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Traurigkeit oder Depression? Ursache oder nur ...

Traurigkeit oder Depression? Ursache oder nur Auslöser?

Waldemar Peters

von
verfasst am 15.10.2010

Meine Erfahrung ist, dass die belastenden sichtbaren Probleme nie die eigentliche Ursache sind für die Symptome oder Krankheiten, die die Menschen haben. Ich betone: Ich meine hier Symptome oder Krankheiten, die nach eigenen Gesetzen ablaufen, nicht die Norm.

In der Regel sind das Auslöser, die dann für die Ursache gehalten werden. Das ist etwas, was wohl für einen normal denkenden Menschen sehr schwer nachzuvollziehen ist.

Es werden normale Reaktionen auf unangenehme oder schlimme Ereignisse in der Wahrnehmung der Menschen verwechselt mit Symptomen von Krankheiten, die ihre eigenen Gesetze haben.

Denn wie kann meine Stimmung schon gut sein, wenn z. B. in der Familie etwas schlimmes passierte, oder wieso darf mich das nicht traurig machen, wenn ich in einem anderen Land zunächst einmal sprachlich gehindert bin, mich differenziert auszudrucken. Kann der Arzt das nicht etwa nachvollziehen?!

Eine normale, selbst eine sehr tiefe, Traurigkeit ist nicht gleich eine Depression.

Eine normale Angst ist nicht gleich eine Angsterkrankung.

Normales Herzrasen oder Atemnotgefühl oder gering erhöhter arterieller Blutdruck bei Aufregung sind nicht gleich Herzrhythmusstörung, Asthma oder arterielle Hypertonie u.s.w.

Aber auch umgekehrt: Wenn ein Arzt eine Depression diagnostiziert, dann ist das viel mehr, als eine tiefe Traurigkeit, selbst wenn alles angefangen hat nachdem etwas schlimmes passierte. Danach bedeutet nicht deswegen. Denn bei Depression kann man nicht die gesamte eben depressive Stimmung mit den sichtbaren belastenden Ereignissen erklären, auch wenn das sehr danach aussieht.

Wenn beispielsweise nach dem Verlust eines nahe stehenden geliebten Menschen die Stimmung nach, na sagen wir mal, einigen Monaten – einem Jahr nicht allmählich besser wird und der Mensch immer weiter sich zurück zieht, immer weiniger Interesse am Leben hat, seine Initiative verliert etc., wenn also der Zustand sich eher Verschlechtert statt dass er sich bessert, dann muss man an Depression denken.

Bei der Traurigkeit liegt die Ursache im nachvollziehbaren zeitlichen Zusammenhang mehr im hier und jetzt. Bei Depression liegen die Ursachen vielmehr in der Vergangenheit, sind für einen normal denkenden Menschen nicht zugänglich, da verdrängt, unbewusst, nicht vorhanden und somit nicht nachvollziehbar, eben "grundlos". Da die Menschen es sehr schwer verkraften, die Ursachen nicht zu kennen und unbedingt eine Erklärung haben wollen, wird gerne (oder eher ungern, sondern notgedrungen) das nächste belastende Ereignis zur Ursache erklärt. Und so vergeht Zeit, oft Jahre, die für die angemessene Behandlung verloren gehen und die Krankheit fortschreitet.

Hier noch einmal: Nicht jede Stimmungsschwankung ist gleich eine Depression! Aber auch nicht jede, auf den ersten Blick "verständliche" tiefe Stimmungslage, ist eine einfache Traurigkeit, sondern kann eine behandlungsbedürftige Depression sein.

Dieser meine Beitrag, wie auch die anderen von mir, sind keine Anleitung zur Selbstdiagnose oder gar zur Selbstbehandlung! Diagnosestellung und Behandlung von Krankheiten war schon immer, ist, und wird immer die Aufgabe eines erfahrenen Arztes bleiben!

Ich verstehe meine Beiträge auch nicht als eine fundamentale Berichterstattung, sondern als Denkanstoß und will auf das jeweilige aktuelle Thema sensibilisieren und soweit aufklären, dass einerseits die Komplexität der Problematik bewusst wird, andererseits, dass beim richtigen Therapieansatz eine zufrieden stellende Lösung durchaus möglich ist.

Freundliche Grüße,

W. Peters
Psychiater und Psychotherapeut aus Köln.

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Kommentare zum Artikel (3)


04.11.2010 - 15:39 Uhr

ich fand den Artikel ganz spannend. Ich selbst...

von Nina L.

... hab die Erfahrung gemacht dass sich Symptomausprägungen ändern. Bin seit 15 Jahren immer wieder in psychiatrischen Behandlungen, weil bisher nie das große ganze gesehen wurde. Mal wurde hier angesetzt dann wieder woanders. Essstörungen kann man als eigenständige Störung sehen, sind aber bei anderen Störungen wieder nur ein Symptom! In meiner Therapie tauchen jetzt z.B. die Ängste wieder auf, die ich jahrelang auf meine eigene Art unter Kontrolle hatte. Aber sie äußern sich nicht klassisch mit Schweißausbrüchen. Nein! Ich leide unter Schwindelanfällen. Die wiederum vom Hausarzt als Lagerungsschwindel diagnostiziert wurden. Ist das noch verwunderlich, dass man sich manchmal in dem Dschungel von Diagnosen vorkommt wie in einem "Irrenhaus"? mfg

20.10.2010 - 13:04 Uhr

Sehr geehrter Herr (Name? Leider nicht angegeben),...

von Waldemar Peters

... danke für Ihre Nachfrage. Trockener Mund kann viele Ursachen haben. Ich kann nicht sagen, dass trockener Mund ein Symptom ist, das typischerweise bei psychischen Problemen oder Erkrankungen oft vorkommt. An erster Stelle, wenn noch nicht geschehen, sollte eine Untersuchung beim Hausarzt stattfinden. Allgemein gesehen, wenn Sie schon gründlich untersucht wurden, und nichts gefunden wird, dann ist die Wahrscheinlichkeit höher, dass dieses Symptom eine Ausdrucksform der Psyche ist. Dann würde es Sinn machen, sich von einem Psychiater beraten zu lassen. Manchmal ist es eine Nebenwirkung von bestimmten Medikamenten. Oft genug hat man einen trockenen Mund, wenn man innerlich (nicht unbedingt äußerlich!) unruhig ist, Angst hat. Dann müssten aber auch sonstige Symptome vorliegen, die bei Unruhe vorkommen. Freundliche Grüße, W. Peters Psychiater und Psychotherapeut aus Köln

17.10.2010 - 14:15 Uhr

ich leide unter trockenem mund. was kann ich da...

von eric

... machen ?


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