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Extreme Zahnbehandlungsphobie: Tipps für Betroffene und Angehörige

Prof. Dr. Jöhren

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© contrastwerkstatt - fotoliaAngehörige können Patienten mit Zahnbehandlungsphobie gerade vor der Behandlung gut unterstützen (© contrastwerkstatt - fotolia)Wer unter einer Zahnbehandlungsphobie leidet, versucht, nur selten einen Fuß in die Zahnarztpraxis zu setzen – und das über Jahre, bis die Zähne und die Allgemeingesundheit Schäden davontragen. Was Betroffene tun können, um lang aufgeschobene Zahnbehandlungen erfolgreich durchzuführen und wie Angehörige helfen können, wollte jameda von Prof. Dr. Jöhren wissen, der umfangreiche Forschungen rund um die Zahnbehandlungsphobie durchgeführt hat.

Angst oder Phobie?
Psychotherapie
Angehörige
Scham
Kontrollverlust
Vollnarkose?

jameda: Viele Menschen fürchten sich vor dem Zahnarztbesuch, aber nur zehn Prozent der Deutschen haben eine krankhafte Angst vor der Zahnbehandlung und leiden unter der sogenannten Zahnbehandlungsphobie. Wie kann man erkennen, ob es sich um eine Zahnbehandlungsangst oder eine Phobie handelt?
Prof. Dr. Jöhren: Wenn Patienten den Zahnarztbesuch länger als zwei Jahre vermeiden und die Angst so stark ist, dass sie beim sogenannten Hierarchischen Angstfragebogen (HAF, Jöhren 1999) einen Score von über 38 erreichen, haben sie mit 100-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Phobie.

jameda: Warum ist die Angst von Patienten, die unter einer Zahnbehandlungsphobie leiden, so groß und so schwer zu bewältigen?
Prof. Dr. Jöhren: Manche haben die Angst von ihren Eltern, Bekannten oder Freunden erlernt, aber die meisten haben traumatische Erfahrungen beim Zahnarzt gemacht.

jameda: Eine Zahnbehandlungsphobie ist eine anerkannte psychische Störung. Schaffen es die meisten Patienten auch ohne Psychotherapie, zum Zahnarzt zu gehen und die Behandlung abzuschließen?  
Prof. Dr. Jöhren: Bei Zahnbehandlungsangst reicht es aus, wenn sich die Betroffenen Schritt für Schritt der Behandlung nähern. Phobiker dagegen brauchen auf jeden Fall eine Psychotherapie, auch weil die Hälfte der Betroffenen unter zusätzlichen psychischen Störungen wie Depressionen, chronischen Schmerzen oder anderen Angststörungen leidet.  

jameda: Nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Angehörigen ist es schwer, mit der Zahnbehandlungsphobie umzugehen. Was können Angehörige tun, um zu helfen?
Prof. Dr. Jöhren: Sie können einen spezialisierten Zahnarzt suchen oder den Betroffenen den Besuch eines Psychotherapeuten empfehlen. Außerdem können sie den Patienten auf die negativen Folgen einer aufgeschobenen Zahnbehandlung aufmerksam machen. Schließlich wollen die meisten Betroffenen komplexe Eingriffe, hohe Kosten und größere Risiken für Herzerkrankungen vermeiden. Wichtig ist auch, Mut zu machen, denn eine erfolgreiche Therapie hängt auch vom Mut und vom Willen des Patienten ab.    

© Prof. Dr. JöhrenProf. Dr. Jöhren forscht zu Zahnbehandlungsphobie (© Prof. Dr. Jöhren)jameda: Wenn Angstpatienten darüber nachdenken, einen Termin zu vereinbaren, brauchen sie besonders viel Unterstützung, um tatsächlich in der Praxis zu erscheinen und die Behandlung zu Ende zu führen. Wie können Angehörige eingreifen, wenn Probleme auftreten?
Prof. Dr. Jöhren: Angehörige sollten bei der ersten Behandlung mit ins Behandlungszimmer gehen, wenn der Patient es wünscht, und bei den Gesprächen dabei sein. In der Praxis können sie allerdings nicht mehr viel tun, denn dort entscheidet der Zahnarzt gemeinsam mit dem Patienten über das weitere Vorgehen.

jameda: Viele Patienten mit Zahnarztangst waren schon lange nicht mehr beim Zahnarzt und haben daher ein schlechtes Gebiss. Sie schämen sich, den Mund aufzumachen. Sind diese Sorgen berechtigt?
Prof. Dr. Jöhren: Meistens sind die Befunde nicht so schlimm, wie der Patient es sich vorgestellt hat. Die Mundhöhle ist mit besonders vielen Rezeptoren ausgestattet und kleine Löcher fühlen sich riesengroß an. Es ist wichtig, den betroffenen Patienten darüber aufzuklären, dass seine Befürchtungen irrational sind und dass es meistens halb so schlimm ist wie er denkt. Dieser Prozess ist Teil der Psychotherapie und nennt sich "kognitives Umstrukturieren".

jameda: Ein weiteres Problem ist der Kontrollverlust: Angstpatienten fürchten, dem Zahnarzt ausgeliefert zu sein. Wie können Patienten besser damit umgehen?
Prof. Dr. Jöhren: Mit dem Zahnarzt müssen Zeichen vereinbart werden, die eine 100-prozentigen Abbruch der Therapie ermöglichen. So erhält der Patient die Kontrolle zurück und kann auf die Behandlung Einfluss nehmen. Wir empfehlen einen kleinen metallischen Knackfrosch, den der Patient drücken kann, wenn er eine Pause braucht.

jameda: Angstpatienten können spezielle Betäubungsverfahren wie die Vollnarkose oder die Lachgassedierung in Anspruch nehmen, um von der Behandlung nichts mitzubekommen. Manche Zahnärzte bieten auch Hypnose an. Wann kommt welche Behandlung infrage?
Prof. Dr. Jöhren: Die Narkose ist keine Alternative zur Psychotherapie, denn sie unterstützt die Patienten in ihrem Vermeidungsverhalten. Bei Behandlungen, die sich über mehrere Sitzungen hinziehen wie etwa Wurzelbehandlungen, muss eine Lokalanästhesie reichen, weil nicht jedes Mal eine Vollnarkose durchgeführt werden kann. Wenn jemand psychisch krank ist, dann ist eine Vorstellung beim Psychotherapeuten außerdem selbstverständlich. Hier lediglich Hypnose anzubieten, ist zu kurz gegriffen. Mögliche Panikattacken oder andere Begleiterkrankungen sollten vor einer zahnärztlichen Behandlung ausgeschossen werden.  

jameda: Vielen Dank für das Gespräch!  

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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