
Der M. Perthes ist trotz zahlreicher Untersuchungen und wissenschaftlichen Studien eine auch heute noch ernst zu nehmende Erkrankung des kindlichen Hüftgelenkes, die bei falscher Behandlung oder schwerem Verlauf zu bleibenden Schäden am Hüftgelenk nach dem Abschluss des Wachstum führen kann. Die konservative und operative Therapie hat im Laufe der Jahre einen deutlichen Wandel erfahren.
Was ist M. Perthes?
Bei der Hüftkopfnekrose im Kindesalter (Nekrose= abgestorbenes Körpergewebe), dem
Morbus Perthes, sterben aufgrund von Durchblutungsstörungen des Hüftkopfes Teile hiervon
ab und bauen sich im Laufe der Erkrankung wieder auf. Wird keine Therapie eingeleitet,
führt dies im Rahmen des Wiederaufbaues der abgestorbenen Anteile zu einer Fehlform, die
in einem frühen Hüftgelenksverschleiß enden kann.
Wie oft kommt der M. Perthes vor und wie entsteht er?
In unseren Breiten kommt der M. Perthes in etwa 8,8 Fällen von 100.000 auf. Deutlich
seltener ist er bei Menschen dunkler Hautfarbe.
Der Häufigkeitsgipfel dieser Erkrankung liegt zwischen dem 3. und dem 15. Lebensjahr. Der
M. Perthes tritt bei Mädchen seltener auf, als bei Jungen (Geschlechterverteilung 4:1 Jungen
zu Mädchen).
Es ist aktuell noch unklar, wodurch genau diese Erkrankung ausgelöst wird. Mögliche Gründe sind:
- Vererbung (Familienangehörige sind auch an einem M. Perthes erkrankt)
- Durchblutungsstörungen des Hüftkopfes durch Absterben von Gefäßen
- Druckerhöhung in Hüftgelenk und Hüftkopf aus nicht bekannten Gründen
- Störungen der Blutgerinnung aus noch unbekanntem Grunde
- Verzögerung des Größenwachstumes der Kinder (die Kinder sind im Knochenwachstum oft 3-5 Jahre hinter anderen zurück).
Bis zur Ausheilung des M. Perthes dauert es oft mehrere Jahre. Bei älteren Kindern dauert die Ausheilung länger als bei jüngeren. Die Zeit bis zur Ausheilung erfordert also viel Geduld von den kleinen Patienten, Ihren Eltern und den behandelnden Ärzten.
Wie wird der M. Perthes diagnostiziert?
Am Anfang der Erkrankung fällt bei den Kindern häufig ein Hinken auf oder ein schnelles
Ermüden beim Gehen. Es kommt teilweise zu Leistenschmerzen, oft auch im Bereich
des Kniegelenkes oder am Oberschenkel. Im Verlauf der Erkrankung kommt es zu Einschränkungen der Abspreiz- und Innendrehfähigkeit des Hüftgelenkes, das Bein verkürzt sich.
Vor allem das Röntgenbild ermöglicht Diagnose und Beurteilung des Krankheitsverlaufs. Nur in seltenen Fällen wird auch zur Diagnose des Anfangsstadiums eine Kernspintomographie (MRT) durchgeführt. Im Röntgen lassen sich frühzeitig Warnhinweise auf einen schweren Krankheitsverlauf erkennen.
Gerade vor einer Operation ist es wichtig zu beurteilen, ob sich der Hüftkopf durch die Operation besser unter die Hüftgelenkspfanne stellen lässt. Um dies beurteilen zu können, ist eine Abspreizaufnahme oder eine Arthrographie des Hüftgelenkes notwendig.
Wann verläuft die Erkrankung günstig und wann nicht?
In manchen Fällen lässt sich durch besondere Röntgenveränderungen und vor allem durch
das Alter bei Erkrankungsbeginn ein schlechter Verlauf erkennen. Der Krankheitsverlauf ist
oft schlechter bei:
- Beginn der Erkrankung nach dem 6. Lebensjahr
- Einer schlechten Bedeckung (Containment) des Hüftkopfes durch ein nach Außentreten des Hüftkopfes (Lateralisation) und die Bildung eines Kalkschattens außerhalb der Hüftgelenkspfanne (laterale Verkalkung)
- Eingeschränkter Abspreizung und /oder Innendrehung des Hüftgelenkes
- Mädchen
- Erhöhtem Körpergewicht
Wie wird der M. Perthes behandelt?
Konservative Behandlung:
Oft bringt die konservative Behandlung mit anfänglicher Entlastung, Schonung und
Krankengymnastik die Krankheit ohne Operation bereits zum Ausheilen.
In der Anfangsphase mit starken Schmerzen ist oft die kurzzeitige Entlastung des jeweiligen Beines oder das kurzzeitige Pausieren sportlicher Aktivitäten (z.B. Schulsport) notwendig.
Eine schonendere sportliche Betätigung ist sehr wichtig, um die ohnehin meist eingeschränkte Beweglichkeit zu erhalten. Starke Sportbelastungen wie intensive Sprungsportarten und Kontaktsport müssen jedoch fast während der gesamten Dauer der Behandlung vermieden werden.
Um die Beweglichkeit, insbesondere Abspreiz- und Innendrehfähigkeit des Hüftgelenkes zu erhalten, muss eine intensive Physiotherapie (Krankengymnastik) durchgeführt und konsequent fortgeführt werden. Selten erfolgt eine (eventuell stationäre) Narkosemobilisation oder Extension, um die Beweglichkeit vor einer Operation zu verbessern.
Manche wenige Kollegen therapieren noch mit sehr stark einschränkenden und stigmatisierenden Abspreiz- Gehschienen. Diese Schienen sind nicht zu empfehlen, da sie die Kinder psychisch sehr belasten und über eine lange Zeit getragen werden müssen (ca. 2 Jahre).
Operative Behandlung:
Kommt es zu einem zunehmenden Herauswandern des Hüftkopfes aus der Hüftgelenkspfanne (Lateralisation) und ist ein bestimmtes Nekroseausmaß erreicht, ist oft eine Umstellungsosteotomie des Beckens (3- fach Beckenosteotomie) oder/und des Oberschenkelknochens (intertrochantäre Umstellung des proximalen Femur) notwendig. Bei dieser Operation wird der Hüftkopf wieder tief unter die Hüftgelenkspfanne eingestellt, damit er sich im weiteren Verlauf der Krankheit besser unter ihr ausformen kann. Danach „passen“ Hüftkopf und Pfanne wieder gut zusammen und heilen nicht in der Fehlform aus, die eine Arthrose verursacht.
In den letzten Jahren wird immer häufiger die Umstellung des Beckens empfohlen und durchgeführt, da sie deutliche Vorteile gegenüber der Oberschenkelumstellung hat und zu besseren Ergebnissen führt. Nur selten muss die Operation vor dem 6. Lebensjahr durchgeführt werden.
Bei allen möglichen Diagnostik- und Therapieverfahren bleibt der M. Perthes eine Erkrankung, die zu starken Einschränkungen und frühem Hüftgelenksverschleiß führen kann. Aus diesem Grunde ist es leider nicht immer vermeidbar, einen operativen Eingriff durchzuführen. Diese Eingriffe und das Stellen der Indikation hierzu sind sehr anspruchsvoll und erfordern viel Erfahrung. Deshalb gehört sie in die Hand eines erfahrenen Kinderorthopäden, der das gesamte konservative und operative Spektrum anbietet und beherrscht.


