. Ansonsten wird die primäre Paarbeziehung auf einen harten Prüfstand gestellt.

Wenn der Partner Verdacht schöpft

Affären gehören zu den häufigsten Trennungsgründen, da sie die Primärbeziehung bedrohen. Untreue bedeutet einen Loyalitätsverlust. Sie wird als demütigend erlebt und geht mit einem Kontrollverlust einher. Urängste wie Einsamkeit, Scham oder Angst treffen auf Wut und Ärger. Eine Achterbahn der Gefühle ist vorprogrammiert. 

Oftmals kommen Steine ins Rollen, wenn ein Partner Verdacht schöpft. Den Abdruck von Lippenstift auf dem weißen Hemdkragen mag es noch geben. Verdachtsmomente entzünden sich heutzutage aber eher durch die Medien: nicht gelöschte Chatverlaufe, verändertes Verhalten am Handy oder unbekannte Adressen im Navigationsgerät des Autos führen dazu, dass der Radar des Betrogenen angeht.

Der Partner mit der Affäre wird sich fragen: Was halte ich geheim? Welche Risiken gehe ich dabei ein? Verschweige ich, leugne ich, lüge ich? Der betrogene Partner wird sich fragen: Misstraue oder vertraue ich? Will ich wirklich alles wissen? In dieser Phase sind die Sinne geschärft. Wo gelogen wird, da wird auch übergriffig kontrolliert.

Affäre aufgeflogen – und jetzt?

Ist die Affäre aufgedeckt, befindet sich das Paar in einem Schockzustand. Der Betrogene hat die Kontrolle verloren, stellt alles in Frage und überlegt, ob die Beziehung die Kränkung überleben kann. Der Betrogene wird hin und hergerissen sein, wie viel er erzählen soll. Gibt es ein Geständnis oder eher doch ein Bekenntnis?

Diese Phase des Schmelztiegels zehrt an den Kräften beider Partner. Lautstarke Diskussionen folgen einem ungewohnten Gefühl von Nähe, Schlaflosigkeit, Appetitlosigkeit, Konzentrationsstörungen, innerer Unruhe und ständigem Gedankenkreisen. Alles sehr typisch für diese Phase.

Oftmals verändern sich die überwältigenden Gefühle mit der Zeit, von daher sei vor einer vorschnellen Entscheidung abgeraten. Je selbstbewusster ein Mensch ist, umso eher wird er sich den Themen stellen. 

© WavebreakMediaMicro - fotoliaManche Paare wenden sich wieder mehr einander zu, nachdem die Affäre aufgeflogen istDie Entscheidungsphase

In der Folgezeit kommt es dann zu interessanten Veränderungen. Häufig reagieren die Hauptakteure anders als erwartet. Es gibt seit längerer Zeit wieder intensive und ehrliche Gespräche zwischen den Partnern. Paare, die oftmals lange keinen Sex mehr hatten, schlafen wieder miteinander. Alles ist aus dem Ruder gelaufen, die Spielregeln, die vorher Bestand hatten, werden nun in Frage gestellt. Es wird nach Lösungen gesucht.

Der untreue Partner hat oftmals ein schlechtes Gewissen. Gleichzeitig ist er im Spagat zwischen Affäre und Partner und muss im Falle der Trennung einen Trauerprozess durchlaufen, bei dem ihm der betrogene Partner logischerweise nicht zur Seite stehen kann und will. Gibt es eine Chance auf einen Neuanfang? Gibt es Probleme, die geklärt werden müssen? Der betrogene Partner wird sich fragen, ob er vergeben und verzeihen soll und wie er wieder Vertrauen finden kann. 

Neue Spielregeln statt Schweigen

Im weiteren Verlauf gehen manche Paare viel zu schnell in die alte Ordnung zurück und verleugnen das, was passiert ist. Sie sprechen die Probleme nicht richtig an. Auf der Seite des Betrogenen kann es dadurch zu einer Chronifizierung der Kränkung kommen - Vorwürfe überhäufen dann den Alltag.

Man kann aber auch eine neue Bindung mit demselben Partner aufnehmen - jetzt mit überarbeiteten Spielregeln.

Wie ein Paartherapeut helfen kann

In allen Phasen kann es hilfreich sein, den Rat eines erfahrenen Paartherapeuten in Anspruch zu nehmen, dessen Rolle in der Emotionsregulation besteht. Gespräche laufen unter Beisein eines neutralen Beraters weniger emotional und dafür strukturierter ab.

Sollten Probleme in der Paarbeziehung Auslöser für die Affäre sein, können blinde Flecken aufgedeckt und nachhaltig behoben werden. Viele Paare überwinden eine Affäre, auch wenn es allen Beteiligten viel Mühe kostet. Am Ende steht hoffentlich eine ehrlichere Beziehung.

Jedes Paar, das einmal eine Affäre überwunden hat, wird eher wissen, was es heißt, in guten und schlechten Zeiten zueinander zu stehen.

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