Verlegenheitsdiagnose, Modetrend oder Einbildung? So kann der Zahnarzt bei CMD helfen

Welche Ursache kann sich hinter Spannungskopfschmerzen verbergen? (© Dirima - fotolia)

Die Diagnose CMD – in ausführlichen Worten Craniomandibuläre Dysfunktion – kommt neuerdings immer wieder zur Sprache, wenn es um undefinierbare oder auf den ersten Blick unerklärbare Beschwerden im Kopf-/Nackenbereich geht. Ebenso wenn bereits Therapien unterschiedlichster Art nicht oder noch nicht zum gewünschten Erfolg geführt haben. Handelt es sich hierbei deswegen nur um eine Verlegenheitsdiagnostik? Oder ist es ein „Modetrend“?

Um dies zu beleuchten, ist es notwendig, ein wenig tiefer in unsere medizinische Historie einzutauchen.

Was versteht man unter CMD?

Schaut man sich Statistiken zum Thema Arbeitsunfähigkeit an, so stehen Beschwerden im Muskel-Skelett-System an erster Stelle. Jeder vierte klagt über akute und jeder zehnte über chronische Rückenbeschwerden. Aber was hat das nun mit einer CMD zu tun?

Hier hilft uns die Nomenklatur, denn die Wortbildung CMD – Craniomandibuläre Dysfunktion – ist simpel: Es wird ausschließlich zum Ausdruck gebracht, dass der bewegliche Teil, also der Unterkiefer (Mandibula), bezüglich des starren Gesichtsschädels, der mit der Wirbelsäule verbunden ist (Cranio), nicht das ausführt, wofür er bestimmungsgemäß gebaut wurde (Dysfunktion). Dass durch diese Fehlfunktion alle möglichen Symptome entstehen können, liegt einfach in den mannigfaltigen Missbrauchsmöglichkeiten.

Und nun kommt der schwierige Teil der Geschichte: Wo gehe ich nun hin mit meinen Beschwerden, die so facettenreich sein können wie Nacken-, Schulter- oder Rückenschmerzen, aber auch migräneartiger Kopfschmerz oder Tinnitus?

Wer ist der richte Ansprechpartner bei CMD?

In Deutschland ist die Gebietsabgrenzung der einzelnen Medizingruppen stark vorhanden: Bei migräneartigen Kopfschmerzen kümmert sich z. B. der Orthopäde diagnostisch um Wirbelblockaden, Atlasverschiebung oder Bandscheibenverlagerung, während der manuell tätige Physiotherapeut oder Osteopath die Therapie der orthopädischen Missstände übernimmt.

Der HNO-Arzt bekommt diagnostisch die Tinnitus ähnlichen Ohrgeräusche ab. Wobei sich die therapeutischen Ansätze wie Infusionen im Ergebnis hier in Grenzen halten.

Beim Zahnarzt oder Kieferorthopäden nennt sich das Erscheinungsfeld von Kiefergelenksschmerzen oder abgeknirschten Zähnen dann Craniomandibuläre Dysfunktion. Auch hier besteht bei weitem Uneinigkeit sowohl in der Diagnostik als auch in der Therapie.

Der Psychologe kümmert sich um die psychoemotionalen Stressoren, während der Neuraltherapeut durch Unterspritzung mit Anästhetika Fehlsignale löschen kann.

Auch die Schmerztherapeuten dürfen wir nicht vergessen, denn ohne die hätten viele Patienten nun wirklich gar nichts mehr zu lachen. Und das war nur der Blick vom Scheitel bis zur Sohle. Geht man den Weg von unten nach oben, spielen Beinlängedifferenzen, Einlegesohlen und Ganganalysen eine wesentliche Rolle.

So kann das Phänomen immer weiter ausgedehnt werden. Gegebenenfalls zieht man noch orthomolekulare Medizin oder Hormontherapie hinzu. Oder haben Sie vielleicht auch schon einmal an Apnoe gedacht?

