Kann CMD psychische Ursachen haben?

Gesichts- und Kopfschmerzen können mögliche Symptome einer CMD sein. (©fotolia-57580169-Dirima)

Jede somatische Erkrankung, unabhängig davon, ob es sich um Krebs, Warzen oder eine CMD handelt, ist letztendlich immer durch eine Ursache bestimmt. Es sind drei Faktoren, die zusammenkommen müssen, damit ein krankhaftes Geschehen entsteht.

Welche Faktoren spielen bei der Entstehung eines Krankheitsbildes eine wichtige Rolle?

Der „systemische Faktor“, das heißt, der Patient muss eine „Bereitschaft“ haben, um an CMD zu erkranken. Der lokale Faktor - im Bereich CMD sind das „Störungen der Okklusion“ - und ein dritter Faktor, der gern als „Psyche“ beschrieben wird und zu vielerlei Missverständnissen Anlass gibt.

In der Psychologie und Psychiatrie hat sich ein Begriff etabliert, der viel passender ist als der im Bereich CMD gerne genutzte Begriff der „Psyche“, nämlich der Begriff der „Stressresilienz“. 

Was versteht man unter Stressresilienz?

Die Stressresilienz ist der Grund, warum bei zwei Patienten mit einer gestörten Okklusion der eine an einer CMD erkrankt und Symptome entwickelt und der andere nicht.

Der nicht erkrankte Patient hat bei ebenfalls bestehenden okklusalen Störungen entweder keine Bereitschaft - auch als „Prädisposition“ bezeichnet - zu erkranken, oder aber einfach eine erhöhte Stressresilienz, im Vergleich zu dem Patienten, der an den Symptomen einer CMD erkrankt. 

Dabei ist gerade der Punkt der Stressresilienz sehr variabel und macht verständlich, warum die Symptome einer CMD häufig zeitverzögert, zum Beispiel nach Veränderungen der Okklusion, auftauchen – wie z.B. wenn sich ein Todesfall in der Familie ereignet, der mit der Okklusion oder der Prädisposition gar nichts zu tun hat. Die Prädisposition war in diesem Fall bereits da, die okklusale Störung ebenfalls, nur die Stressresilienz war bei diesem Patienten bisher noch zu hoch und ist durch das Sterbeereignis auf einmal und ohne Vorwarnung zusammengebrochen.

Das Ergebnis einer zu niedrigen Stressresilienz

Der Patient entwickelt auf einmal schleichend Symptome einer CMD: Kopf- und Gesichtsschmerzen, Sehstörungen, muskuläre Verspannungen, Blähungen und viele mehr.

Nun wird diskutiert, ob es im Sinne einer symptomatischen Therapie möglich ist, dieses „CMD-Ereignis“ dadurch zu behandeln, indem man versucht die Stressresilienz wieder zu erhöhen. Die Erfahrung zeigt, dass dies in seltenen Fällen für eine Übergangszeit gelingen kann.

Meist jedoch nicht, weil in Folge des ersten Stressereignisses noch viele weitere folgen, oder aber weil mit zunehmendem Alter ein Phänomen greift, das dazu führt, dass die Stressresilienz im Alter abnimmt.

Wenn man so will, arbeiten beide Phänomene gegen den CMD-Patienten. Nun gibt es Patienten, die in Folge einer psychiatrischen Erkrankung die Strukturen des Kauorgans nachhaltig schädigen - erkennbar ist dies an stark abgeschliffenen Zähnen. Hier ist wohl am ehesten das Phänomen des Bruxismus einzuordnen.

Was genau ist eigentlich Bruxismus?

Zu viel Stress kann dazu führen, dass Sie an einer CMD erkranken. (© Stress spielt eine große Rolle bei der Entwicklung einer CMD.)
Bruxismus ist keine CMD! Bruxismus kann möglicherweise die zahnärztlich erkennbare Folge einer psychiatrischen Erkrankung sein.

Diese radikalen Zerstörungen von Zahnhartsubstanzen können dann Ausdruck einer psychiatrischen Erkrankung sein, die zwar in ihrer zahnärztlichen Symptomatik nachfolgend zahnärztlich behandelt werden können, kausal aber nur durch eine psychiatrische Behandlung angegangen werden dürfen.

Welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es bei Bruxismus?

Die Möglichkeiten der psychiatrischen Behandlung konzentrieren sich hier vorwiegend auf medikamentöse Interventionen.

Die zahnärztlich rekonstruierenden Maßnahmen sind, in einem derartig gelagerten Fall, nur mit allergrößter Vorsicht vorzunehmen, weil davon auszugehen ist, dass der Patient die im Rahmen einer zahnärztlichen Therapie neu geschaffenen zahntechnischen Rekonstruktionen erneut zerstören wird und weil der psychiatrisch bedingte Bruxismus weiter fortschreitet!

Fazit

Eine Craniomandibuläre Dysfunktion darf auf keinen Fall als eine psychosomatische oder psychiatrische Erkrankung bezeichnet werden, nur weil sich in Folge jahrelanger Schmerzustände bei vielen Patienten auch psychische Beeinträchtigungen einstellen.

Um es konkret zu sagen: Die psychischen Beeinträchtigungen chronisch schmerzkranker CMD-Patienten sind die Folge einer zahnärztlichen CMD-Erkrankung und nicht deren Ursache.

