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Mandelvergrößerung

Der Rachen ist mit abwehraktivem lymphatischem Gewebe ausgekleidet, dem so genannte Waldeyer'schen Rachenring. Innerhalb der ersten drei Lebensjahre nimmt der Rachenring rasch an Gewicht zu und erreicht zwischen dem sechsten und achten Lebensjahr sein Maximum.

Diese so genannte kindliche Tonsillenphase entspricht offenbar einer Lernphase des körpereigenen Abwehrsystems. Den Gaumenmandeln (Tonsillen) kommt dabei ein besonderer Stellenwert zu. Die in ihnen enthaltenen weißen Blutkörperchen (Lymphozyten) sind in der Lage, alle im menschlichen Körper vorkommenden Antikörper zu bilden. Dringt ein Krankheitserreger in den Rachen ein, wehren sie ihn ab und alarmieren damit die spezifischen Abwehrzellen. Um dieser Aufgabe gerecht werden zu können, sind die Gaumenmandeln im Kindesalter größer als beim Erwachsenen. Etwa ab dem vierten Lebensjahr bilden sie sich langsam von allein zurück (Involution). Im Kindesalter sind vergrößerte Gaumenmandeln also normal.Bei einer extremen Wucherung des lymphatischen Gewebes spricht man von einer krankhaften Vergrößerung (Hyperplasie) des Rachenrings. Die Wucherungen können ausschließlich die Rachenmandeln befallen (Polypen, Adenoide) oder gleichzeitig die Gaumenmandeln (Tonsillenhyperplasie) oder alle lymphatischen Gewebe im Rachen (Rachenringhyperplasie). Im letzteren Fall sind auch die Zungenmandel im hinteren Zungenbereich und die Seitenstränge an den seitlichen Rachenwänden vergrößert.

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Diagnostik

Die Untersuchung des Rachens mit dem Rachenspiegel ergibt eine weit gehende, manchmal auch völlige Verlegung des Nasen-Rachen-Raums durch die Wucherungen. Bei der Austastung des Rachens mit dem Finger (Palpation) findet sich reichlich weiches Gewebe. Oft liegen Zeichen einer Entzündung oder einer bakteriellen Infektion vor, da die Mund- und Rachenschleimhäute durch die ständige Mundatmung austrocknen und die schützende Wirkung des Speichels gegen eindringende Bakterien ausfällt. Durch eine seitliche Röntgenaufnahme des Halses wird das Ausmaß der Vergrößerung und damit die Frage nach der Notwendigkeit eines operativen Eingriffs abgeklärt.


Komplikationen

Ein längerfristiges Fortbestehen der extremen Vergrößerung kann ernsthafte Komplikationen nach sich ziehen. Dazu gehört vor allem eine gestörte Mittelohrbelüftung, weil die eustachische Röhre, die Mittelohr und Mundhöhle miteinander verbindet, durch die Wucherungen verlegt wird. Der Druckausgleich im Mittelohr ist damit gestört. Krankheitserreger können in das Mittelohr gelangen und zu einer akuten oder chronischen Mittelohrentzündung (Otitis media) führen. Eine chronische Mittelohrentzündung mit Sekretstau und Trommelfellschäden kann die Gehörknöchelchen zerstören und zu einer Schallleitungsschwerhörigkeit führen. Sprachentwicklungsstörungen und schlechte schulische Leistungen sind die Folge. Durch den ständig offenen Mund kommt es ferner zu einer Fehlstellung des Kiefers und der Zähne, weil der regulierende Gegenbiss fehlt. Auch dies führt zu Sprachentwicklungsstörungen. Bekommen die Kinder nachts nicht genug Sauerstoff, kann das Gehirn Schaden nehmen. Auf längere Sicht kommt es zu irreversiblen geistigen Entwicklungsstörungen.

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Symptome und Beschwerden

Anatomische Darstellung des Rachens
  • Dauernd offen stehender Mund mit dümmlichem Gesichtsausdruck
  • Schnarchen, schlechte Schlafqualität
  • Tagesmüdigkeit, Teilnahmslosigkeit
  • Gedeihstörungen
  • Konzentrationsstörungen, schlechte Schulleistungen
  • Chronisch-eitrige Entzündungen des Nasen-Rachen-Bereichs, der Nasennebenhöhlen, der Bronchien und des Mittelohrs
  • Kieferverformung und Fehlstellung der Zähne
  • Kloßige Sprache, Sprachentwicklungsstörungen
  • Schluckschwierigkeiten

Die betroffenen Kinder können nur durch den Mund atmen, so dass dieser immer offen steht. Das verleiht dem Gesicht ein dümmliches Aussehen und führt zu der falschen Annahme, die Kinder seien geistig zurückgeblieben (Pseudodemenz). Sie schlafen mit offenem Mund und schnarchen wegen der Verengung des Rachens stark. Die Atmung im Schlaf reicht nicht aus, um genug Sauerstoff in den Körper aufzunehmen (Hypoxie). Tagsüber wirken die Kinder müde und unbeteiligt. Ihre Konzentrationsfähigkeit im Kindergarten oder in der Schule nimmt ständig ab. Bei übergewichtigen Kindern sind die Beschwerden stärker ausgeprägt als bei normalgewichtigen. Sauerstoffmangel und Tagesmüdigkeit führen zu einem Verlust des natürlichen Bewegungsdrangs, Appetitmangel und infolgedessen zu Gedeihstörungen.
Bei einer Entzündung vergrößern sich die Rachenmandeln noch weiter und die Atemnot wird stärker. In dieser Phase schwellen zusätzlich die Kieferwinkellymphknoten an.

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Therapie

Konventionelle Medizin

Die vergrößerten Rachenmandeln werden in der Regel nicht vor dem dritten bis vierten Lebensjahr operativ entfernt. Da es sich bei der Entfernung der Rachenmandeln (Adenotomie) um einen vergleichsweise harmlosen Eingriff handelt, erfolgt die Operation häufig ambulant. Die Entfernung der Rachenmandeln hat keine nachteiligen Folgen für das körpereigene Abwehrsystem, da das artgleiche Gewebe in der Umgebung ihre Funktion übernimmt. In einigen Fällen können die Rachenmandeln nachwachsen. In diesem Fall ist gegebenenfalls nach einiger Zeit eine Wiederholung des Eingriffs nötig.

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Ursachen

Für die Wucherungen kommen verschiedene Ursachen in Betracht. Eine genetische Veranlagung, immer wiederkehrende Infektionen und Fehl- bzw. Überernährung werden als mögliche Auslöser diskutiert. Die Wucherungen des Rachenrings als Zeichen erhöhter Abwehrbereitschaft wird nur im Kindesalter beobachtet. Die Rückbildung der Rachenmandeln beginnt in der Pubertät. Bei einer HIV-Infektion kann es im Erwachsenenalter zu einer erneuten Vergrößerung der Rachenmandeln kommen.


Links

Berufsverband der Deutschen Hals-Nasen-Ohrenärzte
Deutscher Hausärzteverband
Deutsche Gesellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und Halschirurgie


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