
Einer der größten Mythen ist, dass der Hallux durch das Tragen hoher und zu enger Schuhe entsteht. Wenn das so wäre, gäbe es noch weniger Männer, die einen Hallux valgus haben. Und auch keine Frauen mit Hallux valgus, die beteuern, nie hohe Schuhe getragen zu haben. Und es würde auch keinen einseitig ausgeprägten Hallux valgus geben.
Ebenso ist es ein Mythos, dass der Hallux valgus vererbt ist: Es existiert kein Hallux-Gen oder zumindest ist es bis heute nicht bekannt.
Aber wie entsteht der Hallux valgus nun wirklich?
Ein Blick auf die Verteilung über Geschlecht und Alter zeigt, dass Frauen 3,8 Mal so häufig betroffen sind wie Männer. Sie zeigen auch, dass die Erkrankungswahrscheinlichkeit mit zunehmendem Alter steigt. Dem Hallux valgus geht sehr häufig ein Spreizfuß voraus, der durch die Abflachung der vorderen Querwölbung definiert ist. Ursachen für den Spreizfuß können sein:
- geringe Festigkeit des Bindegewebes
- häufiges langes Stehen/Gehen
- zu kurze/verspannte Wadenmuskulatur
- fehlende Kraft der Fußmuskulatur
- Fehlstellung des Beckens in Vorkippung
Zusätzlich zum Spreizfuß wird häufig eine fehlende Becken-/Hüftstabilität festgestellt: Kann das Becken in der Standbeinphase nicht stabilisiert werden, kippt es auf der Spielbeinseite ab. Durch die Schwäche der Hüftmuskulatur dreht die Kniescheibe nach innen und der Fuß wird deutlich mehr auf der Großzehenseite belastet. Bei schwach ausgeprägter Fußmuskulatur wird der erste Mittelfußknochen zur Körpermitte geschoben – der Hallux valgus entsteht.
Ein einseitiger Hallux valgus, der nicht traumatisch bedingt ist, hat immer eine funktionelle Komponente. Sprich: eine Fehlbewegung des Körpers, die zu dieser lokalen Überlastung führt.
Therapie des Hallux valgus
Auch hier sind viele Missverständnisse im Umlauf. Vor allem der Mythos: „Ich kann ja eh nichts gegen meinen Hallux valgus tun, sondern kann nur warten, bis er operationswürdig ist“, hält sich wacker. Eventuell ist das der Therapiemüdigkeit der Patienten geschuldet.
Der Mythos, dass ein Zehentraining, z. B. mit Handtuch krallen und aufheben, den Fuß aufrichtet und stabilisiert, muss revidiert werden: Das trainiert die Zehenmuskeln, die aber wenig mit der Fußstabilität zu tun haben! Im Gegenteil sind zu kräftige Zehenmuskeln bei fehlender Fußaufrichtung eher für die Entstehung von Hammer- und Krallenzehen verantwortlich. Beide sind häufige Begleiterkrankungen des Hallux valgus. Zum Mythos gehört auch, dass ein Training des Großzehenabspreizers den Hallux valgus nachhaltig positiv beeinflusst.
Betrachtet man die Sinnhaftigkeit verschiedener Therapieformen, ist zwischen symptomorientierter und ursachenorientierter Therapie zu differenzieren. Beim symptomorientierten Ansatz ist alles als gut zu bewerten, was dem Patienten hilft, die Schmerzen zu reduzieren:
- Fußmassagen
- Hilfsmittel wie Zehenspreizer oder Therapiesocken
- weite oder gar keine Schuhe, um den Konflikt mit den druckempfindlichen Zehen zu vermeiden
- Polsterungen für das geschwollene Großzehengrundgelenk oder den entzündeten Schleimbeutel
- Einlagen
Die ursachenorientierte Therapie ist nicht für jeden gleich, da sie ja auf die individuellen Auslöser abzielt. Für eine optimale Therapieplanung sind jedoch folgende Punkte zu klären:
- Wirbelsäulenposition und Beckenaufrichtung
- Becken- und Hüftstabilität im Einbeinstand und im Gehen
- Beinachsenstabilität
- Dehnfähigkeit der Oberschenkelrückseite und der Wadenmuskulatur
- Mobilität des Fußes, v. a. Fersenaufrichtung und Großzehenverankerung
- Ansteuerbarkeit und Kraft der Fußmuskulatur
Die funktionelle Therapie des Fußes bezieht den ganzen Körper des Patienten mit ein und reduziert lokale Belastungsspitzen durch globale Bewegungsschulung.