Viele Fachgebiete und dadurch noch mehr Blickrichtungen. Hat man nun das eine oder andere bereits versucht und nicht den gewünschten Erfolg erzielt, kommen gerne Gedanke auf wie „Ist das vielleicht nur eine Verlegenheitsdiagnose, weil der Arzt nicht weiterweiß oder weil es vielleicht gerade "Mode" ist?“ „Oder bilde ich mir das Ganze etwa nur ein?“

So kann der Zahnarzt helfen

Jetzt fragen Sie sich sicher, was denn nun ein Zahnarzt diagnostizieren will, wenn sich so viele Gelehrte (noch) nicht einig sind? Der Zahnarzt kümmert sich in erster Linie um die Funktion des Kauapparates. Hier ist der Bewegungsraum beider Kiefergelenke von großer Bedeutung, der die Zähne, aber auch die umliegenden Strukturen wie Kochen, Muskeln, Bänder etc. beinhaltet.

Dieser Bewegungsraum wird erfasst, am besten mit der instrumentellen Funktionsanalyse. Heutzutage sind gute digitale Messgeräte auf dem Markt, die mit leichten Ultraschallsensoren die Bewegungsräume sehr gut und präzise erfassen können.

Mit Hilfe dieser erhobenen Daten kann die Situation in einem sogenannten Artikulator schädelbezüglich dargestellt werden. Der Zahnarzt und der Patient sollten sich dabei aber im Klaren sein, dass nicht die bestmögliche, sondern eine reproduzierbare Position erfasst wird.

Der Gang zum Zahnarzt kann sich lohnen, um hinter die Ursache CMD zu kommen. (© Igor Mojzes - fotolia)
Es kann auch eine Kopie der erkrankten Variante sein. Meist folgt eine manuelle Funktionsanalyse, bei der man sich einen Überblick über umliegende Strukturen verschafft. Dazu gehören Muskeln, Bänder, Kapseln, Knorpel, Gelenkzwischenscheiben etc.

Auch diese Daten geben Aufschluss über die Erkrankungsform. Es wird die Zuordnung beider Kiefer zueinander geprüft und natürlich auch die Verschlüsselung, ob beim Aufbiss alle Zähne zeitgleich zusammenkommen. Aus diesen einzelnen Prüfschritten kann ermittelt werden, in welcher Richtung eine Abweichung besteht.

Die Fälle sind sehr unterschiedlich gelagert. Einfach ist es immer dann, wenn ein Missstand plakativ vorliegt, so dass die Diagnose diskussionslos bestimmt werden kann. So z.B. bei einem seitlich offenen Biss, bei welchem die Kompression im Gelenk die logische Konsequenz darstellt.

Dieser plakative Missstand birgt das Risiko, dass am Anfang gar nicht alle Probleme erkennbar sind. Denn einzelne Probleme können oft so schwerwiegend erscheinen, dass die leichteren nicht wirklich realisiert werden. Und manche dieser kleineren Probleme kommen erst an die Oberfläche, wenn die groben Probleme gelöst sind.

Deshalb ist es in den meisten Fällen so, dass die Erstmaßnahme noch nicht gleich zum gewünschten Erfolg führen muss. Die Folge hieraus ist aber oft, dass das Frustrationslevel steigt, oben genannte Fragen in den Kopf schießen und die Spirale sich weiter nach unten dreht.

Geben Sie sich Zeit. Die CMD ist ein facettenreiches Krankheitsbild mit Begleitsymptomen, die sie meist - wenn auch unbemerkt - über eine lange Zeit erworben haben. Deshalb ist es weder Einbildung, noch eine Verlegenheitsdiagnose und schon gar kein Modetrend, auch wenn die Sensibilisierung für die CMD steigt.

Eine Funktionsanalyse bei einem erfahrenen CMD-Spezialisten kann Ihnen Aufklärung geben und das ist der erste und wichtigste Schritt in Ihre beschwerdefreie oder zumindest beschwerdereduzierte Zukunft.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare (5)

Mia, 18.12.2020 - 21:10 Uhr

Vielen Dank für Ihre Antwort. Leider gab es nach der Entfernung der Zähne keine kieferorthopädische Behandlung, weil meine Schmerzen nach der Entfernung unerträglich waren. Ich konnte über Monate kaum arbeiten. Es kann also nur durch den Eingriff entstanden sein. Ich weiß, dass es für viele angenehmer ist, weil der Platz im Kiefer nicht reicht. Bei mir hat der Platz gereicht und meine Zähne waren schon 15 Jahre draußen. Ich habe sie auch zum Kauen benutzt. Als sie gezogen wurden, war es, als ob ein Kartenhaus zusammenfällt.

