Wann dürfen Weisheitszähne bleiben? Gründe, Probleme & Risiken

Dr. Gebhardt

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© Picture-Factory - fotoliaGibt es Gründe, die Weisheitszähne zu behalten oder sollten sie lieber entfernt werden? (© Picture-Factory - fotolia)Seit 2019 besteht eine offizielle Leitlinie (Sk2), die federführend durch die Deutsche Gesellschaft für Mund-Kiefer und Gesichtschirurgie (DGMKG) und die Deutsche Gesellschaft für Zahn-Mund und Kieferheilkunde (DGZMK) in Kombination mit 7 anderen Fachgesellschaften wissenschaftlich fundiert erarbeitet wurde.

Können Weisheitszähne die Zahnstellung beeinflussen?

Grundsätzlich lässt sich feststellen, dass Weisheitszähne entfernt werden können, um damit in Verbindung stehende Probleme zu beheben oder das Risiko von späteren Problemen zu vermeiden.

Weisheitszähne stehen jedoch wahrscheinlich nicht in Verbindung mit Zahnverschiebungen im Frontzahnbereich wie Linquist & Thilander 1982 und Ades et al. 1990 zeigen konnten. Das bedeutet, dass sich Zähne wahrscheinlich mit und ohne Weisheitszähnen verschieben.

Sollte es den Patienten wichtig sein, ihre Zahnstellung zu halten, so ist ein Retainer empfohlen.1 Eine Weisheitszahnentfernung hat hierauf keinen Einfluss.


Wann sollten Weisheitszähne entfernt werden?

Hier gab es früher eine klassische Einteilung zwischen

  1. Zähnen die Probleme bereiten (symptomatisch)
  2. Zähnen die keine Probleme bereiten (asymptomatisch)

Die Entfernung von Weisheitszähnen die Probleme bereiten wurde in der Literatur weitgehend einheitlich befürwortet. Eine generelle Empfehlung zur Entfernung von Weisheitszähnen, die keine Probleme bereiten, konnte jedoch nicht wissenschaftlich belegt werden.

Leider ist nach neusten Erkenntnissen keine klare Einteilung problemfreier Zähne möglich. Unabhängig von erkennbaren und nachweisbaren Auffälligkeiten zeigen Weisheitszähne zu einem relevanten Anteil (20->60%) negative Veränderungen2, die sich auch auf die angrenzenden Zähne und darüber hinaus auswirken können3. Daneben besteht an benachbarten Zähnen eine hohe Wahrscheinlichkeit (bis rund 50%) an Karies als Folge einer engen Lage zum Weisheitszahn.4

Eine grundsätzliche Unterscheidung zwischen vorbeugender und notwendiger Weisheitszahnentfernung ist demnach nicht möglich. Zudem zeigten Kruger er al. (2001), dass sich bis zum 30. Lebensjahr ein Drittel aller mit 18 Jahren zur Entfernung vorgesehenen Weisheitszähne richtig einstellen.

Ein interessanter Punkt ist, dass Weisheitszähne sich am Meisten im Alter zwischen 18 und 35 Jahren entzünden und später deutlich weniger.5 Jedoch erhöht sich mit zunehmendem Alter die Komplikationsrate falls die Zähne gezogen werden müssen.6

Ein Nutzen der Weisheitszahnentfernung zur Vermeidung eines Engstandes der Unterkieferfrontzähne nach Abschluss der kieferorthopädischen Therapie wird seit Langem kontrovers diskutiert7 und ist nicht abschließend geklärt.

Harradine et al. zeigten 1998, dass ein klarer Einfluss auf einen frontalen Engstand nicht gefunden werden konnte. Für Kollegen, die die Studie lesen, klingt interessant, dass beim Belassen der Weisheitszähne Verkürzungen der vorderen Zahnbogenlänge nachgewiesen wurden. Bei näherer Betrachtung fällt jedoch auf, dass über 50% der Studienpatienten eine Entfernung von Backenzähnen (Prämolaren) hatten, welche eher für die Verkürzung spricht und nicht darauf zurückzuführen ist, dass hierdurch ein Engstand begünstigt wird.

