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Das Rezept heißt Langsamkeit

Das Rezept heißt Langsamkeit

Martina Schneider

von
verfasst am 06.08.2011

© diego cervo - Fotolia.com
Gott schuf zwar die Zeit, aber von Eile hat er nichts gesagt (finnisches Sprichwort). Wer der Zeit hinterher jagt, statt sie anzuhalten, hat ein Problem: Stress. Wiederholt sich ein Stresszustand oft, wird er im Gehirn als Programm gespeichert und kann zu psychovegetativen Störungen und depressiven Phasen führen. Da bleibt es selten aus, dass Funktionen der Organe beeinträchtigt werden, was im schlimmsten Fall Ursache einer (chronischen) Erkrankung ist oder eines Burnouts. Probates Gegenmittel: ein Anti-Stress-Programm, das Elemente der Aroma- und Phytotherapie, der Achtsamkeitsbasierten Stressminderung, der meditativen Bewegungslehre und der kognitiven Verhaltenstherapie vereint.
 

Erlebnis – Gedanke – Gefühl:
Der gedanklichen Bewertung eines Erlebnisses, das der Mensch hat, folgt das entsprechende Gefühl, begleitet von Reaktionen des vegetativen Nervensystems wie Erblassen vor Schreck und Herzklopfen vor Freude. Stress für den Organismus.

Wer allerdings gar nicht mehr wahrnimmt, was ihm wichtig ist zu leben, hat noch mehr Stress: Sein Bewusstsein reagiert gekränkt. Diese Kränkung schmerzt – immer wieder. Ständige Selbstmissachtung verursacht Dauerstress, den weder Körper noch Geist leicht verzeihen. Die schlechte Nachricht: Am Ende ist der Mensch oft chronisch krank. Die gute: Wer sich Zeit nimmt, um sich zu besinnen, findet häufig den Weg zurück zu sich selbst und in eine Zeit, in der er gesund war. Diesen angenehmen Zustand haben die Neurone nicht vergessen. Ein besonderes Anti-Stress-Programm kann helfen, dass die Erinnerung wieder lebendig und gegenwärtig wird, und gleichzeitig dazu dienen, einem Burnout wirksam vorzubeugen.

„Wenn du es eilig hast, gehe langsam. Wenn du es noch eiliger hast, mache einen Umweg.“ Das japanische Sprichwort könnte auch so übersetzt werden: Gehe im Schneckentempo und handele in Zeitlupe, dann erlebst du dein Leben mit allen Sinnen, schulst Wahrnehmung und Aufmerksamkeit. Und machst so kaum noch Fehler, die dich nur Zeit, Ansehen und Geld kosten.

Aber das ist doch langweilig! Gott sei Dank. Lange Weile zu haben, heißt, endlich genügend Zeit zu haben für das, was einem wichtig ist. Wer allerdings kaum oder gar nicht weiß, was ihm wichtig ist, mag gelangweilt sein und langweilig wirken. Während ihm seine Zeit davonrennt, steht er still.

Doch auch den Stillstand kann man nutzen. Als Ausgangspunkt beispielsweise, um in eine lange weilende Ruhe zu kommen, die langsam neugierig darauf werden lässt, wie es ist, nicht zu wissen, was man gerade tun soll. Oder im umgekehrten Fall: wie es ist, zehn Dinge gleichzeitig tun zu wollen, ohne auch nur eines richtig, also bewusst zu machen. „Menschen leben oft in einer Alltagstrance; sie sind wie von einem Autopiloten gesteuert und steuern nicht selbst wie ein guter Pilot, der alle Einzelheiten der Wirklichkeit aufmerksam registriert und danach handelt.“ Ein Bombardement aus Reizen, sagt der US-amerikanische Verhaltensmediziner Jon Kabat-Zinn, Begründer der Achtsamkeitsbasierten Stressminderung (Mindfulness Based Stress Reduction/MBSR), bringe den Menschen aus dem Gleichgewicht. Überdies schätze die Gesellschaft Multi-Tasking-Arbeitnehmer – zumindest solange sie es durchhalten, viele Aufgaben gleichzeitig zu erledigen.

Therapeutisches Gegenmittel:
„Achtsamkeit!“ Bewusst und absichtlich wird die Aufmerksamkeit auf das gelenkt, was der Mensch gerade in diesem Moment erlebt: Wenn er sitzt, sitzt er, wenn er isst, isst er, wenn er geht, geht er... Zudem übt er unter Anleitung wahrzunehmen, ohne Situationen zu beurteilen und zu deuten.

Weiteres Element der MBSR: die Meditation. Während der Meditierende aufmerksam registriert, was um ihn und in ihm passiert, kann er beobachten, was seinen Geist beschäftigt. Und ablenkt. Die Technik der Vipassanameditation hat Kabat-Zinn aus dem Theravadabuddhismus Südasiens übernommen. Atem- und Yogaübungen ergänzen das „Prinzip Achtsamkeit“.

Gedanken verursachen Gefühle. „Wer seine Gedanken verändert, verändert sein Gefühl“ umschreibt Psychotherapeut und Autor Matthew McKay, Professor am Wright Institute in Berkeley/USA, „die simple Idee, auf der alle kognitiven Techniken beruhen, die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickelt wurden“. In seinem Arbeitsbuch „Gedanken und Gefühle“ gibt er eine Fülle von Übungen preis, die zu einer sinnvollen Selbstbehandlung animieren, um das Problem „Stress“ oder „Schmerz“ im Kopf zu lösen.

