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Wenn Bruxismus auch tagsüber zum Problem wird: Ursachen, Symptome & Therapie von Kieferpressen

Dr. Stuhl

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© STUDIO GRAND OUEST - fotoliaOft geschieht Zähneknirschen unbewusst, sodass es lange Zeit nicht bemerkt wird. (© STUDIO GRAND OUEST - fotolia)Zähneknirschen und Kieferpressen fasst man häufig unter dem Begriff Bruxismus zusammen. Bruxismus kommt in unserer Gesellschaft bei ungefähr 30 % der Menschen vor. Dabei sind Frauen laut Statistik weit häufiger betroffen als Männer. Beim Knirschen und Pressen mit den Zähnen tagsüber oder nachts treten Kräfte auf, die sonst im Leben eines Menschen eher nicht vorkommen.

Während beim Kauen Kräfte von zirka 10 Newton auftreten, entstehen beim Kieferpressen bis zu 1.000 Newton und mehr. Um das besser zu verstehen, dürfen sie sich vorstellen, dass bei 10 Newton eine Kraft von einem Kilogramm wirkt. Das sind bei 1.000 Newton mal eben 100 Kilogramm. Haben sie schon einmal eine 100 kg schwere Person auf dem Schoß gehabt? Die Erinnerung bleibt haften.

Das ist mal eben das 100-fache an Kraft. Stellen Sie sich vor, wie ein Hammer ungebremst auf einen Amboss schlägt. Es funkt im gesamten System Ihres Körpers.

 

Was sind die Gründe für mein Kieferpressen?

Stress und Fehlbiss sind verantwortlich für Bruxismus. Entwicklungsgeschichtlich ist das System von Ober- und Unterkiefer vielmehr ein Stress-Organ als ein Kauorgan. Auch bei Kindern hat Zähneknirschen der Milchzähne eine natürliche Funktion für die Positionierung der bleibenden Zähne.

Oft ist übermäßiger Stress die Ursache dafür, dass wir unsere Zähne zusammenbeißen. Wer hat im Laufe seines Lebens nicht schon den Satz gehört „Beiß die Zähne zusammen, dann wird es schon gehen.“?

Vor Urzeiten hatte Stress die Funktion, uns kampf- oder fluchtbereit zu machen, wenn der Säbelzahntiger im Gebüsch zum Angriff bereit saß. Damals bissen die Menschen die Zähne aufeinander, schoben den Unterkiefer nach vorne und spannten jeden Muskel im Körper an, um den Speer zu werfen oder so schnell wie möglich das Weite zu suchen. Stress lieferte die Energie zum Überleben.

Stress ist also durchaus etwas Gutes. Stress liefert uns Energie und gibt uns Kraft, eine Aufgabe motiviert zu lösen.

In unserer Leistungsgesellschaft haben wir Stress im Job, weil wir vielleicht überfordert werden oder unsere Arbeit nicht anerkannt wird. In der Familie entstehen Belastungen, aus Sorge um unsere Kinder und so weiter. Diese „negative“ Energie, die dabei entsteht, kann jedoch nicht direkt verarbeitet werden, wie in Urzeiten. Es kommt zum Energiestau.

Unser Gehirn findet aber eine Lösung, um die überschüssige Energie wieder loszuwerden. Der Schlüssel ist die Kaumuskulatur. Der seitliche Kaumuskel am Unterkiefer zum Beispiel, der Musculus masseter, ist der stärkste Muskel im Körper im Verhältnis zur Länge. Mit diesem Muskel können wir enorme Kräfte auf unsere Zähne wirken lassen. 

Neben Stress kann auch ein „falscher Biss“ die Ursache für Bruxismus sein. Die Zähne von Ober- und Unterkiefer finden keinen richtigen Kontakt, weil sie nicht gleichmäßig und gleichzeitig aufeinandertreffen.

Oft stören ein oder mehrere Frühkontakte den Zusammenbiss, d. h. einzelne Zähne treffen an einem Punkt früher aufeinander als der Rest.

Auslöser können zu hohe Füllungen, Kronen oder Brücken sein.

Zahnlücken, schlecht sitzende Prothesen oder kieferorthopädische Fehlbehandlungen verursachen ebenfalls einen falschen Biss. Vielleicht kennen Sie den Satz: „Das beißt sich schon ein.“?
Das Kausystem ist tatsächlich in der Lage, geringe Abweichungen vom idealen Biss bis zu einem gewissen Grad auszugleichen. Entsteht aber an anderer Stelle im Körper eine zusätzliche Belastung, funktioniert der Ausgleich nicht mehr und es entstehen Schmerzen.


© Picture-Factory - fotoliaSymptome wie Rückenschmerzen werden nur selten auf Zähneknirschen zurückgeführt. (© Picture-Factory - fotolia)Was passiert, wenn Bruxismus unbehandelt bleibt?