Insofern kommt dem Thema der „Psyche“ - was das Krankheitsbild einer CMD betrifft - zwar die Funktion eines Co-Faktors zu, wie bei jeder anderen Erkrankung auch, aber eben auch nicht mehr.

Kein Arzt würde einen Patienten mit einer Warze zum Psychotherapeuten oder gar zum Psychiater schicken, um abzuklären, in wie weit die Psyche untersucht oder mitbehandelt werden muss.

Denn wir wissen alle, dass nicht jeder, der ohne Badelatschen durch ein Schwimmbad läuft, zwangsläufig hinterher eine Warze mit nach Hause nimmt. Die Symptome mögen andere sein, der pathogene Mechanismus ist der gleiche!

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare (3)

Lilly, 09.04.2019 - 18:30 Uhr

Auch ich leide seit ca 3 Jahren an cmd. Die ersten Beschwerden waren extremer benommenheitsschwindel und heftige nackenverspannungen. Später kamen andere Beschwerden hinzu wie muskelbrennen in den Beinen, rueckenschmerzen, Tinnitus rechts und augenfehlstellung. Ich wurde dauergast bei allen aerzten wie hausarzt, orthopaede, Augenarzt, Neurologe, rheumatologe, ohrenarzt sowie Physiotherapeut und osteopath. Niemand konnte mir sagen was mit mir los war. Ausser die osteopathische Behandlungen halfen jedoch nur kurzzeitig. Ich wurde bei den aerzten stets mit einem Rezept ueber Psychopharmaka nach Hause geschickt. Es wurde so schlimm dass ich zeitweise nicht mehr alleine das Haus verlassen konnte, weil der Schwindel massiv war. Irgendwann kam ich auf die Idee einen Zahnarzt aufzusuchen. Hier in der naehe fand ich eine zahnaerztin die auf cmd spezialisiert ist. Dieser Besuch bei ihr war das beste was ich jemals gemacht habe. Diagnose cmd. Es folgte eine eineinhalbjaehrige Behandlung. Bekam eine sehr gut angepasste teleskopprothese. Sie schickte mich zum Osteopathen und direkt danach wurde bei ihr ein Abdruck fuer eine harte okklusionsschiene fuer den oberkiefer gemacht. Diese trage ich jede Nacht problemlos. Morgens keine nackenverspannungen mehr. Ueber Tag merke ich dass ich mit der Zunge gegen den Gaumen druecke was kurz ueber lang zu Verspannungen im kieferbereich fuehrt. Dies versuche ich in den Griff zu bekommen was jedoch noch Zeit in Anspruch nehmen wird. Ich mache 3 mal in der Woche kraftsport im Studio, gehe viel spazieren, mache tgl mehrmals meine gelernten kieferuebungen und physiotherapie. Ich spüre dass es mir von Woche zu Woche besser geht. Die letzten Jahre waren die hoelle. Ich habe gelernt dass ich jetzt selber gefragt bin kontinuierlich weiter zu machen. Nur so kann man diese böse Erkrankung in den Griff bekommen. Ich bin froh dass ich die Rezepte ueber Psychopharmaka nie eingelöst habe

Wilhelmine M., 27.09.2017 - 23:53 Uhr

Ein interessanter Artikel! Können Sie mir sagen, ob die CMD auch Auswirkungen haben kann auf meine Schwerhörigkeit? Ich bin 79 und seit 10 Jahren schwerhörig-zunächst ganz leicht, wurde mittelschwer und seit einem Jahr ist mein Sprachverstehen schrill unerträglich. Beim Telefonieren geht mein Verstehen nach ca einer Minute weg! Mein Mann ist sehr krank, Verdacht auf Parkinson, er geht nicht zum Arzt (er ist Chirurg!) und will es nicht wahrhaben. Auch seine neuroveg. Erkrankung wird immer ausgeprägter. Die Ungewissheit macht mich fertig. Gibt es einen Zusammenhang zum Innenohr? Vielen Dank für Ihre Anwort.RP

Antwort von Dr. med. dent. Andre von Peschke, verfasst am 28.09.2017

Das ist eher unwahrscheinlich, obwohl bekannt ist, dass Patienten relativ häufig über ein Gefühl klagen, dass man als "Watte im Ohr Gefühl" bezeichnen kann, oder aber als ein Gefühl, als wenn die Ohren "zufallen"! Es scheint so zu sein, dass die Eustachsche Röhre in diesen Fällen betroffen ist. Man kann das im Rahmen einer zahnärztlich funktionellen Erstuntersuchung und dann gegebenenfalls unter Einsatz eines adjustierten Aufbissbehelfs prüfen. Das Problem besteht aber darin, sollte sich entgegen der Erwartungen dieser Verdacht bestätigen, dass man davon ausgehen muss nachfolgend aufwändige Einstellungen der Bisslage notwendig werden würden. Ob ein Patient mit 79 Jahren dazu noch in der Lage und willens ist, sei dahin gestellt. Der Hinweis auf das gestörte Sprachverstehen scheint aber eher ein Hinweis darauf zu sein, dass es sich hier eher um ein ohrenärztliches Problem handelt. Für Fragen des Innenohres ist ein CMD Spezialist nicht zuständig, sondern ein Ohrenarzt.

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