Automatischen Gedanken, die einen emotional herunterziehen, auf die Spur zu kommen mit Hilfe eines Gedankentagebuches, ist ein Kapitel für sich. Gedanken zu stoppen, ein anderes: Kurz konzentriert man sich auf einen unerwünschten Gedanken, stoppt ihn plötzlich, indem man innerlich beispielsweise ein Stoppschild sieht, und lässt den Geist leer werden. Nach etwa einer Woche Üben geht dies meistens leicht. Dann vielleicht auf dem Programm: selbstverstärkende Gedanken entwickeln, die einen inneren Prozess zur Problembewältigung unterstützen. „Dieses Gefühl (Stress, Wut, Angst) ist nicht angenehm, aber ich kann es akzeptieren“ ist so ein guter Gedanke. „Ich kann mit diesen Symptomen oder Empfindungen zurechtkommen.“ Oder schlicht: „Dies wird vorübergehen.“

Therapeuten können mit ihren Klienten zudem üben:

· am „Förderband“ zu stehen: „Hier geht es darum, alles, was im Geist auftaucht, zu registrieren und zu bezeichnen, als ob der Geist ein Förderband wäre, das sich von der Gegenwart in Richtung Vergangenheit bewegt.“ Diese Übung kann helfen, den Geist zu beobachten und seine Kapriolen Kategorien zuzuordnen, „ohne sich im Inhalt zu verfangen und ohne in gewohnte mentale Muster zu verfallen“.

· im „Reinraum“ zu sein: die Chance, den Geist bei der Arbeit zu beobachten, indem man sich vorstellt, dass er ein Reinraum ist, den die Gedanken passieren. Sie kommen und gehen durch eine Tür hinein und durch eine andere hinaus, sie leben nur ein kurzes Leben – selbst die bewertenden, verurteilenden, strafenden Gedanken. Auch sie sind in Ordnung. Auch sie ziehen davon.

„Dies wird so lange geübt, bis man sich wirklich von seinen Gedanken gelöst hat, bis selbst urteilende Gedanken den Reinraum passieren können, ohne zu verweilen.“

Wer sich selbst der beste Freund ist, kann erst wirklich eines anderen Freund sein. Warum also an die Freundschaft zu anderen Menschen höhere Maßstäbe anlegen als an die zu sich selbst? Sich beispielsweise fest mit sich selbst zu verabreden, schafft nicht nur Freiräume zum Durchatmen, sondern auch Ruhezonen zum Auftanken. Hilfreich: einen täglichen Terminkalender anlegen, in dem mindestens eine Stunde Zeit für sich fest eingeplant ist. Wer keine schlechten Erfahrungen mit seiner Schulzeit gemacht hat, der kann sich einen schönen bunten Stundenplan malen – schließlich möchte er noch lernen, was es bedeutet, mit Freistunden zu rechnen, auf Pausen zu zählen und die Kunst des Müßiggangs zu üben.

„Sicher bringt das Informationszeitalter enorme Erleichterungen mit sich“, sagt Hanka Sat Want Kaur, Trainerin für die noch junge Yogatechnik BreathWalk, „gleichzeitig aber zahlt unser Nervensystem einen hohen Preis.“ Eine Möglichkeit, Stress abzubauen, um wieder in einem gesunden und natürlichen Rhythmus zu leben, ist die Kombination aus Atmen und Gehen: „Beide sind die natürlichsten und zugleich kraftvollsten Aktionen des Menschen“, erklärt Sat Want Kaur, „und in beiden Aktionen sind Werte verborgen, aus denen wir größten Nutzen ziehen können."

Mit der Kombination aus Bewusstem Atmen, Meditation, Mantras, Walken, Yoga und Mudras in frischer Luft und im Grünen können paradoxe Atemmuster und auffällige Haltungsangewohnheiten aufgelöst werden, die Vitalität steigt, die Lebensfreude ohnehin, und der gesamte Organismus kann ins Gleichgewicht zurückfinden.

Entwickelt wurde das entsprechende Übungsprogramm von Yogi Bhajan, Meister des Kundalini-Yoga, und von dem US-Psychologen Gurucharan Singh Khalsa, der BreathWalk in 16 Einzelprogramme aufteilte: für mehr Energie beispielsweise, gegen Ängste und Depression, für geistige Klarheit und Kreativität, emotionale Präsenz oder spirituellen Reichtum. Inzwischen gibt es auch einige wissenschaftliche Studienergebnisse dazu, wie (möglichst) tägliches BreathWalking wirkt – Stress wird abgebaut und der Blutdruck reguliert, Ängstlichkeit und Traurigkeit verschwinden ebenso wie Übergewicht, Erschöpfungszustände lösen sich auf, Rückenschmerzen werden nach und nach weniger. „Unser Atem ist der geheime Schlüssel“, bringt Singh Khalsa an Stress Leidende Schritt für Schritt auf den Weg. „Wer ganz normal leben möchte, muss sich nicht besonders anstrengen. Aber wenn wir mehr als nur überleben wollen, wenn wir uns selbst übertreffen oder gezielt verändern wollen, dann ist dieses Extra an Aufmerksamkeit nötig.“

Gleich mehrere Heilpflanzen können Reiz- und Unruhezustände dämpfen und den Menschen entspannen, ohne dass die Konzentration für die Arbeit leidet oder er müde wird. Beruhigend in stressigen Zeiten wirken Apfel, Hopfen, Ingwer, Johanniskraut, Lavendelblüten, Melisse, Orangenblüten, Passionsblume, Rosenblüten und Rosmarin.

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Verfasst am 25.06.2014
von jameda

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