Mia, 12.12.2020 - 23:47 Uhr

Ich habe mir vor fast drei Jahren vier gesunde Weisheitszähne für eine Kfo ziehen lassen. Seit dem habe ich täglich Schmerzen v.a. im Kiefer, Kopf und Nacken, außerdem knackt mein Kiefer seit dem. Meine Zähne sind extrem empfindlich. Es ist kaum auszuhalten und meine Lebensqualität ist stark gesunken. Wie kann es sein, dass das Ziehen von Weisheitszähnen sowas auslösen kann?

Antwort von Dr. med. dent. M.Sc. Paul Robert Strohkendl, verfasst am 17.12.2020

Es ist aus der Ferne natürlich sehr schwer, eine "Diagnose" zu stellen. Für die meisten Patienten ist es von Vorteil, Weisheitszähne, welche bedingt durch mangelnden Platz nicht am Kauakt teilhaben können, zu entfernen. Für mich wäre der zeitliche Zusammenhang der Operation mit dem Auftreten der Beschwerden nicht unbedingt die einzige oder erste Stelle der Nachforschung. Ich wäre, laut Ihrer Aussage, eher am funktionellen Ergebnis der kieferorthopädischen Maßnahme interessiert, ob hier eine gelenksynchrone Okklusion (Bisslage) eingestellt wurde. Wenn zwar die Zahnbögen schön ausgerundet wurden und es optische ästhetisch hübsch aussieht, aber im Zusammenspiel zwischen Oberkiefer und Unterkiefer punktuelle Überbelastungen auftreten, so wären die genannten Symptome durchaus nachvollziehbar. Daher meine Empfehlung: der Status Quo sollte zuerst mit einer Funktionsanalyse erfasst werden. Danach sollten die Kiefergelenke mittels einer Schiene in eine bestmögliche zentrische, beschwerdefreie Position manövrieren werden. Anschließend sollte beurteilt werden, wie die Zähne zueinander zugeordnet sind. Sehr wahrscheinlich gibt es dort Diskrepanzen. Wenn diese gelöst werden, kann der neugefundene, beschwerdefreie Zustand dauerhaft auch ohne Schiene gehalten werden. Viel Erfolg! Sollten noch Fragen offen sein, dann bitte einfach nochmals kurz melden.

Jutta T., 10.11.2020 - 11:28 Uhr

Seit Wochen habe ich Schmerzen im linken Kiefer. 2019 habe ich nach ca.10 Jahren ein Implantat bekommen... es musste sein, weil mir links unten ca. 3/4 Zähne von einem Zahnarzt innerhalb einer Woche gezogen wurden. Ich hatte keinen Aufbiss zu den Oberen...es entwickelte sich oben, ein Abzess. Ein Zahn im Oberkiefer links, wurde mir gezogen. Danach bekamm ich eine Brücke. Im Juli 2020 verlor ich eine Krone....jetzt ca. 4Wochen nach der neuen Krone neben dem Implantat unten links, habe ich Schmerzen bei Kälte/Wärme. Außerdem soll ich eine Schiene nachts tragen...weil mir ein Backenzahn im Januar 2020 gezogen wurde. Danach habe ich stärkere Schmerzen. Kann sie kaum lokalisieren...weil mir meine linke Gesichtshälfte schmerzt. Mein Zahnarzt meint, es wäre Muskulär, ich fühle mich nicht ernst genommen. MfG Jutta T.

Antwort von Dr. med. dent. M.Sc. Paul Robert Strohkendl, verfasst am 12.11.2020

Liebe Jutta, hört sich natürlich alles nicht ganz so schön an, dennoch kann an Hand der Beschreibung noch nichts konkretes diagnostiziert werden. Natürlich wird die Stabilität einer Bisssituation durch manigfaltige Extraktionen reduziert, aber eine pauschale Antwort kann hierdurch sicherlich nicht gegeben werden. Es wäre gut wenn Sie sich bei einem Spezialisten für CMD einer manuellen und instrumentellen Funktionsanalyse unterziehen würden, so dass die konkreten Missstände erfasst werden und daraufhin die Situation mit einer Schiene gleichmäßig abgestützt wird. Wenn hier eine geeignete Bisslage gefunden wird, welche Bewegungsfreiheit und Schmerzfreiheit beschert, so kann an eine Rehabilitation in dieser Position gedacht werden. Hierfür könnten unterschiedliche Therapieverfahren eingesetzt werden. Ich hoffe, dass dieser Hinweis ein wenig Mut macht und Sie bald wieder beschwerdefrei sein werden. MfG Dr. Strohkendl MSc.

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