Die Prognose für den Durchbruch von Weisheitszähnen wird am meisten durch das Platzangebot hinter den 7. Zähnen und durch eine vorhergehende Zahnextraktion beeinflusst.8


Eine Indikation zur Entfernung von Weisheitszähnen besteht bei

  • akuten oder chronischen Infektionen (Dentitio difficilis)
  • nicht behandelbaren, zerstörten Zähnen oder nicht behandelbarer Wurzelentzündung
  • unklarem Gesichtsschmerz und dem Hinweis, dass der Weisheitszahn eine relevante Schmerzursache darstellt
  • nicht behandelbaren wurzelnahen Veränderungen
  • Veränderungen in Zusammenhang mit dem Zahn (z. B. Zyste, Tumor) oder dem Verdacht auf derartige Veränderungen im Zusammenhang mit parodontalen Erkrankungen
  • Zähnen, die bei der kieferorthopädischen oder chirurgischen Behandlung stören
  • Kieferbruch, wenn die Zähne in dieser Region liegen und die Behandlung stören
  • der Verwendung des Zahnes zur Transplantation

© lolame - pixabayOb ein Zahn bleiben kann, muss immer individuell entschieden werden, da es viele Gründe für oder auch gegen eine Entfernung gibt. (© lolame - pixabay)Empfehlung Indikationen zur Entfernung von Weisheitszähnen kann bestehen

  • zur Vereinfachung der kieferorthopädischen Zahnbewegungen und/oder zur Erleichterung
  • der kieferorthopädischen Retention oder Sicherung einer abgeschlossenen KFO-Behandlung
  • zur prophylaktische Zahnentfernung aus übergeordneten, der Lebensführung zuzuordnenden Gesichtspunkten (z.B. fehlende Verfügbarkeit medizinischer Versorgung)
  • bei Resorptionen an benachbarten Zähnen
  • bei Nervfreilegung durch Zahnkaries
  • bei Zähnen, die bei einer geplanten zahnmedizinischen Versorgung stören
  • wenn andere Maßnahmen unter Narkose vorgenommen werden und eine erneute Narkose zur Entfernung eines Weisheitszahnes durchgeführt werden müsste
  • wenn der “verlängerte”/gekippte Weisheitszahn den Zahnkontakt mit benachbarten Zähnen (auch im Gegenkiefer) stört
  • wenn der Weisheitszahn die Ursache für Mundgeruch darstellt und andere zahnerhaltende Therapiemaßnahmen nicht erfolgreich waren

Eine Indikationen zum Belassen von Weisheitszähnen

  • eine kieferorthopädische Einordnung des Zahnes geplant ist
  • sie für eine prothetische Versorgung genutzt werden sollen
  • eine spontane, regelrechte Einstellung der Weisheitszähne in die Zahnreihe zu erwarten ist
  • bei tief impaktierten und verlagerten Zähnen ohne klinische bzw. radiologisch nachweisbare pathologische Befunde und ein hohes Risiko operativer Komplikationen besteht

 

Folgende Probleme können typischerweise im Zusammenhang mit Weisheitszähnen auftreten

  • Eine Entzündung um die Zahnkrone
  • Erweiterung des Raumes um die Krone im Röntgenbild
  • Eine Auftreibung im Bereich der Krone (beispielsweise durch Zystenbildung)
  • Schmerzen/Spannungsgefühl im Kiefer-Gesichtsbereich
  • Parodontale Schäden, insbesondere hinter den 7. Zähnen
  • Schäden an Nachbarzähnen (siehe Hintergrundtext unter 9.2)
  • “Verlängerung”/Kippung
  • kariöse Zerstörung/Wurzelentzündung

Risikofaktoren beim Belassen der Zähne

Folgende Befunde lassen ein erhöhtes Risiko beim Belassen der Zähne erwarten:

  • Erweiterter Raum um die Zahnkrone
  • Teilretention
  • Abgelaufene Entzündung um die Zahnkrone
  • Kariöse Defekte oder parodontale Läsionen am Weisheitszahn oder am Nachbarzahn
  • Zahn unter schleimhautgelagertem Zahnersatz
  • Teilweise Freilegung des nicht einzuordnenden Weisheitszahnes durch operative Maßnahmen
  • Resorptionen an benachbarten Zähnen
  • Kippung des Zahnes
  • Junges Lebensalter

Quellen:

  1. Little et al.
  2. Baycul et al., 2005
  3. Blakey et al., 2010
  4. McArdle et al. 2016
  5. Fernandes er al., 2009
  6. Chuang er al., 2007
  7. Linquist & Thilander 1982, Ades et al. 1990
  8. Artun et al 2005; Kim et al 2003

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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