Vielleicht haben Sie das schon einmal bei sich selbst beobachtet. Sie fahren Auto und ärgern sich über den Vordermann und erwischen sich dabei, wie sie die Zähne aufeinanderbeißen. Die Zähne und die Kaumuskulatur werden unangemessen belastet. Denn wir nehmen ja keine Nahrung auf, sondern verarbeiten überschüssige Energie, die wir in diesem Moment nicht positiv nutzen können.

Durch das Pressen der Zähne aufeinander entsteht nicht nur eine Abnutzung der Zahnsubstanz. Sondern Kaumuskeln und Kiefergelenk werden über das normale Maß hinaus beansprucht und beginnen zu Schmerzen. Andere Muskeln, wie die Nackenmuskulatur, kommen zu Hilfe. Das hat auf Dauer die Folge, dass die Nackenmuskulatur verspannt und sich Halswirbel verschieben. Dies kann sogar zu einer Blockade führen. Der Kopf lässt sich dann nur eingeschränkt und mit Schmerzen drehen.

Durch Verschiebung des zweiten und dritten Halswirbels können auch Ohrgeräusche oder Sehstörungen auftreten. Die sogenannte absteigende Muskelkette führt dann zu Beschwerden in der Wirbelsäule, in der Hüfte und in anderen Gelenken. Dies kann sehr ermüdend und belastend sein. Als Folge entstehen häufig

Leider ist es so, dass nicht immer die Kaumuskeln zuerst schmerzen. Bei Rückenbeschwerden denkt oft niemand daran, dass die Zähne schuld sein könnten. Dann wird der Rücken therapiert ohne die eigentliche Ursache zu beheben. Man spricht von der sogenannten DAWO-Therapie, da wo es weh tut. Dabei verursacht der falsche Biss die Schmerzen. Der Rücken ächzt, weil die Zähne knirschen.

Was können Betroffene selber tun?

Tagsüber gibt es die Möglichkeit bewusst einzugreifen, wenn Sie plötzlich in einer angespannten Situation das Pressen bemerken. Sie sollten dann so schnell wie möglich die Zähne auseinanderbringen und die sogenannte Ruheschwebelage einnehmen. Hier liegen die Lippen ganz locker aufeinander und die Zahnreihen des Ober- und Unterkiefers haben keinen Kontakt. Die Zunge liegt ebenfalls locker in ihrem Zungenbett.

Atmen Sie mehrmals tief ein und aus. Achten Sie darauf, dass das Ausatmen etwas länger dauert, als das Einatmen.

Körperliche Bewegung ist ebenfalls ein gutes Ventil. Machen Sie es sich zur Routine nach der Arbeit die überschüssige Energie durch Sport abzubauen.

Es reicht schon ein schnelles Gehen mit 3.000 Schritten, wenn Sie 100 Schritte pro Minuten laufen. Sie benötigen dann lediglich 30 Minuten. Einige meiner Patienten haben sich einen Schrittzähler zugelegt und gehen nun bewusst jeden Tag nach der Arbeit 3.000 Schritte und sind von dem positiven Ergebnis begeistert.

Natürlich können Sie auch schwimmen, joggen oder eine andere Sportart ausüben. Höchstleistungen sind hier nicht notwendig und sogar unerwünscht. Es gibt wirklich viele Möglichkeiten, aktiv zu entspannen.

Geführte Meditationen, Yoga oder Qigong wirken oft wunder und können überall und leicht durchgeführt werden.


© Dan Race - fotoliaBei Zähneknirschen ist der Zahnarzt Ihres Vertrauens der richtige Ansprechpartner. (© Dan Race - fotolia)Welche Therapiemöglichkeiten gibt es?

Wenn Sie dauerhaft Schmerzen haben und schon Schäden an Ihren Zähnen, im Kiefergelenk und der Wirbelsäule entstanden sind, sollten sie unbedingt Ihren Zahnarzt aufsuchen, da weitere Maßnahmen getroffen werden müssen. Nach einer gründlichen Diagnostik wird er Ihnen in den meisten Fällen eine Aufbiss-Schiene empfehlen.

Zahnschienen oder Aufbiss-Schienen bringen Entspannung ins Muskel- und Wirbelsystem und schützen die Zähne.

Entscheidend ist, dass eine Schiene erst dann angefertigt wird, wenn die Muskelverspannungen im gesamten Körper beseitigt wurden.

Ein funktionierendes interdisziplinäres Therapiekonzept ist notwendig, um Patienten mit Bruxismus zu behandeln. Dieses besteht aus der intensiven Zusammenarbeit von PhysiotherapieOsteopathie und der Zahnmedizin. Der Zahnarzt kann nur eine effektive Schiene für Sie erstellen, wenn der Physiotherapeut sie vorher „glattgebügelt“ und für entspannte Faszien und Muskeln gesorgt hat. Erst dann kann die Schiene wirken.

