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Hilft besser die Knirscherschiene oder der Monoblock?

Dr. Dr. Jan Jürgens

von
verfasst am

Bei intensiven Zahnschmerzen am gesunden Zahn würde vermutlich der Zahnarzt einen Therapieversuch mit einer Knirscherschiene unternehmen. Dafür gibt es u. a. historische Gründe: So stehen, wie am 01.11.2009 im jameda-Blog geschildert, seit gut 40 Jahren im Fokus zahnärztlicher Betrachtungsweisen die Situation und Qualität der Kontaktflächen zwischen den Ober- und Unterkieferzähnen als mögliche Ursache vielerlei Beschwerden.

Die Bewertung dieser Denkrichtung war in der Vergangenheit unterschiedlich und ist zur Zeit eher rückläufig. Dennoch ist aus dieser Epoche eine Aufbiss schiene, jetzt auch Knirscherschiene bezeichnet, als therapeutisches Instrument erhalten geblieben. Sie wurde möglich durch die damals nach dem Krieg neu entwickelten Materialien und technischen Geräte, mit denen eine Plastikschiene in Form eines Überzuges über die gesamte Zahnreihe eines Kiefers hergestellt werden konnte. Diese neue Technik hat dann allmählich den bis dahin bekannten Monoblock abgelöst. Mit den Jahren sind eine Vielzahl unterschiedlicher Aufbißschienen für Ober- und/oder Unterkiefer entwickelt worden. Allen diesen, zum Teil sehr unterschiedlich konstruierten, Aufbißbehelfen ist eines gemeinsam; sie kommen weltweit in der Schmerztherapie über eine Erfolgsquote von 30% nicht hinaus. Dabei sollte man beachten, dass nur bei einer Reduktion der Schmerzen und Beschwerden um mehr als 50% in der internationalen Literatur von einem Behandlungserfolg gesprochen wird.

Im Gegensatz dazu steht der Monoblock als Vorläufer der Knirscherschiene. Er findet in der heutigen Zeit nur noch sehr vereinzelt eine Anwendung, geht in seinem Ursprung auf P. Robin aus dem Jahre 1902 zurück und wird in der Nacht getragen. Mit diesem Gerät wird der Unterkiefer ruhiggestellt. Alle Kräfte, die im Kieferbereich freiwerden, erfahren eine Auflösung durch den verwindungssteifen Monoblock über das physikalische Prinzip „Kraft pro Fläche“, in dem diese auf alle verfügbaren Zähne verteilt werden. Durch die Unterbindung jeder kraftvollen Knirschbewegung gelingt mit dem eingesetzten Monoblock eine Ruhigstellung der Kiefergelenke. Auch in der Gesichts- und Kiefermuskulatur kommt es nur noch zu isometrischen Kontrakturen, weil durch die Unterbindung der Knirschbewegungen mit dem Unterkiefer (Unterkieferlateralbewegung) eine Längenveränderung in den Muskelfasern verhindert wird (isometrische Muskelkontrakturen).

In der Zahnheilkunde kennt man den Begriff der Ruheschwebelage. Diese besagt, dass die Zahnreihen in entspannter Stellung der Kiefer parallel stehen mit einem Abstand von 2-3mm. Schon wenn allein dieser Zwischenraum durch eine Plastikschicht ausgefüllt wird, kann dadurch eine schädliche Kompressionswirkung im Kiefergelenk als Folge kraftvollen Knirschens und Pressens (Bruxismus) gemildert werden. In so weit ist der therapeutische Ansatz bei beiden Geräten gleich. Mit eingesetzter Knirscherschiene kann aber weiter geknirscht werden und die Kaumuskulatur muss nicht mehr „so schwer arbeiten“, so dass sie sich entspannen kann. Eine Masseterhypertrophie (Muskelvergrößerung in der Wange) läßt sich mit dieser Methode allerdings nicht beherrschen. Dazu bedarf es einer Ruhigstellung durch den Monoblock, der das Knirschen unterbindet. Diese Ruhigstellung entspannt nicht nur die Gesichtsmuskulatur – man erkennt ein schlanker werden im Gesicht -, sie leitet auch einen Heilungsprozess im erkrankten Kiefergelenk ein. Mit zunehmender Rückbildung der Beschwerden im Kiefer- und Gesichtsbereich kommt es auch zum Abklingen von Kopf- und Rückenschmerzen. Zusätzlich dokumentieren unsere Patienten regelmäßig eine Entspannung in der Nackenmuskulatur.

Wesentlich für die Beurteilung der Qualität und den Erfolg einer Therapiemaßnahme ist die Ausgangsdiagnose. Wir erleben viele Patienten, die mit einer Knirscherschiene keinen wesentlichen Behandlungserfolg erlebt haben, wohl aber mit einem Monoblock. Den umgekehrten Fall wird es auch geben, nur erleben wir diesen weniger. Das mag daran liegen, dass sich bei uns häufiger sogenannte Problemfälle vorstellen, das mag auch daran liegen, dass wir in der Routine den Monoblock bevorzugen. Vor 40 Jahren ließen die Therapieerfolge mit dem Monoblock sehr zu wünschen übrig. Das hatte damals einen sehr einfachen Grund: Der Monoblock wurde unkritisch bei jedem unklaren Befund eingesetzt. Es fehlte eine gute kontrollierte Diagnostik. Mit einer verbesserten Diagnostik, auf die noch einzugehen sein wird, nimmt auch die Fähigkeit zu, die vorhandenen Therapiemethoden differenzierter, auf den klinischen Befund abgestimmt, einzusetzen.

Aus Sicht des Patienten wird der Tragekomfort beider Geräte sehr unterschiedlich bewertet. Die zierliche Knirscherschiene wird eher angenommen, presst aber die Zähne und hat eine deutlich schwächere schmerzlindernde Wirkung. Der Monoblock ist zweifellos größer, wird aber lose und locker in der Mundhöhle getragen und hat eine wesentlich höhere therapeutische Effektivität. Schlussendlich bleibt für die Akzeptanz des eingesetzten Gerätes der Behandlungserfolg entscheidend (siehe dazu auch „Evaluation eines standardisierten Verfahrens bei CMD im Hinblick auf Beschwerdebeeinflussung und geschlechtsspezifische Effekte“, Posterpräsentation beim Deutschen Kongress, Bremen 19.-21.Oktober 2005).

Dieser Artikel dient nur der allgemeinen Information, nicht der Selbstdiagnose, und ersetzt den Arztbesuch nicht. Er spiegelt die Meinung des Autors und nicht zwangsläufig die der jameda GmbH wider.

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