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Alltagsbezogene Aphasietherapie

Alltagsbezogene Aphasietherapie

Ariane Willikonsky

von
verfasst am 08.05.2010

Unter Aphasie versteht man eine Sprachstörung, die aufgrund einer Hirnschädigung, z.B. nach einem Schlaganfall, einem schweren Schädelhirntrauma oder bei Hirntumoren, auftritt.

Betroffen können sowohl das Sprachverständnis, als auch die Sprachproduktion sein. Folgende Symptome können auftreten:

    • Wortfindungsstörungen
    • Störung des Satzbaus und der Grammatik
    • Nuscheln (undeutliches Sprechen)
    • Unterbrochener Redefluss
    • Probleme beim Nachsprechen
    • Jargon (sinnentleertes Sprechen, Unsinnswörter)

Die sprachlichen Defizite können sich zudem auch beim Lesen und Schreiben zeigen.

In der Regel kommen die Patienten mit einer Aphasie nach einem Klinikaufenthalt in die logopädische Praxis. Hinweise zu den Symptomen der Aphasie findet man daher im Klinikbericht. Dennoch beginnen viele Therapeutinnen zunächst noch einmal mit einer ausführlichen Diagnostik zur Feststellung der Defizite. Bekannt und beliebt ist hier insbesondere der AAT (Aachener Aphasie Test). Auf der Grundlage der Ergebnisse dieser Tests wird dann die Therapie geplant. Jede gute Therapeutin wird dabei natürlich aber auch auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten eingehen. 

Eine Alternative bietet die Alltagsbezogene Aphasietherapie. Bei diesem Ansatz ist die Gewichtung umgekehrt. Grundlage der Therapieplanung bilden die individuellen Bedürfnisse der Patienten. Bei Vorlage des Klinikberichts werden hier zunächst keine weiteren Testungen durchgeführt. Stattdessen wird die Zeit in den ersten Einheiten damit verbracht, das private Umfeld des Patienten und seinen Alltag kennenzulernen. Auf dieser Basis werden die Ziele der Therapie festgelegt und dann nur in diesen alltagsrelevanten Bereichen gezielt nachgetestet. Die Therapieinhalte werden also nicht aufgrund von nachgewiesenen Defiziten in den Aphasietests bestimmt (der Patient kann nicht Nachsprechen, also wird dies geübt) sondern ganz nach den Bedürfnissen des Patienten ausgerichtet.

Das primäre Ziel der Alltagsbezogenen Aphasietherapie ist also die Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit des Patienten im Alltag auf der Basis seiner individuellen Bedürfnisse.

Beispiel 1: Patient A hat nach einem Schlaganfall eine verwaschene Aussprache, eine Wortfindungsstörung und Defizite beim Schreiben. Er war noch nie ein leidenschaftlicher Redner, ist gerne allein in seinem Zimmer und möchte meist seine Ruhe haben. Wichtig ist ihm aber der Kontakt zu seiner Tochter in Amerika, dieser erfolgt intensiv über das Schreiben von Postkarten. Bei der alltagsorientierten Aphasietherapie wäre nun Primärziel das Schreiben kurzer Sätze, um mit dem Patienten die für ihn sehr wichtige Fähigkeit "Postkartenschreiben" möglichst rasch wieder zu erlernen. Ausspracheübungen werden nur am Rande durchgeführt und beziehen sich lediglich auf Alltagssätze, die für den Patienten eine Rolle spielen, z.B. das deutliche Sprechen des Satzes: "Ich habe Durst".

Beispiel 2: Patientin B zeigt ebenfalls nach einem Schlaganfall die gleichen Symptome wie Patient A. Die Patientin ist sehr kommunikativ und lebt zusammen mit ihrem schwerhörigen Ehemann, der sie nun – aufgrund der verwaschenen Aussprache – kaum noch verstehen kann. Das Schreiben empfindet die Patientin als mühsam und unwichtig. Ihr Bedürfnis in diesem Bereich beschränkt sich auf das Unterschreiben von Formularen. Bei der Alltagsorientierten Aphasietherapie wäre hier das Primärziel die Verbesserung der deutlichen Aussprache über Lippen und Zungenübungen, um der Patientin wieder das Plaudern mit dem Ehemann zu ermöglichen. Schreibübungen würden nur am Rande in kurzen Unterschriftübungen erfolgen.

Der große Vorteil der Alltagsbezogenen Aphasietherapie ist die hohe Motivation der Patienten. Jeder Therapeut weiß, wie entscheidend der Erfolg der Therapie von der Motivation des Patienten abhängt. Ausführliche Testungen mögen im Einzelfall durchaus ihren Sinn erfüllen. Es ist aus meiner Sicht jedoch auch notwendig diesen Sinn stets zu hinterfragen. Langes und ausführliches Testen kann – gerade für ältere Menschen- psychisch sehr belastend und frustrierend sein und die tatsächliche Relevanz der Ergebnisse für die Therapie ist leider oft gering.

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