Nach der sogenannten Funktionsanalyse und einer Vermessung fertigt der Zahnarzt eine gesunde Aufbiss-Schiene für Sie an. Möglichst eine für die Nacht, zum Beispiel eine Entspannungsschiene, um die verbleibende Energie abzuleiten und eine Stabilisierungsschiene für den Tag. Sind schon starke Schäden an den Zähnen entstanden, ist es oft erforderlich, die Zähne nach der Schienentherapie wiederaufzubauen oder fehlende Zähne zu ersetzen. Somit wird sichergestellt, dass Ihr Biss wieder gut funktioniert und Ihr gesamter Körper davon profitiert. Manchmal ist auch eine kieferorthopädische Behandlung notwendig, wenn Ihre Zahnstellung keinen normalen Zusammenbiss zulässt.


Fazit

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Bruxismus sowohl am Tag als auch in der Nacht unbewusst stattfindet und unsere Gesundheit nachhaltig schädigt. Fehlbiss und Stress sind die häufigsten Ursachen. Zum Glück gibt es effektive Maßnahmen zur Entspannung, die Sie leicht selbst treffen können. Wenn Sie das Gefühl haben, dass Sie oft mit den Zähnen knirschen oder pressen, sollten Sie unbedingt einen Termin bei einem spezialisierten Zahnarzt vereinbaren. Denn so können Sie nicht nur Ihre Zähne, sondern Ihre Gesundheit für den ganzen Körper schützen.

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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Kommentare zum Artikel (1)


14.03.2019 - 10:25 Uhr

Sie beschreiben zwei verschiedene Schienen. Eine...

von Frau Daum

... Entspannungs-Schiene zur Nacht, eine für den Tag. Wie heißen diese Schienen und was unterscheidet sie voneinander? Ich selbst leide schon seit Jahren unter Bruxismus (ich presse, das mit Zähnen, Lippenschluss und auch Zunge), auch bestehen mittlerweile dauerhafte mich sehr belastende Aufbisszahnschmerzen, seitdem meine Zähne eine neue Bisslage erhielten (operative -Unterkiefervorverlagerung- und kieferorthopädische Korrektur mittels fester Zahnspange). Das Wort CMD ist auch schon gefallen. Meine HWS ist blockiert, bei einigen Wirbelsäulbeschwerden/-Schäden Warum sollten die Muskeln vor Schienenanpassung behandelt worden sein? Welcher Zahnmedizin gehören sie an? Danke

Dr. Stuhl

Antwort vom Autor am 16.03.2019
Dr. med. dent. Holger Stuhl

Hallo Frau Daum, vielen Dank für Ihren Kommentar und Ihre Fragen. Für die Nacht empfehle ich eine sog. Jig-Schiene. Die Wirkung der Jig-Schiene basiert auf einem Reflex: Sobald der N. trigeminus spürt, dass nur die unteren Schneidezähne Kontakt haben, reguliert er die Kraftentfaltung in der Kaumuskulatur herunter. Auch die Nackenmuskulatur entspannt sich dabei wie bei einem Reflex. Dies ist in einigen wissenschaftlichen Studien bestätigt worden. Wenn also ein Patient nachts eine Jig-Schiene trägt, kann er nicht mehr mit hohen Kräften knirschen und pressen; die Kau- und Nackenmuskeln werden entlastet. Wenn die hohen Belastungen beim nächtlichen Knirschen und Pressen für Muskel- und Gelenkschmerzen verantwortlich sind, dann werden sich die Schmerzen lindern. Nur eine Jig-Schiene kann hohe Kräfte beim nächtlichen Knirschen und Pressen verhindern; andere Schienen können das nicht. Wenn eine Jig-Schiene nicht zu einer Verbesserung der Schmerzen führt, dann haben eben hohe Kräfte beim nächtlichen Zähneknirschen keine ursächliche Bedeutung für den betreffenden Patienten. Wir dürfen dann andere Schmerzursachen finden. Zum Beispiel können neuropathische und/oder psychogene Schmerzen vorliegen. Tagsüber ist es in den meisten Fällen wichtig, das Kiefergelenk, die Muskulatur und die Wirbel mit einer Stabilisierungsschiene (auch Gelenk-Zentrik-Schiene) zu unterstützen. Denn sind bereits Zahnschäden durch das Knirschen entstanden und der richtige Biss verloren gegangen, entstehen bei Zahnkontakt immer wieder neue Blockaden im System Körper. Das führt zu Schmerzen. Der Physiotherapeut und der Zahnarzt dürfen hier eng zusammen arbeiten. Erst nach erfolgreicher Physiotherapie wird die Stabilisierungsschiene mit einer Vermessung hergestellt. Das physiotherapeutische Ergebnis wird dann dauerhaft gesichert und Ihr Körper kann endlich schmerzfreier werden. Die Stabilisierungsschiene stützt sich nur auf den Seitenzähnen ab und die beiden Seiten des Unterkiefers sich durch einen kleinen Metallbügel miteinander verbunden. Aus diesem Grund können sie mit der Schiene auch gut sprechen. Parallel dürfen sie aktiv entspannen lernen. Bei vorhandenen Zahnschäden ist nach erfolgreicher Schienentherapie (3-12 Monate) eine Wiederherstellung der Zähne zum gesunden Biss erforderlich.


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